Genialer
Histologe mit besonderem Interesse am Nervensystem
Im Jahre 1898 erschien in der italienischen Zeitschrift "Bolletino
della Società medico-chirurgica di Pavia" eine wissenschaftliche
Arbeit über eine Zellstruktur, die ihr Entdecker "apparato
reticolare interno" nannte. Autor war ein Pathologe aus Pavia
namens Camillo Golgi, der damals noch nicht ahnen konnte, dass sein
Name in Verbindung mit dieser Zellstruktur in der Zellbiologie zu
einem der am häufigsten genannten werden sollte.
Er hatte mit Hilfe einer von ihm entwickelten neuen Imprägnationsmethode,
mit der man Zellen des Nervensystems mit ihren Fortsätzen darstellen
konnte, in den Zellen selbst ein feines retikuläres Netzwerk
entdeckt. Golgi glaubte zuerst an ein Artefakt. Erst weitere Versuche
seiner Assistenten, die die gleichen Beobachtungen machten, führten
zur Veröffentlichung seiner Befunde.
Geboren am 7. Juli 1843 in Corteno, einem kleinen Städtchen
in der Nähe von Brescia in Norditalien, das heute Corteno-Golgi
heisst, als Sohn des Arztes Alessandro Golgi, nahm Camillo Golgi
als erst Sechszehnjähriger das Medizinstudium in Pavia auf.
Die medizinische Fakultät der Universität in Pavia gehörte
seit dem 17. Jahrhundert zu den führenden Forschungsstätten
in Italien und galt in der Mitte des 19. Jahrhunderts als eine der
fortschrittlichsten in Italien. Hier wirkten auch die zwei Lehrer,
die Golgi nachhaltig beeinflussten, der Pathologe Giulio Bizzozero
(1846-1902), ein Schüler von Rudolf Virchow, und Cesare Lombroso
(1835-1909), ein einflussreicher Psychiater und Anthropologe.
Golgi promovierte 1865 mit einer Arbeit über die Ätiologie
von Geisteskrankheiten bei Lombroso und wurde sein Assistent. Lombroso
ermunterte Golgi, bei Bizzozero Forschungen auf den Gebieten der
Neuroanatomie und Neurohistologie zu treiben. So arbeitete Golgi
bis zum Jahre 1872 in dessen Labor, wo er sich vor allem für
die Neuroglia interessierte. Später heiratete er die Nichte
Bizzozeros, Lina Aletti.
Wissenschaft war auch Ende des 19. Jahrhunderts in Italien eine
brotlose Kunst, die Karriereaussichten an den Universitäten
nicht günstig, so dass Golgi gezwungen war, aus finanziellen
Gründen und unter dem Druck seines Vaters wieder eine klinische
Tätigkeit aufzunehmen. Er ging als Oberarzt in eine Klinik
für chronisch Kranke nach Abbiategrasso in der Nähe Pavias.
Hier war er von der Wissenschaft abgeschnitten und fand eine halbverfallene
Klinik ohne sanitäre Einrichtungen vor. Doch unter primitivesten
Bedingungen ging er in seiner Freizeit daran, weiter histologische
Forschungen zu treiben. Als Labor diente ihm die Küche des
Spitals, von Golgi einmal als "nicht einmal ein Embryo von
einem Labor" bezeichnet.
Hier entwickelte er neue Fixierungs- und Färbeverfahren für
die Neurohistologie, und in dieser Küche kam ihm eines Tages
die Idee, eine Imprägnierung von Gewebeschnitten mit Silbernitrat
("reazione nera") durchzuführen, um Neurone samt
ihren Fortsätzen darstellen zu können, eine Idee, für
die er 1906 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
1873 veröffentlichte er seine Entdeckung in der "Gazetta
Medica Italiana". Der Weg zurück an die Universität
war schwierig. Durch beharrliche Arbeit und Veröffentlichungen
in Fachzeitschriften wurde man wieder auf Golgi aufmerksam.
1875 wurde er auf ein Extraordinariat für Histologie nach
Pavia berufen. 1876 ging er für kurze Zeit nach Siena und Turin,
wurde aber 1877 nach Pavia zurückberufen und 1881 zum Professor
für Histologie und allgemeine Pathologie ernannt, eine Position,
die er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1918 innehatte.
