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Vorerinnerung zur ersten Auflage von 1810
unter dem Titel: "Organon der rationellen Heilkunde".
Kein Geschäft ist nach dem Geständnisse
aller Zeitalter einmüthiger für eine Vermuthungskunst
(ars conjecturalis) erklärt worden, als die Arzneikunst; keine
kann sich daher einer prüfenden Untersuchung, ob sie Grund
habe, weniger entziehen, als sie, auf welcher das theuerste Gut
im Erdenleben, Menschengesundheit sich stützt.
Ich rechne mirs zur Ehre, in neuern Zeiten der einzige gewesen
zu seyn, welcher eine ernstliche, redliche Revision derselben angestellt,
und die Folgen seiner Ueberzeugung theils in namenlosen, theils
in namentlichen Schriften dem Auge der Welt vorgelegt hat.
Bei diesen Untersuchungen fand ich den Weg zur Wahrheit, den ich
allein gehen mußte, sehr weit von der allgemeinen Heerstraße
der ärztlichen Observanz abgelegen. Je weiter ich von Wahrheit
zu Wahrheit vorschritt, destomehr entfernten sich meine Sätze,
deren keinen ich ohne Erfahrungsüberzeugung gelten ließ,
von dem alten Gebäude, was aus Meinungen zusammengesetzt, sich
nur noch durch Meinungen erhielt.
Die Resultate meiner Ueberzeugungen liegen in diesem Buche.
Es wird sich zeigen, ob Aerzte, die es redlich mit ihrem Gewissen
und der Menschheit meinen, nun noch ferner dem heillosen Gewebe
der Vermuthungen und Will-
kürlichkeiten anhängen, oder der heilbringenden Wahrheit
die Augen öffnen können.
Soviel warne ich im Voraus, daß Indolenz, Gemächlichkeit
und Starrsinn vom Dienste am Altare der Wahrheit ausschließt,
und nur Unbefangenheit und unermüdeter Eifer zur heiligsten
aller menschlichen Arbeiten fähigt, zur Ausübung der wahren
Heilkunde. Der Heilkünstler in diesem Geiste aber schließt
sich unmittelbar an die Gottheit, an den Weltenschöpfer an,
dessen Menschen er erhalten hilft, und dessen Beifall sein Herz
dreimal beseligt.
Vorrede zur sechsten Ausgabe.
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Die alte Medicin (Allöopathie), um Etwas im Allgemeinen über
dieselbe zu sagen, setzt bei Behandlung der Krankheiten theils (nie
vorhandne) Blut-Uebermenge (plethora), theils Krankheits-Stoffe
und Schärfen voraus, läßt daher das Lebens-Blut
abzapfen und bemüht sich die eingebildete Krankheits-Materie
theils auszufegen, theils anderswohin zu leiten (durch Brechmittel,
Abführungen, Speichelfluß, Schweiß und Harn treibende
Mittel, Ziehpflaster, Vereiterungs-Mittel, Fontanelle, u.s.w.),
in dem Wahne die Krankheit dadurch schwächen und materiell
austilgen zu können, vermehrt aber dadurch die Leiden des Kranken
und entzieht so, wie auch durch ihre Schmerzmittel, dem Organism
die zum Heilen unentbehrlichen Kräfte und Nahrungs-Säfte.
Sie greift den Körper mit großen, oft lange und schnell
wiederholten Gaben starker Arznei an, deren langdauernde, nicht
selten fürchterliche Wirkungen sie nicht kennt, und die sie,
wie es scheint, geflissentlich unerkennbar macht durch Zusammenmischung
mehrer solcher ungekannter Substanzen in eine Arzneiformel, und
bringt so, durch langwierigen Gebrauch derselben neue, noch zum
Theil unaustilgbare Arznei-Krankheiten dem kranken Körper bei.
Sie verfährt auch, wo sie nur kann, um sich bei dem Kranken
beliebt zu erhalten (1) mit Mitteln, welche die Krankheits-Beschwerden
---------
1) Zu gleicher Absicht erdichtet der gewandte Allöopath vor
allen Dingen einen bestimmten, am liebsten griechischen
durch Gegensatz (contraria contraiis) zwar sogleich auf kurze Zeit
unterdrücken und bemänteln (Palliative) aber den Grund zu
diesen Beschwerden (die Krankheit selbst) verstärkt und verschlimmert
hinterlassen. Sie hält die, an den Außentheilen des Körpers
befindlichen Uebel, fälschlich für bloß örtlich,
und da allein für sich bestehend, und wähnt sie geheilt
zu haben, wenn sie dieselben durch äußere Mittel weggetrieben,
so daß das innere Uebel nun schlimmer an einer edlern und bedenklichern
Stelle auszubrechen genöthigt wird. Wenn sie weiter nicht weiß,
was sie mit der nicht weichenden oder sich verschlimmernden Krankheit
anfangen soll, unternimmt die alte Arzneischule wenigstens, dieselbe
blindhin durch ein von ihr so genanntes alterans zu verändern,
z.B. mit dem das Leben unterminirenden Calomel, Aetzsublimat, und
mit andern heftigen Mitteln in großen Gaben.
Es scheint das unselige Hauptgeschäft der alten Medicin zu
sein, die Mehrzahl der Krankheiten, die langwierigen, durch fortwährendes
Schwächen und Quälen des ohnehin schon an seiner Krankheitsplage
leidenden, schwachen Kranken und durch Hinzufügung neuer, zerstörender
Arzneikrankheiten, wo nicht tödtlich, doch wenigstens unheilbar
zu machen, - und, wenn man dies verderbliche Verfahren einmal am
Griffe hat, und gegen die Mahnungen des Gewissens gehörig unempfindlich
geworden, ist dieß ein sehr leichtes Geschäft!
Und doch hat für alle diese schädlichen Operationen,
der gewöhnliche Arzt alter Schule seine Gründe vorzubringen,
die aber nur auf Vorurtheilen seiner Bücher
-------------
Namen für das Uebel des Kranken, um ihn glauben zu machen,
er kenne diese Krankheit schon lange, wie einen alten Bekannten,
und sey daher am besten im Stande sie zu heilen.
und Lehrer beruhen, und auf Autorität dieses oder jenes gepriesenen
Arztes alter Schule. Auch die entgegengesetztesten und widersinnigsten
Verfahrungs-Arten, finden da ihre Vertheidigung, ihre Autorität
- der verderbliche Erfolg mag auch noch so sehr dagegen sprechen.
Nur dem, von der Verderblichkeit seiner sogenannten Kunst, nach vieljährigen
Uebelthaten, im Stillen endlich überzeugten, alten Arzte, der
nur noch mit, zu Wegbreit-Wasser gemischtem Erdbeer-Sirup (d.i. mit
Nichts) selbst die schwersten Krankheiten behandelt, verderben und
sterben noch die Wenigsten.
Diese Unheilkunst, welche seit einer langen Reihe von Jahrhunderten
in dem Vorrechte und der Macht, über Leben und Tod der Kranken
nach Willkühr und Gutdünken zu verfügen, wie eingemauert
fest sitzt und seitdem einer, wohl zehnmal größeren Anzahl
von Menschen das Lebensziel verkürzte, als es je die verderblichsten
Kriege gethan, und viele Millionen Kranke kränker und elender
machte, als sie ursprünglich waren - diese Allöopathie
habe ich in der Einleitung zu den vorigen Ausgaben dieses Buches
näher beleuchtet. Jetzt werde ich bloß ihren geraden
Gegensatz, die von mir entdeckte (nun etwas mehr vervolIkommnete),
wahre Heilkunst vortragen (1). Mit dieser (der Homöopathik)
ist es ganz anders. Sie kann jeden Nachdenkenden leicht überzeugen,
daß die Krankheiten der Menschen auf keinem Stoffe, keiner
Schärfe, d.i. auf keiner Krankheits-Materie beruhen, sondern
daß sie einzig geistartige (dynamische) Verstimmungen der
geistartigen, den Körper des Menschen
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1) Vorher wird man Beispiele angeführt finden, zum Beweise,
daß wenn man in ältern Zeiten hie und da auffallende
Heilungen verrichtete, es immer durch Mittel geschah, die der damals
eingeführten Therapie zuwider, dem Arzte von ungefähr
in die Hände gerathen, im Grunde aber homöopathisch waren.
belebenden Kraft (des Lebensprincips, der Lebenskraft) sind. Die Homöopathik
weiß, daß Heilung nur durch Gegenwirkung der Lebenskraft
gegen die eingenommene, richtige Arznei erfolgen kann, eine um desto
gewissere und schnellere Heilung, je kräftiger noch beim Kranken
seine Lebenskraft vorwaltet. Die Homöopathik vermeidet daher
selbst die mindeste Schwächung (1), auch möglichst jede
Schmerz-Erregung, weil auch Schmerz die Kräfte raubt, und daher
bedient sie sich zum Heilen bloß solcher Arzneien, deren Vermögen
das Befinden (dynamisch) zu verändern und umzustimmen, sie genau
kennt und sucht dann eine solche heraus, deren Befinden verändernde
Kräfte (Arzneikrankheit) die vorliegende natürliche Krankheit
durch Aehnlichkeit (similia similibus) aufzuheben im Stande sind,
und giebt dieselbe einfach, in feinen Gaben (so klein, daß sie,
ohne Schmerz oder Schwächung zu verursachen, eben zureichen,
das natürliche Uebel aufzuheben) dem Kranken ein; wovon die Folge:
daß ohne ihn im Mindesten zu schwächen oder zu peinigen
und zu quälen, die natürliche Krankheit ausgelöscht
wird und der Kranke schon während der Besserung von selbst bald
erstarkt und so geheilt ist - ein zwar leicht scheinendes, doch sehr
nachdenkliches, mühsames, schweres Geschäft, was aber die
Kranken in kurzer Zeit, ohne Beschwerde und völlig
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1) Homöopathik vergießt nie einen Tropfen Blutes, giebt
nicht zu brechen, purgiren, laxiren oder Schwitzen, vertreibt kein
äußeres Uebel durch äußere Mittel, verordnet
keine heiße oder ungekannte Mineral-Bäder oder Arznei enthaltende
Klystiere, setzt keine spanischen Fliegen oder Senfpflaster, keine
Haarseile, keine Fontanelle, erregt keinen Speichelfluß, brennt
nicht mit Moxa oder Glüheisen bis auf die Knochen u. dgl., sondern
sie giebt mit eigner Hand nur selbst bereitete, einfache Arznei, die
sie genau kennt und keine Gemische, stillt nie Schmerz mit Opium,
u.s.w.
zur Gesundbeit herstellt - und so ein heilbringendes und beseeligendes
Geschäft wird.
Hienach ist die Homöopathik eine ganz einfache, sich stets
in ihren Grundsätzen so wie in ihrem Verfahren gleichbleibende
Heilkunst. Wie die Lehre auf der sie beruht, erscheint sie, wohl
begriffen, in sich völlig abgeschlossen und dadurch allein
hülfreich. Gleiche Reinheit in der Lehre wie in der Ausübung,
sollten sich von selbst verstehn und jede Rückverirrung in
den verderblichen Schlendrian der alten Schule, (deren Gegensatz
sie, wie die Nacht der Gegensatz des Tages ist) völlig aufhören,
sich mit dem ehrwürdigen Namen Homöopathik zu brüsten.
Paris, Ende Februar 1842.
Samuel Hahnemann.
1
Einleitung
Hinblick auf das bisherige Mediciniren, Allopathie und Palliativ-Curen
der bisherigen alten Arzneischule.
So lange es Menschen gab, waren sie auch einzeln, oder in Menge
Erkrankungen ausgesetzt von physischen oder moralischen Ursachen
her. Im noch rohen Naturzustande bedurfte man der Hülfsmittel
wenige, da die einfache Lebensweise wenige Krankheiten zuließ;
mit der Bildung der Menschen im Staate wuchsen die Veranlassungen
zum Erkranken und das Bedürfniß von Hülfe dagegen,
in gleichem Maße. Aber von da an (bald nach Hippokrates, also
seit drittehalb Tausend Jahren) gaben sich Menschen mit Behandlung
der sich mehr und mehr vervielfältigten Krankheiten ab, die
diese Hülfe mit dem Verstande und mit Vermuthungen auszuklügeln
sich von ihrer Eitelkeit verführen ließen. Unzählige,
verschiedene Ansichten über die Natur der Krankheiten und ihrer
Abhülfe entsprangen aus den so verschiedenen Köpfen und
das theoretisch von ihnen Ausgeheckte hießen sie Systeme (Gebäude)
wovon jedes den übrigen und sich selbst widersprach. Jede dieser
spitzfindigen Darstellungen setzte Anfangs die Leser in ein betäubendes
Erstaunen ob der unverständlichen Weisheit drin und zog dem
System-Erbauer eine
2
Menge, die naturwidrige Klügelei nachbetender Anhänger
zu, deren keiner jedoch etwas davon zum bessern Heilen brauchen
konnte, bis ein neues, dem erstern oft ganz entgegengesetztes System
jenes verdrängte und sich wieder auf kurze Zeit Ruf verschaffte.
Keines aber war mit Natur und Erfahrung im Einklange; es waren theoretische
Gewebe feiner Köpfe aus angeblichen Consequenzen, die in der
Ausübung, im Handeln am Krankenbette, ihrer Subtilität
und Naturwidrigkeit wegen nicht gebraucht werden konnten und nur
zu leeren Disputir-Uebungen taugten.
Nebenbei bildete sich, von allen diesen Theorien unabhängig,
ein Cur-Wesen mit ungekannten, gemischten Arzneisubstanzen gegen
willkührlich aufgestellte Krankheits-Formen, nach materiellen
Hinsichten eingerichtet, mit Natur und Erfahrung im Widerspruche,
begreiflich daher schlechten Erfolgs - alte Medicin, Allöopathie
genannt.
Ohne die Verdienste zu verkennen, welche viele Aerzte um die Hülfswissenschaft
der Medicin, um die Naturkenntnisse in der Physik und der Chemie,
um die Naturgeschichte in ihren verschiedenen Zweigen und der des
Menschen im Besondern, um die Anthropologie, Physiologie und Anatomie
u.s.w. sich erwarben, habe ich es hier nur mit dem praktischen Theile
der Medicin, mit dem Heilen selbst zu thun, um zu zeigen, wie die
Krankheiten bisher so unvollkommen behandelt wurden.
Tief jedoch liegt unter mir jener handwerksmäßige Schlendrian,
das kostbare Menschenleben nach Recepttaschenbüchern zu kuriren,
deren noch fortwährende Erscheinung im Publikum, leider, noch
immer ihren häufigen Gebrauch erweiset. Ich lasse sie als Skandale
der Hefe des gemeinen Arztvolkes ganz unberücksichtigt. Ich
rede bloß von der bisherigen Arzneikunst,
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die sich wissenschaftlich dünkt, eingebildet auf ihre Alterthümlichkeit.
Diese alte Arzneischule bildete sich viel darauf ein, vorgeben
zu können, daß sie allein den Namen "rationelle
Heilkunst" verdiene, weil sie allein die Ursache der Krankheit
aufsuche und hinwegzuräumen sich bemühe, auch nach dem
Vorgange der Natur in Krankheiten verfahre.
Tolle causam ! ruft sie wiederholt. Aber bei diesem leeren Rufe
blieb es. Sie wähnten nur, die Krankheits-Ursache finden zu
können, fanden sie aber nicht, da sie nicht erkennbar und nicht
zu finden ist. Denn da die meisten, ja die allermeisten Krankheiten
dynamischen (geistartigen) Ursprungs und dynamischer (geistartiger)
Natur sind, ihre Ursache also nicht sinnlich zu erkennen ist, so
waren sie beflissen, sich eine zu erdenken, und aus der Ansicht
der Theile des normalen, todten, menschlichen Körpers (Anatomie),
verglichen mit den sichtbaren Veränderungen dieser inneren
Theile an Krankheiten verstorbener Menschen (pathologische Anatomie),
so wie aus dem, was aus der Vergleichung der Erscheinungen und Funktionen
im gesunden Leben (Physiologie) mit den unendlichen Abweichungen
derselben in den unzählichen Krankheitszuständen (Pathologie,
Semiotik) sich zu ergeben schien, Schlüsse auf den unsichtbaren
Vorgang der Veränderungen im innern Wesen des Menschen bei
Krankheiten zu ziehen - ein dunkles Phantasiebild, was die theoretische
Medicin für ihre prima causa morbi (1) hielt, die dann die
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1) Dem gesunden Menschenverstande und der Natur der Sache weit angemessener
würde es gewesen sein, wenn sie, um eine Krankheit heilen zu
können, als causa morbi die Entstehungsursache derselben ausfindig
zu machen gesucht hätten, und so den Heilplan, der bei Krankheiten
aus derselben Entstehungs-Ursache sich hülfreich erwiesen,
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nächste Ursache der Krankheit und auch zugleich das innere
Wesen der Krankheit, die Krankheit selbst, sein sollte - obgleich,
nach dem gesunden Menschenverstande, die Ursache eines Dinges oder
eines Ereignisses nie zugleich das Ding oder das Ereigniß
selbst sein kann. Wie konnten sie nun, ohne Selbsttäuschung,
dieß unerkennbare, innere Wesen zum Heilgegenstande machen
und dagegen Arzneien verordnen, deren Heiltendenz ihnen ebenfalls
grösstentheils unbekannt war, und zwar mehre solch ungekannte
Arzneien zusammen gemischt in sogenannten Recepten?
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auch bei jenen von demselben Ursprunge mit Erfolg hätten anwenden
können, wie z. B. bei einem Geschwüre an der Eichel nach
einem unreinen Beischlafe dasselbe Quecksilber hülfreich anzuwenden
ist, wie bei allen bisherigen venerischen Schankern - wenn sie,
sage ich, von allen übrigen chronischen, (unvenerischen) Krankheiten
die Entstehungsursache in einer frühern oder spätern Ansteckung
mit Krätz-Miasm (mit Psora) entdeckt, und für alle diese
eine gemeinsame Heilmethode mit den therapeutischen Rücksichten
auf jeden individuellen Fall, gefunden hätten, wo noch alle,
und jede einzelne dieser chronischen Krankheiten hätte geheilt
werden können. Dann hätten sie mit Recht sich rühmen
mögen, daß sie die zum Heilen chronischer Krankheiten
allein brauchbare und fruchtbringende causam morborum chronicorum
(non venereorum) vor Augen gehabt, und, diese zum Grunde angenommen,
solche Krankheiten mit dem besten Erfolge heilen könnten. Aber
alle die Millionen chronischer Krankheiten konnten sie in den vielen
Jahrhunderten nicht heilen, weil sie deren Entstehung von Krätz-Miasm
nicht kannten (die erst durch die Homoeopathie entdeckt und hienach
mit einer hülfreichen Heilmethode versehen ward) und dennoch
prahlten sie, daß sie allein die primam causam derselben bei
ihren Curen vor Augen hätten und allein rationell heilten,
ungeachtet sie von der allein nutzbaren Kenntniß ihres psorischen
Ursprungs nicht die mindeste Ahnung hatten und so alle chronischen
Krankheiten verpfuschten!
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Doch lösete sich dieß sublime Projekt, eine innere,
unsichtbare, apriorische Krankheitsursache zu finden, wenigstens
bei den sich klüger dünkenden Aerzten alter Schule, in
ein, freilich auch aus den Symptomen hergeleitetes Aufsuchen derselben
auf, was etwa muthmaßlich als der generelle Charakter des
gegenwärtigen Krankheitsfalles anzunehmen sei (2)? ob Krampf?
oder Schwäche? oder Lähmung? oder Fieber? oder Entzündung?
oder Verhärtung? oder Infarkten dieses oder jenes Theils? oder
Blut-Uebermenge (Plethora)? Mangel oder Uebermaß an Sauer-,
Kohlen-, Wasser- oder Stickstoff in den Säften? gesteigerte
oder gesunkene Arteriollität, oder Venosität, oder Capillarität?
relatives Verhältniß der Faktoren der Sensibilität,
Irritabilität, oder Reproduktion? - Muthmaßungen, welche,
von der bisherigen Schule mit dem Namen: Causalindication beehrt
und für die einzig mögliche Rationalität in der Medicin
gehalten, allzu trügliche, hypothetische Annahmen waren, als
daß sie sich praktisch brauchbar hätten bewähren
können - unfähig, selbst wenn sie gegründet hätten
sein können, oder gewesen wären, das treffendste Heilmittel
für den Krankheitsfall anzuzeigen, zwar der Eigenliebe des
gelehrten Erdenkers wohl schmeichelnd, im darnach Handeln aber meist
irre führend, und womit es mehr auf Ostentation, als auf ernstliche
Findung der Heil- Indication angelegt war.
Und wie oft schien nicht z.B. in dem einen Theile des Organismus
Krampf oder Lähmung zu sein, wäh-
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1) Jeder Arzt, der nach so allgemeinen Charakteren kuriret, er affektire
auch noch so anmaßend den Namen eines Homöopathen, ist
und bleibt in der That ein generalisirender Allöopath, da ohne
die speciellste Individualisirung keine Homöopathik denkbar
ist.
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rend in einem andern Theile anscheinend Entzündung statt fand!
Oder wo sollten, auf der andern Seite, die für jeden dieser
angeblichen, allgemeinen Charaktere sicher helfenden Arzneien herkommen?
Die sicher helfenden hätten doch wohl keine andern als die
specifischen sein können, d.i. dem Krankheits-Reize in ihrer
Wirkung homogene (1) Arzneien, deren Gebrauch aber von der alten
Schule als höchst schädlich verboten (2) und verpönt
war, weil die Beobachtung gelehrt hatte, daß, bei der in Krankheiten
so hoch gesteigerten Receptivität für homogene Reize,
solche Arzneien in den hergebrachten, großen Gaben lebensgefährlich
sich erwiesen hatten. Von kleinern Gaben aber und höchst kleinen
hatte die alte Schule keine Ahnung. Also auf geradem (natürlichstem)
Wege durch homogene, specifische Arzneien durfte nicht geheilt werden,
konnte auch nicht, da die meisten Wirkungen der Arzneien unbekannt
waren und blieben, und wären sie auch bekannt, doch nie bei
solchen generalisirenden Ansichten das treffende Heilmittel zu errathen
möglich wäre. --------
Doch glaubte die bisherige Arzneischule, weil's ihr doch wohl verständiger
deuchtete, wo möglich einen andern, geraden Weg zu suchen,
als Umwege einzu-
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1) Homöopatische genannt.
2) "Wo die Erfahrung uns die Heilkraft homöopathisch
wirkender Arzneien kennen gelehrt hatte, deren Wirkungsart man sich
nicht erklären konnte, da half man sich damit, sie für
specifisch zu erklären, und mit diesem eigentlich nichts sagenden
Worte ward das Nachdenken darüber eingeschläfert. Man
hat aber längst schon die homogenen Reizmittel, die specifischen
(homöopathischen), als höchst schädliche Einflüsse
verboten." Rau: Ueb. d. homöop. Heilverf. Heidelb. 1824.
S. 101, 102.
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schlagen, noch Krankheiten direkt aufzuheben durch Wegschaffung
der (angeblichen) materiellen Krankheits-Ursache - denn der gewöhnlichen
Arzt-Schule war es fast unmöglich, sich bei Ansicht und Beurtheilung
einer Krankheit und eben so wenig bei Aufsuchung der Cur-lndication
von diesen materiellen Begriffen loszumachen und die Natur des geistigkörperlichen
Organism's für ein so hoch potenzirtes Wesen anzuerkennen,
daß die Abänderungen seines Lebens in Gefühlen und
Thätigkeiten, die man Krankheiten nennt, hauptsächlich,
ja fast einzig durch dynamische (geistartige) Einwirkungen bedingt
und bewirkt werden könnten.
Durchaus sah die bisherige Schule jene durch die Krankheit veränderten
Stoffe, die turgescirenden sowohl, als die sich absondernden, innormalen
Stoffe für Krankheits-Erreger, wenigstens, wegen ihrer angeblichen
Rückwirkung, als Krankheits-Unterhalter an und thut letzteres
bis auf diese Stunde noch.
Daher wähnte sie Causal-Curen zu verrichten, indem sie diese
eingebildeten und vorausgesetzten, materiellen Ursachen der Krankheit
hinwegzuschaffen sich bemühte. Daher ihr emsiges Fortschaffen
der Galle durch Erbrechen bei gallichten Fiebern, ihre Brechmittel
bei sogenannten Magen-Verderbnissen (1), ihr
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1) Bei einer schnellen Magen-Verderbniß, mit stetem, widerlichem
Aufstoßen nach verdorbenen Speisen, gewöhnlich mit Niedergeschlagenheit
des Gemüths bei kalten Füßen und Händen, u.s.w.
ging der gewöhnliche Arzt bisher nur auf den entarteten Magen-lnhalt
los: ein tüchtiges Brechmittel soll ihn rein herausschaffen.
Gewöhnlich erreicht er diese Absicht mit weinsteinsauerm Spießglanze,
mit oder ohne Ipecacuanha. Ist denn aber der Kranke darauf sogleich
gesund, munter und heiter? O nein! Gewöhnlich ist eine solche
Magenverderbniß dynamischen Ursprungs, durch Gemüths
- Störungen (Gram, Schreck,
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fleißiges Auspurgiren des Schleims, der Spul- und Madenwürmer
bei der Gesichts-Blässe, der Eß-Gier, dem
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Aerger), Verkältung, Anstrengung des Geistes oder Körpers
unmittelbar auf's Essen, - selbst oft nach mäßigem Speise-Genuß
erzeugt. Diese dynamische Verstimmung zu heben, sind diese beiden
Arzneien nicht geeignet, und eben so wenig das dadurch hervorgebrachte
revolutionäre Erbrechen. Und Brechweinstein und Ipecacuanha
haben dann noch überdieß aus ihren anderweiten eigenthümlichen
Krankheit-Erregungs-Symptomen Nachtheile für das Befinden des
Kranken hinzugefügt, und die Gall-Abscheidung ist in Unordnung
gekommen, so daß, wenn der Leidende nicht ganz robust war,
er noch mehre Tage sich auf diese angebliche Causal-Cur übel
befinden muß, trotz aller dieser gewaltsamen Herausschaffung
des vollständigen Mageninhalts. - Wenn aber der Leidende, statt
solcher heftigen und stets nachtheiligen Ausleerungs-Arzneien, nur
ein einziges Mal in hochverdünnten Pulsatille-Saft (an ein
Senfsamen großes, damit befeuchtetes Streukügelchen)
riecht, wodurch die Verstimmung seines Befindens im Allgemeinen
und seines Magens insbesondre gewiß aufgehoben wird, so ist
er in zwei Stunden genesen, und hat er dann ja noch einmal Aufstoßen,
so ist es geschmack- und geruchlose Luft - der Mageninhalt ist nicht
mehr verdorben, und bei der nächsten Mahlzeit hat er wieder
seinen vollen, gehörigen Appetit; er ist gesund und munter.
Dieß ist wahre Causal-Cur, jenes aber eine eingebildete, ist
nur eine schädliche Strapaze für den Kranken.
Ein selbst mit schwer verdaulichen Speisen überfüllter
Magen erfordert wohl nie ein arzneiliches Brechmittel. Die Natur
weiß hier den Ueberfluß am besten durch Ekel, Uebelkeit
und Selbst-Erbrechen, allenfalls mit Beihülfe mechanischer
Reizung des Gaumen-Vorhangs und Rachens, durch den Schlund wieder
von sich zu geben, und dann werden die arzneilichen Nebenwirkungen
der medicinischen Brechmittel vermieden - etwas Kaffee-Trank befördert
den Rest im Magen vollends nach unten hin.
Wäre aber nach arger Üeberfüllung des Magens die
Reizbarkeit des Magens zum Selbsterbrechen nicht zureichend oder
verschwunden, so daß alle Neigung dazu,
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Leibweh und den dicken Bäuchen der Kinder (1), ihr Aderlassen
bei Blutflüssen (2), und vorzüglich alle Arten
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unter großen Schmerzen des Epigastriums, erlösche, so
wird in diesem gelähmten Zustande des Magens ein solches Brechmittel
bloß eine gefährliche oder tödtliche Eingeweide
- Entzündung zur Folge haben, während eine öfter
gereichte kleine Menge starken Kaffee-Tranks die gesunkene Reizbarkeit
des Magens dynamisch erhoben und ihn allein in den Stand würde
gesetzt haben, seinen, auch noch so übermäßigen
Inhalt von oben oder unten auszufördern. Auch hier ist jene
vorgebliche Causal-Cur am unrechten Orte.
Selbst die in chronischen Krankheiten nicht selten aufschwulkende,
ätzende Magensäure wird, mit großer Beschwerde und
dennoch vergeblich, heute mit einem Brechmittel gewaltsam ausgeleert
und morgen, oder doch die nächsten Tage durch gleich ätzende
Magensäure, und dann gewöhnlich noch in größerer
Menge, ersetzt, während sie von selbst weicht, wenn ihr dynamischer
Ursprung durch eine sehr kleine Gabe hochverdünnter Schwefelsäure,
oder, wenn sie schon oft sich zeigte, besser, durch Gebrauch auch
den übrigen Symptomen in Aehnlichkeit angemessener, antipsorischer
Mittel in feinster Gabe heilkräftig aufgehoben wird. Und so
giebt es mehre angebliche Causal-Curen der alten Schule, deren Lieblings-Bestreben
ist, das materielle Produkt der dynamischen Verstimmung mit beschwerlichen
Vorkehrungen mühsam und mit Nachtheil hinwegzuräumen,
ohne die dynamische Quelle des Uebels zu erkennen und sie homöopathisch
sammt ihren Ausflüssen zu vernichten, und so verständig
zu heilen.
1) Umstände, welche bloß auf Psora-Siechthum beruhen
und durch (dynamische) milde, antipsorische Mittel leicht geheilt
werden, ohne Brechen oder Laxiren.
2) Ungeachtet fast allen krankhaften Blutflüssen bloß
eine dynamische Verstimmung der Lebenskraft (des Befindens) zum
Grunde liegt, hält dennoch die alte Schule eine Blut-Uebermenge
für ihre Ursache und kann sich nicht enthalten, Aderlässe
vorzunehmen, um den vermeinten Ueberfluß dieses Lebenssaftes
fortzuschaffen; den ganz offenbar übeln Erfolg aber, das Sinken
der Kräfte und die Hinneigung oder gar den Uebergang zum Typhösen
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der Blut-Entziehungen (1) als ihres Haupt-lndikats bei Entzündungen,
die sie jetzt, eines bekannten Pariser
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sucht sie auf die Bösartigkeit der Krankheit zu schieben, mit
der sie dann oft nicht fertig werden kann - genug sie glaubt, wenn
auch nun der Kranke nicht aufkommt, eine Cur nach ihrem Wahlspruche,
causam tolle, vollführt und, nach ihrer Art zu reden, alles
mögliche für den Kranken gethan zu haben, es erfolge nun
was da wolle.
1) Ungeachtet es vielleicht nie einen Tropfen Blut zu viel im lebenden
menschlichen Körper gegeben hat, so hält dennoch die alte
Schule eine angebliche Blut-Uebermenge für die materielle Hauptursache
aller Blutflüsse und Entzündungen, die sie durch Ader-Oeffnungen
(blutige Schröpfköpfe) und Blutegel zu entfernen und auszuleeren
habe. Dieß hält sie für ein rationelles Verfahren,
für Causal-Cur. In allgemeinen Entzündungs-Fiebern, im
hitzigen Seitenstiche sieht sie sogar die coagulable Lymphe im Blute,
die sogenannte Speckhaut für die materia peccans an, welche
sie durch wiederholte Ader- Oeffnungen möglichst fortzuschaffen
strebt, ungeachtet diese nicht selten bei erneuertem Blutlassen
noch zäher und dicker zum Vorschein kommt. So vergießt
sie Blut, wenn das Entzündungs-Fieber sich nicht legen will,
oft bis zum nahen Tode, um diese Speckhaut, oder die vermeintliche
Plethora wegzubringen, ohne zu ahnen, daß das entzündete
Blut nur Produkt des akuten Fiebers, nur des krankhaften, immateriellen
(dynamischen) Entzündungs-Reizes und letzterer die einzige
Ursache dieses großen Sturmes in dem Adersystem sei, durch
die kleinste Gabe einer homogenen (homöopathischen) Arznei
aufzuheben, z. B. durch ein feines Streukügelchen zur Gabe,
mit decillionfach verdünntem Akonit-Safte befeuchtet, unter
Vermeidung vegetabilischer Säuren, so daß das heftigste
Seitenstich-Fieber mit allen seinen drohenden Zufällen, ohne
Blut-Verminderung und ohne die mindesten Kühlmittel schon in
wenigen, höchstens in 24 Stunden in Gesundheit übergegangen
und geheilt ist (eine Probe seines Blutes dann aus der Ader gelassen
zeigt nun keine Spur von Speckhaut mehr), während ein sehr
ähnlicher Kranker, nach jener Rationalität der alten Schule
behandelt, nach mehr-
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blutgierigen Arztes Vorgange (wie die Schafe dem Leithammel selbst
in die Hände des Schlächters) folgend,
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maligem Blutlassen, wenn er ja noch mühsam, nach unsäglichen
Leiden, vor der Hand dem Tode entrinnt, dann oft noch viele Monate
durchzusiechen hat, ehe er, abgezehrt, wieder auf die Beine kommt,
wenn ihn nicht indeß (die öftere Folge einer solchen
Mißhandlung) ein typhöses Fieber, oder Leukophlegmasie
oder eiternde Lungensucht hinrafft.
Wer den ruhigen Puls des Mannes eine Stunde vor Antritt des dem
hitzigen Seitenstiche stets vorangehenden Frostschauders gefühlt
hat, kann sich unmöglich des Erstaunens erwehren, wenn man
ihn zwei Stunden darauf, nach Ausbruch der Hitze, bereden will,
die vorhandene ungeheure Plethora mache ein vielmaliges Aderlassen
dringend nothwendig, und fragt sich, welches Wunder die vielen Pfunde
Blut, die nun weggelassen werden sollen, binnen dieser zwei Stunden
in die Adern des Mannes gezaubert haben möchte, die er vor
diesen zwei Stunden in so ruhigem Gange gefühlt habe? Nicht
ein Quentchen Blut kann mehr in seinen Adern nun rollen, als er
in gesunden Zeiten, und so auch vor zwei Stunden hatte!
Der Allöopathiker entzieht also mit seinen Aderlässen
dem am hitzigen Fieber Erkrankten keine lästige Blutuebermenge,
weil dergleichen gar nicht vorhanden sein konnte, sondern beraubt
ihn der zum Leben und Gesundwerden unentbehrlichen, normalen Blutmenge
und sonach der Kräfte - ein großer Verlust, den Arztes-Macht
nicht wieder zu ersetzen vermag! - und steht dennoch in dem Wahne,
eine Cur nach seinem (mißverstandenen) Wahlspruche: Causam
tolle, vollführt zu haben, während doch hier die Causa
morbi am wenigsten eine, nicht existierende Blut-Uebermenge sein
konnte, sondern die einzige, wahre causa morbi ein krankhafter,
dynamischer Entzündungs-Reiz des Blut-Systems war, wie die
schnelle und dauerhafte Heilung des gedachten, allgemeinen Entzündungs-Fiebers
durch eine oder zwei, unglaublich feine und kleine Gaben des diesen
Reiz homöopathisch aufhebenden Aconit-Saftes beweist und in
jedem solchen Falle beweist.
So schießt auch die alte Schule bei Behandlung der Lokal-Entzündungen
fehl mit ihrem örtlichen Blutlassen,
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fast in jedem krankhaft afficirten Theile des Körpers anzutreffen
und durch eine oft tödtliche Zahl Blutegel entfernen zu müssen
wähnt. Auf diese Weise glaubt sie ächte Causal-lndicationen
zu befolgen und rationell zu kuriren. Ferner glaubt auch die alte,
bisherige Arzneischule durch Abbindung von Polypen, durch Ausschneidung,
oder mittels erhitzender Local-Mittel erkünstelte Vereiterung
der kalten Drüsen-Geschwülste, durch Ausschälung
der Balg-(Speck-Honig-) Geschwülste, durch Operationen der
Pulsader- Geschwülste, der Thränen- und Mastdarm-Fisteln,
durch Entfernung der skirrhösen Brust mittels des Schnitts,
der Amputation eines knochenfräßigen Gliedes, u.s.w.,
den Kranken gründlich geheilt und Causal-Curen verrichtet zu
haben, und glaubt es auch, wenn sie ihre Repellentia in Anwendung
bringt, die alten, jauchenden Schenkel-Geschwüre (allenfalls
mit Beihülfe gleichzeitiger, das Grund-Siechthum nicht mindernder,
bloß schwächender Abführungs-Mittel) durch adstringende
Umschläge, durch Blei-, Kupfer- und Zink-Oxyde austrocknet,
den Schanker wegbeizt, die Feigwarzen örtlich zerstört,
die Krätze mit Salben von Schwefel, Blei-, Quecksilber- oder
Zink-
-------------
vorzüglich durch die jetzt mit Broussaisischer Wuth angesetzte
Menge Blutegel. Die anfänglich davon erfo]gende, palliative
Erleichterung wird durch schnellen und vollkommenen Heil-Erfolg
keineswegs gekrönt, sondern die stets zurückbleibende
Schwäche und Kränklichkeit des so behandelten Theiles
(auch oft des übrigen Körpers) zeigt genugsam, wie fälschlich
man die örtliche Entzündung in einer örtlichen Plethora
suchte und wie traurig die Folgen solcher Blutentziehungen sind,
- während dieser bloß dynamische, örtlich scheinende
Entzündungs-Reiz durch eine gleich kleine Gabe Aconit, oder,
nach den Umständen, von Belladonna schnell und dauerhaft getilgt
und das ganze Uebel, ohne solch unmotivirtes Blut-Vergießen,
gehoben und geheilt werden kann.
13
Oxyden von der Haut vertreibt, die Augen-Entzündungen mit
Auflösungen von Blei oder Zink unterdrückt und durch Opodeldok,
flüchtige Salbe, oder Räucherungen mit Zinnober oder Bernstein
die ziehenden Schmerzen aus den Gliedmaßen verjagt; sie glaubt
da überall das Uebel gehoben, die Krankheit besiegt und rationelle
Causal-Curen ausgeführt zu haben. Aber der Erfolg! die darauf,
bald oder spät, doch unausbleiblich erscheinenden Metaschematismen,
die sie dadurch veranlaßt (doch dann für neue Krankheiten
ausgiebt), welche allemal schlimmer, als das erstere Uebel sind,
widerlegen sie zur Genüge und könnten und sollten ihr
die Augen öffnen über die tiefer liegende, immaterielle
Natur des Uebels und seinen dynamischen (geistartigen), bloß
dynamisch zu hebenden Ursprung.
Ueberhaupt setzte die gewöhnliche Schule bis in die neuern
(möchte ich doch nicht sagen dürfen, neuesten!) Zeiten
bei Krankheiten am liebsten, wenn auch noch so fein gedachte, Krankheits-Stoffe
(und Schärfen) voraus, welche durch Ausdünstung und Schweiß,
durch die Harn-Werkzeuge, oder auch durch die Speichel-Drüsen
aus den Blut- und Lymphgefäßen, durch die Luftröhr-
und Bronchial-Drüsen als Brust-Auswurf, aus dem Magen und dem
Darm-Kanale durch Erbrechungen und Abführungen fortgeschafft
werden müßten, damit der Körper von der materiellen,
Krankheit erregenden Ursache gereinigt und so eine gründliche
Causal-Cur vollführt werden könne.
Durch eingeschnittene Oeffnungen am kranken Körper, die sie
Jahre lang durch eingelegte fremde Substanzen in langwierige Geschwüre
verwandelte, (Fontanelle, Haarseile), wollte sie die materia peccans
aus dem (stets nur dynamisch) siechen Körper abzapfen,
14
wie man aus Fässern schmutzige Feuchtigkeit aus dem Zapfloche
laufen läßt. Auch durch perpetuirliche Canthariden-Pflaster
und Seidelbast beabsichtigte sie, die bösen Säfte abzuziehen
und von allem Krankheitsstoffe zu reinigen - schwächte aber
nur durch alle diese unbesonnenen, naturwidrigen Veranstaltungen
den kranken Körper gewöhnlich bis zur Unheilbarkeit.
Ich gebe zu, daß es der menschlichen Schwäche bequemer
war, bei den zu heilenden Krankheiten einen sinnlich denkbaren Krankheitsstoff
anzunehmen (zumal da auch die Patienten selbst sich leicht einer
solchen Vorstellung hingaben), weil man dann auf nichts weiter Bedacht
zu nehmen hatte, als wo man genug, Blut und Säfte reinigende,
Harn und Schweiß treibende, Brust-Auswurf befördernde
und Magen und Darm ausscheuernde Mittel hernähme. Daher steht
vom Dioscorides an, in allen materiis medicis bis auf die neuern
Bücher dieser Art, fast nichts von den einzelnen Arzneien angemerkt,
was jeder ihre specielle, eigentliche Wirkung sei, sondern, außer
den Angaben von ihrem vermeintlichen Nutzen gegen diesen oder jenen
Krankheits-Namen der Pathologie, bloß: ob sie Harn, Schweiß,
Brust-Auswurf oder Monat-Reinigung befördere, und vorzüglich,
ob sie Ausleerung aus dem Speise- und Darm-Kanale von oben oder
unten bewirke, weil alles Dichten und Trachten der praktischen Aerzte
von jeher vorzüglich auf Ausleerung eines materiellen Krankheits-Stoffs
und mehrer, den Krankheiten zum Grunde liegen sollender, (fingirter)
Schärfen gerichtet war.
Dieß waren aber alles eitel Träume, ungegründete
Voraussetzungen und Hypothesen, klüglich ersonnen zur Bequemlichkeit
der Therapie, welche am leichtesten mit der Heilung durch Hinwegschaffung
materieller Krankheits-Stoffe (si modo essent !) fertig zu werden
hoffte.
15
Nun kann sich aber das Wesen der Krankheiten und ihre Heilung nicht
nach solchen Träumen oder nach der Aerzte Bequemlichkeit richten;
die Krankheiten können jenen thörichten, auf Nichts gegründeten
Hypothesen zu gefallen nicht aufhören, (geistige) dynamische
Verstimmungen unseres geistartigen Lebens in Gefühlen und Thätigkeiten,
das ist, immaterielle Verstimmungen unsers Befindens zu sein.
Materiell können die Ursachen unserer Krankheiten nicht seyn,
da die mindeste fremdartige materielle Substanz (1), sie scheine
uns auch noch so mild, in unsere Blutgefäße gebracht,
plötzlich, wie ein Gift, von der Lebenskraft ausgestoßen
wird, oder, wo dieß nicht angeht, den Tod zur Folge hat. Selbst
wenn der mindeste Splitter in unsere empfindlichen Teile geräth,
so ruht das in unserm Körper allgegenwärtige Lebensprincip
nicht eher, bis er durch Schmerz, Fieber, Eiterung oder Brand wieder
herausgeschafft worden ist. Und dieß unermüdlich thätige
Lebensprincip sollte, z.B. bei einer zwanzig Jahr alten Ausschlags-Krankheit
zwanzig Jahre lang einen fremdartigen, so feindseligen, materiellen
Ausschlags-Stoff, eine Flechten-, eine Skrofel-, eine Gicht-Schärfe,
u.s.w. in den Säften gutmüthig dulden? Welcher Nosologe
sah je mit leiblichen Augen einen solchen Krankheits-Stoff, daß
er so zuversichtlich
----------
1) Das Leben stand auf dem Spiele, als etwas reines Wasser in eine
Vene eingespritzt ward (m. s. Mullen bei Birch in history of the
royal society. Vol. IV.).
In die Adern gespritzte atmosphärische Luft tödtete (m.
s. J. H. Voigt, Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde,
I.III. S. 25.).
Auch die mildesten in die Venen gebrachten Flüssigkeiten erregten
Lebensgefahr (m. s. Autenrieth, Physiologie, II.§. 784.).
16
davon sprechen und ein medicinisches Verfahren darauf bauen will?
Wer hat je einen Gicht-Stoff, ein Skrofel-Gift den Augen darlegen
können?
Auch wenn die Anbringung einer materiellen Substanz an die Haut
oder in eine Wunde Krankheiten durch Ansteckung fortgepflanzt hat,
wer kann (wie so oft in unsern Pathogenien behauptet worden) beweisen,
daß von dieser Substanz etwas Materielles in unsere Säfte
eingedrungen oder eingesaugt worden sei 1)? Kein, auch noch so sorgfältiges,
alsbaldiges Abwaschen der Zeugungstheile schützt vor der Ansteckung
mit der venerischen Schanker-Krankheit. Schon ein Lüftchen,
was von einem Menschenpocken-Kranken herüberweht, kann in dem
gesunden Kinde diese fürchterliche Krankheit hervorbringen.
Wie viel materieller Stoff an Gewichte mag wohl auf diese Weise
in die Säfte eingesaugt worden sein, um im erstern Falle ein
ungeheilt, erst mit dem entferntesten Lebensende, erst mit dem Tode
erlöschendes, peinliches Siechthum (Lustseuche), im letztern
Falle aber eine mit fast allgemeiner Vereiterung (2) oft schnell
---------
1) Dem von einem tollen Hunde gebissenen, achtjährigen Mädchen
in Glasgow schnitt der Wundarzt die Stelle sogleich rein aus, und
dennoch bekam sie nach 36 Tagen die Wasserscheu, woran sie nach
zwei Tagen starb. (Med. Comment. of Edimb. Dec. II. Vol. II.1793.)
2) Um die Entstehung der oft großen Menge faulichten Unraths
und stinkender Geschwür-Jauche in Krankheiten zu erklären
und ihn für Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Stoff
ausgeben zu können, (da doch bei der Ansteckung nichts Merkbares
von Miasm, nichts Materielles in den Körper eingedrungen sein
konnte), nahm man zu der Hypothese seine Zuflucht, daß der
auch noch so feine Ansteckungs-Stoff im Körper als Ferment
wirke, die Säfte in gleiche Verderbniß bringe und sie
auf diese Art selbst in ein solches Krankheits-Ferment umwandle,
was immerdar
17
tödtende Krankheit (Menschen-Pocken) hervorzubringen? Ist
hier und in allen diesen Fällen wohl an einen materiellen,
in das Blut übergegangenen Krankheits-Stoff zu denken? Ein
im Krankenzimmer geschriebener Brief aus weiter Entfernung theilte
schon oft dem Lesenden dieselbe miasmatische Krankheit mit. Ist
wohl hier an einen materiellen, in die Säfte eingedrungenen
Krankheits-Stoff zu denken? Doch, wozu alle diese Beweise? Wie oft
hat nicht schon ein kränkendes Wort, ein gefährliches
Gallenfieber, eine abergläubige Todes-Prophezeiung, ein Absterben
zur angekündigten Zeit, und eine jählinge, traurige oder
höchst freudige Nachricht den plötzlichen Tod zuwege gebracht
? Wo ist hier der materielle Krankheits-Stoff, der in den Körper
leibhaftig übergegangen sein, die Krankheit erzeugt und unterhalten
haben und ohne dessen materielle Hinwegschaffung und Ausführung
keine gründliche Cur möglich sein sollte?
----------
während der Krankheit wuchere und die Krankheit unterhalte.
Durch welche allmächtigen und allweisen Reinigungs-Tränke
wolltet Ihr aber dann wohl dieses sich immer wieder erzeugende Ferment,
diese Masse angeblichen Krankheits-Stoffs so rein aus den menschlichen
Säften aussondern und aussäubern lassen, daß nicht
noch ein Stäubchen eines solchen Krankheits-Ferments drinbliebe,
was die Säfte immer wieder, wie zuerst, zum neuen Krankheits-Stoffe,
nach dieser Hypothese, umbilden und verderben müßte?
Dann würde es ja unmöglich, diese Krankheiten auf Eure
Art zu heilen! - Man sieht, wie alle, auch noch so fein ausgesonnenen
Hypothesen auf die handgreiflichsten Inconsequenzen führen,
wenn Unwahrheit zum Grunde liegt ! - Die weit gediehenste Lustseuche
heilt, wenn die oft damit komplicirte Psora beseitigt ist, von einer
oder zwei ganz kleinen Gaben decillionfach verdünnter und potenzirter
Auflösung des Quecksilber-Metalls, und die allgemeine syphilitische
Säfte-Verderbniß ist auf immer (dynamisch) vernichtet
und verschwunden.
18
Die Verfechter so grobsinnlich angenommener Krankheits-Stoffe mögen
sich schämen, die geistige Natur unseres Lebens und die geistig
dynamische Kraft-Krankheit erregender Ursachen so unüberlegt
übersehen und verkannt und sich so zu Fege-Aerzten herabgewürdigt
zu haben, welche durch ihr Bemühen, Krankheits-Stoffe, die
nie existirten, aus dem kranken Körper zu treiben, statt zu
heilen, das Leben zerstören.
Sind denn die übelartigen, oft sehr ekelhaften Auswürfe
in Krankheiten gerade der sie erzeugende und unterhaltende Stoff
(1), und nicht dagegen jederzeit Auswurfs-Producte der Krankheit
selbst, das ist, des bloß dynamisch gestörten und verstimmten
Lebens?
Bei solchen falschen, materiellen Ansichten von der Entstehung
und dem Wesen der Krankheiten war es freilich nicht zu verwundern,
daß in allen Jahrhunderten von den geringen, wie von den vornehmen
Praktikern, ja selbst von den Erdichtern der sublimsten, medicinischen
Systeme immer hauptsächlich nur auf Ausscheidung und Abführung
einer eingebildeten, krankmachenden Materie hingearbeitet und die
häufigste Indication gestellt ward auf Zertheilung und Beweglich-Machung
des Krankheits-Stoffs und seine Ausführung durch Speichel,
Luftröhr-Drüsen, Schweiß und Harn, auf eine durch
die Verständigkeit der Wurzel- und Holztränke treugehorsam
zu bewirkende Reinigung des Blutes von (Schärfen und Unreinigkeiten)
Krankheits-Stoffen, die es nie gab, auf mechanische Abzapfung der
erdichteten Krankheits-Materie durch Haarseile, Fontanelle, durch
von immerwährendem Canthariden-
---------
1) Dann müßte jeder Schnupfen, auch der langwierigste,
bloß durch sorgfältiges Schneuzen und Säubern der
Nase unfehlbar und schnell geheilt werden können.
19
Pflaster oder Seidelbast-Rinde offen und triefend erhaltene Haut-Stellen,
vorzüglich aber auf Abführung und Auspurgirung der der
Materia peccans, oder der schadhaften Stoffe, wie sie sie nannten,
durch den Darmkanal mittels laxirender und purgirender Arzneien,
die sie gern, um ihnen eine tiefsinnigere Bedeutung und ein schmeichelhafteres
Ansehen zu geben (die Infarkten?), auflösende und gelind eröffnende
benannten - lauter Veranstaltungen zur Fortschaffung feindseliger
Krankheits-Stoffe, die es nie geben konnte und nie gegeben hat bei
Erzeugung und Unterhaltung der Krankheiten des durch ein geistiges
Princip lebenden, menschlichen Organisms - der Krankheiten, welche
nie etwas Anderes waren, als geistig dynamische Verstimmungen seines
an Gefühl und Thätigkeit geänderten Lebens.
Vorausgesetzt nun, wie nicht zu zweifeln ist, daß keine der
Krankheiten - wenn sie nicht von verschluckten, gänzlich unverdaulichen
oder sonst sehr schädlichen, in die ersten Wege oder in andere
Oeffnungen und Höhlungen des Körpers gerathenen Substanzen,
von durch die Haut gedrungenen, fremden Körpern, u.s.w. herrühren
- daß, mit einem Worte, keine Krankheit irgend einen materiellen
Stoff zum Grunde hat, sondern daß jede bloß und stets
eine besondere virtuelle, dynamische Verstimmung des Befindens ist;
wie zweckwidrig muß da nicht ein auf Ausführung (13)
jener erdichteten Stoffe gerichtetes Cur-
--------
1) Einen Anschein von Nothwendigkeit hat die Auspurgirung der Würmer
bei sogenannten Wurmkrankheiten. Aber auch dieser Anschein ist falsch.
Einige wenige Spulwürmer findet man vielleicht bei mehren Kindern,
bei nicht wenigen auch einige Madenwürmer. Aber alle diese,
so wie eine Uebermenge von einer oder der andern Art rühren
stets von einem allgemeinen Siechthume (dem psorischen) her, gepaart
mit ungesunder Lebensart. Man bessere letztere
20
Verfahren in den Augen jedes verständigen Mannes erscheinen,
da nichts in den Hauptkrankheiten des Menschen, den chronischen,
damit gewonnen werden kann, sondern stets ungeheuer damit geschadet
wird!
Die in Krankheiten sichtbar werdenden, entarteten Stoffe und Unreinigkeiten
sind, mit einem Worte, wie nicht zu leugnen ist, nichts Anderes,
als Erzeugnisse der Krankheit des in innormale Verstimmung gesetzten
Organisms selbst, welche von diesen selbst oft heftig genug - oft
allzu heftig - fortgeschafft werden, ohne
----------
und heile das psorische Siechthum homöopathisch, was in diesem
Alter am leichtesten Hülfe annimmt, so bleiben keine dieser
Würmer übrig, und die Kinder, wenn sie auf diese Art gesund
geworden sind, werden nicht mehr davon belästigt, während
sie sich nach bloßen Purganzen, selbst mit Cinasamen verbunden,
doch bald wieder in Menge erzeugen.
"Aber der Bandwurm," höre ich sprechen, dieses zur
Qual der Menschen geschaffene Ungeheuer, muß doch "wohl
mit aller Macht ausgetrieben werden."
Ja, er wird zuweilen abgetrieben, aber mit welchen Nachwehen und
mit welcher Lebensgefahr! Ich mag den Tod so vieler Hunderte von
Menschen nicht auf meinem Gewissen haben, die durch die angreifendsten,
schrecklichsten Purganzen, gegen den Bandwurm gerichtet, ihr Leben
haben einbüßen müssen, oder das Jahre lange Siechthum
derer, welche dem Purgir-Tode noch entrannen. Und wie oft wird er
durch alle diese, oft mehrjährigen, Gesundheit und Leben zerstörenden
Purgir-Curen doch nicht abgetrieben; oder er erzeugt sich wieder!
Wie nun, wenn diese gewaltsame, nicht selten grausame und oft lebensgefährliche
Forttreibung und Tödtung dieser Thiere gar nicht nöthig
wäre?
Die verschiedenen Gattungen Bandwürmer finden sich bloß
beim Psora-Siechthume, und verschwinden jederzeit, wenn dieses geheilt
wird. Ehe diese Heilung aber vollführt wird, leben sie, bei
erträglichem Wohlbefinden des Menschen, nicht unmittelbar in
den Gedärmen, sondern in den Ueberbleibseln der Speisen, dem
Unrathe der Gedärme,
21
die Hülfe der Ausleerungs-Kunst zu bedürfen, deren er
auch immer wieder neue erzeugt, so lange er an dieser Krankheit
leidet. Diese Stoffe bieten sich dem ächten Arzte selbst als
Krankheits-Symptome dar und helfen ihm, die Beschaffenheit und das
Bild der Krankheit erkennen, um sie mit einer ähnlichen, arzneilichen
Krankheits-Potenz heilen zu können.
Doch die neuern Anhänger der alten Schule wollen nicht mehr
dafür angesehen sein, als ob sie bei ihren
----------
wie in ihrer eigenen Welt, ganz ruhig und ohne uns im mindesten
zu belästigen und finden in dem Darm-Unrathe, was sie zu ihrer
Nahrung bedürfen; da berühren sie die Wände unserer
Gedärme nicht und sind uns unschädlich.
Wird aber der Mensch auf irgend eine Art acut krank, dann wird
der Inhalt der Gedärme dem Thiere unleidlich, es windet sich
dann und berührt und beleidigt in seinem Uebelbehagen die empfindlichen
Wände der Gedärme, da dann die Beschwerden des kranken
Menschen nicht wenig durch diese besondre Art von krampfhafter Kolik
vermehrt werden. (So wird auch die Frucht im Mutterleibe unruhig,
windet sich und stößt, doch nur wenn die Mutter krank
ist, schwimmt aber ruhig in seinem Wasser, ohne der Mutter weh zu
thun, wenn diese gesund ist.)
Es ist bemerkenswerth, daß die Krankheits-Zeichen des sich
zu dieser Zeit übel befindenden Menschen größtentheils
von der Art sind, daß sie an der Tinktur der männlichen
Farrnkraut-Wurzel, und zwar in der kleinsten Gabe, ihr (homöopathisches)
schnelles Beschwichtigungs-Mittel finden, indem, was da in dem Uebelbefinden
des Menschen dieß Schmarozer-Thier unruhig macht, dadurch
vor der Hand gehoben wird; der Bandwurm befindet sich dann wieder
wohl und lebt ruhig fort im Darm-Unrathe, ohne den Kranken oder
seine Gedärme sonderlich zu belästigen, bis die antipsorische
Cur so weit gediehen ist, daß der Wurm, nach ausgetilgter
Psora, den Darm-Inhalt nicht mehr zu seiner Nahrung geeignet findet
und so von selbst aus dem Bauche des Genesenen auf immer verschwindet,
ohne die mindeste Purganz.
22
Curen auf Abführung von materiellen Krankheits-Stoffen ausgingen.
Sie erklären ihre vielen und mancherlei Ausleerungen für
eine durch Ableitung helfende Cur-Methode, worin ihnen die Natur
des kranken Organisms in ihren Bestrebungen, sich zu helfen, mit
ihrem Beispiele vorangehe, Fieber durch Schweiß und Urin entscheide,
Seitenstiche durch Nasenbluten, Schweiß und Schleim-Auswurf
- andere Krankheiten durch Erbrechen, Durchfälle und After-Blutfluß,
Gelenk-Schmerzen durch jauchende Schenkel-Geschwüre, Hals-Entzündung
durch Speichelfluß, u.s.w. oder durch Metastasen und Abcesse
entferne, die die Natur in, vom Sitze des Uebels entfernten Theilen
veranstalte.
Sie glaubten daher am besten zu thun, wenn sie dieselbe nachahmten,
indem auch sie in der Cur der meisten Krankheiten auf Umwegen, wie
die kranke, sich selbst überlassene Lebenskraft, zu Werke gingen
und daher indirect (1), durch Anbringung stärkerer, heterogener
Reize in dem vom Krankheits-Sitze entfernten, und den kranken Gebilden
am wenigsten verwandten (dissimilären) Organen Ausleerungen
veranstalteten, gewöhnlich auch unterhielten, um das Uebel
gleichsam dahin abzuleiten.
Diese sogenannte Ableitung war und blieb eine der Haupt-Curmethoden
der bisherigen Arzneischule.
Sie suchten bei dieser Nachahmung der sich selbst helfenden Natur,
wie sich Andre ausdrücken, in den Gebilden, welche am wenigsten
krank sind und am besten die Arznei-Krankheit vertragen könnten,
gewalt-
---------
1) Statt mit direct gegen die kranken Punkte im Organism selbst
gerichteten, homogenen, dynamischen Arznei-Potenzen, wie die Homöopathie
thut, das Uebel schnell, ohne Kräfte-Verlust und ohne Umschweif
auszulöschen.
23
sam neue Symptome rege zu machen, welche unter dem Scheine von
Crisen und unter der Form von Abscheidungen die erste Krankheit
ableiten (1) sollten, um so den Heilkräften der Natur eine
allmälige Lysis zu erlauben (2).
Dieß führten sie aus durch Schweiß und Harn treibende
Mittel, durch Blut-Entziehungen, durch Haarseile und Fontanelle,
am meisten jedoch durch Ausleerungs-Reizungen des Speise- und Darm-Kanals,
theils von oben durch Brechmittel, theils aber, und am liebsten,
durch Abführungen von unten, die man auch eröffnende und
auflösende (3) Mittel nannte.
Dieser Ableitungs-Methode zur Beihülfe wurden die mit ihr
verschwisterten, antagonistischen Reizmittel in Anwendung gesetzt:
Schaafwolle auf bloßer Haut, Fußbäder, Ekel-Cur,
durch Hunger gepeinigter Magen und Darm (Hunger-Cur), Schmerz, Entzündung
---------
1) Gleich als wenn man etwas Unmaterielles ableiten könnte!
Also gleichwohl eine, wenn schon noch so fein gedachte, Materie
und Krankheits-Stoff !
2) Nur die mäßigen acuten Krankheiten pflegen, wenn
ihre natürliche Verlaufs-Zeit zu Ende geht, ohne und bei Anwendung
nicht allzu angreifender, allöopathischer Arzneien, sich, wie
man sagt, zu indifferenziren und sich ruhig zu beendigen; die sich
ermannende Lebenskraft setzt nun an die Stelle der ausgetobten Befindens-Veränderungen
allmälig ihre Norm wieder ein. Aber in den hoch acuten und
in dem bei weitem größten Theile aller menschlichen Krankheiten,
den chronischen, muß dieß die rohe Natur und die alte
Schule bleiben lassen; da kann weder die Lebenskraft durch ihre
Selbsthilfe, noch die sie nachahmende Allöopathie eine Lysis
herbeiführen - höchstens einigen Waffen-Stillstand, während
dessen der Feind sich verstärkt, um desto stärker auszubrechen
bald oder spät.
3) Ein Ausdruck, welcher ebenfalls verräth, daß man
dennoch eine aufzulösende und fortzuschaffende Krankheits-Materie
im Sinne hatte, und voraussetzte.
24
und Eiterung in nahen und entfernten Theilen bewirkende Mittel,
wie aufgelegter Märrettig, Senf-Teig, Canthariden-Pflaster,
Seidelbast, Haarseile (Fontanelle), Autenriethsche Salbe, Moxa,
glühendes Eisen, Akupunktur, u.s.w., ebenfalls nach dem Vorgange
der in Krankheiten sich zur Hülfe selbst überlassenen,
rohen Natur, welche sich durch Schmerz- Erregung an entfernten Körpertheilen,
durch Metastasen und Abscesse, durch erregte Ausschläge und
jauchende Geschwüre von der dynamischen Krankheit (und ist
diese eine chronische, vergeblich) loszuwinden sucht.
Offenbar also nicht verständige Gründe, sondern einzig
die sich das Curiren bequem machen wollende Nachahmung verleitete
die alte Schule zu diesen unhülfreichen und verderblichen,
indirecten Curmethoden, der ableitenden sowohl, als der antagonistischen
- bewogen sie zu dieser so wenig dienlichen, so schwächenden,
und so angreifenden Verfahrungsart, Krankheiten auf einige Zeit
anscheinend zu mindern oder zu beseitigen, daß ein anderes
schlimmeres Uebel dafür erweckt wurde, an des erstern Stelle
zu treten. Heilung kann man doch wohl so eine Verderbung nicht nennen
?
Sie folgte bloß dem Vorgange der rohen instinktartigen Natur
in deren, bloß bei mäßigen, acuten Krankheits-Anfällen
nothdürftig (1) durchkommenden Be
---------
1) Man sah in der gewöhnlichen Medicin die Selbsthülfe
der Natur des Organisms bei Krankheiten, wo keine Arznei angewendet
ward, als nachahmungswürdige Muster-Curen an. Aber man irrte
sich sehr. Die jammervolle, höchst unvollkommne Anstrengung
der Lebenskraft zur Selbsthülfe in acuten Krankheiten ist ein
Schauspiel, was die Menschheit zum thätigen Mitleid und zur
Aufbietung aller Kräfte unsers verständigen Geistes auffordert,
um dieser Selbstqual durch ächte Heilung ein Ende zu
25
Strebungen - sie machte es bloß der sich in Krankheiten selbst
überlassenen, keiner Ueberlegung fähigen Lebens-Erhaltungs-Kraft
nach, welche, einzig auf den
--------
machen. Kann die Natur eine im Organism schon bestehende Krankheit
nicht durch Anbringung einer neuen, andern, ähnlichen Krankheit
(§ 43-46.), dergleichen ihr äußerst selten zu Gebote
steht (§ 50.), homöopathisch heilen, und bleibt es dem
Organism allein überlassen, aus eignen Kräften, ohne Hülfe
von außen, eine neu entstandene Krankheit zu überwinden
(bei chronischen Miasmen ist ohnehin sein Widerstand unmächtig),
so sehen wir nichts als qualvolle, oft gefährliche Anstrengungen
der Natur des Individnums, sich zu retten, es koste, was es wolle,
nicht selten mit Auflösung des irdischen Daseyns, mit dem Tode
geendigt.
So wenig wir Sterbliche den Vorgang im Haushalte des gesunden Lebens
einsehen, so gewiß er uns, den Geschöpfen, eben so verborgen
bleiben muß, als er dem Auge des allsehenden Schöpfers
und Erhalters seiner Geschöpfe offen daliegt, so wenig können
wir auch den Vorgang im Innern beim gestörten Leben, bei Krankheiten,
einsehen. Der innere Vorgang in Krankheiten wird nur durch die wahrnehmbaren
Veränderungen, Beschwerden und Symptome kund, wodurch unser
Leben die innern Störungen einzig laut werden läßt,
so daß wir in jedem vorliegenden Falle nicht einmal erfahren,
welche von den Krankheits-Symptomen Primärwirkung der krankhaften
Schädlichkeit, oder welche Reaction der Lebenskraft zur Selbsthülfe
seyen. Beide fließen vor unsern Augen in einander und stellen
uns bloß ein nach außen reflectirtes Bild des innern
Gesammtleidens dar, indem die unhülfreichen Bestrebungen des
sich selbst überlassenen Lebens, das Leiden zu enden, selbst
Leiden des ganzen Organisms sind. Daher liegt auch in den, durch
die Natur zu Ende schnell entstandener Krankheiten gewöhnlich
veranstalteten Ausleerungen, die man Crisen nennt, oft mehr Leiden,
als heilsame Hülfe.
Was die Lebenskraft in diesen sogenannten Crisen und wie sie es
veranstaltet, bleibt uns, wie aller innere Vorgang des organischen
Haushaltes des Lebens, verborgen. So viel ist indeß sicher,
daß sie in dieser ganzen An-
26
organischen Gesetzen des Körpers beruhend, einzig nur nach
diesen organischen Gesetzen wirket, nicht nach Verstand und Ueberlegung
zu handeln fähig ist - der rohen Natur, welche klaffende Wundlefzen
nicht wie ein verständiger Wundarzt an einander zu bringen
und durch Vereinigung zu heilen vermag, welche schief von einander
abstehende Knochen-Bruch-Enden, so viel sie auch Knochen-Gallerte
(oft zum Ueberfluß) ausschwitzen läßt, nicht gerade
zu richten und auf einander zu
---------
strengung Mehr oder Weniger von den leidenden Theilen aufopfert
und vernichtet, um das Uebrige zu retten. Diese Selbsthülfe
der bloß nach der organischen Einrichtung unsers Körpers,
nicht nach geistiger Ueberlegung bei Beseitigung der acuten Krankheit
zu Werke gehenden Lebenskraft ist meist nur eine Art Allöopathie;
sie erregt, um die primär leidenden Organe durch Crise zu befreien,
eine vermehrte, oft stürmische Thätigkeit in den Absonderungs-Organen,
um das Uebel jener auf diese abzuleiten; es erfolgen Erbrechungen,
Durchfälle, Harnfluß, Schweiße, Abscesse u.s.w.,
um durch diese Aufreizung entfernter Theile eine Art Ableitung von
den ursprünglich kranken Theilen zu erzielen, da dann die dynamisch
angegriffene Nervenkraft im materiellen Producte sich gleichsam
zu entladen scheint.
Nur durch Zerstörung und Aufopferung eines Theils des Organisms
selbst vermag die sich allein überlassene Natur des Menschen
sich aus acuten Krankheiten zu retten, und, wenn der Tod nicht erfolgt,
doch nur langsam und unvollkommen die Harmonie des Lebens, Gesundheit,
wieder herzustellen.
Die bei Selbstgenesungen zurückbleibende, große Schwäche
der dem Leiden ausgesetzt gewesenen Theile, ja des ganzen Körpers,
die Magerkeit, u. s. w., geben uns dieß zu verstehen.
Mit einem Worte: der ganze Vorgang der Selbsthülfe des Organisms
bei ihm zugestoßenen Krankheiten zeigt dem Beobachter nichts
als Leiden, nichts, was er, um ächt heilkünstlerisch zu
verfahren, nachahmen könnte und dürfte.
27
passen weiß, keine verletzte Arterie unterbinden kann, sondern
den Verletzten in ihrer Energie zu Tode bluten macht, welche, nicht
versteht, einen ausgefallenen Schulter-Kopf wieder einzurenken,
wohl aber durch bald umher zuwege gebrachte Geschwulst die Kunst
am Einrenken hindert - die, um einen in die Hornhaut einsestochenen
Splitter zu entfernen, das ganze Auge durch Vereiterung zerstört
und einen eingeklemmten Leisten-Bruch mit aller Anstrengung doch
nur durch Brand der Gedärme und Tod zu lösen weiß,
auch oft in dynamischen Krankheiten durch ihre Metaschematismen
die Kranken weit unglücklicher macht, als sie vorher waren.
Noch mehr; die größten Peiniger unsers irdischen Daseyns,
die Zunder zu den unzähligen Krankheiten, unter denen seit
Jahrhunderten und Jahrtausenden die gepeinigte Menschheit seufzt,
die chronischen Miasmen (Psora, Syphilis, Sykosis), nimmt die verstandlose
Lebenskraft im Körper ohne Bedenken auf, vermag aber keins
derselben nicht einmal zu mindern, geschweige denn eigenthätig
wieder aus dem Organism zu entfernen; vielmehr läßt sie
dieselben darin wuchern, bis der Tod oft nach einer langen, traurigen
Lebenszeit dem Leidenden die Augen schließt.
Wie könnte wohl die alte Schule, die sich die rationelle nennt,
jene verstandlose Lebenskraft in einer so viel Verstand, Nachdenken
und Urtheilskraft erfordernden, hochwichtigen Verrichtung, als das
Heil-Geschäft ist, zur einzig besten Lehrerin, zur blinden
Führerin wählen, ihre indirecten und revolulionären
Veranstaltungen in Krankheiten ohne Bedenken nachahmen, sie allein
als das non plus ultra, das ersinnlich Beste, nachahmen, da doch,
um sie, zum Wohle der Menschheit, an Hülfsleistung unendlich
übertreffen zu können, uns jene größte Gabe
Gottes, nachdenklicher
28
Verstand und ungebundene Ueberlegungskraft verliehen war ?
Wenn so, bei ihrer unbedenklichen Nachahmung jener rohen, verstandlosen,
automatischen Lebensenergie, die bisherige Arzneikunst in ihren
antagonistischen und ableitenden Cur-Methoden - ihren allgewöhnlichen
Unternehmungen - die unschuldigen Theile und Organe angreift und
sie entweder mit überwiegendem Schmerze afficirt, oder sie,
wie meistens, zu Ausleerungen, unter Verschwendung der Kräfte
und Säfte, nöthigt, will sie die krankhafte Tätigkeit
des Lebens in den ursprünglich leidenden Theilen ab- und auf
die künstlich angegriffenen hinlenken, und so, indirect, durch
Hervorbringung einer weit größern, andersartigen Krankheit
in den gesündern Theilen, also durch einen Kräfte raubenden,
meist schmerzhaften Umweg das Entweichen der natürlichen Krankheit
erzwingen (1).
Die Krankheit entweichet freilich, wenn sie acut und also ihr Verlauf
ohnehin nur zu kurzer Dauer ge-
---------
1) Mit welchem traurigen Erfolge dieses Manöver in chronischen
Krankheiten ausgeführt wird, zeigt die tägliche Erfahrung.
Am wenigsten erfolgt Heilung. Wer wollle es aber auch Besiegung
nennen, wenn, statt den Feind unmittelbar beim Kopfe zu ergreifen
und, Waffe gegen Waffe gekehrt, ihn zu vertilgen, um so dem feindlichen
Einfalle auf einmal ein Ende zu machen, man feig, hinter seinem
Rücken nur brandschatzt, ihm alle Zufuhr abschneidet, alles
weit um ihn her aufzehrt, sengt und brennt; da wird man dem Feinde
wohl endlich allen Mut benehmen, zu widerstehen, aber der Zweck
ist nicht erreicht, der Feind keineswegs vernichtet -- er ist noch
da, und wenn er sich wieder Nahrung und Vorrath verschafft hat,
hebt er sein Haupt nur noch erbitterter wieder empor -- der Feind,
sage ich, ist keineswegs vernichtet, das arme, unschuldige Land
aber so ruinirt, daß es sich in langer Zeit kaum wieder erholen
29
artet war, auch unter diesen heterogenen Angriffen auf entfernte,
dissimiläre Theile - sie ward aber nicht geheilt. Es liegt
nichts in dieser revolutionären Behandlung, welche keine gerade,
unmittelbare, pathische Richtung auf die ursprünglich leidenden
Gebilde hat, was den Ehren-Namen, Heilung verdiente. Oft würde,
ohne diese bedenklichen Angriffe auf das übrige Leben, die
acute Krankheit für sich schon, gewiß wohl noch eher,
verflossen sein, und mit weniger Nachwehen, weniger Aufopferung
von Kräften. Mit einer, die Kräfte erhaltenden, die Krankheit
unmittelbar und schnell auslöschenden, directen dynamischen
(homöopathischen) Behandlung halten ohnehin beide, weder die
von der rohen Naturkraft ausgehende, noch die allöopathische
Copie der letztern, keine Vergleichung aus.
In der bei weitem größten Zahl von Krankheits-Fällen
aber, in den chronischen, richten diese stürmischen, schwächenden,
indirecten Behandlungen der alten Schule fast nie das mindeste Gute
aus.
Nur auf wenige Tage hin suspendiren sie diese oder jene lästige
Krankheits-Aeußerung, welche jedoch wiederkehrt, wenn die
Natur des entfernten Reizes gewohnt ist, und schlimmer kehrt die
Krankheit wieder zurück, weil durch die antagonistischen Schmerzen
(1) und die unzweckmäßigen Ausleerungen die Lebenskräfte
zum Sinken gebracht worden sind.
--------
kann. So die Allöopathie in chronischen Krankheiten, wenn sie
den Organism durch ihre indirecten Angriffe auf die unschuldigen,
vom Krankheits-Sitze entfernten Theile, ohne die Krankheit zu heilen,
zu Grunde richtet. Dieß sind ihre unwohlthätigen Künste!
1) Welchen günstigen Erfolg hatten wohl die so oft angewendeten,
künstlich unterhaltenen, übeln Geruch verbreitenden Geschwüre,
die man Fontanelle nennt? Wenn
30
Während so die meisten Aerzte alter Schule die Hülfs-Bestrebungen
der sich selbst überlassenen, rohen Natur im Allgemeinen nachahmend,
nach Gutdünken (wo eine ihren Gedanken vorschwebende Indication
sie dazu leitete) dergleichen angeblich nützliche Ableitungen
in ihrer Praxis ausführten, unternahmen Andere, welche sich
ein noch höheres Ziel vorsteckten, die in Krankheiten sich
eben zeigenden Anstrengungen der Lebenskraft, sich durch Ausleerungen
und antagonistische Metastasen zu helfen, mit Fleiß zu befördern
und, um ihr gleichsam unter die Arme zu greifen, diese Ableitungen
und Ausleerungen noch zu verstärken, und glaubten bei diesem
nachtheiligen Verfahren duce natura zu handeln und sich mit dem
Namen ministri naturae beehren zu können.
Da in langwierigen Krankheiten die von der Natur des Kranken veranstalteten
Ausleerungen sich nicht selten als, obschon nur kurze Erleichterungen
beschwerlicher Zustände arger Schmerzen, Lähmungen, Krämpfe
u.s.w. ankündigen, so hielt die alte Schule diese Ableitungen
für den wahren Weg, die Krankheiten zu heilen, wenn sie solche
Ausleerungen beförderte, unterhielt, oder gar vermehrte. Sie
sah aber nicht ein, daß alle jene durch die sich selbst überlassene
Natur veranstalteten Auswürfe und Ausscheidungen (anschei-
---------
sie ja in den ersten paar Wochen, so lange sie noch viel Schmerz
verursachen, antagonistisch ein chronisches Uebel etwas zu hemmen
scheinen, so haben sie doch nachgehends, wenn der Körper sich
an den Schmerz gewöhnt hat, keinen andern Erfolg, als den Kranken
zu schwächen und so dem chronischen Siechthume weitern Spielraum
zu verschaffen. Oder wähnt man etwa, noch im l9ten Jahrhunderte,
hiedurch ein Zapfloch für die herauszulassende materia peccans
offen zu erhalten? Fast scheint es so!
31
nende Crisen) in chronischen Krankheiten nur palliative, kurz dauernde
Erleichterungen seyen, welche so wenig zur wahren Heilung beitragen,
daß sie vielmehr im Gegentheile das ursprüngliche, innere
Siechthum mittels der dadurch erfolgenden Verschwendung der Kräfte
und Säfte nur verschlimmern. Nie sah man durch solche Bestrebungen
der rohen Natur irgend einen langwierig Kranken zur dauerhaften
Gesundheit herstellen, nie durch solche vom Organism bewerkstelligte
(1) Ausleerungen irgend eine chronische Krankheit heilen. Vielmehr
verschlimmert sich in solchen Fällen stets, nach kurzer, und
immer kürzere und kürzere Zeit dauernden Erleichterung,
das ursprüngliche Siechthum offenbar, die schlimmen Anfälle
kommen öfterer wieder und stärker, trotz der fortdauernden
Ausleerungen. - So auch, wenn die sich selbst überlassene Natur
bei den dem Leben von einem innern chronischen Uebel drohenden Befährdungen,
sich nicht anders zu helfen weiß, als durch Hervorbringung
äußerer Localsymptome, um die Gefahr von den zum Leben
unentbehrlichen Theilen abzulenken und auf diese für das Leben
nicht unentbehrlichen Gebilde hinzuleiten (Metastase), so führen
diese Veranstaltungen der energischen, aber verstandlosen und keiner
Ueberlegung oder Fürsicht fähigen Lebenskraft doch zu
nichts weniger, als zu wahrer Hülfe oder Heilung; sie sind
bloß palliative, kurze Beschwichtigungen für das gefährliche,
innere Leiden, unter Vergeudung eines großen Theils der Säfte
und Kräfte, ohne das Ur-Uebel auch nur um ein Haar zu verkleinern;
sie können den, ohne ächte, homöopathische Heilung
unausbleiblichen Untergang höchstens verzögern.
--------
1) Und ebenso wenig durch die künstlich veranstalteten.
32
Die Allöopathie der alten Schule überschätzte nicht
nur bei weitem diese Anstrengungen der rohen automatischen Naturkraft,
sondern mißdeutete sie gänzlich, hielt sie falschlich
für ächt heilsam, und suchte sie zu erhöhen und zu
befördern, in dem Wahne, dadurch vielleicht das ganze Uebel
vernichten und gründlich heilen zu können. Wenn die Lebenskraft
bei chronischen Krankheiten dieses oder jenes beschwerliche Symptom
des inneren Befindens, z.B. durch einen feuchtenden Haut-Ausschlag
zu beschwichtigen schien, da legte der Diener der rohen Naturkraft
(minister naturae) auf die entstandene jauchende Fläche ein
Kanthariden-Pflaster oder ein Exutorium (Seidelbast), um duce natura
noch mehr Feuchtigkeit aus der Haut zu ziehen und so den Zweck der
Natur, die Heilung (durch Entfernung der Krankheits-Materie aus
dem Körper?) zu befördern und zu unterstützen - ;
aber entweder, wenn die Einwirkung des Mittels zu heftig, die feuchtende
Flechte schon alt und der Körper zu reizbar war, vergrößerte
er, nutzlos für das Ur-Uebel, das äußere Leiden
um Vieles, erhöhete die Schmerzen, welche dem Kranken den Schlaf
raubten und seine Kräfte herabsetzten (auch wohl einen fieberhaften
bösartigen Rothlauf [erysipelas] herbeiführten), oder,
bei milderer Einwirkung auf das vielleicht noch neue Localübel,
vertrieb er damit durch eine Art übel angebrachten, äußeren
Homöopathisms das von der Natur zur Erleichterung des innern
Leidens auf der Haut bewerkstelligte Localsymptom von der Stelle,
erneuerte so das innere, gefährlichere Uebel, und verleitete
durch diese Vertreibung des Localsymptoms die Lebenskraft zur Bereitung
eines schlimmeren Metaschematisms auf andere, edlere Theile; der
Kranke bekam gefährliche Augen-Entzündung, oder Taubhörigkeit,
oder Magen-Krämpfe, oder epileptische Zuckungen, oder Er-
33
stickungs- oder Schlagfluß-Anfälle, oder Geistes- oder
Gemüthskrankheit u.s.w. dafür (1).
In demselben Wahne, die Lebenskraft in ihren Heilbestrebungen unterstützen
zu wollen, legte, wenn die kranke Naturkraft Blut in die Venen des
Mastdarms oder des Afters drängte (blinde Hämorrhoiden),
der minister naturae Blutegel an, um dem Blute da Ausgang zu verschaffen,
oft in Menge - mit kurzer, oft kaum nennenswerther Erleichterung,
aber unter Schwächung des Körpers, und Veranlassung zu
noch stärkeren Congestionen nach diesen Theilen, ohne das Ur-Uebel
auch nur im Geringsten zu vermindern.
Fast in allen Fällen, wo die kranke Lebenskraft zur Beschwichtigung
eines innern, gefährlichen Leidens etwas Blut auszuleeren suchte
durch Erbrechen, durch Husten u.s.w., beeiferte sich der Arzt alter
Schule, duce natura, diese vermeintlich heilsamen Natur-Bestrebungen
zu befördern und ließ reichlich Blut aus der Ader, nie
ohne Nachtheil für die Folge und mit offenbarer Schwächung
des Körpers.
Bei öftern, chronischen Uebelkeiten erregte er, in der Meinung,
die Absichten der Natur zu befördern, starke Ausleerung aus
dem Magen und gab tüchtig zu brechen - nie mit gutem Erfolge,
oft mit übeln, nicht selten mit gefährlichen, ja tödtlichen
Folgen.
Zuweilen erregt die Lebenskraft, um das innere Siechthum zu erleichtern,
kalte Geschwülste äußerer Drüsen, und er glaubt,
die Absichten der Natur, als ihr angeblicher Diener, zu befördern,
wenn er sie durch allerlei erhitzende Einreibungen und Pflaster
in Entzündung setzt, um dann die reife Eiterbeule mit
--------
1) Natürliche Folgen der Vertreibung solcher Localsymptome
- Folgen, die oft vom allöopatischen Arzte für ganz andere,
neu entstandene Krankheiten ausgegeben werden.
34
dem Schnitte zu öffnen und die böse Krankheits-Materie
(?) herauszulassen. Welches langwierige Unheil aber dadurch, fast
ohne Ausnahme, veranlaßt wird, lehrt die Erfahrung hundertfältig.
Und da er öfters kleine Erleichterungen großer Uebel
in langwierigen Krankheiten durch von selbst entstandenen Nacht-Schweiß
oder durch manche dünne Stuhl-Ausleerungen bemerkt hatte, so
wähnt er sich berufen, diesen Natur-Winken (duce natura ) zu
folgen und sie befördern zu müssen durch Veranstaltung
und Unterhaltung vollständiger Schwitz-Curen, oder Jahre lang
fortgesetzter, sogenannter gelinder Abführungen, um jene, wie
er meint, zur Heilung des ganzen chronischen Leidens führenden
Bestrebungen der Natur (der Lebenskraft des verstandlosen Organisms)
zu fördern und zu vermehren und so den Kranken desto eher und
gewisser von seiner Krankheit (dem Stoffe seiner Krankheit?) zu
befreien.
Aber er bewirkt dadurch stets nur das Gegentheil im Erfolge: Verschlimmerung
des ursprünglichen Leidens.
Dieser seiner vorgefaßten, obgleich grundlosen Meinung zufolge
setzt der Arzt alter Schule jene Beförderung (1) der Triebe
der kranken Lebenskraft fort
--------
1) Mit diesem Verfahren im Widerspruche erlaubte sich auch die alte
Schule das Gegentheil hievon nicht selten, nämlich die Bestrebungen
der Lebenskraft in Beschwichtigung des innern Siechthums durch Ausleerungen
und an den Außentheilen des Körpers veranstaltete Local-Symptome,
wenn sie beschwerlich wurden, durch ihre repercutientia und repellentia
nach Gutdünken zu unterdrücken, die chronischen Schmerzen,
die Schlaflosigkeiten und alten Durchfälle mit waghälsig
gesteigerten Gaben Mohnsaft, die Erbrechungen mit der brausenden
Salz-Mixtur, die stinkenden Fuß-Schweiße mit kalten
Fußbädern und adstringirenden Umschlägen, die Haut-Ausschläge
mit Blei- und Zink-Prä-
35
und vermehrt jene, doch nie zum gedeihlichen Ziele, bloß
zum Ruine führenden Ableitungen und Ausleerungen bei dem Kranken,
ohne inne zu werden, daß alle die zur Beschwichtigung des
ursprünglichen, chronischen Leidens von der sich selbst überlassenen,
verstandlosen Lebenskraft veranstalteten und unterhaltenen Localübel,
Ausleerungen und anscheinenden Ableitungs-Bestrebungen gerade die
Krankheit selbst, die Zeichen der ganzen Krankheit sind, gegen welche
zusammen eigentlich eine nach Aehnlichkeits-Wirkung gewählte,
homöopathische Arznei das einzig hülfreiche Heilmittel
und zwar, auf kürzestem Wege gewesen sein würde.
Da schon was die rohe Natur thut, um sich in Krankheiten zu helfen,
in acuten sowohl als vielmehr in chronischen, höchst unvollkommen
und selbst Krankheit ist, so läßt sich leicht ermessen,
daß die künstliche Beförderung dieser Unvollkommenheit
und Krankheit noch mehr schaden, wenigstens selbst bei acuten Uebeln
nichts an der Natur-Hülfe verbessern konnte, da die Arzneikunst
die verborgnen Wege, auf
-------
paraten zu vertreiben, die Bährmütter-Blutflüsse
mit Essig-Einspritzungen, die colliquativen Schweiße mit Alaun-Molken,
die nächtlichen Samen-Ergießungen mit vielem Kampfer-Gebrauch,
die öftern Anfälle fliegender Körper- und Gesichts-Hitze
mit Salpeter und Gewächs- und Schwefel-Säure, das Nasen-Bluten
durch Tamponiren der Nasenlöcher mit Pfropfen in Weingeist
oder adstringirende Flüssigkeiten getaucht, zu hemmen, und
mit Blei- und Zink-Oxyden die, große innere Leiden zu beschwichtigen
von der Lebenskraft veranstalteten, jauchenden Schenkel-Geschwüre
auszutrocknen, u.s.w. - aber mit welchen traurigen Folgen? zeigen
tausend Erfahrungen.
Mit dem Munde und mit der Feder brüstet sich der Arzt alter
Schule, ein rationeller Arzt zu sein und den Grund der Krankheit
aufzusuchen, um gründlich stets zu heilen; aber siehe, da kurirt
er nur auf ein einzelnes Symptom los und immer zum Schaden des Kranken.
36
welchen die Lebenskraft ihre Crisen veranstaltet, nicht zu betreten
im Stande war, sondern nur durch angreifende Mittel von außen
es zu bewirken unternimmt, welche noch weniger wohlthätig,
als was die sich selbst überlassene, instinktartige Lebenskraft
auf ihre Weise thut, aber dagegen noch störender sind und noch
mehr die Kräfte rauben. Denn auch die unvollkommne Erleichterung,
welche die Natur durch ihre Ableitungen und Crisen bewirkt, kann
die Allöopathie auf ähnlichem Wege nicht erreichen; sie
bleibt noch tief unter der jämmerlichen Hülfe, welche
die sich allein überlassene Lebenskraft zu verschaffen vermag,
mit ihren Bemühungen zurück.