Hier bot man Golgi nun endlich Forschungsmöglichkeiten, obwohl
sein erstes Labor, in einem ehemaligen Kornspeicher des Botanischen
Gartens untergebracht, sehr bescheiden ausgestattet war. Bald jedoch
galt er als einer der führenden Neurohistologen Europas. Sein
Buch "Sulla fina anatomia degli organi centrali del sistema
nervoso", 1885 zum erstenmal veröffentlicht, wurde zum
Hauptwerk der Neurobiologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Seine internationale Karriere war vielen seiner Professorenkollegen
in Pavia ein Dorn im Auge, so dass es in den neunziger Jahren zu
unschönen Auseinandersetzungen innerhalb der medizinischen
Fakultät kommt. Als man 1893 Golgi den Umzug in ein neues Labor
verweigert, packt er kurzerhand alles Mobiliar, alle Mikroskope
und Bücher zusammen und besetzt, zusammen mit seinen Assistenten
und vielen Studenten, die neuen Laborräume, in denen man zuerst
ohne Wasser, Licht und Heizung anfängt zu arbeiten.
Golgi legte grossen Wert auf gute histologische Präparate,
denn nur an diesen könne man exakte wissenschaftliche Beobachtungen
anstellen. "Ein gutes Präparat ist wie ein Bergwerk",
sagte er einmal.
Im Gegensatz zu seinem spanischen Kollegen Ramón y Cajal,
der als Begründer der Neuronentheorie des Nervensystems gilt,
glaubte Golgi nicht an den Aufbau des Nervengewebes aus einzelnen
neuronalen Einheiten, sondern vertrat eine synzytiale Theorie, nach
der alle Zellelemente über eine Art Retikulum ihrer Nervenzellfortsätze
zusammenhängen sollten.
Als "Anerkennung ihrer Arbeit über die Struktur des Nervensystems"
erhielten aber beide 1906 den Nobelpreis für Medizin. Viele
weitere Auszeichnungen, wie die Ehrendoktorwürde der Universitäten
Cambridge und Oxford, waren ihm vergönnt. Mit Geldern aus seinem
Nobelpreis gründete er die "Fondazione Golgi" zur
Förderung junger Ärzte.
Die Verdienste Golgis gehen aber weit über die Entdeckung
des Golgi-Apparates und der Metallimprägnation hinaus. Weitere
von ihm entdeckte und beschriebene Strukturen sind z.B. die Golgi-Mazzoni'schen
Körperchen im Perimysium oder die Golgi-Zellen der Kleinhirnrinde.
Auch beschrieb er zum erstenmal die Struktur des Axons und von Gliazellen,
erkannte, dass ihre Fortsätze an Kapillaren enden können
und begründete eine Klassifizerung von Nervenzellen, die heute
noch Gültigkeit hat (Golgi Typ I und II).
Fast unbekannt ist, dass Golgi auch Malaria-Forschung betrieb und
das Medikament Quinin in die Fieberbehandlung bei Malariakranken
einführte. Er hat sich in diesem Zusammenhang in den Jahren
nach 1900 sehr für sozialhygienische Verbesserungen in Italien
eingesetzt und in verschiedenen staatlichen Gremien mitgearbeitet.
In seinen späten Jahren war er mehrmals Dekan der medizinischen
Fakultät und Rektor der Universität Pavia, Senator und
Träger zahlreicher in- und ausländischer Ehrentitel. In
seinem Labor hat er eine ganze Reihe italienischer und europäischer
Histologen ausgebildet, die später zu führenden Wissenschaftlern
auf ihren Gebieten wurden. Eine besondere Freundschaft verband ihn
auch mit Albert von Koelliker, Anatom in Würzburg, der als
Begründer der modernen Histologie in Deutschland gilt.
Golgi, der bis zu seinem Tod noch jeden Tag in seinem Labor arbeitete
und weiter regelmässig Vorlesungen hielt, starb am 21. Januar
1926. Sein Denkmal steht heute im "Cortile della Salute"
der Universität Pavia.
Quelle: http://www.gwdg.de/~wgoetz/Golgi.htm, leicht verändert.
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