Man hat durch ritzende Werkzeuge ein dem natürlichen nachgemachtes
Nasenbluten hervorzubringen gesucht, um die Anfälle z.B. eines
chronischen Kopfschmerzes zu erleichtern. Da konnte man wohl Blut
in Menge aus den Nasenhöhlen rinnen machen und den Menschen
schwächen, aber die Erleichterung davon war entweder Null oder
doch weit geringer, als wenn zu andrer Zeit die instinktartige Lebenskraft
aus eigenem Triebe auch nur wenige Tropfen ausfließen ließ.
Ein sogenannter kritischer Schweiß oder Durchfall von der
stets thätigen Lebenskraft nach schneller Erkrankung von Aergerniß,
Schreck, Verheben oder Verkälten veranlaßt, wird weit
erfolgreicher, wenigstens vor der Hand, die acuten Leiden beseitigen,
als alle Schwitzmittel oder Abführungs-Arzneien aus der Apotheke,
die nur kränker machen, wie die tägliche Erfahrung lehrt.
Doch ward die, für sich, nur nach körperlicher Einrichtung
unsers Organisms zu wirken fähige, nicht nach Verstand, Einsicht
und Ueberlegung zu handeln geeignete Lebenskraft uns Menschen nicht
dazu verliehen, daß wir sie für die bestmöglichste
Krankheits-
37
heilerin annehnnen sollten, jene traurigen Abweichungen von Gesundheit
in ihr normales Verhältniß wieder zurück zu führen,
und noch weniger dazu, daß die Aerzte ihre unvollkommnen,
krankhaften Bestrebungen (sich selbst aus Krankheiten zu retten),
sklavisch, und mit, unstreitig noch zweckwidrigern und angreifendern
Veranstaltungen, als sie selbst vermag, nachahmen und dadurch sich
bequemlich den zur Erfindung und Ausführung der edelsten aller
menschlichen Künste - der wahren Heilkunst - erforderlichen
Aufwand von Verstand, Nachdenken und Ueberlegung ersparen sollten
- eine schlechte Copie jener, wenig wohlthätigen Selbsthülfe
der rohen Naturkraft für Heilkunst, für rationelle Heilkunst
ausgebend!
Welcher verständige Mensch wollte ihr denn nachahmen in ihren
Rettungs-Bestrebungen? Diese Bestrebungen sind ja eben die Krankheit
selbst und die krankhaft afficirte Lebenskraft ist die Erzeugerin
der sich offenbarenden Krankheit! Nothwendig muß also alles
künstliche Nachmachen und auch das Unterdrücken dieser
Bestrebungen das Uebel entweder vermehren, oder durch Unterdrückung
gefährlich machen, und beides thut die Allöopathie; das
sind ihre schädlichen Handlungen, die sie für Heilkunst,
für rationelle Heilkunst ausgiebt!
Nein! jene dem Menschen angeborne, das Leben auf die vollkommenste
Weise während dessen Gesundheit zu führen bestimmte, herrliche
Kraft, gleich gegenwärtig in allen Theilen des Organisms, in
der sensibeln wie in der irritabeln Faser und unermüdete Triebfeder
aller normalen, natürlichen Körper-Verrichtungen, ward
gar nicht dazu erschaffen, um sich in Krankheiten selbst zu helfen,
nicht, um eine nachahmungswürdige Heilkunst auszuüben
-Nein! wahre Heilkunst ist jenes nachdenkliche Geschäft,
38
was dem höhern Menschen-Geiste, der freien Ueberlegung, und
dem wählenden, nach Gründen entscheidenden Verstande obliegt,
um jene instinktartige und verstand- und bewußtlose, aber
automatisch energische Lebenskraft, wenn sie durch Krankheit zu
innormaler Thätigkeit verstimmt worden, mittels einer, dieser
ähnlichen Affection, von homöopathisch ausgewählter
Arznei erzeugt, dergestalt arzneikrank, und zwar in einem etwas
höhern Grade umzustimmen, daß die natürliche Krankheits-Affection
nicht mehr auf sie wirken könne und sie so derselben quitt
werde, einzig noch beschäftigt bleibend mit der so ähnlichen,
etwas stärkern Arzneikrankheits-Affection, gegen welche sie
nun ihre ganze Energie richtet, die aber bald von ihr überwältigt,
sie aber dadurch frei und fähig wird, wieder zur Norm der Gesundheit
und zu ihrer eigentlichen Bestimmung, "der Belebung und Gesund-Erhaltung
des Organisms" zurückzukehren ohne bei dieser Umwandlung
schmerzhafte oder schwächende Angriffe erlitten zu haben. Dieß
zu bewirken, lehrt die homöopathische Heilkunst.
-------
Bei den angeführten Cur-Methoden der alten Schule entrannen
zwar allerdings nicht wenige Kranke ihren Krankheiten, doch nicht
den chronischen (unvenerischen); nur den acuten, ungefährlichen,
und doch nur auf beschwerlichen Umwegen, und oft so unvollkommen,
daß man die Curen nicht durch milde Kunst vollführte
Heilungen nennen konnte. Die acuten Krankheiten wurden von ihr in
den nicht sehr gefährlichen Fällen mittels Blutentziehungen
oder Unterdrückung eines der
39
Hauptsymptome durch ein enantiopathisches Palliativmittel (contraria
contrariis) so lange niedergehalten, oder mittels auf andern, als
den kranken Punkten, gegenreizender und ableitender (antagonistischer
und revellirender) Mittel bis zu dem Zeitpunkte suspendirt, wo die
natürliche Verlaufs-Zeit des kurzen Uebels vorüber war
- also auf Kräfte und Säfte raubenden Umwegen, und dergestalt,
daß der eignen Natur des so Behandelten das Meiste und Beste
zur vollständigen Beseitigung der Krankheit und Wiederersetzung
der verlornen Kräfte und Säfte zu thun übrig blieb
- der Lebens-Erhaltungs-Kraft, welche nächst der Beseitigung
des natürlichen, acuten Uebels, auch die Folgen unzweckmäßiger
Behandlung zu besiegen hatte und so in den ungefährlichen Fällen
mittels ihrer eignen Energie, doch oft mühsam, unvollkommen
und unter mancherlei Beschwerde die Functionen in ihr normales Verhältniß
allmälig wieder einsetzen konnte.
Es bleibt sehr zweifelhaft, ob der Genesungs-Proceß der Natur
durch dieses Eingreifen der bisherigen Arzneikunst bei acuten Krankheiten
wirklich, auch nur in Etwas abgekürzt oder erleichtert werde,
indem diese gleichfalls nicht anders, als indirect, wie jene (die
Lebenskraft) zu Werke gehen konnte, ihr ableitendes und antagonistisches
Verfahren aber noch viel angreifender ist und noch weit mehr Kräfte
raubt.
-------
Noch hat die alte Schule ein Cur-Verfahren, die sogenannte erregende
und stärkende Cur-Methode (1) (durch excitantia, nervina, tonica,
confortantia, roborantia). Es ist zu verwundern, wie sie sich derselben
rühmen konnte.
--------
1) Sie ist recht eigentlich enantiopathisch, und ich werde ihrer
noch im Texte des Organons (§. 59.) gedenken.
40
Hat sie wohl je die so häufige, von einem chronischen Siechthum
erzeugte und unterhaltene, oder vermehrte Schwäche des Körpers
durch Verordnung ätherischen Rheinweins, oder feurigen Tokayers,
wie sie unzählige Mal versuchte, heben können? Die Kräfte
sanken dabei (weil die Erzeugerin der Schwäche, die chronische
Krankheit von ihr nicht geheilt werden konnte) allmälig nur
desto tiefer, je mehr des Weins dem Kranken aufgeredet worden war,
weil künstlichen Aufregungen die Lebenskraft Erschlaffung in
der Nachwirkung entgegensetzt.
Oder gaben die Chinarinde, oder ihre mißverstandenen, vieldeutigen
und andersartig schädlichen Amara in diesen so häufigen
Fällen Kräfte? Setzten diese unter allen Verhältnissen
für tonisch und stärkend ausgegebenen Gewächs-Substanzen
sammt den Eisenmitteln nicht oft noch neue Leiden aus ihren eigenthümlichen,
krank machenden Wirkungen zu den alten hinzu, ohne die auf ungekannter,
alter Krankheit beruhende Schwäche beseitigen zu können?
Hat man wohl die von einem chronischen Siechthume, wie so allgewöhnlich,
entsprossene, anfangende Lähmung eines Armes oder Beines, ohne
Heilung des Siechthums selbst, durch die sogenannten unguenta nervina
oder die andern geistigen, balsamischen Einreibungen auf die Dauer
jemals auch nur um Etwas mindern können? Oder haben in diesen
Fällen electrische oder Voltaische Schläge je etwas Anderes
in solchen Gliedern als nach und nach vollkommnere, ja vollkommne
Lähmung und Ertödtung aller Muskel-Erregbarkeit und Nerven-Reizbarkeit
zur Folge gehabt (1)?
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1) Die Schwachhörigen besserten sich von der Voltaischen Säule
des Jeverschen Apothekers bei mäßigen Schlägen nur
auf einige Stunden - bald thaten diese
41
Brachten die gerühmten excitantia und aphrodisiaca, die Ambra,
der Meer-Stinz, die Canthariden-Tinktur, die Trüffeln, Cardemonen,
Zimmt und Vanille das allmälig geschwächte Begattungs-Vermögen
(wobei jederzeit ein unbeachtetes, chronisches Miasm zum Grunde
lag) nicht stets zur völligen Impotenz herunter?
Wie kann man sich einer, etliche Stunden dauernden Aufregung und
Bekräftigung rühmen, wenn der nachbleibende Erfolg das
dauernde Gegentheil, Unheilbarmachung des Uebels - nach den Gesetzen
der Natur aller Palliative - bewirken muß? Das wenige Gute,
was die excitantia und roborantia bei der Erholung aus (auf alte
Art behandelten) acuten Krankheiten hervorbrachten, ward tausendfach
von dem Nachtheile derselben in chronischen Uebeln überwogen.
Wo die alte Medicin nicht weiß, was sie mit einer langwierigen
Krankheit anzufangen habe, da curirt sie blindhin mit ihren sogenannten
verändernden Mitteln (alterantia) los; und da sind die Mercurialia
(Calomel, Aetzsublimat und Quecksilber-Salbe) ihr fürchterliches
Hauptmittel, was sie (in unvenerischen Krankheiten!) verderblicher
Weise, oft in so großer Masse und so lange, Zeit auf den kranken
Körper wirken läßt, bis die ganze Gesundheit untergraben
ist. Sie erzeugt so allerdings große Veränderungen, aber
stets solche, die nicht gut sind, und stets verderbt sie vollends
die Gesundheit mit diesem, am unrechten Orte gegeben, äußerst
verderblichen Metalle.
-------
nichts mehr; er mußte, um ein Gleiches zu bewirken, mit den
Schlägen steigen, bis auch diese nichts mehr halfen, da dann
die stärksten zwar anfänglich das Gehör des Kranken
noch auf kurze Zeit aufreizten, sie aber zuletzt stocktaub hinterließen.
42
Wenn sie die Chinarinde, welche als homöopathisches Fieber-Mittel
bloß für wahre Sumpf-Wechselfieber, wenn Psora nicht
hindert, specifisch ist, nun auch allen, oft über große
Länder sich verbreitenden, epidemischen Wechselfiebern in großen
Gaben entgegensetzt, so zeigt die alte Medicinschule ihre Unbesonnenheit
handgreiflich, denn diese kommen in einem fast alljährig verschiedenen
Charakter vor, und verlangen daher fast immer eine andere homöopathische
Arznei zur Hülfe, von welcher sie denn auch immer mittels einer
oder etlicher weniger, sehr kleiner Gaben gründlich geheilt
werden in einigen Tagen. Da glaubt nun die alte Schule, weil diese
epidemischen Fieber auch periodische Anfälle (typus) haben,
sie aber in allen Wechselfiebern nichts als deren typus sieht, auch
kein andres Fieber-Heilmittel kennt, als China, und auch kein andres
kennen lernen will, da wähnt, sage ich, die alte Schlendrians-Schule,
daß, wenn sie nur den typus der epidemischen Wechselfieber
mit gehäuften Gaben China und ihres theuern Auszugs (Chinin)
unterdrücken könne (was die zwar unverständige, hier
aber doch gescheutere Lebenskraft oft Monate lang zu verhindern
strebt), sie habe diese epidemischen Wechselfieber geheilt. Aber
der betrogene Kranke wird stets elender nach solcher Unterdrückung
der Anfallzeit (typus) seines Fiebers, als er im Fieber selbst war:
erdfahlen Gesichts, engbrüstig, in den Hypochondern wie zusammen
geschnürt, mit verdorbnen Eingeweiden, ohne gesunden Appetit,
ohne ruhigen Schlaf; matt und muthlos, oft mit praller Geschwulst
der Beine, des Bauchs, auch wohl des Gesichts und der Hände
schleicht er, als geheilt entlassen, aus dem Krankenhause und nicht
selten gehören Jahre mühsamer, homöopathischer Behandlung
dazu, einen solchen in der Wurzel verdorbnen (geheilten?) künstlich
kachektischen
43
Kranken nur vom Tode zu erretten, geschweige gar zu heilen und
gesund zu machen.
Die träge Unbesinnlichkeit in Nervenfiebern freut sich die
alte Schule durch den hier antipathischen Baldrian auf Stunden zu
einer Art Munterkeit umwandeln zu können; aber indem dieß
nicht vorhält, und sie eine kurze Belebung durch immer größere
Gaben Baldrians erzwingen muß, so kömmt es bald dahin,
daß auch die größeren Gaben um nichts mehr beleben,
in der Nachwirkung dieses, hier nur in der Erstwirkung aufreitzenden
Palliativs aber die ganze Lebenskraft erlahmt und ein solcher Kranker
seiner baldigen Ertödtung durch dieses rationelle Cur-Verfahren
der alten Schule gewiß ist; keiner kann entrinnen. Und wie
gewiß sie damit tödtet, sieht diese Schlendrians-Kunst
doch nicht ein; sie schiebt den Tod nur auf die Bösartigkeit
der Krankheit.
Ein für chronische Kranke fast noch schrecklicheres Palliativ
ist die digitalis purpurea, auf die sich die bisherige Arzneischule
so herrliches zu Gute thut, wenn sie den zu schnellen gereizten
Puls in chronischen Krankheiten (ächt symptomatisch!) langsamer
damit erzwingen will. Auffallend, es ist wahr, verlangsamert dieses
ungeheure, hier enantiopathisch angewendete Mittel den schnellen,
gereizten Puls und vermindert die Arterien-Schläge um Vieles
nach der ersten Gabe, auf etliche Stunden; aber er wird bald wieder
schleuniger. Die Gabe wird erhöhet, um ihn nur etwas wieder
langsamer zu machen, und er wird es, doch auf noch kürzere
Zeit, bis auch diese und noch viel höhere Palliations-Gaben
dieß nicht mehr bewirken und der Puls in der endlich nicht
mehr abzuhaltenden Nachwirkung des Fingerhuts nun weit schneller
wird, als er vor dem Gebrauche dieses Krautes war - er wird nun
unzählbar, unter Verschwindung
44
alles Schlafs, alles Appetits, aller Kräfte - eine sichere
Leiche - abgeschlachtet; keiner von diesen entrinnt dann dem Tode,
wenn er nicht in unheilbaren Wahnsinn geräth (1).
So curirte der Allöopathiker. Die Kranken aber mußten
sich in diese traurige Nothwendigkeit fügen, weil sie keine
bessere Hülfe bei den übrigen Aliöopathikern fanden,
welche aus denselben trugvollen Büchern waren gelehrt worden.
Die Grund-Ursache der chronischen (nicht venerischen) Krankheiten
blieb diesen, mit Causal-Curen und mit Erforschung (2) der Genesis
bei ihrer Diagnose vergeblich sich brüstenden Praktikern, sammt
den Heilmitteln derselben unbekannt; wie hätten sie wohl jene
ungeheure Ueberzahl langwieriger Krankheiten mit ihren indirecten
Curen heben wollen, welche von der, nicht zum Vorbilde im Heilen
bestimmten Selbsthülfe der verstandlosen Lebenskraft nur verderbliche
Nachahmungen waren?
Den vermeintlichen Charakter des Uebels hielten sie für die
Krankheits-Ursache und richteten daher ihre
-------
1) Und dennoch rühmt der Vorsteher dieser alten Schule, Hufeland
(s. Homöopathie, S. 22), die digitalis zu dieser Absicht, sich
viel darauf zu gute thuend, mit den Worten, "Niemand wird leugnen"
(nur die stete Erfahrung thut's!) "daß zu heftige Circulation
durch - digitalis aufgehoben (?) werden kann." Dauerhaft? Aufgehoben?
Durch ein heroisches enanthiopathisches Mittel ? Armer Hufeland
!
2) Die Hufeland in seinem Pamphlet: Die Homöopathie (S. 20)
seiner alten Unkunst vergeblich vindicirt. Denn da, wie bekannt,
vor Erscheinung meines Buchs (die chron. Kr.) die drittehalbtausendjährige
Allöopathie nichts von der Quelle der meisten chronischen Krankheiten
(der Psora) wußte, mußte sie da nicht den langwierigen
Uebeln eine andere falsche Quelle (genesis) anlügen ?
45
angeblichen Causal-Curen gegen Krampf, Entzündung (Plethora),
Fieber, allgemeine und partielle Schwäche, Schleim, Fäulniß,
Infarkten, u.s.w. die sie durch ihre (ihnen nur oberflächlich
bekannten) krampfstillenden, antiphlogistischen, stärkenden,
erregenden, antiseptischen, auflösenden, zertheilenden, ableitenden,
ausleerenden, antagonistischen Mittel hinwegzuräumen wähnten.
Nach so allgemeinen Indicationen aber lassen die Arzneien sich
nicht zur Hülfe finden, am allerwenigsten in der alten Schule
bisherigen Materia medica, die, wie ich anderswo (1) zeigte, meist
nur auf Vermuthung beruhte und auf falschen Schlüssen ab usu
in morbis, mit Lug und Trug vermischt.
Und eben so gewagt gingen sie gegen die noch hypothetischeren,
sogenannten Indicationen - gegen Mangel oder Uebermaß an Sauer-,
Stick-, Kohlen- oder Wasserstoff in den Säften, gegen Steigerung
oder Minderung der Irritabilität, Sensibilität, Reproduction,
Arteriellität, Venosität, Capillarität, Asthenie
u.s.w., zu Felde, ohne Hülfsmittel zur Erreichung so phantastischer
Zwecke zu kennen. Es war Ostentation. Es waren Curen - nicht zum
Wohle der Kranken.
Doch aller Anschein von zweckmäßiger Behandlung der
Krankheiten verschwand jedoch vollends ganz durch die von den ältesten
Zeiten her eingeführte, und sogar zum Gesetz gemachte Vermischung
der in ihrer wahren Wirkung fast ohne Ausnahme ungekannten und stets
und ganz ohne Ausnahme von einander so abweichenden Arznei-Substanzen
zum Recepte. Man setzte darin eine (auch dem Umfange ihrer Arznei-Wirkungen
nicht gekannte) Arznei zum Hauptmittel (basis) vorne an, welche
den vom Arzte angenommenen
-------
1) Vor dem dritten Theile der reinen Arzneimittellehre: Quellen
d. bish. Materia Medica.
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Haupt-Charakter der Krankheit besiegen sollte, fügte noch
dieses oder jenes (ebenfalls nach dem Umfange seiner arzneilichen
Wirkungen nicht gekannte) Mittel zur Beseitigung dieser oder jener
Neben-Indication oder als Verstärkungs-Mittel (adjuvantia)
hinzu, auch wohl noch ein angebliches (ebenfalls nach dem Umfange
seiner Arzneikräfte nicht gekanntes) Verbesserungs-Mittel (corrigens),
ließ das alles (kochen, ausziehen) mischen - auch wohl mit
einem, wieder anders arzneilichen Sirupe oder destillirten, arzneilichen
Wasser in die Form bringen, und wähnte nun, jeder dieser Mischungs-Theile
(Ingredienzen) werde die ihm in den Gedanken des Verschreibers zugetheilten
Verrichtungen im kranken Körper zur Ausführung bringen,
ohne sich von den übrigen, dazu gemischten Dingen stören,
oder irre machen zu lassen, was doch verständiger Weise gar
nicht zu erwarten ist. Eins hob ja das andre in seiner Wirkung ganz
oder zum Theil auf, oder gab ihm und den übrigen eine andre,
nicht geahnete, nicht zu vermuthende Thätigkeits-Beschaffenheit
und Wirkungs-Richtung, so daß die erwartete Wirkung unmöglich
erreicht werden konnte; es erfolgte, was man von dem unerklärlichen
Räthsel von Mischung nicht erwartet hatte, noch erwarten konnte,
oft eine im Tumulte der Krankheits-Symptome nicht bemerkbare, neue
Krankheits-Verstimmung, welche bleibend ward bei langem Fortgebrauche
des Recepts - also, eine hinzugesetzte, mit der ursprünglichen
sich complicirende Kunst-Krankheit, eine Verschlimmerung der ursprünglichen
Krankheit - oder, wenn das Recept nicht oft wiederholt, sondern
von einem oder mehren, neu verschriebenen, aus andern Ingredienzen,
bald nach einander, verdrängt ward, so entstand doch, zum allerwenigsten,
ein vermehrtes Sinken der Kräfte, weil die in solchem Sinne
verordneten Substanzen
47
wenig oder gar keinen directen, pathischen Bezug auf das ursprüngliche
Leiden weder hatten, noch haben sollten, sondern nur die von der
Krankheit am wenigsten befallenen Punkte angriffen nutzloser und
schädlicher Weise.
Mehrerlei Arzneien, selbst wenn man die Wirkungen jeder einzelnen
auf den menschlichen Körper genau gekannt hätte ( - der
Receptschreiber kennt aber oft nicht den tausendsten Theil derselben
- ), mehrerlei solche Ingredienzen, sage ich, deren manche schon
selbst vielfach componirt waren, und deren einzelner genaue Wirkung
so gut als nicht bekannt, gleichwohl im Grunde doch immer sehr von
der der übrigen verschieden ist, zusammen in eine Formel mischen
zu lassen, damit dieß unbegreifliche Gemisch von dem Kranken
in großen Gaben, oft wiederholt, eingenommen werde, und dennoch
irgend eine beabsichtigte, gewisse Heilwirkung bei ihm damit erzielen
zu wollen; diese Unverständigkeit empört jeden nachdenkenden
Unbefangenen (1).
-------
1) Die Widersinnigkeit der Arzneigemische haben selbst Männer
aus der gewöhnlichen Arzneischule eingesehen, ob sie gleich
in der Praxis selbst diesem ewigen Schlendriane, wider ihre Einsicht,
folgten. So drückt Marcus Herz (in Hufel. Journ. d. pr. A.
II. S. 33) seine Gewissensregung durch folgende Worte aus: "Wollen
wir den Entzündungszustand heben, so bedienen wir uns weder
des Salpeters, noch des Salmiaks, noch der Pflanzensäure allein,
sondern wir vermischen gewöhnlich mehrere, und öfters
nur zu viele, sogenannte antiphlogistische Mittel zusammen, oder
lassen sie zu gleicher Zeit neben einander gebrauchen. Haben wir
der Fäulniß Widerstand zu thun, so genügt es uns
nicht, von einer der bekannten antiseptischen Arzneien, von der
Chinarinde, den Mineralsäuren, der Wohlverleih, der Schlangenwurz
u.s.w. allein, in großer Menge gegeben, unsern Endzweck zu
erwarten; wir setzen lieber mehrere derselben zusammen, und rechnen
auf das Ge-
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Der Erfolg widerspricht natürlich jeder bestimmten Erwartung.
Es entstehen allerdings Veränderungen und Erfolge, aber keine
zweckmäßigen, keine guten - schädliche, verderbliche!
Ich möchte den sehen, welcher dergleichen blindes Hineinarbeiten
in den kranken menschlichen Körper Heilung nennen wollte!
Nur mittels des beim Kranken noch übrigen Vorraths von Lebensprincip,
wenn es durch die angemessene Arznei zur richtigen Thätigkeit
gestimmt wird, läßt sich Heilung erwarten, nicht aber
von einer kunstgemäß bis zum Verscheiden getriebene Ausmergelung
des Körpers, und doch weiß die alte Schule nichts Anders
mit langwierig Kranken anzufangen, als hineinzuarbeiten auf die
Leidenden mit lauter marternden, Kräfte und Säfte verschwendenden
und Leben verkür-
-------
meinschaftliche ihrer Wirkung, oder werfen wohl gar, aus Unwissenheit,
wessen Thätigkeit in dem vorhandenen Falle die angemessenste
sey, mannigfaltige Dinge unter einander, und übergeben es gleichsam
dem Zufalle, eins von ihnen die beabsichtigte Veränderung hervorbringen
zu lassen. So erregen wir Schweiß, verbessern Blut (?), lösen
Stockungen (?) befördern Auswurf und entleeren sogar die ersten
Wege so selten durch einzelne Mittel; immer sind unsere Vorschriften
zu diesem Endzwecke zusammengesetzt, fast nie einfach und rein,
folglich (sind es) auch nicht die Erfahrungen in Rücksicht
auf die Wirkungen ihrer einzelnen, enthaltenen Stoffe. Zwar stiften
wir unter den Mitteln in unsern Formeln nach schulgerechter Weise
eine Art von Rangordnung, und nennen dasjenige, dem wir eigentlich
die Wirkung auftragen, die Grundlage (basis) und die übrigen
die Helfer, Unterstützer (adjuvantia), Verbesserer (corrigentia)
u.s.w. Allein offenbar liegt bei dieser Charakterisirung größtenteils
bloße Willkür zum Grunde. Die Helfer und Unterstützer
haben eben so gut Antheil an der ganzen Wirkung, als das Hauptmittel,
wiewohl wir aus Mangel eines Maaßstabes den Grad desselben
49
zenden Mitteln! Kann sie retten, während sie zu Grunde richtet?
Kann sie einen andern Namen als den einer Unheilkunst verdienen?
Sie handelt, lege artis, möglichst zweckwidrig und sie thut
(fast könnte es scheinen, geflissentlich) alloia, d.i. das
Gegentheil von dem, was sie thun sollte. Kann man sie rühmen?
Kann man sie ferner dulden?
In neuern Zeiten hat sie sich vollends an Grausamkeit gegen ihre
kranken Nebenmenschen und an Zweckwidrigkeit in ihren Handlungen
überboten, wie jeder unparteiischer Beobachter zugeben muß
und wie selbst Aerzte ihrer eignen Schule, beim Erwachen ihres Gewissens
(wie Krüger-Hansen) der Welt gestehen mußten.
Es war hohe Zeit, daß der weise und gütige Schöpfer
und Erhalter der Menschen diesen Gräueln
-------
nicht bestimmen können. Gleichergestalt kann der Einfluß
der Verbesserer auf die Kräfte der übrigen Mittel nicht
ganz gleichgültig seyn, sie müssen sie erhöhen, herunterstimmen
oder ihnen eine andre Richtung geben, und wir müssen daher
die heilsame (?) Veränderung, die wir durch eine solche Formel
bewirken, immer als das Resultat ihres ganzen, zusammengesetzten
Inhalts ansehen, und können nie daraus eine reine Erfahrung
von der alleinigen Wirksamkeit eines einzigen Stücks desselben
gewinnen. In der That ist doch unsere Einsicht in dasjenige, worauf
eigentlich bei allen unsern Mitteln das Wesentliche ihrer Kenntniß
beruht, so wie die Kenntniß der vielleicht noch hundertfaltigen
Verwandschaften, in welche sie bei ihrer Vermischung unter einander
treten, viel zu gebrechlich, als daß wir mit Gewißheit
anzugeben Vermögen, wie groß und mannigfaltig die Thätigkeit
eines an sich noch so unbedeutend scheinenden Stoffs seyn kann,
wenn er, verbunden mit andern Stoffen, in den menschlichen Körper
gebracht wird."
50
Einhalt that, Stillstand diesen Tortüren gebot und eine Heilkunst
an den Tag brachte, die das Gegentheil von allem diesem, ohne die
Lebenssäfte und Kräfte durch Brechmittel, jahrelanges
Darmausfegen, warme Bäder und Schwitzmittel oder Speichelfluß
zu vergeuden, oder das Lebensblut zu vergießen, ohne auch
durch Schmerzmittel zu peinigen und zu schwächen, ohne den
Kranken mittels langwierigen Aufdringens falscher, ihrer Wirkung
nach ihnen unbekannter Arzneien angreifender Art, statt die an Krankheiten
Leidenden zu heilen, ihnen neue, chronische Arzneikrankheiten bis
zur Unheilbarkeit aufzuhängen, ohne selbst durch heftige Palliative,
nach dem alten beliebten Wahlspruche: Contraria contrariis curentur,
die Pferde hinter den Wagen zu spannen, kurz ohne die Kranken, wie
der unbarmherzige Schlendrian thut, statt zur Hülfe, den Weg
zum Tode zu führen,- im Gegentheile, die der kranken Kräfte
möglichst schont, und sie auf eine gelinde Weise, mittels weniger,
wohl erwogener und nach ihren ausgeprüften Wirkungen gewählter
einfacher Arzneien in den feinsten Gaben, nach dem einzig naturgemäßen
Heilgesetze: similia similibus curentur, unbeschwert, bald und dauerhaft
zur Heilung und Gesundheit bringt; es war hohe Zeit, daß er
die Homöopathie finden ließ.
Durch Beobachtung, Nachdenken und Erfahrung fand ich, daß
im Gegentheile von der alten Allöopathie die wahre, richtige,
beste Heilung zu finden sey in dem Satze: Wähle, um sanft,
schnell, gewiß und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle
eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (Bmoion paJoV) für
sich erregen kann, als sie heilen soll!
Diesen homöopathischen Heilweg lehrte bisher niemand, niemand
führte ihn aus. Liegt aber die
51
Wahrheit einzig in diesem Verfahren, wie man mit mir finden wird,
so läßt sich erwarten, daß, gesetzt, sie wäre
auch Jahrtausende hindurch nicht anerkannt worden, sich dennoch
thätliche Spuren von ihr in allen Zeitaltern werden auffinden
lassen (1).
Und so ist es auch. In allen Zeitaltern sind die Kranken, welche
wirklich, schnell, dauerhaft und sichtbar durch Arznei geheilt wurden,
und die nicht etwa durch ein anderes wohlthätiges Ereigniß,
oder durch Selbstverlauf der acuten Krankheit, oder in der Länge
der Zeit durch allmäliges Uebergewicht der Körperkräfte
bei allöopathischen und antagonistischen Curen endlich genasen
- denn das direct Geheiltwerden weicht gar sehr ab vom Genesen auf
indirectem Wege -, bloß (obgleich ohne Wissen des Arztes)
durch ein (homöopathisches) Arzneimittel geheilt worden, was
für sich einen ähnlichen Krankheits-Zustand hervorzubringen
die Kraft hatte.
Selbst bei den wirklichen Heilungen mit vielerlei zusammengesetzten
Arzneien, - welche äußerst selten waren,- findet man,
daß das vorwirkende Mittel jederzeit von homöopathischer
Art war.
Doch noch auffallend überzeugender findet man dieß,
wo Aerzte wider die Observanz, - die bisher bloß Arzneimischungen,
in Recepte geformt, zuließ, - zuweilen mit einem einfachen
Arzneistoffe die Heilung schnell zu Stande brachten. Da siehet man,
zum Erstaunen, daß es stets durch eine Arznei geschah, die
-------
1) Denn Wahrheit ist gleich ewigen Ursprungs mit der allweisen,
gütigen Gottheit. Menschen können sie lange unbeachtet
lassen, bis der Zeitpunkt kommt, wo ihr Strahl, nach dem Beschlusse
der Fürsehung, den Nebel der Vorurtheile unaufhaltbar durchbrechen
soll, als Morgenröthe und anbrechender Tag, um dann dem Menschengeschlechte
zu seinem Wohle zu leuchten hell und unauslöschlich.
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geeignet ist, ein ähnliches Leiden, als der Krankheitsfall
enthielt, selbst zu erzeugen, ob diese Aerzte gleich, was sie da
thaten, selbst nicht wußten, und es in einem Anfalle von Vergessenheit
der gegentheiligen Lehren ihrer Schule thaten. Sie verordneten eine
Arznei, wovon sie nach der hergebrachten Therapie gerade das Gegentheil
hätten brauchen sollen, und nur so wurden die Kranken schnell
geheilt (1).
-----
Wenn man die Fälle wegrechnet, wo den gewöhnlichen Aerzten
(nicht ihre Erfindungs-Kunst, sondern) die Empirie des gemeinen
Mannes das für eine sich gleichbleibende Krankheit specifische
Mittel in die Hände gegeben hatte, womit sie daher direct heilen
konnten, z. B. die venerische Schanker-Krankheit mit Quecksilber,
die Quetschungs-Krankheit mit Arnica, die Sumpf-Wechselfieber mit
Chinarinde, die frisch entstandene Krätze mit Schwefelpulver,
u.s.w. - wenn man diese wegrechnet, finden wir, daß alle übrigen
Curen der Aerzte alter Schule in langwierigen Krankheiten, fast
ohne Ausnahme, Schwächungen, Quälereien und Peinigungen
der ohnehin schon leidenden Kranken zu ihrer Verschlimmerung und
zu ihrem Verderben sind, mit vornehmer Miene und Familien ruinirendem
Aufwande.
Es führte sie zuweilen eine blinde Erfahrung auf homöopathische
Krankheils-Behandlung (2), und dennoch
-------
1) Beispiele hievon stehen in den vorigen Ausgaben des Organons
der Heilkunst.
2) So glaubten sie die nach Erkältung angeblich in der Haut
stockende Ausdünstungs-Materie durch die Haut fortzutreiben,
wenn sie im Froste des Erkältungs- Fiebers Holderblüthen-Aufguß
trinken ließen, welcher durch eigenthümliche Wirkungs-Aehnlichkeit
(homöopathisch) ein solches Fieber heben und den Kranken herstellen
kann, am schnell-
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gewahrten sie nicht das Naturgesetz, nach welchem diese Heilungen
erfolgten und erfolgen mußten.
Es ist daher äußerst wichtig für das Wohl der Menschheit,
zu untersuchen, wie diese so äußerst seltenen, als ausgezeichnet
heilbringenden Curen eigentlich zugingen. Der Aufschluß, den
wir hievon finden, ist von der höchsten Bedeutsamkeit. Sie
erfolgten nämlich nie und auf keine Art anders, denn durch
Arzneien von homöopathischer, das ist, ähnliche Krankheit
erregender Kraft, als der zu heilende Krankheitszustand war; sie
erfolgten schnell und dauerhaft durch Arzneien, deren ärztliche
Verordner sie, selbst im Widerspruche mit den Lehren
----
sten und besten ohne Schweiß, wenn er dieses Trankes wenig
und sonst nichts weiter zu sich nahm. - Die harten, acuten Geschwülste,
deren überheftige Entzündung, unter unerträglichen
Schmerzen, ihren Uebergang zur Eiterung hindert, belegen sie mit
oft erneuertem, sehr warmem Brei, und, siehe! die Entzündung
und die Schmerzen mindern sich schnell unter baldiger Bildung des
Abscesses, wie sie an der gilblichen, glänzenden Erhabenheit
und deren fühlbaren Weiche gewahr werden; da wähnen sie
dann, sie hätten durch die Nässe des Breies die Härte
erweicht, da sie doch vorzüglich durch die stärkere Wärme
des Brei-Umschlages das Uebermaß der Entzündung homöopathisch
gestillt und so die baldigste Bildung der Eiterung möglich
gemacht haben. - Warum wenden sie das rothe Quecksilber-Oxyd, welches,
wenn sonst irgend etwas, die Augen entzünden kann, in der St.
Yves-Salbe mit Vortheil in manchen Augen-Entzündungen an? Ist
es schwer einzusehen, daß sie hier homöopathisch verfahren?
- Oder warum sollte bei dem (nicht selten) vergeblichen, ängstlichen
Drängen auf den Urin bei kleinen Kindern und bei dem gemeinen,
vorzüglich durch sehr schmerzhaftes, oftes und fast vergebliches
Harndrängen kennbaren Tripper ein wenig Saft von Petersilie
so augenscheinlich helfen, wenn dieser frische Satt bei Gesunden
nicht schon für sich ein schmerzhaftes, fast vergebliches Nöthigen
zum Uriniren zu-
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aller bisherigen Systeme und Therapien, wie durch ein Ungefähr
ergriffen (oft ohne selbst recht zu wissen, was sie thaten und warum
sie es thaten), und so, wider ihren Willen, die Nothwendigkeit des
einzig naturgemäßen Heilgesetzes, der Homöopathie,
thätlich bestätigen mußten, eines Heilgesetzes,
welches kein ärztliches Zeitalter bisher, von medicinischen
Vorurtheilen geblendet, aufzufinden sich bemühte, so viele
Thatsachen und so unzählige Winke sie auch dazu hinleiteten.
Denn sogar die Hausmittel-Praxis der mit gesundem Beobachtungssinn
begabten, unärztlichen Classe von Menschen hatte diese Heilart
vielfältig als die sicherste, gründlichste und untrüglichste
in der Erfahrung befunden.
------
wegbrächte, also homöopathisch hülfe. - Mit der Pimpinell-Wurzel,
welche viel Schleim-Absonderung in den Bronchien und dem Rachen
erregt, bestritten sie glücklich die sogenannte Schleim-Bräune
- und stillten einige Mutter-Blutflüsse mit etwas von den Blättern
des für sich Mutter-Blutsturz hervorbringenden Sadebaums, ohne
das homöopathische Heil-Gesetz zu erkennen. - Bei der Verstopfung
von eingeklemmten Brüchen und im Ileus befanden mehre Aerzte
den die Darm-Ausleerung zurückhaltenden Mohnsaft in kleiner
Gabe als eins der vorzüglichsten und sichersten Hülfsmittel
und ahneten dennoch das hier waltende homöopathische Heil-Gesetz
nicht. - Sie heilten unvenerische Rachen-Geschwüre durch kleine
Gaben des hier homöopathischen Quecksilbers - stillten mehre
Durchfälle durch kleine Gaben der Darm ausleerenden Rhabarber
- heilten die Hundswuth mit der ein ähnliches Uebel hervorbringenden
Belladonne und entfernten den in hitzigen Fiebern nahe Gefahr drohenden
comatösen Zustand mit einer kleinen Gabe des erhitzend betäubenden
Mohnsaftes wie durch einen Zauberschlag und schimpfen dennoch auf
die Homöopathie und verfolgen sie mit einer Wuth, die nur das
Erwachen eines bösen Gewissens in einem der Besserung unfähigen
Herzen erzeugen kann.
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Auf frisch erfrorne Glieder legt man gefrorenes Sauerkraut oder
reibt sie mit Schnee (1).
Eine mit kochender Brühe begossene Hand hält der erfahrne
Koch dem Feuer in einiger Entfernung
-----
1) Auf diese Beispiele aus der Hausmittel-Praxis baut Hr. M. Lux
seine sogenannte Heilart durch Gleiches und Idem, von ihm Isopathie
genannt, welche auch schon einige excentrische Köpfe als das
non plus ultra von Heilmethode angenommen haben, ohne zu wissen,
wie sie es realisiren könnten.
Beurtheilt man aber diese Beispiele genau, so verhält sich
die Sache ganz anders.
Die rein physischen Kräfte sind von andrer Natur als die dynamisch
arzneilichen in ihrer Einwirkung auf den lebenden Organism.
Wärme oder Kälte der uns umgebenden Luft oder des Wassers,
oder der Speisen und Getränke bedingen (als Wärme oder
Kälte) an sich keine absolute Schädlichkeit für einen
gesunden Körper; Wärme und Kälte gehören in
ihren Abwechselungen zur Erhaltung des gesunden Lebens, folglich
sind sie nicht Arznei an sich. Wärme und Kälte agiren
daher als Heilmittel bei Körper-Beschwerden nicht vermöge
ihres Wesens (also nicht als Wärme und Kälte an sich,
nicht als an sich schädliche Dinge, wie etwa die Arzneien,
Rhabarber, China u.s.w., selbst in den feinsten Gaben sind) - sondern
bloß vermöge ihrer größern oder geringern
Menge, d. i. nach ihren Temperatur-Graden, so wie (um ein andres
Beispiel von bloß physischen Kräften zu geben) ein großes
Bleigewicht meine Hand schmerzhaft quetscht, nicht vermöge
seines Wesens als Blei, indem eine dünne Platte Blei mich nicht
quetschen würde, sondern wegen seiner Menge und Schwere in
einem Klumpen.
Werden also Kälte oder Wärme in Körper-Beschwerden,
wie Erfrieren oder Verbrennen sind, hülfreich, so werden sie
es bloß wegen ihres Temperatur-Grades, wie sie auch bloß
wegen Extreme ihres Temperatur-Grades dem gesunden Körper Nachtheil
zufügen.
Hienach finden wir in diesen Beispielen von Hülfe in der Hausmittel-Praxis,
daß nicht der anhaltend angebrachte
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Frost-Grad, worin das Glied erfror, dasselbe isopathisch hergestellt
(es würde davon ganz leblos und ertödtet werden), sondern
eine Kälte, die ihr nur nahe kömmt (Homöopathie)
und sich allmälig zur behaglichen Temperatur herabstimmt, wie
gefrornes Sauerkraut auf die erfrorne Hand in Stubentemperatur aufgelegt
bald zerschmilzt und vom Grade +1 zu 2 und so bis zur Temperatur
des Zimmer, sey sie auch nur +10°, allmälig sich erwärmt
und so das Glied physisch homöopathisch wieder herstellt. So
wird auch eine mit siedendem Wasser verbrannte Hand mit Isopathie
durch Auflegen siedenden Wassers nicht hergestellt, sondern nur
durch eine etwas geringere Hitze, z. B. wenn man sie in ein Geschirr
mit einer Flüssigkeit hält, die bis 60° erhitzt ist,
mit jeder Minute etwas minder heiß wird und endlich die Temperatur
des Zimmers annimmt, worauf der verbrannte Theil durch Homöopathie
wieder hergestellt ist. Aus Kartoffeln und Aepfeln zieht nicht Wasser,
was im fortgehenden Frieren zu Eis noch begriffen ist, isopathisch
den Frost aus, sondern dem Frostpunkte nur nahes Wasser.
So, um ein andres Beispiel von physischer Einwirkung zu geben,
wird der Nachtheil z.B. von einem Stoße der Stirne an einen
harten Gegenstand (eine sehr schmerzhafte Brausche) in Schmerz und
Geschwulst gar bald gemindert, wenn man die Stelle mit dem Daumen
allen eine Weile heftig drückt, und zuletzt immer gelinder,
homöopathisch, nicht aber durch einen gleichen Schlag mit einem
gleich harten Körper, was isopathisch das Uebel ärger
machen würde.
Was in jenem Buche ebenfalls als Heilung durch Isopathie angeführt
wird, daß Contraktur bei Menschen und Kreuzlähmung bei
einem Hunde, beide durch Erkältung entstanden, schnell durch
kaltes Baden geheilt worden - dieß Ereigniß wird fälschlich
durch Isopathie erklärt. Erkältungs-Beschwerden haben
nur den Namen von Kälte, ereignen sich aber bei den hiezu geneigten
Körpern oft sogar auf einen schnellen Windzug, der nicht einmal
kalt
57
rannte Stelle zur gesunden, sohmerzlosen Haut wieder herstellen
kann (1).
Andere verständige Nichtärzte, zum Beispiel die Lackirer,
legen auf die verbrannte Stelle ein ähnliches, Brennen erregendes
Mittel, starken, wohl er-
-----
war. Auch sind die mancherlei Wirkungen eines kalten Bades auf den
lebenden Organism in gesundem und kranken Zustande gar nicht mit
einem einzigen Begriffe zu umfassen, daß man gleich darauf
ein System von solcher Keckheit gründen könnte! Daß
Schlangenbisse, wie da steht, am sichersten durch Theile von Schlangen
geheilt würden, gehört so lange noch unter die Fabeln
der Vorzeit, bis eine so unwahrscheinliche Behauptung durch unzweifelhafte
Beobachtungen und Erfahrungen bestätigt worden sind, wozu es
wohl nie kommen wird. Daß endlich der, einem schon von Wasserscheu
rasenden Menschen eingegebne Speichel von einem tollen Hunde ihm
(in Rußland) geholfen haben soll- dieses Soll wird doch keinen
gewissenhaften Arzt zur gefährlichen Nachahmung verleiten,
oder zur Aufbauung eines eben so gefährlichen, als in seiner
Ausdehnung höchst unwahrscheinlichen, sogenannten isopathischen
Systems, wofür es (nicht der bescheidene Verfasser des Büchleins:
Die Isopathik der Contagionen, Leipz. b. Kollmann, wohl aber) die
excentrischen Nachbeter ausgeben, vorzüglich Hr. Dr. Groß
(s. allg. hom. Z. H. S. 72.), der diese Isopathie (aequalia aequalibus)
für den einzig richtigen Grundsatz zum Heilen ausschreit und
in dem similia similibus nur einen Notbehelf sehen will; undankbar
genug, nachdem er doch einzig nur dem similia similibus Ruf und
Vermögen zu danken hat.
1) So hält auch schon Fernelius (Therap. lib. VI Cap. 20.)
die Annäherung des verbrannten Theils ans Feuer für das
geeignetste Hülfsmittel, wodurch der Schmerz aufhöre.
John Hunter (on the blood, inflammation etc. S. 218.) führt
die großen Nachtheile von Behandlung der Verbrennungen mit
kaltem Wasser an, und zieht die Annäherung ans Feuer bei weitem
vor,- nicht nach den hergebrachten medicinischen Lehren, welche
(contraria contrariis) kältende Dinge für Entzündung
gebieten, sondern durch Erfahrung belehrt, daß eine ähnliche
Erhitzung (similia similibus) das heilsamste sey.
58
wärmten Weingeist (1) oder Terbentin-Oel (2) und stellen sich
binnen wenigen Stunden damit wieder her, während die kühlenden
Salben, wie sie wissen, dieß
-----
1) Sydenham (Opera, S. 271.) sagt: "Weingeist sey gegen Verbrennungen
jedem andern Mittel vorzuziehen, wiederholentlich aufgelegt."
Auch Benj. Bell (System of surgery, third. edit. 1789.) muß
der Erfahrung die Ehre geben, welche nur homöopathische Mittel
als die einzig heilbringenden zeigt. Er sagt: "Eins der besten
Mittel für alle Verbrennungen ist Weingeist. Beim Auflegen
scheint er auf einen Augenblick den Schmerz zu vermehren (m. s.
unten §. 164.), aber dieß läßt bald nach und
es erfolgt eine angenehme, beruhigende Empfindung darauf. Am kräftigsten
ist es, wenn man die Theile in den Weingeist eintaucht; wo dieß
aber nicht angeht, müssen sie ununterbrochen bedeckt von leinenen
Lappen, mit Weingeist angefeuchtet, erhalten werden." Ich aber
setze hinzu: der warme und zwar sehr warme Weingeist ist hier noch
weit schneller und weit gewisser hülfreich, weil er noch weit
homöopathischer ist, als der unerwärmte. Und dies bestätigt
jede Erfahrung zum Erstaunen.
2) Edw. Kentish, welcher die in den Steinkohlengruben so oft gräßlich
von dem entzündlichen Schwaden verbrannten Arbeiter zu behandeln
hatte, "läßt heiß gemachtes Terbentinöl
oder Weingeist auflegen, als das vorzüglichste Rettungsmittel
bei den größten und schwersten Verbrennungen" (Essay
on Burns, London 1798. Second Essay). Keine Behandlung kann homöopathischer
sein, als diese, aber es giebt auch keine heilsamere.
Der ehrliche und hocherfahrene Heister (Institut. Chirurg. Tom.
I. S. 333.) bestätigt dieß aus seiner Erfahrung und rühmt
"die Auflegung des Terbentinöls, des Weingeistes und möglichst
heißer Breie zu dieser Absicht, so heiß man sie nur
erleiden könne."
Am unwiderleglichsten aber sieht man den erstaunlichen Vorzug dieser,
Brenn-Empfindung und Hitze für sich erregenden (also hier homöopathischen)
Mittel auf die durch Verbrennung entzündeten Theile gelegt,
vor den palliativen, kühlenden und kältenden Mitteln,
bei reinen Versuchen, wo beide entgegengesetzte Curmethoden an demselben
Körper
59
in eben so vielen Monaten nicht zulassen, kaltes Wasser (1) aber
Uebel ärger macht.
-----
und bei gleichem Verbrennungsgrade zur Vergleichung angewendet wurden.
So ließ John Bell (in Kühn´s phys. med. Journale,
Leipz. 1801. Jun. S. 428.) einer verbrüheten Dame den einen
Arm mit Terbentinöl benetzen, den andern aber in kaltes Wasser
tauchen. Der erstere Arm befand sich schon in einer halben Stunde
wohl, der andre aber fuhr sechs Stunden fort zu schmerzen; wenn
er nur einen Augenblick aus dem Wasser gezogen ward, empfand sie
daran weit größere Schmerzen, und er bedurfte weit längere
Zeit, als ersterer, zum Heilen.
So behandelte auch John Anderson (bei Kentish, am angeführten
Orte S. 43.) ein Frauenzimmer, das sich Gesicht und Arm mit kochendem
Fette verbrannt hatte. "Das Gesicht, welches sehr roth und
verbrannt war, und ihr heftig schmerzte, ward nach einigen Minuten
mit Terbentinöl belegt, den Arm aber hatte sie selbst schon
in kaltes Wasser gesteckt und wünschte ihn einige Stunden damit
zu behandeln. Nach sieben Stunden sah ihr Gesicht schon weit besser
aus und war erleichtert. Das kalte Wasser für den Arm hatte
sie oft erneuert; wenn sie ihn aber herausnahm, so klagte sie sehr
über Schmerz, und in der That hatte die Entzündung daran
zugenommen. Den Morgen darauf fand ich, daß sie die Nacht
große Schmerzen am Arme gehabt hatte; die Entzündung
ging über den Ellbogen herauf; verschiedne große Blasen
waren aufgegangen und dicke Schorfe hatten sich auf Arm und Hand
angesetzt, worauf nun warmer Brei gelegt ward. Das Gesicht aber
war vollkomnen schmerzlos; der Arm hingegen mußte 14 Tage
lang mit erweichenden Dingen verbunden werden, ehe er heilte."
Wer erkennt hier nicht den unendlichen Vorzug der (homöopathischen)
Behandlung durch Mittel von ähnlicher Einwirkung vor dem elenden
Verfahren durch Gegensatz (contraria contrariis) nach der uralten,
gemeinen Arzneikunst?
1) Nicht nur J. Hunter führt (am gedachten Orte) die großen
Nachtheile von der Behandlung der Verbrennungen
60
Der alte, erfahrne Schnitter wird, wenn er auch sonst keinen Branntwein
trinkt, doch in dem Falle, wenn er in der Sonnengluth sich bis zum
hitzigen Fieber angestrengt hat, nie kaltes Wasser (contraria contrariis)
trinken - er kennt das Verderbliche dieses Verfahrens - sondern
er nimmt etwas Weniges einer, Hitze hervorbringenden Flüssigkeit,
einen mäßigen Schluck Branntwein zu sich; die Lehrerin
der Wahrheit, die Erfahrung, überzeugte ihn von dem großen
Vorzuge und der Heilsamkeit dieses homöopathischen Verfahrens;
seine Hitze wird schnell hinwegenommen, so wie seine Ermüdung
(38).
-----
Ja, es gab sogar von Zeit zu Zeit Aerzte, welche ahneten, daß
die Arzneien durch ihre Kraft, analoge Krankheits-Symptome zu erregen,
analoge Krankheits-Zustände heilen (2).
So sagt der Verfasser des unter den Hippokratischen befindlichen
Buches peri topwn tvn cat an Jxwpon (3) die merkwürdigen Worte:
dia ta qmoia
-----
mit kaltem Wasser an, sondern auch W. Fabric. von Hilden (De combustionibus
libellus, Basil. 1607. Cap. 5. S. 11.) versichert: "Kalte Umschläge
sind bei Verbrennungen höchst nachtheilig und bringen die schlimmsten
Zustände hervor; es erfolgt davon Entzündung, Eiterung
und zuweilen Brand."
1) Zimmermann (Ueber die Erfahrung, II. S. 318.) lehrt, daß
die Bewohner heißer Länder, mit dem besten Erfolge, eben
so verfahren, und nach großen Erhitzungen etwas geistige Flüssigkeit
zu sich nehmen.
2) Auch diese folgenden Stellen aus den die Homöopathie ahnenden
Schriftstellern führe ich nicht als Erweise der Gegründetheit
dieser Lehre an, die wohl durch sich selbst feststeht, sondern um
dem Vorwurfe zu entgehen, als hälte ich diese Ahnungen verschwiegen,
um mir die Priorität der Idee zu sichern.
3) Basil. Froben. 1538. S. 72.
61
nousoV ginetai, cai dia ta qmoia prosjeromena ec noseuntwn ugiainontai,
æ dia to emeein epetoV pauetai.-
Gleichfalls haben auch nachgängige Aerzte die Wahrheit der
homöopathischen Heilart gefühlt und ausgesprochen. So
sieht z.B. Boulduc (1) ein, daß die purgirende Eigenschaft
der Rhabarber die Ursache ihrer Durchfall stillenden Kraft sey.
Detharding erräth (2), daß der Sensblätter-Aufguß
Colik bei Erwachsenen stille, vermöge seiner analogen, Colik
erregenden Wirkung bei Gesunden.
Bertholon (3) gesteht, daß die Elektrisität den höchst
ähnlichen Schmerz, den sie selbst errege, in Krankheiten abstumpfe
und vernichte.
Thoury (4) bezeugt, daß die positive Elektrisität an
sich zwar den Puls beschleunige, aber wenn er krankhaft schon zu
schnell sey, denselben langsamer mache.
Von Stoerck (5) kommt auf den Gedanken: "Wenn der Stechapfel
den Geist zerrüttet und bei Gesunden Wahnsinn hervorbringt,
sollte man dann nicht versuchen dürfen, ob er bei Wahnsinnigen
durch Umänderung der Ideen gesunden Verstand wiederbringen
könne?"
Am deutlichsten aber hat ein dänischer Regiments-Arzt, Stahl,
seine Ueberzeugung hierüber ausgesprochen, da er (6) sagt:
"Ganz falsch und verkehrt sey die in der Arzneikunst angenommene
Regel, man müsse durch
-----
1) Memoires de l'academie royale, 1710 .
2) Eph. Nat. Cur. Cent. X. obs. 76.
3) Medicin. Electrisität, II. S. 15 und 282.
4) Memoire lu à l'acad. de Caen.
5) Libell. de stram. S. 8.
6) In Jo. Hummelii Commentatio de Arthritide tam tartarea, quam
scorbutica, seu podagra et scorbuto, Büdingae 1738. 8. S. 40
-42.
62
gegenseitige Mittel (contraria contrariis) curiren; er sey im Gegentheile
überzeugt, daß durch ein ähnliches Leiden erzeugendes
Mittel (similia similibus) die Krankheiten weichen und geheilt werden,
-Verbrennungen durch Annäherung ans Feuer, erfrorne Glieder
durch aufgelegten Schnee und das kälteste Wasser, Entzündung
und Quetschungen durch abgezogene Geister, und so heile er die Neigung
zu Magensäure durch eine sehr kleine Gabe Vitriolsäure,
mit dem glücklichsten Erfolge, in den Fällen, wo man eine
Menge absorbirender Pulver vergeblich gebraucht habe."
So nahe war man zuweilen der großen Wahrheit! Aber man ließ
es bei einem flüchtigen Gedanken bewenden, und so blieb die
so unentbehrliche Umänderung der uralten ärztlichen Krankheitsbehandlung,
des bisherigen unzweckmäßigen Curirens in eine ächte,
wahre und gewisse Heilkunst, bis auf unsere Zeiten unausgeführt.
63 §1
Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen
gesund zu machen, was man Heilen nennt (1).
§2
Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte
Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der
Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten,
unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen.
§3
Sieht der Arzt deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an
jedem einzelnen Krankheitsfalle insbesondere zu heilen ist (Krankheits-Erkenntniß,
Indication), sieht er deutlich ein, was an den Arzneien, das ist,
an jeder Arznei insbe-
-----
1) Nicht aber (womit so viele Aerzte bisher Kräfte und Zeit
ruhmsüchtig verschwendeten) das Zusam
menspinnen leerer Einfälle und Hypothesen über das innere
Wesen des Lebensvorgangs und der Krankheitsentstehungen im unsichtbaren
Innern zu sogenannten Systemen, oder die unzähligen Erklärungsversuche
über die Erscheinungen in Krankheiten und die, ihnen stets
verborgen gebliebene, nächste Ursache derselben u.s.w. in unverständliche
Worte und einen Schwulst abstracter Redensarten gehüllt, welche
gelehrt klingen sollen, um den Unwissenden in Erstaunen zu setzen,
während die kranke Welt vergebens nach Hülfe seufzte.
Solcher gelehrter Schwärmereien (man nennt es theoretische
Arzneikunst und hat sogar eigne Professuren dazu) haben wir nun
gerade genug, und es wird hohe Zeit, daß, was sich Arzt nennt,
endlich einmal aufhöre, die armen Menschen mit Geschwätze
zu täuschen, und dagegen nun anfange zu handeln, das ist, wirklich
zu helfen und zu heilen.
64
sondere, das Heilende ist (Kenntniß der Arzneikräfte),
und weiß er nach deutlichen Gründen das Heilende der
Arzneien dem was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt
hat, so anzupassen, daß Genesung erfolgen muß, anzupassen
sowohl in Hinsicht der Angemessenheit der für den Fall nach
ihrer Wirkungsart geeignetsten Arznei (Wahl des Heilmittels, Indicat),
als auch in Hinsicht der genau erforderlichen Zubereitung und Menge
derselben (rechte Gabe) und der gehörigen Wiederholungszeit
der Gabe: - kennt er endlich die Hindernisse der Genesung in jedem
Falle und weiß sie hinwegzuräumen, damit die Herstellung
von Dauer sei: so versteht er zweckmäßig und gründlich
zu handeln und ist ein ächter Heilkünstler.
§4
Er ist zugleich ein Gesundheit-Erhalter, wenn er die Gesundheit
störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge
kennt und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß.
§5
Als Beihülfe der Heilung dienen dem Arzte die Data der wahrscheinlichsten
Veranlassung der acuten Krankheit, so wie die bedeutungsvollsten
Momente aus der ganzen Krankheits-Geschichte des langwierigen Siechthums,
um dessen Grundursache, die meist auf einem chronischen Miasm beruht,
ausfindig zu machen, wobei die erkennbare Leibes-Beschaffenheit
des (vorzüglich des langwierig) Kranken, sein gemüthlicher
und geistiger Charakter, seine Beschäftigungen, seine Lebensweise
und (Gewohnheiten, seine bürgerlichen und häus-
65
lichen Verhältnisse, sein Alter und seine geschlechtliche
Function, u.s.w. in Rücksicht zu nehmen sind.
§6
Der vorurtheillose Beobachter, - die Nichtigkeit übersinnlicher
Ergrübelungen kennend, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen
lassen, - nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder
einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne
erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele,
Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen
vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser
selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die
der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren
die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen
die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit (1).
-----
1) Ich weiß daher nicht, wie es möglich war, daß
man am Krankenbette, ohne auf die Symptome sorgfältigst zu
achten und sich nach ihnen bei der Heilung genau zu richten, das
an der Krankheit zu Heilende bloß im verborgnen und unerkennbaren
Innern suchen zu müssen und finden zu können sich einfallen
ließ, mit dem prahlerischen und lächerlichen Vorgeben,
daß man das im unsichtbaren Innern Veränderte, ohne sonderlich
auf die Symptome zu achten, erkennen und mit (ungekannten!) Arzneien
wieder in Ordnung bringen könne und daß so Etwas einzig
gründlich und rationell kuriren heiße?
Ist denn das, durch Zeichen an Krankheiten sinnlich Erkennbare
nicht für den Heilkünstler die Krankheit selbst - da er
das die Krankheit schaffende, geistige Wesen, die Lebenskraft, doch
nie sehen kann und sie selbst auch nie, sondern bloß ihre
krankhaften Wirkungen zu sehen und zu erfahren braucht, um hienach
die Krankheit heilen zu können? Was will nun noch außerdem
die alte Schule für eine prima causa morbi im verborgnen Innern
auf-
66 §7
Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende
oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist
(1) sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so
müssen, unter Mithinsicht auf etwaniges Miasm und unter Beachtung
der Nebenumstände (§. 5), es auch einzig die Symptome
sein, durch welche die Krankheit die, zu ihrer Hülfe geeignete
Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann - so muß die
Gesammtheit dieser ihrer Symptome, dieses nach außen reflectirende
Bild des innern Wesens der Krankheit, d.i. des Leidens der Lebenskraft,
das Hauptsächlichste oder Einzige sein, wodurch die Krankheit
zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie bedürfe, - das
Einzige, was die Wahl des angemessensten Hilfsmittels bestimmen
kann - so muß, mit einem Worte, die Ge-
-----
suchen, dagegen aber die sinnlich und deutlich wahrnehmbare Darstellung
der Krankheit, die vornehmlich zu uns sprechenden Symptome, als
Heilgegenstand verwerfen und vornehm verachten? Was will sie denn
sonst an Krankheiten heilen als diese?
1) Daß jeder verständige Arzt diese zuerst hinwegräumen
wird, versteht sich; dann läßt das Uebelbefinden gewöhnlich
von selbst nach. Er wird die, Ohnmacht und hysterische Zustande
erregenden, stark duftenden Blumen aus dem Zimmer entfernen, den
Augen-Entzündung erregenden Splitter aus der Hornhaut ziehen,
den Brand drohenden, allzufesten Verband eines verwundeten Gliedes
lösen und passender anlegen, die Ohnmacht herbeiführende,
verletzte Arterie bloßlegen und unterbinden, verschluckte
Belladonne-Beeren u.s.w. durch Erbrechen fortzuschaffen suchen,
die in Oeffnungen des Körpers (Nase, Schlund, Ohren, Harnröhre,
Mastdarm, Scham) gerathenen fremden Substanzen ausziehen, den Blasenstein
zermalmen, den verwachsenen After des neugebornen Kindes öffnen
u.s.w.
67
sammtheit (1) der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste,
ja Einzige sein, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und
durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt
und in Gesundheit verwandelt werde.
§8
Es läßt sich nicht denken, auch durch keine Erfahrung
in der Welt nachweisen, daß, nach Hebung aller Krankheitssymptome
und des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle, etwas
anders, als Gesundheit, übrig bliebe oder übrig bleiben
könne, so daß die krankhafte Veränderung im Innern
ungetilgt geblieben wäre (2).
-----
1) Von jeher suchte die alte Schule, da man sich oft nicht anders
zu helfen wußte, in Krankheiten ein einzelnes der mehrern
Symptome durch Arzneien zu bekämpfen und wo möglich zu
unterdrücken - eine Einseitigkeit, welche, unter dem Namen:
Symptomatische Curart, mit Recht allgemeine Verachtung erregt hat,
weil durch sie nicht nur nichts gewonnen, sondern auch viel verdorben
wird. Ein einzelnes der gegenwärtigen Symptome ist so wenig
die Krankheit selbst, als ein einzelner Fuß der Mensch selbst
ist. Dieses Verfahren war um desto verwerflicher da man ein solches
einzelnes Symptom nur durch ein entgegengesetztes Mittel (also bloß
enantiopathisch und palliativ) behandelte, wodurch es nach kurz
dauernder Linderung sich nachgängig nur um desto mehr verschlimmert.
2) Wenn jemand dergestalt von seiner Krankheit durch einen wahren
Heilkünstler hergestellt worden, daß kein Zeichen von
Krankheit, kein Krankheits-Symptom mehr übrig und alle Zeichen
von Gesundheit dauernd wiedergekehrt sind, kann man bei einem solchen,
ohne dem Menschenverstande Hohn zu sprechen, die ganze leibhafte
Krankheit doch noch im Innern wohnend voraussetzen? Und dennoch
behauptete der ehemalige Vorsteher der alten Schule, Hufeland, dergleichen
mit den Worten (s. d. Homöopathie S. 27. Z. 19.): ..Die Homöopathik
kann die
68 §9
Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis
den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autocratie)
unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig
harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten,
so daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses
lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers
Daseins bedienen kann.
§10
Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung,
keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig (1); nur
das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken
Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht
ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.
----
Symptome heben, aber die Krankheit bleibt" - behauptete es
theils aus Gram über die Fortschritte der Homöopathik
zum Heile der Menschen, theils weil er noch ganz materielle Begriffe
von Krankheit hatte, die er noch nicht als ein, dynamisch von der
krankhaft verstimmten Lebenskraft verändertes Sein des Organisms,
nicht als abgeändertes Befinden sich zu denken vermochte, sondern
sie für ein materielles Ding ansah, was nach geschehener Heilung
noch in irgend einem Winkel im Innern des Körpers liegen geblieben
sein könnte, um dereinst einmal bei schönster Gesundheit,
nach Belieben, mit seiner materiellen Gegenwart hervorzubrechen!
So kraß ist noch die Verblendung der alten Pathologie! Kein
Wunder, daß eine solche nur eine Therapie erzeugen konnte,
die auf bloßes Ausfegen des armen Kranken losging.
1) Er ist todt und, nun bloß der Macht der physischen Außenwelt
unterworfen, fault er und wird wieder in seine chemischen Bestandtheile
aufgelöst.
69
§11
Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige,
in seinem Organism überall anwesende, selbstthätige Lebenskraft
(Lebensprincip) durch den, dem Leben feindlichen, dynamischen (1)
Einfluß eines
-----
1) Was ist dynamischer Einfluß, dynamische Kraft? Wir nehmen
wahr, daß unsere Erde durch eine heimliche, unsichtbare Kraft
ihren Mond in 28 Tagen und etlichen Stunden um sich herumführt
und wie dagegen der Mond unsere nördlichen Meere abwechselnd
in festgesetzten Stunden zur Fluth erhebet und in gleichen Stunden
wieder zur Ebbe sinken läßt (einige Verschiedenheit beim
Voll- und Neumonde abgerechnet).
Wir sehen dieß und erstaunen, weil unsere Sinne nicht wahrnehmen,
auf welche Weise dieß geschieht. Offenbar geschieht es nicht
durch materielle Werkzeuge, nicht durch mechanische Veranstaltungen,
wie menschliche Werke. Und so sehen wir noch viele andere Ereignisse
um uns her, als Erfolge von der Wirkung der einen Substanz auf die
andere, ohne daß ein sinnlich wahrnehmbarer Zusammenhang zwischen
Ursache und Erfolg zu erkennen wäre. Der kultivirte, im Vergleichen
und Abstrahiren geübte Mensch, vermag allein, sich dabei eine
Art übersinnliche Idee zu bilden, welche hinreicht, um, beim
Auffassen solcher Begriffe, alles Materielle oder Mechanische in
seinen Gedanken davon entfernt zu halten; er nennt solche Wirkungen
dynamische, virtuelle, das ist, solche, die durch absolute, spezifische,
reine Macht und Wirkung des Einen auf das Andere, erfolgen. So ist
z.B. die dynamische Wirkung der krankmachenden Einflüsse auf
den gesunden Menschen, sowie die dynamische Kraft der Arzneien auf
das Lebensprincip, um den Menschen wieder gesund zu machen, nichts
als Ansteckung und so ganz und gar nicht materiell, so ganz und
gar nicht mechanisch, als es die Kraft eines Magnetstabes ist, wenn
er ein, in seiner Nähe liegendes Stück Eisen oder Stahl
mit Gewalt an sich zieht. Man sieht, daß das Stück Eisen
von einem Ende (Pole) des Magnetstabes angezogen wird; aber wie
es geschieht, sieht man nicht. Diese unsicht-
70
krankmachenden Agens verstimmt; nur das zu einer solchen Innormalität
verstimmte Lebensprincip, kann
-----
bare Kraft des Magnets bedarf, um das Eisen an sich zu ziehen, keines
mechanischen (materiellen) Hülfsmittels, keines Hakens oder
Hebels; sie zieht es an sich und wirkt so auf das Stück Eisen,
oder auf eine Nadel von Stahl mittels einer reinen immaleriellen,
unsichtbaren, geistartigen, eignen Kraft, das ist dynamisch, theilt
auch der Stahl-Nadel die magnetische Kraft eben so unsichtbar (dynamisch)
mit; die Stahl-Nadel wird, auch wenn der Magnet sie nicht berührt,
auch schon in einiger Entfernung von ihm, selbst magnetisch und
steckt wieder andere Stahl-Nadeln mit derselben magnetischen Eigenschaft
(dynamisch) an, womit sie vom Magnetstabe vorher angesteckt worden
war, so wie ein Kind mit Menschen-Pocken oder Masern behaftet, dem
nahen, von ihm nicht berührten, gesunden Kinde, auf unsichtbare
Weise (dynamisch) die Menschen-Pocken oder die Masern mittheilt,
das ist, es in der Entfernung ansteckt, ohne daß etwas Materielles
von dem ansteckenden Kinde in das anzusteckende gekommen war, oder
gekommen sein konnte, so wenig als aus dem Pole des Magnetstabes
etwas Materielles in die nahe Stahl-Nadel. Eine bloß spezifische,
geistartige Einwirkung theilte dem nahen Kinde dieselbe Pocken-
oder Masern-Krankheit mit, wie der Magnetstab der ihm nahen Nadel,
die magnetische Eigenschaft.
Und auf ähnliche Weise ist die Wirkung der Arzneien auf den
lebenden Menschen zu beurtheilen. Die Natur-Substanzen, die sich
uns als Arzneien beweisen, sind nur Arzneien in sofern sie (jede
eine eigne spezifische) Kraft besitzen, das menschliche Befinden
zu ändern durch dynamische, geistartige Einwirkung (mittels
der lebenden, empfindlichen Faser) auf das geistartige, das Lehen
verwaltende Lebensprincip.
Das Arzneiliche jener Natur-Substanzen, die wir im engern Sinne
Arzneien nennen, bezieht sich bloß auf ihre Kraft, Veränderungen
im Befinden des thierischen Lebens hervor zu bringen; bloß
auf dieses, auf das geistartige Lebensprincip, erstreckt sich dessen,
Befinden ändernder, geistartiger (dynamischer) Einfluß;
so wie die Nähe eines Magnet-Poles dem Stahle nur magnetische
Kraft mittheilen
71
dem Organism die widrigen Empfindungen verleihen und ihn so zu
regelwidrigen Thätigkeiten bestimmen,
-----
kann, (und zwar durch eine Art Ansteckung) aber nicht andere Eigenschaften,
(nicht z. B. mehr Härte oder Dehnbarkeit, u.s.w.)
Und so verändert auch jede besondere Arznei-Substanz, durch
eine Art von Ansteckung, das Menschen-Befinden auf eine, ihr ausschließlich
eigenthümliche Weise, und nicht auf die einer andern Arznei
eigne, so gewiß die Nähe eines Pocken kranken Kindes
einem gesunden Kinde nur die Menschen-Pocken-Krankheit mittheilen
wird und nicht die Masern.
Dynamisch, wie durch Ansteckung, geschieht diese Einwirkung der
Arzneien auf unser Befinden, ganz ohne Mittheilung materieller Theile
der Arznei-Substanz.
Auf die beste Art dynamisirter Arzneien kleinste Gabe, - worin
sich nach angestellter Berechnung nur so wenig Materielles befinden
kann, daß dessen Kleinheit vom besten arithmetischen Kopfe
nicht mehr gedacht und begriffen werden kann, äußert
im geeigneten Krankheits-Falle bei weitem mehr Heilkraft als große
Gaben derselben Arznei in Substanz. Jene feinste Gabe kann daher
fast einzig nur die reine, frei enthüllte, geistartige Arznei-Kraft
enthalten, und nur dynamisch so große Wirkungen vollführen,
als von der eingenommenen rohen Arznei-Substanz selbst in großer
Gabe, nie erreicht werden konnte.
Es sind nicht die körperlichen Atome dieser hoch dynamisirten
Arzneien noch ihre physische oder mathematische Oberfläche
(womit man die höhern Kräfte der dynamisirten Arzneien,
immer noch materiell genug, aber vergeblich deuteln will), vielmehr
liegt unsichtbarer Weise in dem so befeuchteten Kügelchen oder
in seiner Auflösung eine aus der Arznei-Substanz möglichst
enthüllte und freigewordene, spezifische Arzneikraft, welche
schon durch Berührung der lebenden Thierfaser auf den ganzen
Organism dynamisch einwirkt (ohne ihm jedoch irgend eine, auch noch
so fein gedachte Materie mitzutheilen) und zwar desto stärker,
je freier und immaterieller sie durch die Dynamisation (§.
270) geworden war.
Ist es denn unserm, als so reich an aufgeklärten und
72
die wir Krankheit nennen, denn dieses, an sich unsichtbare und
bloß an seinen Wirkungen im Organism erkennbare Kraftwesen,
giebt seine krankhafte Verstimmung nur durch Aeußerung von
Krankheit in Gefühlen und Thätigkeiten, (die einzige,
den Sinnen des Beobachters und Heilkünstlers zugekehrte Seite
des Organisms), das ist, durch Krankheits-Symptomen zu erkennen
und kann sie nicht anders zu erkennen geben.
§12
Einzig die krankhaft gestimmte Lebenskraft bringt die Krankheiten
hervor (1), so daß die, unsern Sinnen wahrnehmbare Krankheits-Aeußerung
zugleich alle innere Veränderung, das ist, die ganze krankhafte
Verstimmung der innern Dynamis ausdrückt und die ganze Krankheit
zu Tage legt. Hinwiederum bedingt aber auch das Verschwinden aller
Krankheits-Aeußerungen,
-----
denkenden Köpfen gerühmten Zeitalter so ganz unmöglich,
dynamische Kraft als etwas Unkörperliches zu denken, da man
doch täglich Erscheinungen sieht, die sich nicht auf andere
Weise erklären lassen!
Wenn Du etwas ekelhaftes ansiehst und es hebt sich in Dir zum Erbrechen,
war da etwa ein materielles Brechmittel in Deinen Magen gekommen,
was ihn zu dieser antiperistaltischen Bewegung zwang? War es nicht
einzig die dynamische Wirkung des ekeln Anblicks auf Deine Einbildungskraft
allein? Und, wenn Du Deinen Arm aufhebst, geschieht es etwa durch
ein materielles, sichtbares Werkzeug? einen Hebel? Ist es nicht
einzig die geistartige, dynamische Kraft Deines Willens, die ihn
hebt?
1) Wie die Lebenskraft den Organism zu den krankhaften Aeußerungen
bringt, d.i. wie sie Krankheit schafft; von diesem Wie und Warum
kann der Heilkünstler keinen Nutzen ziehen und sie wird ihm
ewig verborgen bleiben; nur was ihm von der Krankheit zu wissen
nöthig und völlig hinreichend zum Heilbehufe war, legte
der Herr des Lebens vor seine Sinne.
73
das ist, aller vom gesunden Lebens-Vorgange abweichenden, merkbaren
Veränderungen mittels Heilung, eben so gewiß die Wiederherstellung
der Integrität des Lebens-Princips und setzt folglich die Wiederkehr
der Gesundheit des ganzen Organism nothwendig voraus.
§13
Daher ist Krankheit (die nicht der manuellen Chirurgie anheimfällt),
keinesweges wie von den Allöopathen geschieht, als ein vom
lebenden Ganzen, vom Organism und von der ihn belebenden Dynamis
gesondertes, innerlich verborgnes, obgleich noch so fein gedachtes
Wesen (ein Unding (1), was bloß in materiellen Köpfen
entstehen konnte und der bisherigen Medicin seit Jahrtausenden alle
die verderblichen Richtungen gegeben hat die sie zu einer wahren
Unheilkunst schufen) zu betrachten.
§14
Es giebt nichts krankhaftes Heilbare und nichts unsichtbarer Weise
krankhaft verändertes Heilbare im Innern des Menschen, was
sich nicht durch Krankheits-Zeichen und Symptome dem genau beobachtenden
Arzte zu erkennen gäbe, - ganz der unendlichen Güte des
allweisen Lebenserhalters der Menschen gemäß.
§15
Das Leiden der krankhaft verstimmten, geistartigen, unsern Körper
belebenden Dynamis (Lebenskraft) im unsichtbaren Innern und der
Inbegriff der von ihr im Organism veranstalteten, äußerlich
wahrnehmbaren, das vorhandene Uebel darstellenden Symptome, bilden
nämlich ein Ganzes, sind Eins und Dasselbe. Wohl ist der
-----
1) Materia peccans!
74
Organism materielles Werkzeug zum Leben, aber ohne Belebung von
der instinktartig fühlenden und ordnenden Dynamis so wenig
denkbar, als Lebenskraft ohne Organism; folglich machen beide eine
Einheit aus, obgleich wir in Gedanken diese Einheit, der leichtern
Begreiflichkeit wegen in zwei Begriffe spalten.
§16
Von schädlichen Einwirkungen auf den gesunden Organism, durch
die feindlichen Potenzen, welche von der Außenwelt her das
harmonische Lebensspiel stören, kann unsere Lebenskraft als
geistartige Dynamis nicht anders denn auf geistartige (dynamische)
Weise ergriffen und afficirt werden und alle solche krankhafte Verstimmungen
(die Krankheiten) können auch durch den Heilkünstler nicht
anders von ihr entfernt werden, als durch geistartige (dynamische
(56), virtuelle) Umstimmungskräfte der dienlichen Arzneien
auf unsere geistartige Lebenskraft, percipirt durch den, im Organism
allgegenwärtigen Fühlsinn der Nerven. Demnach können
Heil-Arzneien, nur durch dynamische Wirkung auf das Lebensprincip
Gesundheit und Lebens-Harmonie wieder herstellen und stellen sie
wirklich her, nachdem die unsern Sinnen merkbaren Veränderungen
in dem Befinden des Kranken (der Symptomen-Inbegriff) dem aufmerksam
beobachtenden und forschenden Heilkünstler, die Krankheit so
vollkommen dargestellt hatten, als es um sie heilen zu können,
nöthig wahr.
§17
Da nun jedesmal in der Heilung, durch Hinwegnahme des ganzen Inbegriffs
der wahrnehmbaren Zeichen und Zufälle der Krankheit, zugleich
die ihr zum
75
Grunde liegende, innere Veränderung der Lebenskraft - also
das Total der Krankheit - gehoben wird (1), so folgt, daß
der Heilkünstler bloß den Inbegriff der Symptome hinweg
zu nehmen hat, um mit ihm zugleich die innere Veränderung,
das ist, die krankhafte Verstimmung des Lebensprincips - also das
Total der Krankheit, die Krankheit selbst, aufzuheben und zu vernichten
(2). Die vernichtete Krankheit aber ist hergestellte Gesundheit,
das höchste und einzige Ziel
-----
1) So wie auch die höchste Krankheit durch hinreichende Verstimmung
des Lebensprincips mittels der Einbildungskraft zuwege gebracht
und so auf gleiche Art wieder hinweg genommen werden kann. Ein ahnungartiger
Traum, eine abergläubige Einbildung, oder eine feierliche Schicksal-Prophezeiung
des, an einem gewissen Tage oder zu einer gewissen Stunde unfehlbar
zu erwartenden Todes, brachte nicht selten alle Zeichen entstehender
und zunehmender Krankheit des herannahenden Todes und den Tod selbst
zur angedeuteten Stunde zuwege, welches ohne gleichzeitige Bewirkung
der (dem von außen wahrnehmbaren Zustande entsprechenden)
innern Veränderung nicht möglich war; daher wurden in
solchen Fällen, aus gleicher Ursache, durch eine künstliche
Täuschung oder Gegenüberredung nicht selten wiederum alle
den nahen Tod ankündigenden Krankheitsmerkmale verscheucht
und plötzlich Gesundheit wieder hergestellt, welches ohne Wegnahme
der Tod bereitenden, innern und äußern krankhaften Veränderungen,
mittels dieser bloß moralischen Heilmittel nicht möglich
gewesen wäre.
2) Nur so konnte Gott, der Erhalter der Menschen, seine Weisheit
und Güte bei Heilung der sie hienieden befallenden Krankheiten
an den Tag legen, daß er dem Heilkünstler offen darthat,
was derselbe bei Krankheiten hinweg zu nehmen habe, um sie zu vernichten
und so die Gesundheit herzustellen. Was müßten wir aber
von seiner Weisheit und Güte denken, wenn er das an Krankheiten
zu Heilende (wie die, ein divinatorisches Einschauen in das innere
Wesen der Dinge affektirende, bisherige Arzneischule vorgab) in
ein mystisches Dunkel gehüllt, im Innern
76
des Arztes, der die Bedeutung seines Berufes kennt, welcher nicht
in gelehrt klingendem Schwatzen, sondern im Helfen besteht.
§18
Von dieser nicht zu bezweifelnden Wahrheit, daß, außer
der Gesammtheit der Symptome, unter Hinsicht auf die begleitenden
Umstände (§ 5) an Krankheiten auf keine Weise etwas auszufinden
ist, wodurch sie ihr Hülfe-Bedürfniß ausdrücken
könnten, geht unwidersprechlich hervor, daß der Inbegriff
aller, in jedem einzelnen Krankheitsfalle wahrgenommenen Symptome
und Umstände die einzige Indication, die einzige Hinweisung
auf ein zu wählendes Heilmittel sei.
§19
Indem nun die Krankheiten nichts als Befindens- Veränderungen
des Gesunden sind, die sich durch Krankheits-Zeichen ausdrücken,
und die Heilung ebenfalls nur durch Befindensveränderung des
Kranken in den gesunden Zustand möglich ist, so sieht man leicht,
daß die Arzneien auf keine Weise Krankheiten würden heilen
können, wenn sie nicht die Kraft besäßen, das auf
Gefühlen und Thätigkeiten beruhende Menschenbefinden umzustimmen,
ja, daß einzig auf dieser ihrer Kraft, Menschenbefinden umzuändern,
ihre Heilkraft beruhen müsse.
§20
Diese im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft,
Menschenbefinden umzuändern und daher Krankheiten zu heilen,
ist an sich auf keine
-----
verschlossen, und es so dem Menschen unmöglich gemacht hätte,
das Uebel deutlich zu erkennen, folglich unmöglich, es zu heilen?
77
Weise mit bloßer Verstandes-Anstrengung erkennbar; bloß
durch ihre Aeußerungen beim Einwirken auf das Befinden der
Menschen, läßt sie sich in der Erfahrung, und zwar deutlich
wahrnehmen.
§21
Da nun, was niemand läugnen kann, das heilende Wesen in Arzneien
nicht an sich erkennbar ist und bei reinen Versuchen, selbst vom
scharfsinnigsten Beobachter, an Arzneien sonst nichts, was sie zu
Arzneien oder Heilmitteln machen könnte, wahrgenommen werden
kann, als jene Kraft, im menschlichen Körper deutliche Veränderungen
seines Befindens hervorzubringen, besonders aber den gesunden Menschen
in seinem Befinden umzustimmen und mehre, bestimmte Krankheitssymptome
in und an demselben zu erregen, so folgt: daß wenn die Arzneien
als Heilmittel wirken, sie ebenfalls nur durch diese ihre Kraft
Menschenbefinden mittels Erzeugung eigenthümlicher Symptome
umzustimmen, ihr Heilvermögen in Ausübung bringen können,
und daß wir uns daher nur an die krankhaften Zufälle,
die die Arzneien im gesunden Körper erzeugen, als an die einzig
mögliche Offenbarung ihrer inwohnenden Heilkraft, zu halten
haben, um zu erfahren, welche Krankheits-Erzeugungskraft jede einzelne
Arznei, das ist zugleich, welche Krankheits-Heilungskraft jede besitze.
§22
Indem aber an Krankheiten nichts aufzuweisen ist, was an ihnen
hinwegzunehmen wäre, um sie in Gesundheit zu verwandeln, als
der Inbegriff ihrer Zeichen und Symptome, und auch die Arzneien
nichts Heilkräftiges aufweisen können, als ihre Neigung,
Krankheits-Symptome bei Gesunden zu erzeugen und am Kranken hinwegzunehmen,
so folgt auf der einen Seite,
78
daß Arzneien nur dadurch zu Heilmitteln werden und Krankheiten
zu vernichten im Stande sind, daß das Arzneimittel durch Erregung
gewisser Zufälle und Symptome, das ist, durch Erzeugung eines
gewissen künstlichen Krankheits-Zustandes die schon vorhandnen
Symptome, nämlich den zu heilenden, natürlichen Krankheitszustand,
aufhebt und vertilgt, - auf der andern Seite hingegen folgt, daß
für den Inbegriff der Symptome der zu heilenden Krankheit diejenige
Arznei gesucht werden müsse, welche (je nachdem die Erfahrung
zeigt, ob die Krankheitssymptome durch ähnliche oder durch
entgegengesetzte Arznei-Symptome (1) am leichtesten, gewissesten
und dauerhaftesten aufzuheben und in Gesundheit zu verwandeln sind)
ähnliche oder entgegengesetzte Symptome zu erzeugen, die meiste
Neigung bewiesen hat.
-----
1) Die außer diesen beiden noch mögliche Anwendungsart
der Arzneien gegen Krankheiten ist die allöopathische Methode,
wo Arzneien, deren Symptome keine direkte, pathische Beziehung auf
den Krankheitszustand haben, also den Krankheitssymptomen weder
ähnlich noch opponirt, sondern ganz heterogen sind, verordnet
werden. Diese Verfahrungsweise treibt, wie ich schon anderswo gezeigt,
ein unverantwortliches, mörderisches Spiel mit dem Leben des
Kranken, mittels gefährlich heftiger, nach ihren Wirkungen
ungekannter Arzneien, auf leere Vermuthungen hin, in großen,
öfteren Gaben gereicht; sodann mittels schmerzhafter, die Krankheit
auf andere Stellen hinleiten sollender Operationen, mittels Minderung
der Kräfte und Säfte des Kranken durch Ausleerungen von
Oben und Unten, Schweiß oder Speichelfluß; besonders
aber durch Verschwendung des unersetzlichen Blutes, wie es die eben
herrschende Routine haben will, blindhin und schonungslos angewendet,
gewöhnlich unter dem Vorwande, als müsse der Arzt die
kranke Natur in ihren Bestrebungen sich zu helfen, nachahmen und
sie befördern, ohne zu bedenken, wie unverständig es sei,
diese höchst unvollkommnen, meist zweckwidrigen Bestrebungen
der bloß instinktartigen,
79 §23
Es überzeugt uns aber jede reine Erfahrung und jeder genaue
Versuch, daß von entgegengesetzten Symptomen der Arznei (in
der antipathischen, enantiopathischen oder palliativen Methode)
anhaltende Krankheitssymptome so wenig aufgehoben und vernichtet
werden, daß sie vielmehr, nach kurzdauernder, scheinbarer
Linderung, dann nur in desto verstärkterem Grade wieder hervorbrechen
und sich offenbar verschlimmern (siehe § 58-§ 62 und §
69).
§24
Es bleibt daher keine andere, Hülfe versprechende Anwendungsart
der Arzneien gegen Krankheiten übrig, als die homöopathische,
vermöge deren gegen die Gesammtheit der Symptome des Krankheitsfalles
unter
----
verstandlosen Lebenskraft nachahmen und sie befördern zu wollen,
welche unserm Organism nur anerschaffen ward, um, solange dieser
gesund ist, unser Leben in harmonischem Gange fortzuführen,
nicht aber, um in Krankheiten sich selbst zu heilen. Denn besäße
sie hiezu eine musterhafte Fähigkeit, so würde sie den
Organism gar nicht haben krank werden lassen.
Von Schädlichkeiten erkrankt, vermag unsere Lebenskraft nichts
anderes, als ihre Verstimmung durch Störung des guten Lebens-Ganges
des Organism's und durch Leidens-Gefühle auszudrücken,
womit sie den verständigen Arzt um Hülfe anruft, und wenn
diese nicht erscheint, so strebt sie durch Erhöhung der Leiden,
vorzüglich aber durch heftige Ausleerungen sich zu retten,
es koste, was es wolle, oft mit den größten Aufopferungen,
oder unter Zerstörung des Lebens selbst. Zum Heilen besitzt
die krankhafte verstimmte Lebenskraft so wenig nachahmenswerte Fähigkeit,
daß alle von ihr im Organism erzeugten Befindens-Veränderungen
und Symptome ja eben die Krankheit selbst sind! Welcher verständige
Arzt wollte sie wohl im Heilen nachahmen, wenn er nicht seinen Kranken
aufopfern will?
80
Hinsicht auf die Entstehungs-Ursache, wenn sie bekannt ist, und
auf die Neben-Umstände, eine Arznei gesucht wird, welche unter
allen (durch ihre, in gesunden Menschen bewiesenen, Befindensveränderungen
gekannten) Arzneien den, dem Krankheitsfalle ähnlichsten, künstlichen
Krankheits-Zustand zu erzeugen Kraft und Neigung hat.
§25
Nun lehrt aber das einzige und untrügliche Orakel der Heilkunst,
die reine Erfahrung (1), in allen sorgfältigen Versuchen, daß
wirklich diejenige Arznei, welche in ihrer Einwirkung auf gesunde
menschliche Körper die meisten Symptome in Aehnlichkeit erzeugen
zu können bewiesen hat, welche an dem zu heilenden Krankheitsfalle
zu finden sind, in gehörig potenzirten und verkleinerten Gaben
auch die Gesammtheit der Symptome dieses Krankheitszustandes, das
ist (s. §. 6-16), die ganze gegenwärtige Krankheit schnell,
-----
1) Ich meine nicht eine solche Erfahrung, deren unsere gewöhnlichen
Practiker alter Schule sich rühmen, nachdem sie Jahre lang
mit einem Haufen vielfach zusammengesetzter Recepte gegen eine Menge
Krankheiten gewirthschaftet haben, die sie genau untersuchten, sondern
sie schulmäßig für schon in der Pathologie benannte
hielten, und in ihnen einen (eingebildeten) Krankheitsstoff zu erblicken
wähnten, oder eine andere hypothetische, innere Abnormität
ihnen andichteten. Da sahen sie immer etwas, wußten aber nicht,
was sie sahen; Erfolge, die nur ein Gott und kein Mensch aus den
vielfachen, auf den unbekannten Gegenstand einwirkenden Kräften
hätte enträthseln können, Erfolge, aus denen nichts
zu lernen, nichts zu erfahren ist. Eine fünfzigjährige
Erfahrung dieser Art ist einem fünfzig Jahre langen Schauen
in ein Kaleidoscop gleich, was, mit bunten, unbekannten Dingen angefüllt,
in steter Umdrehung sich bewegt; tausenderlei sich immerdar verwandelnde
Gestalten und keine Rechenschaft dafür!
81
gründlich und dauerhaft aufhebe und in Gesundheit verwandle,
und daß alle Arzneien, die ihnen an ähnlichen Svmptomen
möglichst nahe kommenden Krankheiten, ohne Ausnahme heilen
und keine derselben ungeheilt lassen.
§26
Dieß beruht auf jenem zwar hie und da geahneten, aber bisher
nicht anerkannten, aller wahren Heilung von jeher zum Grunde liegenden
homöopathischen Naturgesetze:
Eine schwächere dynamische Affection wird im lebenden Organism
von einer stärkern dauerhaft ausgelöscht, wenn diese (der
Art nach von ihr abweichend) jener sehr ähnlich in ihrer Aeußerung
ist (1).
-----
1) So werden auch physische Affectionen und moralische Uebel geheilt.
- Wie kann in der Frühdämmerung der hell-leuchtende Jupiter
dem Sehnerven des ihn Betrachtenden verschwinden? Durch eine stärkere,
sehr ähnlich auf den Sehnerven einwirkende Potenz, die Helle
des anbrechenden Tages! - Womit pflegt man in, von übeln Gerüchen
angefüllten Oertern, die beleidigten Nasennerven wirksam zufrieden
zu stellen? Durch Schnupftabak, der den Geruchssinn ähnlich,
aber stärker ergreift! Keine Musik, kein Zuckerbrod, die auf
die Nerven andrer Sinne Bezug haben, würde diesen Geruchs-Ekel
heilen. - Wie schlau wußte der Krieger das Gewinsel des Spitzruthen-Läufers
aus den mitleidigen Ohren der Umstehenden zu verdrängen? Durch
die quikende, feine Pfeife mit der lärmenden Trommel gepaart!
Und den in seinem Heere Furcht erregenden, ferne Donner der feindlichen
Kanonen? Durch das tief erbebende Brummen der großen Trommel!
Für beides würde weder die Austheilung eines glänzenden
Montirungsstücks, noch irgend ein dem Regimente ertheilter
Verweis geholfen haben. - So wird auch Trauer und Gram durch einen
neuen, stärkeren, jemand Anderm begegneten Trauerfall, sey
er auch nur erdichtet, im Gemüthe ausgelöscht.
Der Nachtheil von einer allzu lebhaften Freude wird
82
§27
Das Heilvermögen der Arzneien beruht daher (§. 12 -26)
auf ihren der Krankheit ähnlichen und dieselben an Kraft überwiegenden
Symptomen, so daß jeder einzelne Krankheitsfall nur durch
eine, die Gesammtheit seiner Symptome am ähnlichsten und vollständigsten
im menschlichen Befinden selbst zu erzeugen fähigen Arznei,
welche zugleich die Krankheit an Stärke übertrifft, am
gewissesten, gründlichsten, schnellsten und dauerhaftesten
vernichtet und aufgehoben wird.
§28
Da dieses Naturheilgesetz sich in allen reinen Versuchen und allen
ächten Erfahrungen der Welt beurkundet, die Thatsache also
besteht, so kommt auf die scientifische Erklärung, wie dieß
zugehe, wenig an und ich setze wenig Werth darauf, dergleichen zu
versuchen. Doch bewährt sich folgende Ansicht als die wahrscheinlichste,
da sich auf lauter Erfahrungs-Prämissen gründet.
§29
Indem jede (nicht einzig der Chirurgie anheim fallende) Krankheit
nur in einer besondern, krankhaften, dynamischen Verstimmung unserer
Lebenskraft
-----
durch den Ueberfreudigkeit erzeugenden Kaffeetrank gehoben.
Völker, wie die Deutschen, Jahrhunderte hindurch allmälig
mehr und mehr in willenlose Apathie und unterwürfigen Sklavensinn
herabgesunken, mußten erst von dem Eroberer aus Westen noch
tiefer in den Staub getreten werden, bis zum Unerträglichen,
und hiedurch erst ward ihre Selbst-Nichtachtung überstimmt
und aufgehoben, es ward ihnen ihre Menschenwürde wieder fühlbar,
und sie erhoben ihr Haupt zum ersten Male wieder als deutsche Männer.
83
(Lebensprincips) in Gefühlen und Thätigkeiten besteht,
so wird bei homöopathischer Heilung dieß, von natürlicher
Krankheit dynamisch verstimmte Lebensprincip, durch Eingabe einer,
genau nach Symptomen-Aehnlichkeit gewählten Arznei-Potenz,
von einer etwas stärkern, ähnlichen, künstlichen
Krankheits-Affection ergriffen; es erlischt und entschwindet ihm
dadurch das Gefühl der natürlichen (schwächern) dynamischen
Krankheits-Affection, die von da an nicht mehr für das Lebensprincip
existirt, welches nun bloß von der stärkern, künstlichen
Krankheits-Affection beschäftigt und beherrscht wird, die aber
bald ausgewirkt hat und den Kranken frei und genesen zurückläßt
(1). Die so befreite Dynamis kann nun das Leben wieder in Gesundheit
fortführen. Dieser höchst wahrscheinliche Vorgang beruht
auf den folgenden Sätzen:
§30
Der menschliche Körper scheint sich in seinem Befinden durch
Arzneien (auch deßhalb, weil die Einrichtung der Gabe derselben
in unserer Macht steht) wirksamer umstimmen zu lassen, als durch
natürliche
-----
1) Die kurze Wirkungsdauer der künstlich krankmachenden Potenzen,
die wir Arzneien nennen, macht es möglich, daß, obgleich
stärker als die natürlichen Krankheiten, sie doch von
der Lebenskraft weit leichter überwunden werden, als die schwächern
natürlichen Krankheiten, die bloß wegen ihrer längern,
meist lebenswierigen Wirkungsdauer (Psora, Syphilis, Sykosis) nie
von dem Lebensprincip allein besiegt und ausgelöscht werden
können, bis der Heilkünstler die Lebenskraft stärker
afficirt mit einer sehr ähnlich krankmachenden, aber stärkern
Potenz (homöopathischer Arznei). Die vieljährigen Krankheiten,
welche (nach §. 46) von den ausgebrochenen Menschenpocken und
Masern (die auch beide nur eine Verlaufszeit von etlichen Wochen
haben) geheilt werden, sind ähnliche Vorgänge.
84
Krankheits-Reize - denn natürliche Krankheiten werden durch
angemessene Arznei geheilt und überwunden.
§31
Auch besitzen die feindlichen, theils psychischen, theils physischen
Potenzen im Erdenleben, welche man krankhafte Schädlichkeiten
nennt, nicht unbedingt die Kraft, das menschliche Befinden krankhaft
zu stimmen (63); wir erkranken durch sie nur dann, wenn unser Organism
so eben dazu disponirt und aufgelegt genug ist, von der gegenwärtigen
Krankheits-Ursache angegriffen und in seinem Befinden verändert,
verstimmt und in innormale Gefühle und Thätigkeiten versetzt
zu werden - sie machen daher nicht Jeden und nicht zu jeder Zeit
krank.
§32
Ganz anders verhält sich's aber mit den künstlichen Krankheitspotenzen,
die wir Arzneien nennen.
Jede wahre Arznei wirkt nämlich zu jeder Zeit, unter allen
Umständen auf jeden lebenden Menschen und erregt in ihm die
ihr eigenthümlichen Symptome (selbst deutlich in die Sinne
fallend, wenn die Gabe groß genug war), so daß offenbar
jeder lebende menschliche Organism jederzeit und durchaus (unbedingt)
-----
1) Wenn ich Krankheit eine Stimmung oder Verstimmung des menschlichen
Befindens nenne, so bin ich weit entfernt, dadurch einen hyperphysischen
Aufschluß über die innere Natur der Krankheiten überhaupt,
oder eines einzelnen Krankheitsfalles insbesondere geben zu wollen.
Es soll mit diesem Ausdrucke nur angedeutet werden, was die Krankheiten
erwiesenermaßen nicht sind, und nicht sein können, nicht
mechanische oder chemische Veränderungen der materiellen Körpersubstanz
und nicht von einem materiellen Krankheits-Stoffe abhängig
- sondern bloß geistartige, dynamische Verstimmung des Lebens.
85
von der Arzneikrankheit behaftet und gleichsam angesteckt werden
muß, welches, wie gesagt, mit den natürlichen Krankheiten
gar nicht der Fall ist.
§33
Aus allen Erfahrungen (1) geht diesemnach unleugbar hervor, daß
der lebende menschliche Organism bei weitem aufgelegter und geneigter
ist, sich von den arzneilichen Kräften erregen und sein Befinden
umstimmen zu lassen, als von gewöhnlichen, krankhaften Schädlichkeiten
und Ansteckungsmiasmen, oder, was dasselbe sagt, dass die krankhaften
Schädlichkeiten nur eine untergeordnete und bedingte, oft sehr
bedingte, die Arzneikräfte aber eine absolute, unbedingte,
jene weit überwiegende Macht besitzen, das menschliche Befinden
krankhaft umzustimmen.
§34
Die größere Stärke der durch Arzneien zu bewirkenden
Kunst-Krankheiten ist jedoch nicht die einzige Bedingung ihres Vermögens,
die natürlichen Krankheiten zu heilen. Es wird vor Allem zur
Heilung erfordert, daß sie eine der zu heilenden Krankheit
möglichst ähnliche Kunst-Krankheit sei, die, mit
-----
1) Ein auffallendes Beispiel dieser Art ist: daß, als vor
dem Jahre 1801 noch das glatte, Sydenhamische Scharlachfieber unter
den Kindern von Zeit zu Zeit epidemisch herrschte, und alle Kinder
ohne Ausnahme befiel, die es in einer vorigen Epidemie noch nicht
überstanden hatten, alle Kinder jedoch, in einer solchen, dergleichen
ich in Königslutter erlebte, wenn sie zeitig genug eine sehr
kleine Gabe Belladonna eingenommen, frei von dieser höchst
ansteckenden Kinderkrankheit blieben. Wenn Arzneien vor Ansteckung
von einer grassirenden Krankheit schützen können, so müssen
sie eine überwiegende Macht besitzen, unsere Lebenskraft umzustimmen.
86
etwas stärkerer Kraft, das instinktartige, keiner Ueberlegung
und keiner Rückerinnerung fähige Lebensprincip in eine
der natürlichen Krankheit sehr ähnliche, krankhafte Stimmung
versetze, um in ihm das Gefühl von der natürlichen Krankheits-Verstimmung
nicht nur zu verdunkeln, sondern ganz zu verlöschen, und so
zu vernichten.
Dieß ist so wahr, daß sogar eine ältere Krankheit
durch eine neu hinzutretende unähnliche Krankheit, sei diese
auch noch so stark, von der Natur selbst nicht geheilt werden kann,
und eben so wenig durch ärztliche Curen mit Arzneien, welche
keinen ähnlichen Krankheitszustand im gesunden Körper
zu erzeugen vermögend sind, wie die allöopathischen.
§35
Dieß zu erläutern, werden wir in drei verschiedenen
Fällen, sowohl den Vorgang in der Natur bei zweien im Menschen
zusammentreffenden, natürlichen, einander unähnlichen
Krankheiten, als auch den Erfolg von der gemeinen ärztlichen
Behandlung der Krankheiten mit allöopathischen, unpassenden
Arzneien betrachten, welche keinen, der zu heilenden Krankheit ähnlichen,
künstlichen Krankheitszustand hervorzubringen fähig sind,
woraus erhellen wird, daß selbst die Natur nicht vermögend
ist, durch eine unhomöopathische, selbst stärkere Krankheit
eine schon vorhandne unähnliche aufzuheben, so wenig unhomöopathische
Anwendung auch noch so starker Arzneien irgend eine Krankheit zu
heilen jemals im Stande ist.
§36
I. Entweder sind beide, sich unähnliche, im Menschen zusammentreffende
Krankheiten von gleicher Stärke, oder ist etwa die ältere
stärker, so wird
87
die neue durch die alte vom Körper abgehalten. Ein schon an
einer schweren chronischen Krankheit Leidender wird von einer Herbstruhr
oder einer andern mäßigen Seuche nicht angesteckt. -
Die levantische Pest kommt, nach Larrey (1), nicht dahin, wo der
Scharbock herrscht, und an Flechten leidende Personen werden von
ihr auch nicht angesteckt. Rhachitis läßt, nach Jenner,
die Schutzpockenimpfung nicht haften. Geschwürig Lungensüchtige
werden von nicht allzu heftigen epidemischen Fiebern nicht angesteckt,
nach von Hildenbrand.
§37
Und so bleibt auch bei einer gewöhnlichen ärztlichen
Cur ein altes chronisches Uebel ungeheilt und wie es war, wenn es
nach gemeiner Cur-Art allöopathisch, das ist, mit Arzneien,
die an sich keinen der Krankheit ähnlichen Befindenszustand
in gesunden Menschen erzeugen können, gelind behandelt wird,
selbst wenn die Cur Jahre lang dauerte (2). Dieß sieht man
in der Praxis täglich und es bedarf keiner bestätigenden
Beispiele.
§38
II. Oder die neue unähnliche Krankheit ist stärker.
Hier wird die, woran der Kranke bisher litt, als die schwächere,
von der stärkern hinzutretenden Krankheit so lange aufgeschoben
und suspendirt, bis die neue wieder verflossen oder geheilt ist,
dann kommt
-----
1) Memoires et observations, in der Description de l'Egypte, Tom.
I.
2) Wird es aber mit heftigen, allöopathischen Mitteln behandelt,
so werden an seiner Stelle andersartige Uebel gebildet, die noch
beschwerlicher und lebensgefährlicher sind.
88
die alte ungeheilt wieder hervor. Zwei mit einer Art Fallsucht
behandelte Kinder blieben nach Ansteckung mit dem Grindkopfe (tinea)
von epileptischen Anfällen frei; sobald aber der Kopfausschlag
wieder verging, war die Fallsucht eben so wieder da, wie zuvor,
nach Tulpius (1) Beobachtung. Die Krätze, wie Schöpf sah
(2), verschwand, als der Scharbock eintrat, kam aber nach Heilung
desselben wieder zum Vorscheine. So stand die geschwürige Lungensucht
still, wie der Kranke von einem heftigem Typhus ergriffen ward,
ging aber nach dessen Verlaufe wieder ihren Gang fort (3). -
Tritt eine Manie zur Lungensucht, so wird diese mit allen ihren
Symptomen von ersterer hinweg genommen; vergeht aber der Wahnsinn,
so kehrt die Lungensucht gleich zurück und tödtet (4).
- Wenn die Masern und Menschenpocken zugleich herrschen und beide
dasselbe Kind angesteckt haben, so werden gewöhnlich die ausgebrochenen
Masern von den etwas später hervorbrechenden Menschenpocken
in ihrem Verlaufe aufgehalten, den sie nicht eher wieder fortsetzen,
bis die Kindblattern abgeheilt sind; - doch wurden nicht selten
auch die nach der Einimpfung ausgebrochenen Menschenpocken von den
indeß hervorkommenden Masern vier Tage lang suspendirt, wie
Manget (5 ) bemerkte, nach deren Abschuppung die Pocken dann ihren
Lauf bis zu Ende fortsetzten. Auch wenn der Impfstich von Menschenpocken
schon sechs Tage ge-
-----
1) Obs. lib. I. obs. 8.
2) In Hufeland's Journal, XV. II
3) Chevalier in Hufeland's neuesten Annalen der französischen
Heilkunde. II. S. 192.
4) Mania phthisi superveniens eam cum omnibus suis phaenomenis
aufert, verum mox redit phthisis et occidit, abeunte mania. Reil,
Memorab. Fasc. III. v. S. l7l.
5) In Edinb. med. Comment. Th. I. I.
89
haftet hatte, und die Masern nun ausbrachen, stand die Impf-Entzündung
still, und die Pocken brachen nicht eher aus, bis die Masern ihren
siebentägigen Verlauf vollendet hatten (1). Den vierten oder
fünften Tag nach eingeimpften Menschenpocken brachen bei einer
Maser-Epidemie bei Vielen die Masern aus, und verhinderten den Pockenausbruch,
bis sie selbst vollkommen verlaufen waren, dann kamen erst die Pocken
hervor und verliefen gut (2). Das wahre, glatte, rothlaufartige,
Sydenhamische (3) Scharlachfieber mit Hals-Bräune ward am vierten
Tage durch den Ausbruch der Kuhpocke gehemmt, welche völlig
bis zu Ende verlief, wonach dann erst das Scharlachfieber sich wieder
einstellte; so ward aber auch, da beide von gleicher Stärke
zu sein scheinen, die Kuhpocke am achten Tage von dem ausbrechenden
wahren, glatten, Sydenhamischen Scharlachfieber suspendirt, und
der rothe Hof jener verschwand, bis das Scharlachfieber vorüber
war, worauf die Kuhpocke sogleich ihren Weg bis zu Ende fortsetzte
(4). Die Masern suspendirten die Kuhpocke; am achten Tage, da die
Kuhpocken ihrer Vollkommenheit nahe waren, brachen die Masern aus,
die Kuhpocken standen nun still, und erst als die Masern sich abschuppten,
gingen die Kuhpocken wieder ihren Gang bis zur Vollendung, so daß
sie den sechszehnten Tag aussahen, wie sonst am zehnten, wie Kortum
beob-
-----
1) John Hunter, über die vener. Krankheiten. S. 5.
2) Rainay in med. Comment. of Edinb. III S. 480.
3) Auch von Withering und Plenciz sehr richtig beschrieben, vom
Purpurfriesel aber (oder dem Roodvonk), was man fälschlich
auch Scharlachfieber zu nennen beliebte, höchst verschieden.
Nur in den letzten Jahren haben beide, ursprünglich sehr verschiedene
Krankheiten einander in ihren Symptomen genähert.
4) Jenner in Medicinische Annalen, 1800. August. S. 747.
89
achtete (1). Auch bei schon ausgebrochenen Masern schlug die Kuhpockenimpfuog
noch an, machte aber ihren Verlauf erst, da die Masern vorbei waren,
wie ebenfalls Kortun bezeugt (2) .
Ich selbst sah einen Bauerwezel (angina parotidea, Mumps, Ziegenpeter,
Tölpel) sogleich verschwinden, als die Schutzpockenimpfung
gehaftet hatte und sich ihrer Vollkommenheit näherte; erst
nach völligem Verlaufe der Kuhpocke und der Verschwindung ihres
rothen Hofs trat diese fieberhafte Ohr- und Unterkiefer-Drüsengeschwulst
von eignem Miasm (der Bauerwezel) wieder hervor und durchging ihre
siebentägige Verlaufzeit.
Und so suspendiren sich alle, einander unähnliche Krankheiten,
die stärkere die schwächere (wo sie sich nicht, wie bei
acuten selten geschieht, compliciren), heilen einander aber nie.
§39
Dieß sah nun die gewöhnliche Arzneischule so viele Jahrhunderte
mit an, sah, daß die Natur selbst nicht einmal irgend eine
Krankheit durch Hinzutritt einer andern, auch noch so starken, heilen
kann, wenn die hinzutretende der schon im Körper wohnenden
unähnlich ist. Was soll man von ihr denken, daß sie dennoch
fortfuhr, die chronischen Krankheiten mit allöopathischen Curen
zu behandeln, nämlich mit Arzneien und Recepten, die, Gott
weiß, welchen, doch stets einen dem zu heilenden Uebel nur
unähnlichen Krankheitszustand selbst zu erzeugen vermögend
waren!
Auch wenn die Aerzte bisher die Natur nicht genau beobachteten,
so hätten sie doch aus den elenden
-----
1) In Hufeland´s Journal der practischen Arzneikunde. XX. III.
S. 50.
2) A. a. O.
91
Folgen ihres Verfahrens inne werden sollen, daß sie auf zweckwidrigem,
falschem Wege waren.
Sahen sie denn nicht, wenn sie gegen eine langwierige Krankheit
eine (wie allgewöhnlich) angreifende, allöopathische Cur
brauchten, daß sie damit nur eine, der ursprünglichen
unähnliche Kunstkrankheit erschufen, welche, so lange sie unterhalten
ward, das ursprüngliche Uebel zum Schweigen brachte, es bloß
unterdrückte und suspendirte jedoch allemal wieder zum Vorschein
kam und kommen mußte, sobald die Kraft-Abnahme des Kranken
nicht mehr gestattete, die allöopathischen Angriffe auf das
Leben fortzusetzen? So verschwindet freilich durch oft wiederholte,
heftige Purganzen, der Krätz-Ausschlag gar bald von der Haut,
aber wenn der Kranke die erzwungene (unähnliche) Darmkrankheit
nicht mehr aushalten und die Purgir-Mittel nicht mehr einnehmen
kann, dann blüht entweder der Haut-Ausschlag, nach wie vor,
wieder auf, oder die innere Psora entwickelt sich zu irgend einem
bösen Symptome, da dann der Kranke, außer seinem unverminderten,
ursprünglichen Uebel, als Zugabe noch eine schmerzhafte, zerrüttete
Verdauung und Kräfte-Verlust, zu erdulden hat.
So, wenn die gewöhnlichen Aerzte künstliche Hautgeschwüre
und Fontanellen äußerlich am Körper unterhalten,
um dadurch eine chronische Krankheit zu tilgen, so können sie
nie damit ihre Absicht erreichen, können dieselbe nie damit
heilen, da solche künstliche Hautgeschwüre dem innern
Leiden ganz fremd und allöopathisch sind; aber indem der, durch
mehre Fontanellen erregte Reiz ein, wenigstens zuweilen, stärkeres
(unähnliches) Uebel ist, als die inwohnende Krankheit, so wird
diese anfänglich dadurch zuweilen auf ein paar Wochen zum Schweigen
gebracht und suspendirt, aber letzteres auch nur auf sehr kurze
92
Zeit, und zwar unter allmähliger Abmergelung des Kranken.
Viele Jahre hindurch durch Fontanellen unterdrückte Fallsucht,
kam stets und schlimmer wieder zum Vorscheine, sobald man dieselben
zuheilen ließ wie Pechlin (1) und Andere bezeugen. Purganzen
können aber für die Krätze und Fontanelle für
eine Fallsucht nicht fremdartigere, nicht unähnlichere Umstimmungs-Potenzen,
nicht allöopathischere, angreifendere Cur-Mittel sein, als
es die, allgewöhnlich, aus ungekannten Ingredienzen gemischten
Recepte für die übrigen namenlosen, unzählbaren Krankheits-Formen
in der bisherigen Praxis sind. Auch diese schwächen bloß,
unterdrücken und suspendiren die Uebel nur auf kurze Zeit,
ohne sie heilen zu können, und fügen dann immer, durch
langwierigen Gebrauch, einen neuen Krankheitszustand zu dem alten
Uebel hinzu.
§40
III. Oder die neue Krankheit tritt, nach langer Einwirkung auf
den Organism, endlich zu der alten, ihr unähnlichen, und bildet
mit dieser eine complicirte Krankheit, so daß jede von ihnen
eine eigne Gegend im Organism, d.i. die ihr besonders angemessenen
Organe und gleichsam nur den ihr eigenthümlich gehörigen
Platz einnimmt, den übrigen aber, der ihr unähnlichen
Krankheit überläßt. So kann ein Venerischer auch
noch krätzig werden und umgekehrt. Als zwei sich unähnliche
Krankheiten, können sie aber einander nicht aufheben, nicht
heilen. Anfangs schweigen die venerischen Symptome, während
der Krätz-Ausschlag anfängt zu erscheinen und werden suspendirt;
mit der Zeit aber, (da die venerische Krankheit wenigstens eben
so stark, als die Krätze ist), ge-
-----
1) Obs. phys. med. lib. 2. obs. 30.
93
sellen sich beide zu einander (1), das ist, jede nimmt bloß
die, für sie geeigneten Theile des Organism's ein und der Kranke
ist dadurch kränker geworden und schwieriger zu heilen.
Beim Zusammentreffen einander unähnlicher acuter Ansteckungskrankheiten,
z.B. der Menschenpocken und Masern, suspendirt gewöhnlich,
wie vorhin angeführt worden, eine die andere; doch gab es auch
heftige Epidemien, wo sich in seltnen Fällen zwei sich unähnliche
acute Krankheiten dieser Art in einem und demselben Körper
einfanden und so gleichsam auf kurze Zeit complicirten.
In einer Epidemie, wo Menschenpocken und Masern zugleich herrschten,
gab es unter 300 Fällen, wo sich diese Krankheiten einander
mieden oder suspendirten, und wo die Masern erst 20 Tage nach dem
Pockenausbruche, die Pocken aber 17-18 Tage nach dem Masernausbruche
den Menschen befielen, so daß die erstere Krankheit vorher
bereits völlig verlaufen war, dennoch einen einzigen Fall,
wo P. Russel (2) beide unähnliche Krankheiten zugleich an derselben
Person antraf. Rainey (3) sah bei zwei Mädchen Menschenpocken
und Masern zusammen. J. Maurice (4) will in
-----
1) Nach genauen Versuchen und Heilungen dieser Art complicirter
Krankheiten, bin ich nun fest überzeugt, daß sie keine
Zusammenschmelzung sind, sondern daß in solchen Fällen
die eine nur neben der andern im Organism besteht, jede in den Theilen,
die für sie geeignet sind, denn ihre Heilung wird vollständig
bewirkt durch eine zeitgemäße Abwechselung der besten
antisyphilitischen mit den die Krätze heilenden Mitteln, jedes
derselben in der angemessensten Gabe und Zubereitung.
2) S. Transactions of a soc. for the improvem. of med. and chir.
knowl. II.
3) In den med. Commentarien von Edinb. III. S. 480.
4) In med. and phys. Journal 1805.94
94
seiner ganzen Praxis nur zwei solche Fälle beobachtet haben.
Dergleichen findet man auch bei Ettmüller (1) und noch einigen
wenigen Andern. -
Kuhpocken sah Zencker (2) ihren regelmäßigen Verlauf
neben Masern und neben Purpurfriesel beibehalten.
Kuhpocken gingen bei einer Mercurial-Cur gegen Lustseuche ihren
Weg ungestört, wie Jenner sah.
§41
Ungleich häufiger, als die natürlichen, sich in demselben
Körper zu einander gesellenden und so complicirenden, unähnlichen
Krankheiten, sind jene Krankheits-Complicationen, welche das zweckwidrige,
ärztliche Verfahren (die allöopathische Curart) durch
langwierigen Gebrauch unangemessener Arzneien zuwege zu bringen
pflegt. Zu der natürlichen Krankheit, die geheilt werden sollte,
gesellen sich dann durch anhaltende Wiederholung des unpassenden
Arzneimittels die, der Natur dieses letztern entsprechenden neuen,
oft sehr langwierigen Krankheitszustände, welche mit dem, ihnen
unähnlichen chronischen Uebel (was sie nicht durch Aehnlichkeits-Wirkung,
das ist, nicht homöopathisch heilen konnten) sich allmälig
zusammenpaaren und compliciren, zu der alten eine neue, unähnliche,
künstliche Krankheit chronischer Art hinzusetzen, und so den
bisher einfach Kranken, doppelt krank, das heißt, um vieles
kränker und unheilbarer, bisweilen ganz unheilbar machen, ja
selbst oft, tödten. Mehre in ärztlichen Journalen zur
Consultation aufgestellte Krankheitsfälle, so wie andere in
medicinischen Schriften erzählte Krankengeschichten geben Belege
hiezu.
-----
1) Opera, II. P. I. Cap 10.
2) In Hufeland's Journal, XVII.
95
Von gleicher Art sind die häufigen Fälle, wo die venerische
Schankerkrankheit, vorzüglich mit Krätz-Krankheit, auch
wohl mit dem Siechthume des Feigwarzentrippers complicirt, unter
langwieriger, oder oft wiederholter Behandlung mit großen
Gaben unpassender Quecksilberpräparate nicht geheilt wird,
sondern neben dem indeß allmälig erzeugten chronischen
Quecksilber-Siechthume (1) im Organismus Platz nimmt, und so mit
diesem ein oft grausames Ungeheuer von complicirter Krankheit bildet
(unter dem allgemeinen Namen: verlarvte venerische Krankheit), die,
wenn nicht ganz unheilbar, doch nur mit größter Schwierigkeit
wieder herzustellen ist.
§42
Die Natur selbst erlaubt, wie gesagt, in einigen Fällen den
Zusammentritt zweier (ja dreier) natürlichen Krankheiten in
einem und demselben Körper. Diese Complicirung ereignet sich
aber, wie man wohl zu bemerken hat, nur bei einander unähnIichen
Krankheiten, die nach ewigen Naturgesetzen einander nicht aufheben,
nicht vernichten und nicht heilen können, und zwar wie es scheint,
so, daß sich beide, (oder die drei), gleichsam in den Organism
theilen und jede die, für sie eigenthümlich gehörigen
Theile und Systeme einnimmt, was, wegen Unähnlichkeit dieser
Uebel untereinander, der Einheit des Lebens unbeschadet, geschehen
kann.
-----
1) Denn, außer denjenigen Krankheitssymptomen, welche, als
das Aehnliche, die venerische Krankheit homöopathisch heilen
können, hat Quecksilber in seiner Wirkungsart, noch viele andere,
der Lustseuche unähnliche, z. B. Knochen-Geschwulst, Knochenfraß,
u.s.w. welche bei Anwendung großer Gaben, vorzüglich,
in der so häufigen Complication mit Psora, neue Uebel und große
Zerstörungen im Körper anrichten.
96
§43
Aber ganz anders ist der Erfolg, wenn zwei ähnliche Krankheiten
im Organism zusammentreffen, d.i. wenn zu der schon vorhandenen
Krankheit, eine stärkere, ähnliche hinzutritt. Hier zeigt
sich, wie im Laufe der Natur Heilung erfolgen kann, und wie von
Menschen geheilt werden sollte.
§44
Zwei so ähnliche Krankheiten können, (wie von den unähnlichen
in I. gesagt ist) einander weder abhalten, noch (wie bei der Bedingung
II. von den unähnlichen gezeigt ward) einander suspendiren,
so daß die alte nach Verlauf der neuen wiederkäme, und
eben so wenig können die beiden ähnIichen (wie bei III.
von den unähnlichen gezeigt worden), in demselben Organism
neben einander bestehen, oder eine doppelte, complicirte Krankheit
bilden.
§45
Nein, stets und überall vernichten sich zwei, der Art nach
(1) zwar verschiedene, aber in ihren Aeußerungen und Wirkungen
wie durch die, von jeder derselben verursachten Leiden und Symptomen
einander sehr ähnliche Krankheiten, sobald sie in Organism
zusammentreffen, nämlich die stärkere Krankheit die schwächere,
und zwar aus der nicht schwer zu errathenden Ursache, weil die stärkere
hinzukommende Krankheitspotenz, ihrer Wirkungs-Aehnlichkeit wegen,
dieselben Theile im Organism, und zwar vorzugsweise in Anspruch
nimmt, die von dem schwächern Krankheits-Reize bisher arficirt
waren, welcher folglich
-----
1) Siehe oben §. 26, in der Anmerkung
97
nun nicht mehr einwirken kann, sondern erlischt (1), oder mit andern
Worten, weil, sobald die neue ähnliche, aber stärkere
Krankheitspotenz sich des Gefühls des Kranken bemeistert, das
Lebensprincip, seiner Einheit wegen, die schwächere ähnliche
nicht mehr fühlen kann; sie ist erloschen, sie existirt nicht
mehr, denn sie ist nie etwas Materielles, sondern nur eine dynamische,
(geistartige) Affection. Nur von der neuen, ähnlichen aber
stärkeren Krankheitspotenz des Arzneimittels bleibt nun das
Lebensprincip afficirt, doch nur überhingehend.
§46
Es würden sich sehr viele Beispiele von Krankheiten anführen
lassen, die im Laufe der Natur durch Krankheiten von ähnlichen
Symptomen homöopathisch geheilt wurden, wenn wir uns nicht
einzig an jene wenigen, sich stets gleichbleibenden, aus einem feststehenden
Miasm entspringenden und daher eines bestimmten Namens werthen Krankheiten
halten müßten, um von etwas Bestimmtem und Unzweifelhaftem
reden zu können.
Unter ihnen ragt die, wegen der großen Zahl ihrer heftigen
Symptome so berüchtigte Menschenpockenkrankheit hervor, welche
schon zahlreiche Uebel mit ähnlichen Symptomen aufgehoben und
geheilt hat.
Wie allgemein sind nicht die heftigen, bis zur Erblindung steigenden
Augenentzündungen bei der Menschenpocke, und siehe! eingeimpft
heilte diese eine langwierige Augenentzündung vollständig
und auf immer bei Dezoteux (2) und eine andere bei Leroy (3).
-----
1) Gleichwie von dem stärkeren, in unseren Augen fallenden
Sonnenstrahle, das Bild einer Lampenflamme im Sehnerven schnell
überstimmt und verwischt wird.
2) Traité de l´inoculation, S. 189.
3) Heilkunde für Mütter, S. 384.
98
Eine, von unterdrücktem Kopfgrinde entstandene, zweijährige
Blindheit, wich ihr nach Klein (1), gänzlich.
Wie oft erzeugte die Menschenblatter-Krankheit nicht Taubhörigkeit
und Schweräthmigkeit! und beide langwierige Uebel hob sie,
als sie zu ihrer größten Höhe gestiegen war, wie
J. Fr. Closs (2) beobachtete. Hodengeschwulst, auch sehr heftige,
ist ein häufiges Symptom der Menschenpocke und deßhalb
konnte sie, durch Aehnlichkeit eine von Quetschung entstandene große,
harte Geschwulst des linken Hodens heilen, wie Klein (3) beobachtete.
Und eine ähnliche Hodengeschwulst ward von ihr unter den Augen
eines andern Beobachters (4) geheilt.
So gehört auch unter die beschwerlichen Zufälle der Menschenpocke,
ein ruhrartiger Stuhlgang und sie besiegte daher als ähnliche
Krankheitspotenz eine Ruhr nach Fr. Wendt's (5) Beobachtung.
Die zu Kuhpocken kommende Menschenpockenkrankheit hebt wie bekannt,
eben sowohl ihrer größern Stärke, als ihrer großen
Aehnlichkeit wegen, erstere sogleich gänzlich (homöopathisch)
auf und läßt sie nicht zur Vollendung kommen; doch wird
hinwiederum, durch die ihrer Reife schon nahe gekommene Kuhpocke,
ihrer großen Aehnlichkeit wegen, die darauf ausbrechende Menschenpocke
(homöopathisch) wenigstens um vieles gemindert und gutartiger
(6) gemacht, wie Mühry (7) und viele Andre bezeugen.
-----
1) Interpres clinicus, S. 293.
2) Neue Heilart der Kinderpocken, Ulm 1769. S. 68. und specim.
Obs. No. 18.
3) Ebendaselbst.
4) Nov. Act. Nat. Cur. Vol. I. Obs. 22.
5) Nachricht von dem Krankeninstitut zu Erlangen 1783 .
6) Dieß scheint der Grund des so wohlthätigen, merkwürdigen
Ereignisses zu sein, daß, seit der allgemeinen
99
Die eingeimpfte Kuhpocke, deren Lymphe, außer Schutzpockenstoff,
auch noch den Zunder zu einem allgemeinen Hautausschlage andrer
Natur enthält, welcher aus selten größern, eiternden,
gewöhnlich kleinen, trocknen, auf rothen Fleckchen sitzenden,
spitzigen Blüthen (pimples) besteht; oft mit untermischten,
rothen, runden Hautfleckchen, nicht selten von dem heftigsten Jucken
begleitet, welcher Ausschlag bei nicht wenigen Kindern auch wirklich
mehre Tage vor, öfterer jedoch nach dem rothen Hofe der Kuhpocke
erscheint und, mit Hinterlassung kleiner, rother, harter Hautfleckchen,
in ein paar Tagen vergeht; - die geimpfte Kuhpocke, sage ich, heilt
durch Aehnlichkeit dieses Neben-Miasms ähnliche, oft sehr alte
und beschwerliche Hautausschläge der Kinder, nachdem die Kuhpockenimpfung
bei ihnen gehaftet hat, homöopathisch vollkommen und dauerhaft,
wie eine Menge Beobachter (1) bezeugen.
Die Kuhpocken, deren eigenthümliches Symptom es ist, Armgeschwulst
(98) zu verursachen, heilten nach ihrem Ausbruche, einen geschwollenen,
halbgelähmten Arm (2).
-----
Verbreitung der Jennerschen Kuhpockenimpfung, die Menschenpocken
nie wieder unter uns weder so epidemisch noch so bösartig erscheinen,
wie vor 40-50 Jahren, wo eine davon ergriffene Stadt, wenigstens
die Hälfte und oft drei Viertel ihrer Kinder durch den jämmerlichsten
Pest-Tod, verlor.
7) Bei Robert Willan, über die Kuhpockenimpfung.
1) Vorzüglich Clavier, Hurel und Desormeaux, im Bulletin des
sc. medicales, publié par les membres du comité central
de la soc. de médecine du département de l'Eure, l808.
So auch im Journal de Médecine continué, Vol. XV.
S. 206.
2) Balhorn, in Hufeland's Journal. X. II.
3) Stevenson in Duncans Annals of medicine, Lustr. II. Vol. I.
Abth. 2. No. 9.
100
Das Fieber bei der Kuhpocke, welches sich zur Zeit der Entstehung
des rothen Hof´s einfindet, heilte (homöopathisch) ein
Wechselfieber bei zwei Personen, wie Hardege der jüngere (1)
berichtet, zur Bestätigung dessen, was schon J. Hunter (2)
bemerkt hatte, daß nicht zwei Fieber (ähnliche Krankheilen)
in einem Körper zugleich bestehen können. -
In Fieber und in Hustenbeschaffenheit haben die Masern viel Aehnlichkeit
mit dem Keichhusten und deßhalb sah Bosquillon (3), daß
bei einer Epidemie, wo beide herrschten, viele Kinder, welche die
Masern bereits überstanden hatten, vom Keichhusten frei blieben.
Sie würden alle und auch in der Folge, vom Keichhusten frei
und durch die Masern unansteckbar geworden sein, wenn der Keichhusten
nicht eine, den Masern nur zum Theil ähnliche Krankheit wäre,
das ist, wenn er auch einen ähnlichen Hautausschlag, wie die
letztern bei sich führte. So aber konnten die Masern nur Viele,
und nur in der gegenwärtigen Epidemie von Keichhusten, frei
erhalten.
Wenn aber die Masern eine, im Ausschlage, ihrem Hauptsymptome,
ähnliche Krankheit vor sich haben, können sie dieselbe
ohne Widerrede aufheben und homöopathisch heilen. So ward eine
langwierige Flechte, durch den Ausbruch der Masern, sogleich gänzlich
und dauerhaft (homöopathisch) geheilt (4), wie Kortum (5) beobachtete.
Ein äußerst brennender, sechsjähriger frieselartiger
Ausschlag im Gesichte, am Halse und an den Armen, von jedem Wetter-Wechsel
erneuert, ward von
-----
1) In Hufeland´s Journ. der pr. Arzneik. XXIII.
2) Ueber die vener. Krankheit. S. 4.
3) Elements de médec. prat de M. Cullen, traduits P. II.
I. 3. Ch. 7.
4) Oder wenigstens dieß Symptom hinweggenommen.
5) In Hufeland's Journal XX. III. S. 50.
101
hinzu kommenden Masern zu einer aufgeschwollenen Haut-Fläche;
nach dem Verlauf der Masern war das Friesel geheilt und kam nicht
wieder (1).
§47
Unmöglich kann es für den Arzt eine deutlichere und überzeugendere
Belehrung, als diese geben, welche Art von künstlicher Krankheitspotenz
(Arznei) er zu wählen habe, um nach dem Vorgange der Natur,
gewiß, schnell und dauerhaft zu heilen.
§48
Im Laufe der Natur kann, wie wir aus allen diesen Beispielen ersehen,
eben so wenig als mittels Arztes Kunst, ein vorhandnes Leiden und
Uebelsein, von einer unähnlichen, auch noch so starken Krankheits-Potenz
aufgehoben und geheilt werden, wohl aber bloß von einer an
Symptomen ähnlichen, etwas stärkern; nach ewigen, unwiderruflichen,
bisher jedoch verkannten Natur-Gesetzen.
§49
Wir würden von dieser Art ächter, homöopatischer
Natur-Heilungen, noch weit mehrere finden, wenn theils die Beobachter
mehr Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hätten, und es anderntheils
der Natur nicht an homöopathischen Hülfskrankheiten gebräche.
§50
Die große Natur selbst, hat zu homöopathischen Heilwerkzeugen,
wie wir sehen, fast nur die wenigen miasmatischen, festständigen
Krankheiten als Hülfe, die
-----
1) Rau, über d. Werth des homöop. Heilverfahrens, Heidelb.
1824. S. 85.
102
Krätze, die Masern und die Menschenpocken (1), Krankheitspotenzen,
die (2) theils als Heilmittel lebensgefährlicher und schrecklicher,
als das damit zu heilende Uebel sind, theils (wie die Krätze)
nach vollführter Heilung ähnlicher Krankheiten, selbst
Heilung bedürfen, um hinwiederum vertilgt zu werden; beides
Umstände, die ihre Anwendung als homöopathische Mittel
schwierig, unsicher und gefährlich machen. Und wie wenig Krankheits-Zustände
giebt es unter den Menschen, die an Pocken, Masern und Krätze,
ihr ähnliches, (homöopathisches) Heilmittel fanden! Im
Laufe der Natur können deßhalb auch nur wenige Uebel
sich mit diesen bedenklichen und mißlichen, homöopathischen
Mitteln heilen und der Erfolg zeigt sich nur mit Gefahr und großer
Beschwerde, schon deßhalb, weil die Gaben dieser Krankheitspotenzen
sich nicht, wie wir es doch mit Arzneigaben können, nach den
Umständen selbst verkleinern lassen; dagegen wird im andern
Falle, der mit einem alten, ähnlichen Uebel Behaftete, mit
dem ganzen gefährlichen und beschwerlichen Leiden der ganzen
Menschenpocken-, Maser- und Krätz-Krankheit überzogen,
um von letzterem zu genesen. Und dennoch haben wir von diesem glücklichen
Zusammentreffen, wie man sieht, schöne homöopathische
Heilungen aufzuweisen, als eben so viel sprechende Belege von dem
in ihnen waltenden, großen, einzigen Natur-Heilgesetze: Heile
durch Symptomen-AehnIichkeit.
§51
Aus solchen Thatsachen wird dem fähigen Geiste des Menschen
dieses Heilgesetz kund, und hiezu waren
-----
1) Und den obgenannten Hautausschlags-Zunder, der nebenbei in der
Kuhpocken-Lymphe befindlich ist.
2) Nämlich die Menschenpocken und Masern.
103
sie hinreichend. Dagegen, siehe! welchen Vorzug hat der Mensch
nicht vor der rohen Natur ungefähren Ereignissen! Wie viel
tausend homöopathische Krankheitspotenzen mehr, zur Hülfe
für die leidenden Mitbrüder, hat nicht der Mensch an den,
überall in der Schöpfung verbreiteten Arzneisubstanzen!
Krankheits-Erzeugerinnen hat er an ihnen von allen möglichen
Wirkungs-Verschiedenheiten, für alle die unzähligen, nur
erdenklichen und unerdenklichen natürlichen Krankheiten, gegen
welche sie homöopathische Hülfe leisten können -
Krankheitspotenzen, (Arzneisubstanzen), deren Kraft nach vollendeter
Heil-Anwendung, durch die Lebenskraft besiegt, von selbst verschwindet,
ohne einer abermaligen Hülfe zur Wieder-Vertreibung, wie die
Krätze, zu bedürfen - künstliche Krankheitspotenzen,
die der Arzt bis an die Gränzen der Unendlichkeit verdünnen,
zertheilen, potenziren und in ihrer Gabe bis dahin vermindern kann,
daß sie nur um ein kleines stärker bleiben, als die damit
zu heilende, ähnliche, natürliche Krankheit, so daß
es bei dieser unübertrefflichen Heilart, keines heftigen Angriffs
auf den Organism bedarf, um selbst ein altes, hartnäckiges
Uebel auszurotten, ja daß dieselbe gleichsam nur einen sanften,
unmerklichen und doch oft geschwinden Uebergang aus den quälenden,
natürlichen Leiden in die erwünschte, dauerhafte Gesundheit
bildet.
§52
Es giebt nur zwei Haupt-Curarten: diejenige welche all´ ihr
Thun nur auf genaue Beobachtung der Natur, auf sorgfältige
Versuche und reine Erfahrung gründet, die (vor mir nie geflissentlich
angewendete) homöopathische, und eine zweite, welche dieses
nicht thut, die (heteropathische, oder) allöopathische. Jede
steht der andern gerade entgegen und nur wer beide
104
nicht kennt, kann sich dem Wahne hingeben, daß sie sich je
einander nähern könnten oder wohl gar sich vereinigen
ließen, kann sich gar so lächerlich machen, nach Gefallen
der Kranken, bald homöopathisch, bald allöopathisch in
seinen Curen zu verfahren; dieß ist verbrecherischer Verrath
an der göttlichen Homöopathie zu nennen!
§53
Die wahren, sanften Heilungen geschehen bloß auf homöopathischem
Wege, einem Wege, der, da wir ihn auch oben (§. 7-25) auf eine
andere Weise, durch Erfahrungen und Schlüsse fanden, auch der
unbestreitbar richtige ist, auf welchem man am gewissesten, schnellsten
und dauerhaftesten zur Heilung der Krankheiten durch die Kunst gelangt,
weil diese Heilart auf einem ewigen, untrüglichen Naturgesetze
beruht. Die reine homöopathische Heilart ist der einzig richtige,
der einzig durch Menschenkunst mögliche, geradeste Heilweg,
so gewiß zwischen zwei gegebenen Punkten, nur eine einzige
gerade Linie möglich ist.
§54
Die allöopathische Curart, welche mancherlei gegen die Krankheiten
unternahm, doch stets nur das Ungehörige (alloia), war die,
seit Menschen Gedenken, unter sehr verschiedenen Formen, die man
Systeme nannte, herrschende. Jedes dieser, von Zeit zu Zeit auf
einander folgenden, gar sehr von einander abweichenden Systeme,
beehrte sich mit dem Namen: rationelle HeiIkunde (1). Jeder Erbauer
eines dieser
-----
1) Gleich als ob eine, bloß auf Beobachtung der Natur beruhende
und einzig auf reine Versuche und Erfahrung zu gründende Wissenschaft,
durch müßiges Grübeln und scholastisches Raisonniren
gefunden werden könnte!
105
Systeme, hatte die hochmüthige Meinung von sich, er sei fähig,
das innere Wesen des Lebens, wie des gesunden, so auch des kranken
Menschen zu durchschauen und klar zu erkennen und ertheilte hienach
die Verordnung, welche schädliche Materie (1) aus dem kranken
Menschen und wie sie hinweg zu nehmen sei um ihn gesund zu machen;
- alles nach leeren Vermuthungen und beliebigen Voraussetzungen,
ohne die Natur redlich zu befragen und die Erfahrung vorurtheillos
anzuhören. Man gab die Krankheiten für Zustände aus,
die immer auf ziemlich gleiche Art wieder erschienen. Die meisten
Systeme ertheilten daher ihren erdichteten Krankheits-Bildern Namen,
und klassificirten sie, jedes System, anders. Den Arzneien wurden
nach Vermuthungen Wirkungen zugeschrieben (s. die vielen Arzneimittellehren!)
welche diese innormalen Zustände aufheben, d.i. heilen sollten
(2).
§55
Da aber bald nach Einführung eines jeden dieser Systeme und
bei jeder dieser Cur-Methoden das Publicum sich überzeugte,
wie bei deren genauer Be-
-----
1) Denn bis auf die neuesten Zeiten suchte man das in Krankheiten
zu Heilende in einer wegzuschaffenden Materie, da man sich nicht
zum Begriffe von einer dynamischen (Anm. zu §. 11.) Wirkung
der krankhaften Potenzen, so wie der Arzneien auf das Leben des
thierischen Organisms zu erheben vermochte.
2) Um das Maaß der Selbst-Verblendung zu überfüllen,
wurden (recht gelehrt) stets mehrere, ja viele, verschiedene Arzneien
in so genannten Recepten zusammen gemischt, auch oft, und in großen
Gaben eingegeben, und so das theuere, leicht zerstörbare Menschen-Leben,
vielfach unter den Händen dieser Verkehrten gefährdet,
vorzüglich, da man auch Aderlaß, Brech- und Purgirmittel
zur Hülfe nahm, so wie Ziehpflaster, Fontanelle, Haarseile,
Beitzen und Brennen.
106
folgung die Leiden der Kranken sich nur noch vermehrten und erhöheten,
so würde man schon längst diese allöopathischen Aerzte
ganz verlassen haben, wenn nicht die palliative Erleichterung, die
sie von Zeit zu Zeit durch einige empirisch aufgefundene Mittel
(deren oft fast augenblickliche, schmeichelhafte Wirkung in die
Augen fällt) dem Kranken zu verschaffen wußten, ihren
Credit noch einigermaßen aufrecht erhalten hätte.
§56
Mit dieser palliativen (antipathischen, enantiopathischen) Methode,
seit 17 Jahrhunderten, nach Galen's Lehre: contraria contrariis
eingeführt, konnten die bisherigen Aerzte das Vertrauen des
Kanken noch am gewissesten zu gewinnen hoffen, indem sie ihn mit
fast augenblicklicher Besserung täuschten. Wie unhülfreich
aber im Grunde und wie schädlich diese Behandlungs-Art (in
nicht sehr schnell verlaufenden Krankheiten) ist, werden wir aus
Folgendem ersehen. Zwar ist sie noch das Einzige in der Cur-Art
der Allöopathen, was offenbaren Bezug auf einen Theil der Symptome
der natürlichen Krankheit hat - aber, welchen Bezug! Wahrlich
nur einen umgekehrten, welcher, wenn man den chronisch Kranken nicht
täuschen, seiner nicht spotten will, sorgfältig vermieden
werden sollte (1).
-----
1) Man möchte gern ein dritte Kurart durch Isopathie, wie man
sie nennt, erschaffen, nämlich mit gleichem Miasm eine gleiche
vorhandne Krankheit heilen. Aber, gesetzt auch, man vermöchte
dieß, so würde, da sie das Miasm nur hoch potenzirt,
und folglich, verändert dem Kranken reicht, sie dennoch nur
durch ein, dem Simillimo entgegen gesetztes Simillimum die Heilung
bewirken. Dieses Heilen Wollen aber durch eine ganz gleiche Krankheits-Potenz
(per idem) widerspricht allem gesunden Menschen-Verstande
107
§57
Um so antipathisch zu verfahren, giebt ein solcher gewöhnlicher
Arzt, gegen ein einzelnes, beschwerliches Symptom unter den vielen
übrigen, von ihm nicht geachteten Symptomen der Krankheit,
eine Arznei, von welcher es bekannt ist, daß sie das gerade
Gegentheil des zu beschwichtigenden Krankheits-Symptoms hervorbringt,
wovon er demnach, zufolge der ihm seit mehr als fünfzehn Hundert
Jahren vorgeschriebenen Regel der uralten medicinischen Schule (contraria
contrariis) die schleunigste (palliative) Hülfe erwarten kann.
Er
-----
und daher auch aller Erfahrung. Denen, welche zuerst die sogenannte
Isopathie zur Sprache brachten, schwebte vermuthtlich die Wohlthat
vor Augen, welche die Menschheit durch Anwendung der Kuhpocken-Einimpfung
erfuhr, daß dadurch der Eingeimpfte von aller künftigen
Menschenpocken-Ansteckung frei erhalten, und gleichsam schon im
voraus von letzterer geheilt ward. Aber beide, die Kuhpocken wie
die Menschenpocke, sind nur sehr ähnliche, auf keine Weise
ganz dieselbe Krankheit; sie sind in vieler Hinsicht von einander
abweichend, namentlich auch durch den schnellern Verlauf und die
Gelindigkeit der Kuhpocken, vorzüglich aber dadurch, daß
diese nie durch ihre Nähe den Menschen anstecken, und so durch
die allgemeine Verbreitung ihrer Einimpfung allen Epidemien jener
tödlichen, fürchterlichen Menschenpocken dergestalt ein
Ende gemacht haben, daß die jetzige Generation gar keine anschauliche
Vorstellung von jener ehemaligen scheußlichen Menschenpocken-Pest
mehr hat. So werden allerdings auch ferner einige, den Thieren eigne
Krankheiten uns Arznei- und Heil-Potenzen für sehr ähnliche,
wichtige Menschen-Krankheiten darreichen, und demnach unsern homöopathischen
Arznei-Vorrath glücklich ergänzen. Aber mit einem menschlichen
Krankheitsstoffe (z.B. einem Psorikum von Menschen-Krätze genomnen,
gleiche menschliche Krankheit, Menschen-Krätze oder davon entstandene
Uebel) heilen wollen - das sei fern! Es erfolgt nichts davon als
Unheil und Verschlimmerung der Krankheit.
108
giebt starke Gaben Mohnsaft gegen Schmerzen aller Art, weil diese
Arznei die Empfindung schnell betäubt, giebt eben dieses Mittel
gegen Durchfälle, weil es schnell die wurmförmige Bewegung
des Darmkanals hemmt und denselben alsbald unempfindlich macht,
und so auch gegen Schlaflosigkeit, weil Mohnsaft schnell einen betäubenden,
stupiden Schlaf zuwege bringt; er giebt Purganzen, wo der Kranke
schon lange an Leibesverstopfung und Hartleibigkeit leidet; er läßt
die verbrannte Hand in kaltes Wasser tauchen, was durch die Kälte
den Brennschmerz augenblicklich wie wegzuzaubern scheint; setzt
den Kranken, der über Frostigkeit und Mangel an Lebenswärme
klagt, in warme Bäder, die ihn doch nur augenblicklich erwärmen,
und läßt den langwierig Geschwächten Wein trinken,
wodurch er augenblicklich belebt und erquickt wird, und wendet so
noch einige andre antipathische Hülfs-Veranstaltungen an, doch
außer diesen nur noch wenige, da der gewöhnlichen Arzneikunst
nur von wenigen Mitteln einige eigenthümliche (Erst-)Wirkung
bekannt ist.
§58
Wenn ich auch bei Beurtheilung dieser Arznei-Anwendung den Umstand
übergehen wollte, daß hiebei sehr fehlerhaft, bloß
symptomatisch verfahren (s. Anm. zu §. 7) d.i. nur einseitig
für ein einzelnes Symptom, also nur für einen kleinen
Theil des Ganzen gesorgt wird, wovon offenbar nicht Hülfe für
das Total der Krankheit, die allein der Kranke wünschen kann,
zu erwarten ist, - so muß man doch auf der andern Seite die
Erfahrung fragen, ob in einem einzigen Falle solchen antipathiscben
Arzneigebrauchs, gegen eine langwierige oder anhaltende Beschwerde,
nach erfolgter, kurz dauernder Erleichterung, nicht eine größere
Verschlimmerung der so palliativ Anfangs
109
beschwichtigten Beschwerde, ja Verschlimmerung der ganzen Krankheit
erfolgte? Und da wird jeder aufmerksame Beobachter übereinstimmen,
daß auf eine solche antipathische, kurze Erleichterung jederzeit
und ohne Ausnahme Verschlimmerung erfolgt, obgleich der gemeine
Arzt diese nachgängige Verschlimmerung dem Kranken anders zu
1 und sie auf eine sich jetzt erst offenbarende Bösartigkeit
der ursprünglichen, oder auf die Entstehung einer neuen Krankheit
zu schieben pflegt (1).
§59
Noch nie in der Welt wurden bedeutende Symptome anhaltender Krankheiten
durch solche palliative Gegensätze behandelt, ohne daß
nach wenigen Stunden das Gegentheil, die Rückkehr, ja offenbare
Verschlimmerung eines solchen Uebels erfolgt wäre. Gegen langwierige
Neigung zu Tagesschläfrigkeit
-----
1) So wenig auch bisher die Aerzte zu beobachten pflegten, so konnte
ihnen doch die, auf solche Palliative gewiß erfolgende Verschlimmerung
nicht entgehen. Ein starkes Beispiel dieser Art findet man in J.
H. Schulze, Diss. qua corporis humani momentanearum alterationum
specimina quaedam expenduntur, Halae 1741. §. 28. Etwas Aehnliches
bezeugt Willis, Pharm. rat. Sect. 7. Cap. I. S. 298. Opiata dolores
atrocissimos plerumque sedant atque indolentiam procurant, eamque
aliquamdiu et pro stato quodam tempore continuant, quo spatio elapso
dolores mox recrudescunt et brevi ad solitam ferociam augentur.
Und so S. 295: Exactis opii viribus illico redeunt tormina, nec
atrocitatem suam remittunt, nisi dum ab eodem pharmaco rursus incantatur.
So sagt J. Hunter (über die vener. Krankh. S. 13.), daß
Wein bei Schwachen die Wirkungskraft vermehre, ohne ihnen jedoch
eine wahre Stärke mitzutheilen und daß die Kräfte
hintennach in demselben Verhältnisse wieder sinken, als sie
zuvor erregt worden waren, wodurch man keinen Vortheil erhalte,
sondern die Kräfte größtentheils verloren gingen.
110
verordnete man den, in seiner Erstwirkung ermunternden Kaffee,
und als er ausgewirkt hatte, nahm die Tagesschläfrigkeit zu;
- gegen öfteres nächtliches Aufwachen gab man, ohne auf
die übrigen Symptome der Krankheit zu sehen, Abends Mohnsaft,
der seiner Erstwirkung zufolge, für diese Nacht einen betäubenden,
dummen Schlaf zuwege brachte, aber die folgenden Nächte wurden
dann noch schlafloser; - den chronischen Durchfällen setzte
man, ohne auf die übrigen Krankheits-Zeichen Rücksicht
zu nehmen, eben diesen, in seiner Erstwirkung Leib verstopfenden
Mohnsaft entgegen, aber nach kurzer Hemmung des Durchfalls ward
derselbe hinterdrein nur desto ärger; - heftige, oft wiederkehrende
Schmerzen aller Art konnte man mit dem Gefühl betäubenden
Mohnsaft nur auf kurze Zeit unterdrücken, dann kamen sie stets
erhöhet, oft unerträglich erhöhet, wieder zurück,
oder andere, weit schlimmere Uebel dafür - Gegen alten Nachthusten
weiß der gemeine Arzt nichts Besseres, als den, jeden Reiz
in seiner Erstwirkung unterdrückenden Mohnsaft zu geben, welcher
danach die erste Nacht vielleicht schweigt, aber die folgenden Nächte
nur desto angreifender wiederkehrt, und wenn er dann nochmals und
abermals mit diesem Palliative in hochgesteigerter Gabe unterdrückt
wird, so kommt Fieber und Nachtschweiß hinzu; - eine geschwächte
Harnblase und daher rührende Harnverhaltung, suchte man durch
den antipathischen Gegensatz der, die Harnwege aufreizenden Cantharidentinctur
zu besiegen, wodurch zwar Anfangs Ausleerung des Urins erzwungen,
hinterdrein aber die Blase noch unreizbarer und unvermögender
wird, sich zusammenzuziehen, und die Harnblasen-Lähmung ist
vor der Thüre; - mit den, in starker Gabe, die Därme zu
häufiger Ausleerung reizenden Purgir-Arzneien und Laxir-Salzen
wollte man alte
111
Neigung zu Leibverstopfung aufheben, aber in der Nachwirkung ward
der Leib nur desto verstopfter; - langwierige Schwäche will
der gemeine Arzt durch Weintrinken heben, was doch nur in der Erstwirkung
aufreizt, daher sinken die Kräfte nur desto tiefer in der Nachwirkung;
- durch bittere Dinge und hitzige Gewürze will er langwierig
schwache und kalte Magen stärken und erwärmen, aber der
Magen wird von diesen, nur in der Erstwirkung aufregenden Palliativen,
in der Nachwirkung nur desto unthätiger; - lang anhaltender
Mangel an Lebenswärme so wie Frostigkeit, soll auf verordnete
warme Bäder weichen, aber desto matter, kälter und frostiger
werden die Kranken hinterdrein; - stark verbrannte Theile fühlen
auf Behandlung mit kaltem Wasser zwar augenblickliche Erleichterung,
aber der Brennschmerz vermehrt sich hinterdrein unglaublich; die
Entzündung greift um sich und steigt zu einem desto höhern
Grade; - durch Schleim erregende Niesemittel will man alten Stockschnupfen
heben, merkt aber nicht, daß er durch dies Entgegengesetzte
immer mehr (in der Nachwirkung) sich verschlimmert und die Nase
nur noch verstopfter wird; - mit den, in der Erstwirkung die Muskelbewegung
stark aufreizenden Potenzen der Electricität und des Galvanismus,
setzte man langwierig schwache, fast lähmige Glieder schnell
in thätigere Bewegung; die Folge aber (die Nachwirkung) war
gänzliche Ertödtung aller Muskel-Reizbarkeit und vollendete
Lähmung; - mit Aderlässen wollte man langwierigen Blutandrang
nach dem Kopfe und nach andern Theilen hin, z. B. bei Herzklopfen,
wegnehmen, aber es erfolgte darauf stets größere Blut-Anhäufung
in diesen Organen, stärkeres, häufigeres Herzklopfen u.s.w.
- die lähmige Trägheit der Körper- und Geistesorgane,
mit Besinnungslosigkeit gepaart, welche in vielen Typhus-Arten vorherrschen,
weiß die
112
gemeine Arzneikunst mit nichts Besserm zu behandeln als mit großen
Gaben Baldrian, weil dieser eins der kräftigsten, ermunternden
und beweglich machenden Arzneimittel sei; ihrer Unwissenheit war
aber nicht bekannt, daß diese Wirkung bloß Erstwirkung
ist und daß der Organism nach derselben, jedesmal in der Nachwirkung
(Gegenwirkung) in eine desto größere Betäubung und
Bewegungslosigkeit, das ist, in Lähmung der Geistes- und Körper-Organe
(selbst Tod) mit Gewißheit verfällt; sie sahen nicht,
daß gerade diejenigen Kranken, die sie am meisten mit dem
hier opponirten, anthipathischen Baldrian fütterten, am unfehlbarsten
starben. - Der Arzt alter Schule (1) frohlockt den kleinen, schnellen
Puls in Kachexien schon mit der ersten Gabe von dem in seiner Erstwirkung
den Puls verlangsamernden Purpur-Fingerhut, auf mehrere Stunden
langsamer erzwungen zu haben, aber bald kehrt dessen Geschwindigkeit
verdoppelt zurück; wiederholte, nun verstärkte Gaben bewirken
immer weniger und endlich gar nicht mehr Minderung seiner Schnelligkeit,
vielmehr wird er in der Nachwirkung nun unzählbar; Schlaf,
Eßlust und Kraft weichen und der baldige Tod ist unausbleiblich,
wenn nicht Wahnsinn entsteht. Wie oft man, mit einem Worte, durch
solche entgegengesetzte (antipathische) Mittel, in der Nachwirkung
die Krankheit verstärkte, ja oft noch etwas Schlimmeres damit
herbeiführte, sieht die falsche Theorie nicht ein, aber die
Erfahrung lehrt es mit Schrecken.
§60
Entstehen nun diese, vom antipathischen Gebrauche der Arzneien
sehr natürlich zu erwartenden, übeln
-----
1) M. S. Hufeland in seinem Pamphlet: die Homöopathie S. 20.
113
Folgen, so glaubt der gewöhnliche Arzt sich dadurch zu helfen,
daß er, bei jeder erneueten Verschlimmerung, eine verstärktere
Gabe des Mittels reicht, wovon dann ebenfalls nur kurz dauernde
Beschwichtigung (1) und
-----
1) Alle gewöhnlichen Palliative für die Leiden des Kranken
haben (wie man hier sieht) zur Nachwirkung eine Erhöhung derselben
Leiden und die ältern Aerzte mußten daher die Gaben verstärkt
wiederholen, um eine ähnliche Minderung hervorzubringen, die
dennoch nie von Dauer war, nie hinreichte, um eine verstärkte
Rückkehr des Leidens zu verhindern.
Aber Broussais, während er vor 25 Jahren die unsinnige Mischerei
mehrerer Droguen in den Recepten der Aerzte bestritt und ihr in
Frankreich ein Ende machte (was ihm die Menschheit billig verdankt),
führte durch sein sogenanntes physiologisches System (ohne
der schon damals verbreiteten, homöopathischen Heilkunst zu
achten) eine, die Leiden der Kranken wirksam mindernde und (was
die bis dahin üblichen Palliative nicht vermocht hatten) die
verstärkte Rückkehr aller ihrer Leiden dauerhaft hindernde
Curart ein, die sich auf alle Krankheiten der Menschen erstreckte.
Unfähig, die Krankheiten mit milden, unschuldigen Arzneien
wirklich zu heilen und Gesundheit herzustellen, fand Broussais den
Ieichtern Weg, die Leiden der Kranken auf Kosten ihres Lebens nach
und nach immer mehr und mehr zu stillen und endlich mit dem Leben
ganz auszulöschen; eine Curart, die leider seinen kurzsichtigen
Zeitgenossen genügte. - Je mehr der Kranke noch Kräfte
hat, desto auffallender sind seine Beschwerden, desto lebhafter
fühlt er seine Schmerzen. Er wimmert, er stöhnt, er schreit,
er ruft um Hülfe, stärker und stärker, so daß
die Umstehenden nicht schnell genug zum Arzt eilen können,
um ihm Ruhe zu verschaffen. Broussais hatte nur nöthig, die
Lebenskraft des Kranken herabzustimmen, immer mehr und mehr zu mindern
und siehe! je öfterer er ihm zur Ader ließ und durch
jemehr Blutegel und Schröpfköpfe er ihm den Lebenssaft
aussaugen ließ (denn fast an allen Leiden sollte, nach ihm,
das unschuldige, unersetzliche Blut, schuld sein!) desto mehr verlor
der Kranke die Kraft Schmerzen zu empfinden, oder durch heftige
114
bei dann noch nöthiger werdenden, immer höherer Steigerung
des Palliativs, entweder ein anderes, größeres Uebel,
oder oft gar Unheilbarkeit, Lebensgefahr und Tod erfolgt, nie aber
Heilung eines etwas älteren oder alten Uebels.
-----
Klagen und Gebehrden seinen verschlimmerten Zustand auszudrücken.
Der Kranke scheint nun um desto ruhiger, je schwächer er geworden
ist; die Umstehenden freuen sich seiner scheinbaren Besserung und
eilen, wenn die Krämpfe, die Erstickung, die Angst-Anfälle,
oder die Schmerzen sich erneuern wollen, wieder zu den Mitteln,
welche schon so schön beruhigt hatten und Aussicht auf abermalige
Beruhigung geben; (in langwierigen Krankheiten und wenn der Kranke
noch etwas kräftig war, hatte er sich schon die Nahrung entziehen
und Hunger-Diät halten müssen, um das Leben desto erfolgreicher
herabzustimmen und den beunruhigenden Zuständen ein Ziel zu
setzen). Der schon so sehr geschwächte Kranke fühlt sich
unfähig, gegen die fernere Schwächung durch Aderlaß,
Blutegel, Blasenpflaster, warme Bäder u.s.w. zu protestiren
oder sie zu verwehren. - Daß auf solche, oft wiederholte Minderung
und Erschöpfung der Lebenskraft, Tod erfolgen müsse, merkt
der seines Bewußtseins immer weniger und weniger mächtige
Kranke schon nicht mehr und die Anverwandten werden durch einige
Minderung, auch der letzten Leiden des Kranken, mittels Blutabzapfens
und lauer Bäder so eingeschläfert, daß sie sich
verwundern, wie der Kranke unvermuthet ihnen so eben unter den Händen
wegsterben konnte. "Da man jedoch, weiß Gott! den Kranken
auf seinem Krankenlager anscheinend nicht mit Heftigkeit behandelte,
da der kleine Lanzet-Stich bei jedem Aderlaß nicht eben schmerzhaft
und die Gummi-Auflösung in Wasser, (eau de gomme, fast die
einzige Arznei, die Broussais erlaubte) nur milde von Geschmack
und ohne sichtbare Wirkung ist, auch die Blutegel nur etwas beißen
und die vom Arzte verordnete Menge Blut ganz in der Stille abziehen
und so die lauen Wasserbäder doch auch nur besänftigen
können, so muß die Krankheit wohl gleich von vorne herein
tödtlich gewesen sein, so daß der Kranke, trotz aller
Bemühungen des Arztes die Erde ver-
115
§61
Wären die Aerzte fähig gewesen, über solche traurige
Erfolge von opponirter Arzneianwendung nachzudenken, so würden
sie schon längst die große Wahrheit gefunden haben, dass
im geraden Gegentheile von solcher antipathischen Behandlung der
Krankheitssymptome, die wahre, dauerhafte Heilart zu finden sein
müsse; sie würden inne geworden sein, daß, so wie
eine den Krankheitssymptomen entgegengesetzte Arznei-Wirkung
-----
lassen mußte." So trösteten sich die Anverwandten
und vorzüglich die Erben des selig Verstorbnen.
Die Aerzte in Europa und anderwärts ließen sich diese
so bequeme Behandlung aller Krankheiten über Einen Leisten
gar wohl gefallen, da sie ihnen alles Nachdenken (die mühsamste
Arbeit unter der Sonne!) ersparte und sie dabei bloß zu sorgen
hatten, "die Erinnerungen des Gewissens zu besänftigen
und sich etwa damit zu trösten, daß sie nicht Urheber
dieses Systems und dieser Curart wären, daß alle übrigen
Tausende von Broussaisten eben so thäten und daß vielleicht
auch mit dem Tode Alles vorbei sei, wie es ihnen ihr Meister öffentlich
gelehrt hatte." So wurden viele Tausend Aerzte jämmerlich
verführt (uneingedenk der Donnerworte des ältesten unserer
Gesetzgeber: "Du sollst kein Blut vergießen, denn das
Leben ist im Blute") mit kaltem Herzen das warme Blut ihrer
heilungsfähigen Kranken in Strömen zu vergießen
und so mehr Millionen Menschen (Broussaisch) allmäIig ihres
Lebens zu berauben, als stürmisch in Napoleons Schlachten fielen
-. Mußte vielleicht, nach der Fügung Gottes, jenes System
Broussaiss', das Leben der heilbaren Kranken medicinisch zu vernichten,
vorausgehen, um der Welt die Augen zu öffnen für die einzig
wahre Heilkunst, die Homöopathie, worin alle heilbaren Kranken
Genesung und Wiederbelebung finden, wenn diese schwerste aller Künste,
von einem unermüdeten, scharfsinnigen Arzte, rein und gewissenhaft
ausgeübt wird ?
116
(antipathisch angewendete Arznei) nur kurzdauernde Erleichterung
und nach ihrer Verfließung stets Verschlimmerung zur Folge
hat, nothwendig das umgekehrte Verfahren, die homöopathische
Anwendung der Arzneien nach ihrer Symptomen-Aehnlichkeit eine dauernde,
vollständige Heilung zuwege bringen müsse, wenn dabei
das Gegentheil ihrer großen Gaben, die allerkleinsten gegeben
würden. Aber weder hiedurch, noch dadurch, daß kein Arzt
je eine dauerhafte Heilung in ältern oder alten Uebeln bewirkte,
wenn sich in seiner Verordnung nicht von ungefähr ein vorwirkendes
homöopathisches Arzneimittel befand, auch nicht dadurch, daß
alle schnelle, vollkommne Heilung, die je von der Natur zu Stande
gebracht worden (§. 46), stets nur durch eine ähnliche,
zu der alten hinzugekommene Krankheit bewirkt ward, kamen sie in
einer so großen Reihe von Jahrhunderten, auf diese einzig
heilbringende Wahrheit
§62
Woher aber dieser verderbliche Erfolg des palliativen, antipathischen
Verfahrens und die Heilsamkeit des umgekehrten, homöopathischen
rühre, erklären folgende, aus vielfältigen Beobachtungen
abgezogene Erfahrungen, die niemandem vor mir in die Augen fielen,
so nahe sie auch lagen, so einleuchtend und unendlich wichtig sie
auch zum Heilbehufe sind.
§63
Jede auf das Leben einwirkende Potenz, jede Arznei, stimmt die
Lebenskraft mehr oder weniger um, und erregt eine gewisse Befindens-Veränderung
im Menschen auf längere oder kürzere Zeit. Man benennt
sie mit dem Namen: Erstwirkung. Sie gehört, obgleich ein Product
aus Arznei- und Lebenskraft, doch mehr der einwirkenden Potenz an.
117
Dieser Einwirkung bestrebt sich unsere Lebenskraft ihre Energie
entgegen zu setzen. Diese Rückwirkung gehört unserer Lebens-Erhaltungs-Kraft
an und ist eine automatische Thätigkeit derselben, Nachwirkung
oder Gegenwirkung genannt.
§64
Bei der Erstwirkung der künstlichen Krankheits-Potenzen (Arzneien)
auf unsern gesunden Körper, scheint sich (wie man aus folgenden
Beispielen ersieht) diese unsere Lebenskraft bloß empfänglich
(receptiv, gleichsam leidend) zu verhalten und so, wie gezwungen,
die Eindrücke der von außen einwirkenden, künstlichen
Potenz in sich geschehen und dadurch ihr Befinden umändern
zu lassen, dann aber sich gleichsam wieder zu ermannen, und dieser
in sich aufgenommenen Einwirkung (Erstwirkung) a) den gerade entgegengesetzten
Befindens-Zustand (Gegenwirkung, Nachwirkung) wo es einen solchen
giebt, in gleichem Grade hervorzubringen als die Einwirkung (Erstwirkung)
der künstlich krank machenden, oder arzneilichen Potenz auf
sie gewesen war und zwar nach dem Maße ihrer eignen Energie
- oder, b) wo es einen der Erstwirkung gerade entgegengesetzten
Zustand in der Natur nicht giebt, scheint sie sich zu bestreben,
ihr Uebergewicht geltend zu machen durch Auslöschen der von
außen (durch die Arznei) in ihr bewirkten Veränderung,
an deren Stelle sie ihre Norm wieder einsetzt (Nachwirkung, Heilwirkung).
§65
Beispiele von a) liegen jedermann vor Augen. Eine in heißem
Wasser gebadete Hand ist zwar anfänglich viel wärmer als
die andere, ungebadete Hand (Erstwirkung), aber von dem heißen
Wasser entfernt und
118
gänzlich wieder abgetrocknet, wird sie nach einiger Zeit kalt
und bald viel kälter, als die andere (Nachwirkung). Den von
heftiger Leibesbewegung Erhitzten (Erstwirkung) befällt hinterher
Frost und Schauder (Nachwirkung). Dem gestern durch viel Wein Erhitzten
(Erstwirkung) ist heute jedes Lüftchen zu kalt (Gegenwirkung
des Organisms, Nachwirkung). Ein in das kälteste Wasser lange
getauchter Arm ist zwar anfänglich weit blässer und kälter
(Erstwirkung) als der andere, aber vom kalten Wasser entfernt und
abgetrocknet, wird er nachgehends nicht nur wärmer, als der
andere, sondern sogar heiß, roth und entzündet (Nachwirkung,
Gegenwirkung der Lebenskraft). Auf starken Kaffee erfolgt Uebermunterkeit
(Erstwirkung), aber hintennach bleibt lange Trägheit und Schläfrigkeit
zurück (Gegenwirkung, Nachwirkung), wenn diese nicht immer
wieder durch neues Kaffeetrinken (palliativ, auf kurze Zeit) hinweggenommen
wird. Auf von Mohnsaft erzeugten, tiefen Betäubungs-Schlaf
(Erstwirkung) wird die nachfolgende Nacht desto schlafloser (Gegenwirkung,
Nachwirkung). Nach der durch Mohnsaft erzeugten Leibesverstopfung
(Erstwirkung) erfolgt Durchfälligkeit (Nachwirkung) und nach
dem mit Darm erregenden Arzneien bewirkten Purgiren (Erstwirkung)
erfolgt mehrtägige Leibverstopfung und Hartleibigkeit (Nachwirkung).
Und so wird überall auf jede Erstwirkung einer, das Befinden
des gesunden Körpers stark umändernden Potenz in großer
Gabe, stets das gerade Gegentheil (wo, wie gesagt, es wirklich ein
Solches giebt) durch unsere Lebenskraft in der Nachwirkung zu Wege
gebracht.
§66
Eine auffallende, entgegengesetzte Nachwirkung ist aber begreiflicher
Weise nicht bei Einwirkung ganz
119
kleiner homöopathischer Gaben der umstimmenden Potenzen im
gesunden Körper wahrzunehmen. Ein wenig von diesem Allen, bringt
zwar eine, bei gehöriger Aufmerksamkeit wahrnehmbare Erstwirkung
hervor; aber der lebende Organism macht dafür auch nur so viel
Gegenwirkung (Nachwirkung), als zur Wiederherstellung des normalen
Zustandes erforderlich ist.
§67
Diese aus Natur und Erfahrung sich von selbst darbietenden, unwidersprechlichen
Wahrheiten, erklären uns den hülfreichen Vorgang bei homöopathischen
Heilungen, so wie sie auf der andern Seite die Verkehrtheit der
antipathischen und palliativen Behandlung der Krankheiten, mit entgegengesetzt
wirkenden Arzneien darthun (1).
-----
1) Bloß in höchst dringenden Fällen, wo Lebensgefahr
und Nähe des Todes einem homöopathischen Hülfsmittel
zum Wirken keine Zeit, nicht Stunden, oft nicht einmal Viertelstunden
und kaum Minuten verstattet, in plötzlich entstandnen Zufällen,
bei vorher gesunden Menschen, z. B. bei Asphyxien, dem Scheintode
vom Blitze, vom Ersticken, Erfrieren, Ertrinken u.s.w., ist es erlaubt
und zweckmäßig, durch ein Palliativ, z. B. durch gelinde
electrische Erschütterungen, durch Klystiere von starkem Caffee,
durch ein excitirendes Riechmittel, allmälige Erwärmungen
u.s.w., vorerst wenigstens die Reizbarkeit und Empfindung (das physische
Leben) wieder aufzuregen; ist es dann einmal wieder aufgeregt, so
geht das Spiel der Lebensorgane seinen vorigen gesunden Gang fort,
weil hier keine Krankheit*),
*) Und dennoch (aber vergeblich) beruft sich die neue Mischlings-Sekte
auf diese Anmerkung, um überall in Krankheiten solche Ausnahmen
von der Regel anzutreffen und recht bequem ihre allöopathischen
Palliative einzuschwärzen, sowie zur Gesellschaft auch andern
verderblichen, allöopathischen Unrath, einzig um sich die Mühe
zu ersparen, das treffende homöopathische Heilmittel für
jeden Krankheitsfall aufzusuchen und so, ganz bequem, homöopathische
Aerzte zu scheinen, ohne es zu sein ihre Thaten sind aber auch darnach;
sie sind verderblich.
120
§68
Bei homöopathischen Heilungen zeigt uns die Erfahrung, daß
auf die ungemein kleinen Arznei-Gaben (§. 275-287.), die bei
dieser Heilart nöthig sind, und welche nur so eben hinreichend
waren, durch Aehnlichkeit ihrer Symptome die ähnliche, natürliche
Krankheit zu überstimmen und aus dem Gefühle des Lebensprincips
zu verdrängen, zwar zuweilen nach Vertilgung der letztern anfangs
noch einige wenige Arzneikrankheit allein im Organismus fortdauert,
aber, der außerordentlichen Kleinheit der Gabe wegen, so überhingehend,
so leicht und so bald von selbst verschwindend, daß die Lebenskraft
gegen diese kleine, künstliche Verstimmung ihres Befindens,
keine bedeutendere Gegenwirkung vorzunehmen nöthig hat, als
die zur Erhebung des jetzigen Befindens auf den gesunden Standpunkt
(das ist, zur völligen Herstellung gehörige), wozu sie
nach Auslöschung der vorherigen krankhaften Verstimmung wenig
Anstrengung bedarf (s. §. 64b.).
-----
sondern bloß Hemmung und Unterdrückung der an sich gesunden
Lebenskraft zu beseitigen war. Hieher gehören auch verschiedene
Antidote jählinger Vergiftungen: Alkalien gegen verschluckte
Mineralsäuren, Schwefelleber gegen Metallgifte, Kaffee und
Campher (und Ipecacuanha) gegen Opium-Vergiftungen, u.s.w.
Auch ist eine homöopathische Arznei deshalb noch nicht gegen
einen Krankheitsfall unpassend gewählt, weil ein oder das andere
Arzneisymptom einigen mittlern und kleinen Krankheitssymptomen nur
antipathisch entspricht; wenn nur die übrigen, die stärkern,
vorzüglich ausgezeichneten (charakteristischen) und sonderlichen
Symptome der Krankheit durch dasselbe Arzneimittel, durch Symptomen-Aehnlichkeit
(homöopathisch) gedeckt und befriedigt, das ist, überstimmt,
vertilgt und ausgelöscht werden, so vergehen auch die wenigen
entgegengesetzten Symptome nach verflossener Wirkungsdauer des Medicaments
von selbst, ohne im mindesten die Heilung zu verzögern.
121
§69
Bei der antipathischen (palliativen) Verfahrungsart aber geschieht
gerade das Widerspiel. Das, dem Krankheitssymptome vom Arzte entgegengesetzte
Arzneisymptom (z.B. die gegen den empfindlichen Schmerz, durch Mohnsaft
in der Erstwirkung erzeugte Unempfindlichkeit und Betäubung)
ist zwar dem erstern nicht fremdartig, nicht völlig allöopathisch,
es ist offenbare Beziehung des Arzneisymptoms auf das Krankheitssymptom
sichtbar, aber die umgekehrte; die Vernichtung des Krankheitssymptoms
soll hier durch ein opponirtes Arzneisymptom geschehen, was jedoch
unmöglich ist. Zwar berührt die antipathisch gewählte
Arznei auch denselben krankhaften Punkt im Organism, so gewiß
als die ähnlich krankmachende, homöopathisch gewählte
Arznei; erstere verdeckt aber als ein Entgegengesetztes, das entgegengesetzte
Krankheitssymptom nur leicht und macht es nur auf kurze Zeit unserm
Lebensprincip unmerklich, so daß im ersten Momente der Einwirkung
des opponirten Palliativs die Lebenskraft von beiden nichts Unangenehmes
fühlt, (weder von dem Krankheits- noch vom entgegengesetzten
Arzneisymptome), da beide einander gegenseitig im Gefühle des
Lebensprincips aufgehoben, und gleichsam dynamisch neutralisirt
zu haben scheinen (z.B. die Betäubungskraft des Mohnsaftes,
den Schmerz). Die Lebenskraft fühlt sich in den ersten Minuten
wie gesund und empfindet weder Mohnsaft-Betäubung, noch Krankheitsschmerz.
Aber da das opponirte Arzneisymptom nicht (wie beim homöopathischen
Verfahren) die Stelle der vorhandenen Krankheitsverstimmung im Organism
(im Gefühle des Lebensprincips) als eine ähnliche, stärkere
(künstliche) Krankheit einnehmen, also das Lebensprincip nicht,
wie eine homöopathische Arznei, mit einer sehr ähnlichen
Kunst-Krankheit afficiren
122
und so an die Stelle der bisherigen natürlichen Krankheits-Verstimmung
treten kann, so muß die palliative Arznei, als ein von der
Krankheits-Verstimmung durch Gegensatz gänzlich Abweichendes,
dieselbe unvertilgt lassen; sie macht sie zwar, wie gesagt, der
Lebenskraft durch einen Schein von dynamischer Neutralisation (1)
anfänglich unfühlbar, verlöscht aber bald, wie jede
Arzneikrankheit von selbst, und läßt nicht nur die Krankheit,
wie sie vorher war, zurück, sondern nöthigt auch, (da
sie, wie alle Palliative, in großer Gabe gegeben werden mußte,
um die Schein-Beschwichtigung zu erreichen), die Lebenskraft einen
opponirten Zustand (§. 63. bis 65.) auf diese palliative Arznei
hervorzubringen, das Gegentheil der Arzneiwirkung, also das Aehnliche
von der vorhandnen ungetilgten, natürlichen Krankheitsverstimmung,
die durch diesen von der Lebenskraft hervorgebrachten Zusatz (Gegenwirkung
auf das Palliativ) nothwendig verstärkt und vergrößert
wird (2).
-----
1) Im lebenden Menschen findet keine bleibende Neutralisation streitiger
oder entgegengesetzter Empfindungen statt, wie etwa bei Substanzen
von entgegengesetzter Eigenschaft in der chemischen Werkstatt, wo
z. B. Schwefelsäure und Potasch-Kali, sich zu einem ganz andern
Wesen, zu einem Neutralsalze vereinigen, was nun weder Säure,
noch Laugensalz mehr ist und sich selbst im Feuer nicht wieder zersetzt.
Solche Zusammenschmelzungen und innige Vereinigungen zu etwas bleibend
Neutralem und Gleichgültigem, finden, wie gesagt, bei dynamischen
Eindrücken entgegengesetzter Natur in unsern Empfindungs-Werkzeugen
nie statt. Nur ein Schein von Neutralisation und gegenseitiger Aufhebung
ereignet sich anfänglich in diesem Falle, aber die opponirten
Gefühle heben einander nicht dauernd auf. Dem Traurigen werden
durch ein lustiges Schauspiel nur auf kurze Zeit die Thränen
getrocknet; er vergißt aber die Possen bald und seine Thränen
fließen dann nur um desto reichlicher.
2) So deutlich dieses ist, so hat man es dennoch miß-
123
Das Krankheitssymptom (dieser einzelne Theil der Krankheit) wird
also schlimmer nach verflossener Wirkungsdauer des Palliativs; um
so schlimmer, je größer die Gabe desselben gewesen war.
Je größer also, (um bei demselben Beispiele zu bleiben)
die zur Verdeckung des Schmerzes gereichte Gabe Mohnsaft gewesen
war, um desto mehr vergrößert sich der Schmerz in seiner
ursprünglichen Heftigkeit, sobald der Mohnsaft ausgewirkt hat
(1).
§70
Nach dem bisher vorgetragenen ist es nicht zu verkennen:
daß alles, was der Arzt wirklich Krankhaftes und zu Heilendes
an Krankheiten finden kann, bloß in dem Zustande und den Beschwerden
des Kranken und den an ihm sinnlich wahrnehmbaren Ver-
-----
verstanden und gegen diesen Satz eingewendet, "daß das
Palliativ in seiner Nachwirkung, welche dann das Aehnliche der vorhandenen
Krankheit sei, wohl eben so gut heilen müsse, als eine homöopathische
Arznei durch ihre Erstwirkung thue." Man bedachte aber nicht,
daß die Nachwirkung nie ein Erzeugniß der Arznei, sondern
stets der gegenwirkenden Lebenskraft des Organisms, also diese,
von der Lebenskraft durch Anwendung eines Palliativs herrührende
Nachwirkung ein dem Krankheits-Symptome ähnlicher Zustand sei,
den eben das Palliativ ungetilgt ließ, und den die Gegenwirkung
der Lebenskraft auf das Palliativ folglich noch verstärkt.
1) Wie wenn in einem dunkeln Kerker, wo der Gefangene nur nach
und nach mit Mühe die nahen Gegenstände erkennen konnte,
jähling angezündeter Weingeist dem Elenden auf einmal
alles um ihn her tröstlich erhellet, bei Verlöschung desselben
aber, je stärker die nun erloschene Flamme gewesen war, ihn
nun eine nur desto schwärzere Nacht umgiebt und ihn alles umher
weit unsichtbarer macht als vorher.
124
änderungen seines Befindens, mit einem Worte, bloß in
der Gesammtheit derjenigen Symptome bestehe, durch welche die Krankheit
die, zu ihrer Hülfe geeignete Arznei fordert, hingegen jede
ihr angedichtete innere Ursache, verborgene Beschaffenheit, oder
ein eingebildeter, materieller Krankheits-Stoff, ein nichtiger Traum
sei:
daß diese Befindens-Verstimmung, die wir Krankheit nennen,
bloß durch eine andere Befindens-Umstimmung der Lebenskraft
zur Gesundheit gebracht werden könne, mittels Arzneien, deren
einzige Heilkraft folglich nur in Veränderung des Menschenbefindens,
das ist, in eigenthümlicher Erregung krankhafter Symptome bestehen
kann, und daß dieses am deutlichsten und reinsten beim Probiren
derselben an gesunden Körpern erkannt wird:
daß, nach allen Erfahrungen, durch Arzneien die einen, von
der zu heilenden Krankheit abweichenden, fremdartigen Krankheitszustand
(unähnliche krankhafte Symptome) für sich in gesunden
Menschen zu erregen vermögen, die ihnen unähnliche, natürliche
Krankheit nie geheilt werden könne (nie also durch ein allöopathisches
Cur-Verfahren), und daß selbst in der Natur keine Heilung
vorkomme, wo eine inwohnende Krankheit durch eine hinzutretende
zweite, jener unähnliche, aufgehoben, vernichtet und geheilt
würde, sei die neue auch noch so stark:
daß auch nach allen Erfahrungen, durch Arzneien, die ein
dem zu heilenden einzelnen Krankheitssymptome entgegengesetztes
künstliches Krankheitssymptom für sich im gesunden Menschen
zu erregen Neigung haben, bloß eine schnell vorübergehende
Linderung, nie aber Heilung einer älteren Beschwerde, sondern
vielmehr stets nachgängige
125
Verschlimmerung derselben bewirkt werde; und daß, mit einem
Worte, dieses antipathische und bloß palliative Verfahren
in ältern, wichtigen Uebeln, durchaus zweckwidrig sei:
daß aber endlich die dritte, einzig noch mögliche Verfahrungsart
(die homöopathische), mittels deren gegen die Gesammtheit der
Symptome einer natürlichen Krankheit eine, möglichst ähnliche
Symptome in gesunden Menschen zu erzeugen fähige Arznei, in
angemessener Gabe gebraucht wird, die allein hülfreiche Heilart
sei, wodurch die Krankheiten als bloß dynamische Verstimmungs-Reize
durch den stärkern, ähnlichen Verstimmungsreiz der homöopathischen
Arznei im Gefühle des Lebensprincips überstimmt und ausgelöscht
werden und so unbeschwerlich, vollkommen und dauerhaft ausgelöscht,
zu existiren aufhören müssen - worin uns auch die freie
Natur in ihren zufälligen Ereignissen mit ihrem Beispiele vorangeht,
wenn zu einer alten Krankheit eine neue, der alten ähnliche
hinzutritt, wodurch die alte schnell und auf immer vernichtet und
geheilt wird.
§71
Da es nun weiter keinem Zweifel unterworfen ist, daß die
Krankheiten des Menschen bloß in Gruppen gewisser Symptome
bestehen, mittels eines Arzneistoffs aber bloß dadurch, daß
dieser ähnliche krankhafte Symptome künstlich zu erzeugen
vermag, vernichtet und in Gesundheit verwandelt werden (worauf der
Vorgang aller ächten Heilung beruht), so wird sich das Heilgeschäft
auf folgende drei Punkte beschränken:
I. Wie erforscht der Arzt, was er zum Heilbehufe von der Krankheit
zu wissen nöthig hat?
126
II. Wie erforscht er die, zur Heilung der natürlichen Krankheiten
bestimmten Werkzeuge, die krankmachende Potenz der Arzneien?
III. Wie wendet er diese künstlichen Krankheitspotenzen (Arzneien)
zur Heilung der natürlichen Krankheiten am zweckmäßigsten
an?
§72
Was den ersten Punkt betrifft, so dient Folgendes zuvörderst
als allgemeine Uebersicht. Die Krankheiten der Menschen, sind theils
schnelle Erkrankungs-Processe des innormal verstimmten Lebensprincips,
welche ihren Verlauf in mäßiger, mehr oder weniger kurzen
Zeit zu beendigen geeignet sind - man nennt sie acute Krankheiten
-; theils sind es solche Krankheiten, welche bei kleinen, oft unbemerkten
Anfängen den lebenden Organism, jede auf ihre eigne Weise,
dynamisch verstimmen und ihn allmälig so vom gesunden Zustande
entfernen, daß die zur Erhaltung der Gesundheit bestimmte,
automatische Lebens-Energie, Lebenskraft (Lebensprincip) genannt,
ihnen beim Anfange, wie bei ihrem Fortgange, nur unvollkommenen,
unzweckmäßigen, unnützen Widerstand entgegensetzen,
sie aber, durch eigne Kraft, nicht in sich selbst auslöschen
kann, sondern unmächtig dieselbe fortwuchern und sich selbst
immer innormaler umstimmen lassen muß, bis zur endlichen Zerstörung
des Organism; man nennt sie chronische Krankheiten. Sie entstehen
von dynamischer Ansteckung durch ein chronisches Miasm.
§73
Was die acuten Krankheiten betrifft, so sind sie theils solche,
die den einzelnen Menschen befallen auf Veranlassung von Schädlichkeiten,
denen gerade dieser Mensch insbesondere ausgesetzt war. Aus-
127
schweifungen in Genüssen, oder ihre Entbehrung, physische
heftige Eindrücke, Erkältungen, Erhitzungen, Strapazen,
Verheben u.s.w., oder psychische Erregungen, Affecte u.s.w., sind
Veranlassung solcher acuten Fieber, im Grunde aber sind es meist
nur überhingehende Aufloderungen latenter Psora, welche von
selbst wieder in ihren Schlummer-Zustand zurückkehrt, wenn
die acuten Krankheiten nicht allzuheftig waren und bald beseitigt
wurden - theils sind es solche, welche einige Menschen zugleich
hie und dort (sporadisch) befallen, auf Veranlassung meteorischer
oder tellurischer Einflüsse und Schädlichkeiten, wovon
krankhaft erregt zu werden, nur einige Menschen, zu derselben Zeit,
Empfänglichkeit besitzen; hieran gränzen jene, welche
viele Menschen aus ähnlicher Ursache unter sehr ähnlichen
Beschwerden epidemisch ergreifen, die dann gewöhnlich, wenn
sie gedrängte Massen von Menschen überziehen, ansteckend
(contagiös) zu werden pflegen. Da entstehen Fieber (1), jedesmal
von eigner Natur, und weil die Krankheitsfälle gleichen Ursprungs
sind, so versetzen sie auch stets die daran Erkrankten in einen
gleichartigen Krankheits-Proceß, welcher jedoch, sich selbst
überlassen, in einem mäßigen Zeitraume, zu Tod oder
Genesung sich entscheidet. Kriegsnoth, Ueberschwemmungen und Hungersnoth
sind ihre nicht seltenen Veranlassungen und Erzeugerinnen
-----
1) Der homöopathische Arzt, der nicht von den Vorurtheilen
befangen ist, welche die gewöhnliche Schule ersann, (die einige,
wenige Namen solcher Fieber festsetzte, außer denen die große
Natur, so zu sagen, keine andern hervorbringen dürfe, damit
sie bei ihrer Behandlung nach einem bestimmten Leisten verfahren
könne,) erkennt die Namen: Kerker-, Gall-, Typhus-, Faul-,
Nerven- oder Schleim-Fieber nicht an, sondern heilt sie, ohne ihnen
bestimmte Namen zu geben, jedes nach seiner Eigenthümlichkeit.
128
- theils sind es auf gleiche Art wiederkehrende, (daher unter einem
hergebrachten Namen bekannte) eigenartige, acute Miasmen, die entweder
den Menschen nur einmal im Leben befallen, wie die Menschenpocken,
die Masern, der Keichhusten, das ehemalige glatte, hellrothe Scharlach-Fieber
(1) des Sydenham, die Mumps u.s.w., oder die oft auf ziemlich ähnliche
Weise wiederkehrende, levantische Pest, das gelbe Fieber der Wüstenländer,
die ostindische Cholera u.s.w.
§74
Zu den chronischen Krankheiten müssen wir leider! noch jene
allgemein verbreiteten rechnen, durch die allöopathischen Curen
erkünstelt, wie auch den anhaltenden Gebrauch heftiger, heroischer
Arzneien, in großen und gesteigerten Gaben, den Mißbrauch
von Calomel, Quecksilbersublimat, Quecksilbersalbe, salpetersaueren
Silbers, Jodine und ihre Salbe, Opium, Baldrian, Chinarinde und
Chinin, Purpurfingerhut, Blausäure, Schwefel und Schwefelsäure,
jahrelange Abführungsmittel, Blut in Strömen vergießende
Aderlässe (2),
-----
1) Nach dem Jahre 1801 ward ein aus Westen gekommenes Purpur-Friesel
(Roodvonk), mit dem Scharlachfieber von den Aerzten verwechselt,
ungeachtet jenes ganz andere Zeichen als dieses hatte und jenes
an Belladonna, dieses an Aconit sein Schutz- und Heilmittel fand,
letztere auch meist nur sporadisch, ersteres stets nur epidemisch
erschien. In den letzten Jahren scheinen sich hie und da beide zu
einem Ausschlagsfieber von eigner Art verbunden zu haben, gegen
welches das eine wie das andere dieser beiden Heilmittel, einzeln
nicht mehr genau homöopathisch passend gefunden wird.
2) Es kann unter allen Methoden die zur Hülle für Krankheiten
ersonnen worden, keine allöopathischere, keine widersinnigere,
oder zweckwidrigere gedacht werden, als die, seit vielen Jahren
über einen großen Theil der Erde
129
Blutegel, Fontanellen, Haarseile u.s.w., wovon die Lebenskraft
theils unbarmherzig geschwächt, theils, wenn sie ja nicht unterliegt,
nach und nach (von jedes besondern Mittels Mißbrauche, eigenartig)
dergestalt innormal verstimmt wird, daß sie, um das Leben
gegen diese feindseligen und zerstörenden Angriffe aufrecht
zu erhalten, den Organism umändern, und diesem oder
-----
verbreitete Broussaische Schwächungs-Cur durch Blut-Vergießen
und Hunger-Diät, worunter kein verständiger Mensch sich
etwas Aerztliches, etwas arzneilich Helfendes zu denken vermag,
während wirkliche Arznei, selbst blindhin ergriffen und einem
Kranken eingegeben, doch hie und da einen Krankheits-Fall besserte,
weil es zufällig eine homöopathische war. Von Blut-Vergießen
aber, kann der gesunde Menschen-Verstand nichts anderes als unausbleibliche
Verminderung und Verkürzung des Lebens erwarten. Es ist eine
jämmerliche, völlig grundlose Erdichtung, daß die
meisten, ja alle Krankheiten in örtlichen Entzündungen
beständen. Selbst für wahre örtliche Entzündungen
findet sich die gewisseste, schnelle Heilung in Arzneien, welche
die, der Entzündung zum Grunde liegende Gereiztheit der Arterien
dynamisch hinwegnehmen, ohne den mindesten Verlust an Säften
und Kräften, während die örtlichen Blut-Entziehungen,
selbst an der krankhaften Stelle, in der Folge nur die Neigung zu
wiederholter Entzündung dieser Theile vermehren. Und eben so
ist es im Allgemeinen bei entzündlichen Fiebern zweckwidrig,
ja mörderisch, viele Pfunde Blut aus den Venen abzuzapfen,
da wenige, angemessene Arznei, oft in wenigen Stunden diese Gereiztheit
der Arterien, welche das vorher so ruhige Blut jagt, sammt der zum
Grunde liegenden Krankheit hinweg nimmt, ohne den mindesten Verlust
an Säften und Kräften. Großer Blutverlust dieser
Art ist auf die übrige Lebensdauer offenbar unersetzlich, indem
die zur Blutbereitung vom Schöpfer bestimmten Organe dadurch
so wesentlich geschwächt werden, daß sie zwar Blut in
gleicher Menge, aber nie wieder in gleicher Güte zuzubereiten
vermögen. Und wie unmöglich ist es, daß die eingebildete
Plethora, die man durch gehäufte Aderlässe abzuzapfen
verordnet, sich in so großer Geschwindigkeit erzeugt haben
130
jenem Theile entweder die Erregbarkeit oder die Empfindung benehmen,
oder sie übermäßig erhöhen, Theile erweitern
oder zusammenziehen, erschlaffen oder verhärten, oder wohl
gar vernichten, und hie und da im Innern und Aeußern organische
Fehler anbringen (1)
-----
könnte, da doch der Puls des jetzt so heißen Kranken,
noch vor einer Stunde (vor dem Fieber-Schauder) so ruhig ging? Kein
Mensch, kein Kranker hat je zu viel Blut*), oder zu viel Kräfte;
vielmehr fehlt es jedem Kranken an Kräften, denn sonst hätte
sein Lebensprincip die Entstehung der Krankheit abgewehrt. Also
dem ohnehin schwachen Kranken, durch Vergießung seines Blutes
noch eine größere, die ärgste Schwächung zu
verursachen, die sich nur denken läßt, ohne seine Krankheit,
die stets nur dynamisch ist und nur durch dynamische Potenzen gehoben
werden kann, hinweg zu nehmen, ist so unsinnig als grausam, ist
eine bloß mörderische Mißhandlung auf eine aus
der Luft gegriffene Theorie gegründet.
1) Unterliegt endlich der Kranke, so pflegt der Vollbringer einer
solchen Cur bei der Leichenöffnung diese innern organischen
Verunstaltungen, die seiner Unkunst die Entstehung verdanken, recht
schlau, als ursprüngliches unheilbares Uebel den trostlosen
Angehörigen vorzuzeigen; m. s. mein Buch: die Allöopathie,
ein Wort der Warnung an Kranke jeder Art. Leipz. bei Baumgärtner.
Die anatomischen Pathologien mit Abbildungen, täuschenden Andenkens,
enthalten die Produkte solcher jämmerlichen Verpfuschungen.
Die, ohne solche Verpfuschung durch schädliche Mittel, an natürlichen
Krankheiten verstorbnen Landleute und städtischen Armen, pflegt
die pathologische Anatomie nicht zu öffnen. Und doch würde
man nie in ihren Leichen solche Verderbnisse und Verunstaltungen
finden. Hieraus kann man die Beweiß-Kraft jener schönen
Abbildungen und die Redlichkeit dieser Herren Bücher-Schreiber
beurtheilen.
*) Der einzig mögliche Fall von einer Plethora, ereignet sich
beim gesunden Weibe, einige Tage vor ihrer mondlichen Periode, wo
dieselbe eine gewisse Fülle in ihrer Bärmutter und in
ihren Brüsten spürt, ohne alle Entzündung.
131
(den Körper im Innern und Aeußern verkrüppeln)
muß, um dem Organism Schutz vor völliger Zerstörung
des Lebens gegen die immer erneuerten, feindlichen Angriffe solcher
ruinirenden Potenzen zu verschaffen.
§75
Diese, durch die allöopathische Unheilkunst, (am schlimmsten
in den neueren Zeiten) hervorgebrachten Verhunzungen des menschlichen
Befindens, sind unter allen chronischen Krankheiten die traurigsten,
die unheilbarsten und ich bedauere, daß, wenn sie zu einiger
Höhe getrieben worden sind, wohl nie Heilmittel für sie
scheinen erfunden oder erdacht werden zu können.
§76
Nur gegen natürliche Krankheiten hat uns der Allgütige
Hülfe durch die Homöopathik geschenkt - aber jene, durch
falsche Kunst schonungslos erzwungenen, oft jahrelangen Schwächungen
(durch Blut-Verschwenden, Abmergelung durch Haarseile und Fontanelle)
so wie die Verhunzungen und Verkrüppelungen des menschlichen
Organisms im Innern und Aeußern durch schädliche Arzneien
und zweckwidrige Behandlungen, müßte (bei übrigens
zweckmäßiger Hülfe, gegen ein vielleicht noch im
Hintergrunde liegendes, chronisches Miasm) die Lebenskraft selbst
wieder zurücknehmen, wenn sie nicht schon zu sehr durch solche
Unthaten geschwächt worden und mehrere Jahre auf dieses ungeheure
Geschäft ungestört verwenden könnte. Eine menschliche
Heilkunst, zur Normalisirung jener unzähligen, von der allöopathischen
Unheilkunst so oft angerichteten Innormalitäten, giebt es nicht
und kann es nicht geben.
132 §77
Uneigentlich werden diejenigen Krankheiten chronische benannt,
welche Menschen erleiden, die sich fortwährend vermeidbaren
Schädlichkeiten aussetzen, gewöhnlich schädliche
Getränke oder Nahrungsmittel genießen, sich Ausschweifungen
mancher Art hingeben, welche die Gesundheit untergraben, zum Leben
nöthige Bedürfnisse anhaltend entbehren, in ungesunden,
vorzüglich sumpfigen Gegenden sich aufhalten, nur in Kellern,
feuchten Werkstätten oder andern verschlossenen Wohnungen hausen,
Mangel an Bewegung oder freier Luft leiden, sich durch übermäßige
Körper- oder Geistes-Anstrengungen um ihre Gesundheit bringen,
in stetem Verdrusse leben, u.s.w. Diese sich selbst zugezogenen
Ungesundheiten vergehen, (wenn nicht sonst ein chronisches Miasm
im Körper liegt) bei gebesserter Lebensweise von selbst und
können den Namen chronischer Krankheiten nicht führen.
§78
Die wahren natürlichen, chronischen Krankheiten sind die,
von einem chronischen Miasm entstandenen, welche, sich selbst überlassen
und ohne Gebrauch gegen sie specifischer Heilmittel, immerdar zunehmen
und selbst bei dem besten, geistig und körperlich diätetischen
Verhalten, dennoch steigen und den Menschen mit immerdar erhöhenden
Leiden bis ans Ende des Lebens quälen. Außer jenen, durch
ärztliche Mißhandlung (§. 74.) erzeugten, sind diese
die allerzahlreichsten und größten Peiniger des Menschengeschlechts,
indem die robusteste Körper-Anlage, die geordnetste Lebensweise
und die thätigste Energie der Lebenskraft, sie zu vertilgen
außer Stande sind (1).
-----
1) In den blühendsten Jünglings-Jahren und beim
133
§79
Man kannte bisher nur die Syphilis einigermaßen als eine
solche chronisch-miasmatische Krankheit, welche ungeheilt nur mit
dem Ende des Lebens erlischt. Die, ungeheilt, gleichfalls von der
Lebenskraft unvertilgbare Sykosis (Feigwarzenkrankheit) erkannte
man nicht als eine innere chronisch miasmatische Krankheit eigner
Art, wie sie doch unstreitig ist und glaubte sie durch Zerstörung
der Auswüchse auf der Haut geheilt zu haben, ohne das fortwährende,
von ihr zurückbleibende Siechthum zu beachten.
§80
Unermeßlich ausgebreiteter, folglich weit bedeutender, als
genannte beide, ist das chronische Miasm der Psora, bei welcher,
(während jene beiden, die eine durch den venerischen Schanker,
die andere durch die blumenkohl-artigen Auswüchse ihr specifisches
inneres Siechthum bezeichnen) sich das innere, ungeheure, chronische
Miasm ebenfalls erst nach vollendeter innerer Infection des ganzen
Organisms durch den eigenartigen, zuweilen nur in einigen wenigen
Blüthchen bestehen -
-----
Anfange geregelter Menstruation, gepaart mit einer für Geist,
Herz und Körper wohlthätigen Lebensweise bleiben sie oft
mehrere Jahre unkenntlich; die davon Ergriffenen scheinen dann in
den Augen ihrer Anverwandten und Bekannten, als wären sie völlig
gesund und als wäre die, ihnen durch Ansteckung oder Erbschaft
eingeprägte Krankheit völlig verschwunden; sie kömmt
aber, in spätern Jahren, bei widrigen Ereignissen und Verhältnissen
im Leben, unausbleiblich aufs Neue zum Vorschein, und nimmt um desto
schneller zu, gewinnt einen desto beschwerlichern Charakter, je
mehr das Lebensprincip durch schwächende Leidenschaften, Gram
und Kummer, vorzüglich aber durch zweckwidrige, medicinische
Behandlung zerrüttet worden war.
134
den Haut-Ausschlag mit unerträglich kitzelnd wohllüstigem
Jücken und specifischem Geruche beurkundet - die Psora, jene
wahre Grund-Ursache und Erzeugerin fast aller übrigen, häufigen,
ja unzähligen Krankheits-Formen (124), welche unter den Namen
von Nerven-Schwäche, Hysterie, Hypochondrie, Manie, Melancholie,
Blödsinn, Raserei, Fallsucht und Krämpfen aller Art, von
Knochen-Erweichung (Rhachitis), Skro-
-----
1) Zwölf Jahre brachte ich darüber zu, um die Quelle jener
unglaublich zahlreichen Menge langwieriger Leiden aufzufinden, diese
der ganzen Vor- und Mitwelt unbekannt gebliebene, große Wahrheit
zu erforschen, zur Gewißheit zu bringen und zugleich die vorzüglichsten
(antipsorischen) Heilmittel zu entdecken, welche diesem tausendköpfigen
Ungeheuer von Krankheit in seinen so sehr verschiedenen Aeußerungen
und Formen zumeist gewachsen wären.
Ich habe meine Erfahrungen hierüber in dem Buche: Die chronischen
Krankheiten (4 Thle. Dresd. b. Arnold 1828. 1830 und, zweite Ausgabe
in 5 Bänden, bei Schaub) vorgelegt. - Ehe ich mit dieser Kenntniß
im Reinen war, konnte ich die sämmtlichen chronischen Krankheiten
nur als abgesonderte, einzelne Individuen behandeln lehren, mit
den nach ihrer reinen Wirkung an gesunden Menschen bis dahin geprüften
Arzneisubstanzen, so daß jeder Fall langwieriger Krankheit
nach der an ihm anzutreffenden Symptomen-Gruppe, gleich als eine
eigenartige Krankheit von meinen Schülern behandelt und oft
so weit geheilt ward, daß die kranke Menschheit über
den, schon so weit gediehenen Hülfs-Reichthum der neuen Heilkunst
frohlocken konnte. Um wie viel zufriedner kann sie nun sein, daß
sie dem gewünschten Ziele um so näher kommt, indem ihr
die nun hinzu gefundenen, für die aus Psora hervorkeimenden,
chronischen Leiden noch weit specifischern homöopathischen
Heilmittel und die specielle Lehre sie zu bereiten und anzuwenden,
mitgetheilt worden, unter denen nun der ächte Arzt diejenigen
wählt, deren Arznei-Symptome der zu heilenden, chronischen
Krankheit am meisten homöopathisch entsprechen, und so fast
durchgängig vollständige Heilungen bewirken.
135
phel, Skoliosis und Kyphosis, Knochenfäule, Krebs, Blutschwamm,
Afterorganisationen, Gicht, Hämorrhoiden, Gelb- und Blausucht,
Wassersucht, Amenorrhöe und Blutsturz aus Magen, Nase, Lungen,
aus der Harnblase, oder der Bärmutter, von Asthma und Lungenvereiterung,
von Impotenz und Unfruchtbarkeit, von Migräne, Taubheit, grauem
und schwarzem Staar, Nierenstein, Lähmungen, Sinnen-Mängeln
und Schmerzen tausenderlei Art u.s.w., in den Pathologien als eigne,
abgeschlossene Krankheiten figuriren.
§81
Es wird dadurch, daß dieser uralte Ansteckungszunder nach
und nach, in einigen hundert Generationen, durch viele Millionen
menschlicher Organismen ging und so zu einer unglaublicben Ausbildung
gelangte, einigermaßen begreiflich, wie er sich nun in so
unzähligen Krankheits-Formen bei dem großen Menschen-Geschlechte
entfalten konnte, vorzüglich wenn wir uns der Betrachtung überlassen,
welche Menge von Umständen (1) zur Bildung dieser großen
Verschiedenheit chronischer Krankheiten (secundärer Symptome
der Psora) beizutragen pflegen, auch außer der unbeschreiblichen
Mannigfaltigkeit der Menschen in ihren angebornen Körper-Constitutionen,
welche schon für sich so unendlich von einander abweichen,
daß es kein
-----
1) Einige dieser, die Ausbildung der Psora zu chronischen Uebeln
modificirenden Ursachen, liegen offenbar theils im Clima und der
besondern, natürlichen Beschaffenheit des Wohnorts, theils
in der so abweichenden Erziehung des Körpers und Geistes der
Jugend, der vernachlässigten, verschrobenen, oder überfeinerten
Ausbildung beider, dem Mißbrauche derselben im Berufe oder
den Lebens-Verhältnissen, der diätetischen Lebensart,
den Leidenschaften der Menschen, ihren Sitten, Gebräuchen und
Gewohnheiten mancher Art.
136
Wunder ist, wenn auf so verschiedene, vom psorischen Miasm durchdrungene
Organismen, so viele verschiedene, oft dauernd, von innen und außen
einwirkende Schädlichkeiten auch unzählbar verschiedene
Mängel, Verderbnisse, Verstimmungen und Leiden hervorbringen,
welche unter einer Menge eigner Namen fälschlich als für
sich bestehende Krankheiten bisher in der alten Pathologie (1) aufgeführt
wurden.
-----
1) Wie viel giebt es darin nicht mißbräuchliche, vieldeutige
Namen, unter deren jedem man höchstverschiedene, oft nur in
einem einzigen Symptome sich ähnelnde Krankheitszustände
begreift, wie: Kaltes Fieber, Gelbsucht, Wassersucht, Schwindsucht,
Leucorrhöe, Hämorrhoiden, Rheumatism, Schlagfluß,
Krämpfe, Hysterie, Hypochondrie, Melancholie, Manie, Bräune,
Lähmung u.s.w., die man für sich gleichbleibende festständige
Krankheiten ausgiebt und des Namens wegen, nach dem eingeführten,
gewöhnlichen Leisten behandelt! Wie könnte man mit einem
solchen Namen eine gleichartige, arzneiliche Behandlung rechtfertigen?
Und soll die Cur nicht immer dieselbe sein, wozu dann der, gleiche
Cur voraussetzende irre leitende, identische Name? "Nihil sane
in artem medicam pestiferum magis unquam irrepsit malum, quam generalia
quaedam nomina morbis imponere iisque aptare velle generalem quandam
medicinam," spricht der so einsichtsvolle, als seines zarten
Gewissens wegen verehrungswerthe Huxham (Op. phys. med. Tom. I.).
Und eben so beklagt sich Fritze (Annalen I. S. 80.) "daß
man wesentlich verschiedene Krankheiten mit Einem Namen benenne."
Selbst jene akuten Volkskrankheiten, welche sich wohl bei jeder
einzelnen Epidemie durch einen eignen, uns unbekannt bleibenden
Ansteckungsstoff fortpflanzen mögen, werden in der alten Arzneischule,
als wären sie stets gleichartig wiederkehrende, schon bekannte,
festständige Krankheiten, mit speciellen Namen, wie: Typhus-Spital-,
oder Kerker-, Lager-, Faul-, typhöse Nerven-, oder Schleim-Fieber
u.s.w., belegt, obgleich jede Epidemie solcher herumgehenden Fieber,
sich jedesmal als eine andere, neue, nie ganz so dagewesene
137
§82
Ob nun gleich die Heilkunst durch Entdeckung jener großen
Quelle der chronischen Krankheiten, auch in Hinsicht der Auffindung
der specifischern, homöopathischen Heilmittel, namentlich für
die Psora, der Natur der zu heilenden Mehrzahl von Krankheiten um
einige Schritte näher gekommen ist, so bleibt doch zur
-----
Krankheit auszeichnet, sehr abweichend in ihrem Verlaufe sowohl,
als in mehreren der auffallendsten Symptome und ihrem ganzen jedesmaligen
Verhalten. Jede ist allen vorhergegangenen, so oder so benannten
Epidemien dergestalt unähnlich, daß man alle logische
Genauigkeit in Begriffen verläugnen müßte, wenn
man diesen, unter einander selbst so sehr abweichenden Seuchen,
einen jener, in den Pathologien eingeführten Namen geben und
sie dieser mißbräuchlichen Benennung gemäß,
arzneilich überein behandeln wollte. Dieß sah bloß
der redliche Sydenham ein, da er (Oper. Cap. 2. de morb. epid. S.
43.) darauf dringt, keine epidemische Krankheit für eine schon
da gewesene zu halten und sie nach Art einer andern ärztlich
zu behandeln, da sie doch alle, so viel ihrer nach und nach erschienen,
von einander verschieden wären: animum admiratione percellit,
quam discolor et sui plane dissimilis morborum epidemicorum facies;
quae tam aperta horum morborum diversitas tum propriis ac sibi peculiaribus
symptomatis tum etiam medendi ratione, quam hi ab illis disparem
sibi vindicant, satis illucescit. Ex quibus constat, morbos epidemicos,
utut externa quatantenus specie et symptomalis aliquot utrisque
pariter convenire paullo incautioribus videantur, re tamen ipsa,
si bene adverteris animum, alienac esse admodum indolis et distare
ut aera lupinis.
Aus Allem diesen erhellet, daß diese nutzlosen und mißbräuchlichen
Krankheitsnamen, keinen Einfluß auf die Curart eines ächten
Heilkünstlers haben dürfen, welcher weiß, daß
er die Krankheiten nicht nach der Namens-Aehnlichkeit eines einzelnen
Symptoms, sondern nach dem ganzen Inbegriffe aller Zeichen des individuellen
Zustandes, jedes einzelnen Kranken zu beurtheilen und zu heilen
habe,
138
Bildung der Indication, bei jeder zu heilenden chronischen (psorischen)
Krankheit, für den homöopathischen Arzt die Pflicht sorgfältiger
Auffassung der erforschbaren Symptome und Eigenheiten derselben
so unerläßlich, als vor jener Erfindung, indem keine
ächte Heilung dieser, so wie der übrigen Krankheiten stattfinden
kann, ohne strenge Eigen-Behandlung (Individualisirung) jedes Krankheits-Falles
- nur, daß bei dieser Erforschung einiger Unterschied zu beobachten
ist, ob das Leiden eine acute und schnell entstandene Krankheit
oder eine chronische sei, da bei den acuten die Haupt-Symptome schneller
auffallen und den Sinnen erkennbar werden und daher weit kürzere
Zeit zur Aufzeichnung des Krankheits-Bildes erforderlich, auch weit
weniger dabei zu fragen ist (1), (indem sich hier das Meiste von
selbst darbietet) als bei den weit mühsamer aufzufindenden
Symptomen einer schon mehrere Jahre allmälig vorgeschrittenen,
chronischen Krankheit.
-----
dessen Leiden genau auszuspähen er die Pflicht hat, sie aber
nie bloß hypothetisch voraussetzen darf.
Glaubt man aber dennoch zuweilen gewisser Krankheitsnamen zu bedürfen,
um, wenn von einem Kranken die Rede ist, sich dem Volke in der Kürze
verständlich zu machen, so bediene man sich derselben nur als
Collectivnamen, und sage z. B.: der Kranke hat eine Art Veitstanz,
eine Art von Wassersucht, eine Art von Nervenfieber, eine Art kalten
Fiebers, nie aber (damit endlich einmal die Täuschung mit diesen
Namen aufhöre): er hat den Veitstanz, das Nervenfieber, die
Wassersucht, das kalte Fieber, da es doch gewiß keine festständigen,
sich gleichbleibenden Krankheiten dieser und ähnlicher Namen
giebt.
1) Das hienächst folgende Schema zur Ausforschung der Symptome
geht daher nur zum Theil die acuten Krankheiten an.
139 §83
Diese individualisirende Untersuchung eines Krankheits-Falles,
wozu ich hier nur eine allgemeine Anleitung gebe und wovon der Krankheits-Untersucher
nur das, für den jedesmaligen Fall Anwendbare beibehält,
verlangt von dem Heilkünstler nichts als Unbefangenheit und
gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen
des Bildes der Krankheit.
§84
Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden; die Angehörigen
erzählen seine Klagen, sein Benehmen, und was sie an ihm wahrgenommen;
der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne,
was verändert und ungewöhnlich an demselben ist. Er schreibt
alles genau mit den nämlichen Ausdrücken auf, deren der
Kranke und die Angehörigen sich bedienen. Wo möglich läßt
er sie stillschweigend ausreden, und wenn sie nicht auf Nebendinge
abschweifen, ohne Unterbrechung (1). Bloß langsam zu sprechen
ermahne sie der Arzt gleich Anfangs, damit er dem Sprechenden im
Nachschreiben des Nöthigen folgen könne.
§85
Mit jeder Angabe des Kranken oder des Angehörigen bricht er
die Zeile ab, damit die Symptome alle einzeln unter einander zu
stehen kommen. So kann er bei jedem derselben nachtragen, was ihm
anfänglich allzu unbestimmt, nachgehends aber deutlicher angegeben
wird.
-----
1) Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden
und es fällt ihnen hinterdrein nicht alles genau so wieder
ein, wie sie es Anfangs sagen wollten.
140
§86
Sind die Erzählenden fertig mit dem, was sie von selbst sagen
wollten, so trägt der Arzt bei jedem einzelnen Symptome die
nähere Bestimmung nach, auf folgende Weise erkundigt: Er liest
die einzelnen, ihm berichteten Symptome durch, und fragt bei diesem
und jenem insbesondere: z.B. zu welcher Zeit ereignete sich dieser
Zufall? In der Zeit vor dem bisherigen Arzneigebrauche? Während
des Arzneieinnehmens? Oder erst einige Tage nach Beiseitesetzung
der Arzneien? Was für ein Schmerz, welche Empfindung, genau
beschrieben, war es, die sich an dieser Stelle ereignete? Welche
genaue Stelle war es? Erfolgte der Schmerz abgesetzt und einzeln,
zu verschiedenen Zeiten? Oder war er anhaltend, unausgesetzt? Wie
lange? Zu welcher Zeit des Tages oder der Nacht und in welcher Lage
des Körpers war er am schlimmsten, oder setzte er ganz aus?
Wie war dieser, wie war jener angegebene Zufall oder Umstand - mit
deutlichen Worten beschrieben - genau beschaffen?
§87
Und so läßt sich der Arzt die nähere Bestimmung
von jeder einzelnen Angabe noch dazu sagen, ohne jedoch jemals dem
Kranken bei der Frage schon die Antwort zugleich mit in den Mund
zu legen (1), oder so daß der Kranke dann bloß mit Ja
oder Nein darauf zu antworten hätte; sonst wird dieser verleitet,
etwas Unwahres, Halbwahres oder wirklich Vorhandnes, aus Bequemlichkeit
oder dem Fragenden zu gefallen, zu bejahen oder zu verneinen, wodurch
ein falsches Bild
-----
1) Der Arzt darf z. B. nicht fragen: "war nicht etwa auch dieser
oder jener Umstand da?" Dergleichen, zu einer falschen Antwort
und Angabe verführende Suggestionen, darf sich der Arzt nie
zu Schulden kommen lassen.
141
der Krankheit und eine unpassende Curart entstehen muß.
§88
Ist nun bei diesen freiwilligen Angaben von mehren Theilen oder
Functionen des Körpers oder von seiner Gemüths-Stimmung
nichts erwähnt worden, so fragt der Arzt, was in Rücksicht
dieser Theile und dieser Functionen, so wie wegen des Geistes oder
Gemüths-Zustandes des Kranken (1), noch zu erinnern sei, aber
in allgemeinen Ausdrücken, damit der Berichtgeber genöthigt
werde sich speciell darüber zu äußern.
§89
Hat nun der Kranke - denn diesem ist in Absicht seiner Empfindungen
(außer in verstellten Krankheiten) der meiste Glaube beizumessen
- auch durch diese freiwilligen und bloß veranlaßten
Aeußerungen dem Arzte gehörige Auskunft gegeben und das
Bild der Krankheit ziemlich vervollständigt, so ist es diesem
erlaubt, ja nöthig (wenn er fühlt, daß er noch nicht
gehörig unterrichtet sei), nähere, speciellere Fragen
zu thun (2).
-----
1) Z. B. Wie ist es mit dem Stuhlgange? Wie geht der Urin ab? Wie
ist es mit dem Schlafe, bei Tage, bei der Nacht? Wie ist sein Gemüth,
seine Laune, seine Besinnungskraft beschaffen? Wie ist es mit dem
Apetitt, dem Durste? Wie ist es mit dem Geschmacke, für sich,
im Munde? Welche Speisen und Getränke schmecken ihm am besten?
Welche sind ihm am meisten zuwider? Hat jedes seinen natürlichen,
vollen, oder einen andern, fremdartigen Geschmack? Wie wird ihm
nach Essen oder Trinken? Ist etwas wegen des Kopfes, der Glieder,
oder des Unterleibes zu erinnern ?
2) Z. B. Wie oft hatte der Kranke Stuhlgang? Von welcher genauen
Beschaffenheit? War der weißliche Stuhlgang Schleim oder Koth?
Waren Schmerzen beim Abgange, oder nicht? Welche und wo? genau!
Was brach der
142
§90
Ist der Arzt mit Niederschreibung dieser Aussagen fertig, so merkt
er sich an, was er selbst an dem
-----
Kranke aus ? Ist der garstige Geschmack im Munde faul, bitter, oder
sauer, oder wie sonst? vor oder nach dem Essen und Trinken, oder
während desselben? Zu welcher Tageszeit am meisten? Von welchem
Geschmacke ist das Aufstoßen? Wird der Urin erst beim Stehen
trübe, oder läßt er ihn gleich trübe? Von welcher
Farbe ist er, wenn er ihn eben gelassen hat? Von welcher Farbe ist
der Satz? - Wie gebehrdet oder äußert der Kranke sich
im Schlafe? wimmert, stöhnt, redet oder schreiet er im Schlafe
? erschrickt er im Schlafe? schnarcht er beim Einathmen, oder beim
Ausathmen? Liegt er einzig auf dem Rücken, oder auf welcher
Seite? Deckt er sich selbst fest zu, oder leidet er das Zudecken
nicht? Wacht er leicht auf, oder schläft er allzu fest? Wie
befindet er sich gleich nach dem Erwachen aus dem Schlafe ? Wie
oft kommt diese, wie oft jene Beschwerde; auf welche jedesmalige
Veranlassung kommt sie? im Sitzen, im Liegen, im Stehen oder bei
der Bewegung? bloß nüchtern, oder doch früh, oder
bloß Abends, oder bloß nach der Mahlzeit, oder wann
sonst gewöhnlich? - Wann kam der Frost? war es bloß Frostempfindung,
oder war er zugleich kalt? an welchen Theilen? oder war er bei der
Frostempfindung sogar heiß anzufühlen? war es bloß
Empfindung von Kälte, ohne Schauder? war er heiß, ohne
Gesichtsröthe? an welchen Theilen war er heiß anzufühlen?
oder klagte er über Hitze, ohne heiß zu sein beim Anfühlen?
wie lange dauerte der Frost, wie lange die Hitze? - Wann kam der
Durst? beim Froste? bei der Hitze? oder vorher, oder nachher? wie
stark war der Durst, und worauf? - Wann kommt der Schweiß?
beim Anfange, oder zu Ende der Hitze? oder wie viel Stunden nach
der Hitze ? im Schlafe oder im Wachen? wie stark ist der Schweiß?
heiß oder kalt? an welchen Theilen? von welchem Geruche? -
Was klagt er an Beschwerden vor oder bei dem Froste? was bei der
Hitze? was nach derselben? was bei oder nach dem Schweiße?
Wie ist es (beim weiblichen Geschlechte) mit dem monatlichen Blutflusse
oder andern Ausflüssen ? u.s.w .
143
Kranken wahrnimmt (1) und erkundigt sich, was demselben hievon
in gesunden Tagen eigen gewesen.
§91
Die Zufälle und das Befinden des Kranken, während eines
etwa vorgängigen Arzneigebrauchs, geben nicht das reine Bild
der Krankheit; diejenigen Symptome und Beschwerden hingegen, welche
er vor dem Gebrauche der Arzneien oder nach ihrer mehrtägigen
Aussetzung litt, geben den ächten Grundbegriff von der ursprünglichen
Gestalt der Krankheit, und vorzüglich diese muß der Arzt
sich aufzeichnen. Er kann auch wohl, wenn die Krankheit langwierig
ist, den Kranken, im Fall er bis jetzt noch Arznei genommen hatte,
einige Tage ganz ohne Arznei lassen, oder ihm indeß etwas
Unarzneiliches geben und bis dahin die genauere Prüfung der
Krankheitszeichen
-----
1) Z. B. Wie sich der Kranke bei dem Besuche gebehrdet hat, ob er
verdrießlich, zänkisch, hastig, weinerlich, ängstlich,
verzweifelt oder traurig, oder getrost, gelassen, u.s.w.; ob er
schlaftrunken oder überhaupt unbesinnlich war? ob er heisch,
sehr leise, oder ob er unpassend, oder wie anders er redete? wie
die Farbe des Gesichts und der Augen, und die Farbe der Haut überhaupt,
wie die Lebhaftigkeit und Kraft der Mienen und Augen, wie die Zunge,
der Athem, der Geruch aus dem Munde, oder das Gehör beschaffen
ist? wie sehr die Pupillen erweitert, oder verengert sind? wie schnell,
wie weit sie sich im Dunkeln und Hellen verändern? wie der
Puls? wie der Unterleib? wie feucht oder trocken, wie kalt oder
heiß die Haut an diesen oder jenen Theilen oder überhaupt
anzufühlen ist? ob er mit zurückgebogenem Kopfe, mit halb
oder ganz offenem Munde, mit über den Kopf gelegten Armen,
ob er auf dem Rücken, oder in welcher andern Stellung er liegt?
mit welcher Anstrengung er sich aufrichtet, und was von dem Arzte
sonst auffallend Bemerkbares an ihm wahrgenommen werden konnte.
144
verschieben, um die dauerhaften, unvermischten Symptome des alten
Uebels in ihrer Reinheit aufzufassen und dannach ein untrügliches
Bild von der Krankheit entwerfen zu können.
§92
Ist es aber eine schnell verlaufende Krankheit, und leidet ihr
dringender Zustand keinen Verzug, so muß sich der Arzt mit
dem, selbst von den Arzneien geänderten Krankheitszustande
begnügen, wenn er die, vor dem Arzneigebrauche bemerkten Symptome
nicht erfahren kann, - um wenigstens die gegenwärtige Gestalt
des Uebels, das heißt, die mit der ursprünglichen Krankheit
vereinigte Arzneikrankheit, welche durch die oft zweckwidrigen Mittel
gewöhnlich beträchtlicher und gefährlicher als die
ursprüngliche ist, und daher oft dringend eine zweckmäßige
Hülfe erheischt, in ein Gesammtbild zusammenfassen und, damit
der Kranke an der genommenen schädlichen Arznei nicht sterbe,
mit einem passend homöopathischen Heilmittel besiegen zu können.
§93
Ist die Krankheit seit Kurzem, oder bei einem langwierigen Uebel,
vor längerer Zeit durch ein merkwürdiges Ereigniß
verursacht worden, so wird der Kranke - oder wenigstens die im Geheim
befragten Angehörigen- es schon angehen, entweder von selbst
und aus eignem Triebe oder auf eine behutsame Erkundigung (1).
-----
1) Den etwanigen entehrenden Veranlassungen, welche der Kranke oder
die Angehörigen nicht gern, wenigstens nicht von freien Stücken
gestehen, muß der Arzt durch klügliche Wendungen der
Fragen oder durch andere Privat-Erkundigungen auf die Spur zu kommen
suchen. Dahin
145
§94
Bei Erkundigung des Zustandes chronischer Krankheiten, müssen
die besondern Verhältnisse des Kranken in Absicht seiner gewöhnlichen
Beschäftigungen, seiner gewohnten Lebensordnung und Diät,
seiner häuslichen Lage u.s.w. wohl erwogen und geprüft
werden, was sich in ihnen Krankheit Erregendes oder Unterhaltendes
befindet, um durch dessen Entfernung die Genesung befördern
zu können (1).
-----
gehören: Vergiftung oder begonnener Selbstmord, Onanie, Ausschweifungen
gewöhnlicher oder unnatürlicher Wohllust, Schwelgerei
in Wein, Liqueuren, Punsch und andern hitzigen Getränken, Thee,
oder Kaffee,- Schwelgen in Essen überhaupt oder in besonders
schädlichen Speisen, - venerische oder Krätz-Ansteckung,
unglückliche Liebe, Eifersucht, häußlicher Unfriede,
Aergerniß, Gram über ein Familien-Unglück, erlittene
Mißhandlungen, verbissene Rache, gekränkter Stolz, Zerrüttung
der Vermögensumstände, - abergläubige Furcht, - Hunger-
oder etwa ein Körpergebrechen an den Schamtheilen, ein Bruch,
ein Vorfall u.s.w.
1) Vorzüglich muß bei chronischen Krankheiten des weiblichen
Geschlechtes, auf Schwangerschaft, Unfruchtbarkeit, Neigung zur
Begattung, Niederkunften, Fehlgeburten, Kindersäugen, Abgänge
aus der Scheide und auf den Zustand des monatlichen Blutflusses
Rücksicht genommen werden. Insbesondere ist, in Betreff des
letztern die Erkundigung nicht zu versäumen, ob er in zu kurzen
Perioden wiederkehre oder über die gehörige Zeit aus bleibe,
wie viele Tage er anhält, ununterbrochen oder abgesetzt? in
welcher Menge überhaupt, wie dunkel von Farbe, ob mit Leucorrhöe
(Weißfluß) vor dem Eintritte oder nach der Beendigung?
vorzüglich aber mit welchen Beschwerden Leibes und der Seele,
mit welchen Empfindungen und Schmerzen vor dem Eintritte, bei dem
Blutflusse oder nachher? Ist Weißfluß bei ihr; wie ist
er beschaffen? Von welchen Empfindungen begleitet? in welcher Menge?
Unter welchen Bedingungen und auf welche Veranlassungen erscheint
er?
146
§95
Die Erforschung der obgedachten und aller übrigen Krankheitszeichen,
muß deßhalb bei chronischen Krankheiten so sorgfältig
und umständlich als möglich geschehen und bis in die kleinsten
Einzelheiten gehen, theils weil sie bei diesen Krankheiten am sonderlichsten
sind, denen in den schnell vorübergehenden Krankheiten am wenigsten
gleichen, und bei der Heilung, wenn sie gelingen soll, nicht genau
genug genommen werden können; theils weil die Kranken der langen
Leiden so gewohnt werden, daß sie auf die kleinern, oft sehr
bezeichnungsvollen (charakteristischen), bei Aufsuchung des Heilmittels
viel entscheidenden Nebenzufälle wenig oder gar nicht mehr
achten und sie fast für einen Theil ihres natürlichen
Zustandes, fast für Gesundheit ansehen, deren wahres Gefühl
sie bei der, oft fünfzehn-, zwanzigjährigen Dauer ihrer
Leiden ziemlich vergessen haben, es ihnen auch kaum einfällt,
zu glauben, daß diese Nebensymptome, diese übrigen, kleinern
oder größern Abweichungen vom gesunden Zustande, mit
ihrem Hauptübel im Zusammenhange stehen könnten.
§96
Zudem sind die Kranken selbst von so abweichender Gemüthsart,
daß einige, vorzüglich die sogenannten Hypochondristen
und andere sehr gefühlige und unleidliche Personen, ihre Klagen
in allzu grellem Lichte aufstellen und, um den Arzt zur Hülfe
aufzureizen, die Beschwerden mit überspannten Ausdrücken
bezeichnen (1).
-----
1) Eine reine Erdichtung von Zufällen und Beschwerden wird
man wohl nie bei Hypochondristen, selbst nicht bei den unleidlichsten,
antreffen, - dieß beweist die Vergleichung ihrer zu verschiedenen
Zeiten geklagten Be-
147
§97
Andere, entgegengesetzt geartete Personen aber, halten theils aus
Trägheit, theils aus mißverstandener Scham, theils aus
einer Art milder Gesinnung oder Blödigkeit, mit einer Menge
von Beschwerden zurück, bezeichnen sie mit undeutlichen Ausdrücken
oder geben mehrere als unbedeutend an.
§98
So gewiß man nun auch, vorzüglich den Kranken selbst
über seine Beschwerden und Empfindungen zu hören und besonders
den eignen Ausdrücken, mit denen er seine Leiden zu verstehen
geben kann, Glauben beizumessen hat, - weil sie im Munde der Angehörigen
und Krankenwärter verändert und verfälscht zu werden
pflegen, - so gewiß erfordert doch auf der andern Seite, bei
allen Krankheiten, vorzüglich aber bei den langwierigen, die
Erforschung des wahren, vollständigen Bildes derselben und
seiner Einzelheiten besondere Umsicht, Bedenklichkeit, Menschenkenntniß,
Behutsamkeit im Erkundigen und Geduld, in hohem Grade.
§99
Im Ganzen wird dem Arzte die Erkundigung acuter, oder sonst seit
Kurzem entstandener Krankheiten leichter,
-----
schwerden, während der Arzt ihnen nichts oder etwas ganz Unarzneiliches
eingiebt; - nur muß man von ihren Übertreibungen etwas
abziehen, wenigstens die Stärke ihrer Ausdrücke auf Rechnung
ihres übermäßigen Gefühls setzen; in welcher
Hinsicht selbst diese Hochstimmung ihrer Ausdrücke über
ihre Leiden, für sich schon zum bedeutenden Symptome in der
Reihe der übrigen wird, aus denen das Bild der Krankheit zusammengesetzt
ist. Bei Wahnsinnigen und bei böslichen Krankheits-Erdichtern
ist es eine andere Sache.
148
weil dem Kranken und den Angehörigen alle Zufälle und
Abweichungen von der, nur unlängst erst verlorenen Gesundheit,
noch in frischem Gedächtnisse, noch neu und auffallend geblieben
sind. Der Arzt muß zwar auch hier alles wissen; er braucht
aber weit weniger zu erforschen; man sagt ihm alles größtentheils
von selbst.
§100
Bei Erforschung des Symptomen-Inbegriffs der epidemischen Seuchen
und sporadischen Krankheiten, ist es sehr gleichgültig, ob
schon ehedem etwas Aehnliches unter diesem oder jenem Namen in der
Welt vorgekommen sei. Die Neuheit oder Besonderheit einer solchen
Seuche macht keinen Unterschied weder in ihrer Untersuchung, noch
Heilung, da der Arzt ohnehin das reine Bild jeder gegenwärtig
herrschenden Krankheit als neu und unbekannt voraussetzen und es
von Grunde aus für sich erforschen muß, wenn er ein ächter,
gründlicher Heilkünstler sein will, der nie Vermuthung
an die Stelle der Wahrnehmung setzen, nie einen, ihm zur Behandlung
aufgetragenen Krankheitsfall weder ganz, noch zum Theile für
bekannt annehmen darf, ohne ihn sorgfältig nach allen seinen
Aeußerungen auszuspähen; und dieß hier um so mehr,
da jede herrschende Seuche in vieler Hinsicht eine Erscheinung eigner
Art ist und bei genauer Untersuchung sehr abweichend von allen ehemaligen,
fälschlich mit gewissen Namen belegten Seuchen befunden wird;
- wenn man die Epidemien von sich gleich bleibendem Ansteckungszunder,
die Menschenpocken, die Masern u.s.w., ausnimmt.
§101
Es kann wohl sein, daß der Arzt beim ersten ihm vorkommenden
Falle einer epidemischen Seuche, nicht
149
gleich das vollkommne Bild derselben zur Wahrnehmung bekommt, da
jede solche Collectivkrankheit erst bei näherer Beobachtung
mehrer Fälle den Inbegriff ihrer Symptome und Zeichen an den
Tag legt. Indessen kann der sorgfältig forschende Arzt schon
beim ersten und zweiten Kranken dem wahren Zustande oft so nahe
kommen, daß er eines charakteristischen Bildes davon inne
wird - und dann schon ein passendes, homöopathisch angemessenes
Heilmittel für sie ausfindet.
§102
Bei Niederschreibung der Symptome mehrer Fälle dieser Art
wird das entworfene Krankheitsbild immer vollständiger, nicht
größer und wortreicher, aber bezeichnender (charakteristischer),
die Eigenthümlichkeit dieser Collectivkrankheit umfassender;
die allgemeinen Zeichen (z. B. Appetitlosigkeit, Mangel an Schlaf
u.s.w ) erhalten ihre eignen und genauern Bestimmungen und auf der
andern Seite treten die mehr ausgezeichneten, besondern, wenigstens
in dieser Verbindung seltnern, nur wenigen Krankheiten eignen Symptome
hervor und bilden das Charakteristische dieser Seuche (1). Alle
an der dermaligen Seuche Erkrankten haben zwar eine aus einer und
derselben Quelle geflossene und daher gleiche Krankheit; aber der
ganze Umfang einer solchen epidemischen Krankheit und die Gesammtheit
ihrer Symptome (deren Kenntniß zur Uebersicht des vollständigen
Krankheitsbildes gehört, um das für diesen
-----
1) Dann werden dem Arzte, welcher schon in den ersten Fällen
das, dem specifisch homöopathischen nahe kommende Heilmittel
hat wählen können, die folgenden Fälle entweder die
Angemessenheit der gewählten Arznei bestätigen, oder ihn
auf ein noch passenderes, auf das passendste homöopathische
Heilmittel hinweisen.
150
Symptomen-Inbegriff passendste homöopathische Heilmittel wählen
zu können) kann nicht bei einem einzelnen Kranken wahrgenommen,
sondern nur aus den Leiden mehrerer Kranken, von verschiedener Körperbeschaffenheit
vollständig abgezogen (abstrahirt) und entnommen werden.
§103
Auf gleiche Weise wie hier von den epidemischen, meist acuten Seuchen
gelehrt worden, mußten auch von mir die, in ihrem Wesen sich
gleichbleibenden miasmatischen, chronischen Siechthume, namentlich
und vorzüglich die Psora, viel genauer als bisher geschah,
nach dem Umfange ihrer Symptome ausgeforscht werden, indem auch
bei ihnen der eine Kranke nur einen Theil derselben an sich trägt,
ein zweiter, ein dritter u.s.w. wiederum an einigen andern Zufällen
leidet, welche ebenfalls nur ein gleichsam abgerissener Theil aus
der Gesammtheit der, den ganzen Umfang des einen und desselben Siechthums
ausmachenden Symptome sind, so daß nur an sehr vielen einzelnen
dergleichen chronischen Kranken, der Inbegriff aller, zu einem solchen
miasmatischen, chronischen Siechthume, insbesondere der Psora gehörigen
Symptome ausgemittelt werden konnte, ohne deren vollständige
Uebersicht und Gesammt-Bild die, homöopathisch das ganze Siechthum
heilenden (namentlich antipsorischen) Arzneien nicht ausgeforscht
werden konnten, welche zugleich die wahren Heilmittel der einzelnen,
an dergleichen chronischen Uebeln leidenden Kranken sind.
§104
Ist nun die Gesammtheit der, den Krankheitsfall vorzüglich
bestimmenden und auszeichnenden Symptome, oder mit andern Worten,
das Bild der Krank-
151
heit irgend einer Art einmal genau aufgezeichnet (1), so ist auch
die schwerste Arbeit geschehen. Der Heilkünstler hat es dann
bei der Cur, vorzüglich der chronischen Krankheit auf immer
vor sich, kann es in allen seinen Theilen durchschauen und die charakteristischen
Zeichen herausheben, um ihm eine gegen diese, das ist, gegen das
Uebel selbst gerichtete, treffend ähnliche, künstliche
Krankheitspotenz in dem homöopathisch gewähl
-----
1) Die Aerzte alter Schule machten sich es hiemit in ihren Curen
äußerst bequem. Da hörte man keine genaue Erkundigung
nach allen Umständen des Kranken, ja der Arzt unterbrach diese
sogar oft in der Erzählung ihrer einzelnen Beschwerden, um
sich nicht stören zu lassen bei schneller Aufschreibung des
Receptes, aus mehren von ihm nach ihrer wahren Wirkung nicht gekannten
Ingredienzen zusammengesetzt. Kein allöopathischer Arzt, wie
gesagt, verlangte die sämmtlichen genauen Umstände des
Kranken zu erfahren und noch weniger schrieb er sich etwas davon
auf. Wenn er dann den Kranken nach mehreren Tagen wieder sah, wußte
er von den wenigen, zuerst gehörten Umständen (da er seitdem
so viele verschiedene, andere Kranke gesehen) wenig oder nichts
mehr; er hatte es zu dem einen Ohre hinein und zu dem andern wieder
hinaus gehen lassen. Auch that er bei fernern Besuchen nur wenige
allgemeine Fragen, that als fühlte er den Puls an der Handwurzel,
besah die Zunge, verschrieb in demselben Augenblicke, eben so ohne
verständigen Grund, ein anderes Recept, oder ließ das
erstere (öfters des Tages in ansehnlichern Portionen) fortbrauchen
und eilte mit zierlichen Gebehrden zu dem fünfzigsten, sechszigsten
Kranken, den er denselben Vormittag noch gedankenlos zu besuchen
hatte. So ward das eigentlich nachdenklichste aller Geschäfte,
die gewissenhafte, sorgfältige Erforschung des Zustandes jedes
einzelnen Kranken und die darauf zu gründende specielle Heilung
von den Leuten getrieben, die sich Aerzte, rationelle Heilkünstler
nannten. Der Erfolg war, wie natürlich, fast ohne Ausnahme
schlecht; und dennoch mußten die Kranken zu ihnen, theils
weil es nichts Bessers gab, theils aus Etiquette, und weil es so
eingeführt ist.
152
-ten Arzneimittel entgegenzusetzen, gewählt aus den Symptomenreihen
aller, nach ihren reinen Wirkungen bekannt gewordenen Arzneien.
Und wenn er sich während der Cur nach dem Erfolge der Arznei
und dem geänderten Befinden des Eranken erkundigt, braucht
er bei seinem neuen Krankheitsbefunde von der ursprünglichen
Gruppe der zuerst aufgezeichneten Symptome, bloß das in seinem
Manuale wegzulassen, was sich gebessert hat, und dazu zu setzen,
was noch davon vorhanden, oder etwa an neuen Beschwerden hinzu gekommen
ist.
§105
Der zweite Punkt des Geschäftes eines ächten Heilkünstlers,
betrifft die Erforschung der, zur Heilung der natürlichen Krankheiten
bestimmten Werkzeuge, die Erforschung der krankmachenden Kraft der
Arzneien, um, wo zu heilen ist, eine von ihnen aussuchen zu können,
aus deren Symptomenreihe eine künstliche Krankheit zusammengesetzt
werden kann, der Haupt-Symptomen-Gesamtheit der zu heilenden natürlichen
Krankheit möglichst ähnlich.
§106
Die ganze, Krankheit erregende Wirksamkeit der einzelnen Arzneien
muß bekannt sein, das ist, alle die krankhaften Symptome und
Befindens-Veränderungen, die jede derselben in gesunden Menschen
besonders zu erzeugen fähig ist, müssen erst beobachtet
worden sein, ehe man hoffen kann, für die meisten natürlichen
Krankheiten treffend homöopathische Heilmittel unter ihnen
finden und auswählen zu können.
§107
Giebt man um dieß zu erforschen, Arzneien nur kranken Personen
ein, selbst wenn man sie nur ein-
153
fach und einzeln verordnete, so sieht man von ihren reinen Wirkungen
wenig oder nichts Bestimmtes, da die von den Arzneien zu erwartenden,
besondern Befindens-Veränderungen mit den Symptomen der gegenwärtigen
natürlichen Krankheit vermengt, nur selten deutlich wahrgenommen
werden können.
§108
Es ist also kein Weg weiter möglich, auf welchem man die eigenthümlichen
Wirkungen der Arzneien auf das Befinden des Menschen untrüglich
erfahren könnte - es giebt keine einzige sichere, keine natürlichere
Veranstaltung zu dieser Absicht, als daß man die einzelnen
Arzneien versuchsweise gesunden Menschen in mäßiger Menge
eingibt, um zu erfahren, welche Veränderungen, Symptome und
Zeichen ihrer Einwirkung jede besonders im Befinden Leibes und der
Seele hervorbringe, das ist, welche Krankheits-Elemente sie zu erregen
fähig und geneigt sei (1), da, wie (§. 24-§ 27.)
-----
1) Nicht ein einziger Arzt, meines Wissens, kam in einer drittehalbtausendjährigen
Vorzeit auf diese so natürliche, so unumgänglich nothwendige,
einzig ächte Prüfung der Arzneien in ihren reinen, eigenthümlichen,
das Befinden der Menschen umstimmenden Wirkungen, um so zu erfahren,
welche Krankheitszustände jede Arznei zu heilen vermöge,
als der große, unsterbliche Albrecht von Haller. Bloß
dieser, obgleich nicht praktischer Arzt, sah vor mir, die Nothwendigkeit
hievon ein (siehe Vorrede zur Pharmacopoea Helvet. Basil. 1771 fol.
S. 12.): "Nempe primum in corpore sano medela tentanda est,
sine peregrina ulla miscela; odoreque et sapore ejus exploratis,
exigua illius dosis ingerenda et ad omnes, quae inde contingunt,
affectiones, quis pulsus, qui calor, quae respiratio, quaenam excretiones,
attendendum. Inde ad ductum phaenomenorum, in sano obviorum, transeas
ad experimenta in corpore aegroto etc." Aber Niemand, kein
einziger Arzt achtete oder befolgte diese seine unschätzbaren
Winke.
154
§109
Diesen Weg schlug ich zuerst ein mit einer Beharrlichkeit, die
nur durch eine vollkommene Ueberzeugung von der großen, Menschen
beglückenden Wahrheit, daß bloß durch homöopathischen
Gebrauch der Arzneien die einzig gewisse Heilung der Krankheiten
der Menschen möglich sei (1), entstehen und aufrecht erhalten
werden konnte (2).
-----
1) Es ist unmöglich, daß es außer der reinen Homöopathik
noch eine andere wahre, beste Heilung der dynamischen, (das ist,
aller nicht chirurgischen) Krankheiten geben könne, so wenig
also zwischen zwei gegebnen Punkten mehr als Eine gerade Linie zu
ziehen möglich ist. Wie wenig muß der, welcher wähnt,
daß es außer ihr noch andre Arten, Krankheiten zu heilen
gebe, der Homöopathie auf den Grund gekommen sein und sie mit
hinlänglicher Sorgfalt ausgeübt haben; wie wenige, richtig
motivirte, homöopathische Heilungen muß er gesehen oder
gelesen, und auf der andern Seite die Ungegründetheit jeder
allöopathischen Verfahrungsart in Krankheiten erwogen, die
so schlechten, als oft schrecklichen Erfolge davon erkundigt haben,
welcher mit einem solchen lockern Indifferentismus die einzig wahre
Heilkunst jenen schädlichen Curarten gleich stellet, oder sie
gar für Schwestern der Homöopathik ausgiebt, deren sie
nicht entbehren könne! Meine gewissenhaften Nachfolger, die
ächten, reinen Homöopathiker, mit ihren fast nie fehlenden,
glücklichen Heilungen, mögen sie eines Bessern belehren.
2) Die erste Frucht von diesem Streben gab ich, so reif sie damals
sein konnte, in den: Fragmenta de viribus medicamentorum positivis,
sive in sano corp. hum. observatis. P. I. II. Lipsiae, 8. 1805.
ap. J. A. Barth; die reifere in: Reine Arzneimittellehre. I. Th.
dritte Ausg. II. Th. dritte Ausg. 1833. III. Th. zw. Ausg. 1825.
IV. Th. zw. Ausg.
155
§110
Daneben sah ich, daß die Wirkungen krankhafter Schädlichkeiten,
welche vorgängige Schriftsteller von arzneilichen Substanzen
aufgezeichnet hatten, wenn Sie in großer Menge aus Versehen,
um sich oder Andre zu tödten, oder unter andern Umständen
in den Magen gesunder Personen gerathen waren, mit meinen Beobachtungen
beim Versuchen derselben Substanzen an mir selbst und andern gesunden
Personen viel übereinkamen. Besagte Schriftsteller erzählen
diese Vorgänge als Vergiftungsgeschichten und als Beweise des
Nachtheils dieser heftigen Dinge, meistens nur, um davor zu warnen,
theils auch, um ihre Kunst zu rühmen, wenn bei ihren, gegen
diese gefährlichen Zufälle gebrauchten Mitteln allmälig
wieder Genesung eingetreten war, theils endlich, wo diese so angegriffenen
Personen in ihrer Cur starben, um sich mit der Gefährlichkeit
dieser Substanzen, die sie dann Gifte nannten, zu entschuldigen.
Keiner von diesen Beobachtern ahnete, daß diese, von ihnen
bloß als Beweise der Schädlichkeit und Giftigkeit dieser
Substanzen erzählten Symptome, sichere Hinweisung enthielten
auf die Kraft dieser Drogen, ähnliche Beschwerden in natürlichen
Krankheiten heilkräftig auslöschen zu können, daß
diese ihre Krankheits-Erregungen, Andeutungen ihrer homöopathischen
Heilwirkungen seyen, und daß bloß auf Beobachtung solcher
Befindensveränderungen, welche die Arzneien in gesunden Körpern
hervorbringen, die einzig mögliche Erforschung ihrer Arzneikräfte
beruhe, indem weder durch vernünftelnde Klügelei a priori,
-----
1825. V. Th. zw. Ausg. 1826. VI. Th. zw. Ausg. 1827. und im zweiten,
dritten und vierten Theile der chronischen Krankheiten, 1828. 1830.
Dresden bei Arnold, und zweite Ausgabe der chronischen Krankheiten
II., III., IV., V. Th. 1835, 1837, 1838, 1839, Düsseldorf,
bei Schaub.
156
noch durch Geruch, Geschmack oder Ansehen der Arzneien, noch durch
chemische Bearbeitung, noch auch durch Gebrauch einer, oder mehrer
derselben in einer Mischung (Recepte) bei Krankheiten, die reinen,
eigenthümlichen Kräfte der Arzneien zum Heilbehufe zu
erkennen sind; man ahnete nicht, daß diese Geschichten von
Arzneikrankheiten dereinst die ersten Anfangsgründe der wahren,
reinen Arzneistoff-Lehre abgeben würden, die vom Anbeginn bis
jetzt nur in falschen Vermuthungen und Erdichtungen bestand, das
ist, so gut als gar nicht vorhanden war (1).
§111
Die Uebereinkunft meiner, mit jenen ältern - obgleich unhinsichtlich
auf Heilbehuf geschriebenen - Beobachtungen reiner Arzneiwirkungen
und selbst die Uebereinstimmung dieser Nachrichten mit andern dieser
Art von verschiednen Schriftstellern, überzeugt uns leicht,
daß die Arzneistoffe bei ihrer krankhaften Veränderung
des gesunden menschlichen Körpers, nach bestimmten, ewigen
Naturgesetzen wirken, und, vermöge dieser, gewisse, zuverlässige
Krankheitssymptome zu erzeugen fähig sind, jeder Stoff nach
seiner Eigenthümlichkeit, besondere.
§112
In jenen ältern Beschreibungen der, oft lebensgefährlichen
Wirkungen in so übermäßigen Gaben verschluckter
Arzneien, nimmt man auch Zustände wahr, die nicht Anfangs,
sondern beim Ausgange solcher
-----
1) Man sehe, was ich hievon gesagt habe in: Beleuchtung der Quellen
der gewöhnlichen Materia medica, vor dem dritten Theile meiner
reinen ArzneimitteIIehre.
157
traurigen Ereignisse sich zeigten und von einer, den anfänglich
ganz entgegengesetzten Natur waren. Diese der Erstwirkung (§.
63.) oder eigentlichen Einwirkung der Arzneien auf die Lebenskraft
entgenstehenden Symptome, sind die Gegenwirkung des Lebensprincips
des Organisms, also die Nachwirkung desselben (§. 62-67.),
wovon jedoch bei mäßigen Gaben zum Versuche an gesunden
Körpern, selten oder fast nie das Mindeste zu spüren ist,
bei kleinen Gaben aber gar nicht. Gegen diese macht der lebende
Organism beim homöopathischen Heilgeschäfte nur so viel
Gegenwirkung, als erforderlich ist, das Befinden wieder auf den
natürlichen, gesunden Zustand zu erheben.
§113
Bloß die narcotischen Arzneien scheinen hierin eine Ausnahme
zu machen. Da sie in der Erstwirkung theils die Empfindlichkeit
und Empfindung, theils die Reizbarkeit hinwegnehmen, so pflegt bei
ihnen öfterer, auch bei mäßigen Versuchsgaben, in
gesunden Körpern eine erhöhete Empfindlichkeit in der
Nachwirkung (und eine größere Reizbarkeit) merkbar zu
werden.
§114
Diese narcotischen Substanzen ausgenommen, werden bei Versuchen
mit mäßigen Gaben Arznei, in gesunden Körpern bloß
die Erstwirkungen derselben, d.i. diejenigen Symptome wahrgenommen,
womit die Arznei das Befinden des Menschen umstimmt und einen krankhaften
Zustand auf längere oder kürzere Zeit in und an demselben
hervorbringt.
§115
Unter diesen Symptomen giebt es bei einigen Arzneien nicht wenige,
welche andern, theils vorher
158
erschienenen, theils nachher erscheinenden zum Theil oder in gewissen
Nebenumständen entgegengesetzt, deßwegen jedoch nicht
eigentlich als Nachwirkung oder bloße Gegenwirkung der Lebenskraft
anzusehen sind, sondern nur den Wechselzustand der verschiednen
Erst-Wirkungs-Paroxismen bilden; man nennt sie Wechselwirkungen.
§116
Einige Symptome werden von den Arzneien öfterer, das ist,
in vielen Körpern, andere seltener oder in wenigen Menschen
zuwege gebracht, einige nur in sehr wenigen gesunden Körpern.
§117
Zu den letztern gehören die sogenannten Idiosyncrasien, worunter
man eigne Körperbeschaffenheiten versteht, welche, obgleich
sonst gesund, doch die Neigung besitzen, von gewissen Dingen, welche
bei vielen andren Menschen gar keinen Eindruck und keine Veränderung
zu machen scheinen, in einen mehr oder weniger krankhaften Zustand
versetzt zu werden (1).
Doch dieser Mangel an Eindruck auf einige Personen ist nur scheinbar.
Denn da zu diesen, so wie zur Hervorbringung aller übrigen
krankhaften Befindensveränderungen im Menschen, beide, sowohl
die der einwirkenden Substanz inwohnende Kraft, als die Fähigkeit
der, den Organism belebenden geistartigen Dynamis (Lebensprincips),
von dieser erregt zu werden,
-----
1) Einige wenige Personen können vom Geruche der Rosen in Ohnmacht
fallen, und vom Genusse der Mies-Muscheln, der Krebse oder des Rogens
des Barbe-Fisches, von Berührung des Laubes einiger Sumach-Arten
u.s.w. in mancherlei andre krankhafte, zuweilen gefährliche
Zustände gerathen.
159
erforderlich ist, so können die auffallenden Erkrankungen
in den sogenannten Idiosyncrasien, nicht bloß auf Rechnung
dieser besondern Körperbeschaffenheiten gesetzt, sondern sie
müssen von diesen veranlassenden Dingen hergeleitet werden,
in denen zugleich die Kraft liegen muß, auf alle menschlichen
Körper denselben Eindruck zu machen, nur daß wenige unter
den gesunden Körperbeschaffenheiten geneigt sind, sich in einen
so auffallend kranken Zustand von ihnen Versetzen zu lassen. Daß
diese Potenzen wirklich auf jeden Körper diesen Eindruck machen,
sieht man daraus, daß sie bei allen kranken Personen für
ähnliche Krankheitssymptome, als die welche sie selbst (obgleich
anscheinend nur bei den sogenannten idiosyncratischen Personen)
erregen können, als Heilmittel homöopathische Hülfe
leisten (1).
§118
Jede Arznei zeigt besondere Wirkungen im menschlichen Körper,
welche sich von keinem andern Arzneistoffe verschiedner Art genau
so erreignen (2).
§119
So gewiß jede Pflanzenart in ihrer äußern Gestalt
in der eignen Weise ihres Lebens und Wuchses, in
-----
1) So half die Prinzessin Maria Porphyrogeneta ihrem an Ohnmachten
leidenden Bruder, dem Kaiser Alexius, durch Bespritzung mit Rosenwasser
(to tvn rodwn stalagma) in Gegenwart seiner Tante Eudoxia (Hist.
byz. Alexias lib. 15 S. 503. ed. Posser.) und Horstius (Oper. III.
S. 59) sah den Rosenessig bei Ohnmachten sehr hülfreich.
2) Dieß sah auch der verehrungswürdige A. v. Haller
ein, da er sagt (Vorrede zu seiner hist. stirp. helv.): "latet
immensa virium diversitas in iis ipsis plantis, quarum facies externas
dudum novimus, animas quasi et quodcunque caelestius habent, nondum
perspeximus."
160
ihrem Geschmacke und Geruche von jeder andern Pflanzen-Art und
Gattung, so gewiß jedes Mineral und jedes Salz in seinen äußern
sowohl, als innern physischen uod chemischen Eigenschaften (welche
allein schon alle Verwechselung hätten verhüten sollen)
von dem andern verschieden ist, so gewiß sind sie alle unter
sich in ihren krankmachenden - also auch heilenden - Wirkungen verschieden
und von einander abweichend (1). Jede dieser Substanzen wirkt auf
eine eigne, verschiedene, doch bestimmte Weise, die alle Verwechselung
verbietet, und erzeugt Abänderungen des Gesundheitszustandes
und des Befindens der Menschen (2).
-----
1) Wer die so sonderbar verschiednen Wirkungen jeder einzelnen Substanz
von den Wirkungen jeder andern, auf das menschliche Befinden, genau
kennt und zu würdigen versteht, der sieht auch leicht ein,
daß es unter ihnen, in arzneilicher Hinsicht, durchaus keine
gleichbedeutenden Mittel, keine Surrogate geben kann. Bloß
wer die verschiedenen Arzneien nach ihren reinen, positiven Wirkungen
nicht kennt, kann so thöricht sein, uns weiß machen zu
wollen, eins könne statt des andern dienen und eben so gut,
als jenes, in gleicher Krankheit helfen. So verwechseln unverständige
Kinder die wesentlich verschiedensten Dinge, weil sie sie kaum dem
Aeußern nach, und am wenigsten nach ihrem Werthe, ihrer wahren
Bedeutung und ihren innern, höchst abweichenden Eigenschaften
kennen.
2) Ist dieß reine Wahrheit, wie sie es ist, so kann fortan
kein Arzt, der nicht für verstandlos angesehen sein, und der
sein gutes Gewissen, das einzige Zeugniß ächter Menschenwürde,
nicht verletzen will, unmöglich eine andre Arzneisubstanz zur
Cur der Krankheiten anwenden als solche, die er genau und vollständig
in ihrer wahren Bedeutung kennt, d. i., deren virtuelle Wirkung
auf das Befinden gesunder Menschen er genugsam erprobt hat, um genau
zu wissen, sie sei vermögend, einen, dem zu heilenden, sehr
ähnlichen Krankheitszustand, einen ähnlichern, als jede
andere, ihm bekannt gewordene Arznei, selbst zu erzeugen -
161
§120
Also genau, sorgfältig genau, müssen die Arzneien, von
denen Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit der Menschen abhängen,
von einander unterschieden und deßhalb durch sorgfältige,
reine Versuche auf ihre Kräfte und wahren Wirkungen im gesunden
Körper geprüft werden, um sie genau kennen zu lernen und
bei ihrem Gebrauche in Krankheiten jeden Fehlgriff vermeiden zu
können, indem nur eine treffende Wahl derselben das größte
der irdischen Güter, Wohlseyn Leibes und der Seele, bald und
dauerhaft wiederbringen kann.
§121
Bei Prüfung der Arzneien, in Absicht auf ihre Wirkungen im
gesunden Körper, muß man bedenken,
-----
da, wie oben gezeigt worden, weder der Mensch, noch die große
Natur vollkommen, schnell und dauerhaft anders als mit einem homöopathischen
Mittel heilen kann. Kein ächter Arzt kann sich fortan von solchen
Versuchen, vorzüglich an sich selbst, ausschließen, um
diese Kenntniß der Arzneien, die am nothwendigsten zum Heilbehulfe
gehört, zu erlangen, diese von den Aerzten aller Jahrhunderte
bisher so schnöde versäumte Kenntniß. Alle vergangenen
Jahrhunderte - die Nachwelt wird es kaum glauben - begnügten
sich bisher, die in ihrer Bedeutung unbekannten und in Absicht ihrer
höchst wichtigen, höchst abweichenden, reinen, dynamischen
Wirkung auf Menschenbefinden nie geprüften Arzneien so blindhin
in Krankheiten, und zwar meist mehrere dieser unbekannten, so sehr
verschiedenen Kräfte in Recepte zusammengemischt zu verordnen
und dem Zufalle zu überlassen, wie es dem Kranken danach ergehen
möge. So dringt ein Wahnsinniger in die Werkstatt eines Künstlers,
und ergreift Hände voll, ihm unbekannter, höchst verschiedener
Werkzeuge, um die dastehenden Kunstwerke, wie er wähnt, zu
bearbeiten; daß sie von seiner unsinnigen Arbeit verderbt,
wohl gar unwiederbringlich verderbt werden, brauche ich nicht weiter
zu erinnern.
162
daß die starken, sogenannten heroischen Substanzen schon
in geringer Gabe Befindensveränderungen selbst bei starken
Personen zu erregen pflegen. Die von milderer Kraft müssen
zu diesen Versuchen in ansehnlicherer Gabe gereicht werden; die
schwächsten aber können, damit man ihre Wirkung wahrnehme,
bloß bei solchen von Krankheit freien Personen versucht werden,
welche zärtlich, reizbar und empfindlich sind.
§122
Es dürfen zu solchen Versuchen - denn von ihnen hängt
die Gewißheit der ganzen Heilkunst und das Wohl aller folgenden
Menschen-Generationen ab - es dürfen, sage ich, zu solchen
Versuchen keine andern Arzneien, als solche genommen werden, die
man genau kennt, und von deren Reinheit, Aechtheit und Vollkräftigkeit
man völlig überzeugt ist.
§123
Jede dieser Arzneien muß in ganz einfacher, ungekünstelter
Form eingenommen werden; die einheimischen Pflanzen als frisch ausgepreßter
Saft, mit etwas Weingeist vermischt, sein Verderben zu verhüten,
die ausländischen Gewächse aber als Pulver, oder frisch
mit Weingeist zur Tinctur ausgezogen, dann aber mit etlichen Theilen
Wasser versetzt, die Salze uod Gummen aber gleich vor der Einnahme
in Wasser aufgelöst. Ist die Pflanze nur in trockener Gestalt
zu haben und ihrer Natur nach an Kräften schwach, so dient
zu einem solchen Vorsuche der Aufguß, in welchem das zerkleinte
Kraut mit kochendem Wasser übergossen und so ausgezogen worden
ist; er muß gleich nach seiner Bereitung noch warm getrunken
werden; denn alle ausgepreßten Pflanzensäfte und alle
wässerigen Pflanzen-Aufgüsse, gehen ohne geistigen Zusatz
schnell in
163
Gährung und Verderbniß über, und haben dann ihre
Arzneikraft verloren.
§124
Jeden Arzneistoff muß man zu dieser Absicht ganz allein,
ganz rein anwenden, ohne irgend eine fremdartige Substanz zuzumischen,
oder sonst etwas fremdartig Arzneiliches an demselben Tage zu sich
zu nehmen, und eben so wenig die folgenden Tage, so lange als man
die Wirkungen der Arznei beobachten will.
§125
Während dieser Versuchszeit, muß auch die Diät
recht mäßig eingerichtet werden, möglichst ohne
Gewürze, von bloß nährender, einfacher Art, so daß
die grünen Zugemüße und Wurzeln (1) und alle Salate
und Suppenkräuter (welche sämmtlich immer einige störende
Arzneikraft, auch bei aller Zubereitung behalten) vermieden werden.
Die Getränke sollen die alltäglichen sein, so wenig als
möglich reizend (2).
§126
Die dazu gewählte Versuchsperson muß vor allen Dingen
als glaubwürdig und gewissenhaft bekannt seyn; sie muß
sich während des Versuchs vor Anstrengungen des Geistes und
Körpers, vor allen Ausschweifungen und störenden Leidenschaften
hüten;
-----
1) Junge grüne Erbsen (Schoten), grüne Bohnen, über
Wasser-Dampf gesottene Kartoffeln und allenfalls Möhren (Mohrrüben)
sind zulässig, als die am wenigsten arzneilichen Genüsse.
2) Die Versuchsperson muß entweder an keinen Wein, Branntwein,
Kaffee noch Thee gewöhnt seyn, oder sich diese theils reizenden,
theils arzneilich schädlichen Getränke schon längere
Zeit vorher völlig abgewöhnt haben.
164
keine dringenden Geschäfte dürfen sie von der gehörigen
Beobachtung abhalten; sie muß mit gutem Willen genaue Aufmerksamkeit
auf sich selbst richten und dabei ungestört sein; in ihrer
Art gesund an Körper, muß sie auch den nöthigen
Verstand besitzen, um ihre Empfindungen in deutlichen Ausdrücken
benennen und beschreiben zu können.
§127
Die Arzneien müssen sowohl an Manns- als an Weibspersonen
geprüft werden, um auch die, auf das Geschlecht bezüglichen
Befindens-Veränderungen, an den Tag zu bringen.
§128
Die neuern und neuesten Erfahrungen haben gelehrt, daß die
Arzneisubstanzen in ihrem rohen Zustande, wenn sie zur Prüfung
ihrer eigenthümlichen Wirkungen von der Versuchs-Person eingenommen
worden, lange nicht so den vollen Reichthum der in ihnen verborgen
liegenden Kräfte äußern, als wenn sie in hohen Verdünnungen
durch gehöriges Reiben und Schütteln potenzirt zu dieser
Absicht eingenommen worden; durch welche einfache Bearbeitung die
in ihrem rohen Zustande verborgen und gleichsam schlafend gelegnen
Kräfte bis zum Unglaublichen entwickelt und zur Thätigkeit
erweckt werden. So erforscht man jetzt am besten, selbst die für
schwach gehaltenen Substanzen in Hinsicht auf ihre Arzneikräfte,
wenn man 4 bis 6 feinste Streukügelchen der 30sten Potenz einer
solchen Substanz von der Versuchs-Person täglich, mit ein wenig
Wasser angefeuchlet, oder vielmehr in einer größern oder
geringern Menge Wasser aufgelöset und wohl zusammengeschüttelt,
nüchtern einnehmen und dies mehrere Tage fortsetzen läßt.
165
§129
Wenn nur schwache Wirkungen von einer solchen Gabe zum Vorschein
kommen, so kann man, bis sie deutlicher und stärker werden,
täglich etliche Kügelchen mehr zur Gabe nehmen, bis die
Befindens-Veränderungen wahrnehmbarer werden; denn wenige Personen
werden von einer Arznei gleich stark angegriffen; es findet im Gegentheile
eine große Verschiedenheit in diesem Punkte statt, so daß
von einer als sehr kräftig bekannten Arznei, in mäßiger
Gabe, zuweilen eine schwächlich scheinende Person fast gar
nicht erregt wird, aber von mehreren andern dagegen, weit schwächern,
stark genug. Und hinwiederum giebt es sehr starke Personen, die
von einer mild scheinenden Arznei sehr beträchtliche Krankheits-Symptome
spüren, von stärkern aber geringere u.s.w. Da dieß
nun vorher unbekannt, so ist es sehr räthlich, bei Jedem zuerst
mit einer kleinen Arzneigabe den Anfang zu machen, und wo es angemessen
und erforderlich, von Tage zu Tage zu einer höhern und höhern
Gabe zu steigen.
§130
Wenn man gleich Anfangs zum ersten Male eine gehörig starke
Arzneigabe gereicht, so hat man den Vortheil, daß die Versuchs-Person
die Aufeinanderfolge der Symptome erfährt und die Zeit, wann
jedes erschienen ist, genau aufzeichnen kann, welches zur Kenntniß
des Charakters der Arznei sehr belehrend ist, weil dann die Ordnung
der Erstwirkungen, so wie die der Wechselwirkungen am unzweideutigsten
zum Vorschein kommt. Auch eine sehr mäßige Gabe ist zum
Versuche oft schon hinreichend, wenn nur der Versuchende feinfühlig
genug und möglichst aufmerksam auf sein Befinden ist. Die Wirkungsdauer
einer Arznei wird erst durch Vergleichung mehrerer Versuche bekannt.
166
§131
Muß man aber, um nur etwas zu erfahren, einige Tage nach
einander dieselbe Arznei in immer erhöheten Gaben derselben
Person zum Versuche geben, so erfährt man zwar die mancherlei
Krankheitszustände, welche diese Arznei überhaupt zuwege
bringen kann, aber nicht ihre Reihenfolge, und die darauffolgende
Gabe nimmt oft ein oder das andere, von der vorgängigen Gabe
erregte Symptom wieder hinweg, heilwirkend, oder den entgegengesetzten
Zustand hervor bringend - Symptome, welche als zweideutig eingeklammert
werden müssen, bis folgende, reinere Versuche zeigen, oh sie
Gegen- und Nach-Wirkung des Organisms, oder eine Wechselwirkung
dieser Arznei sind.
§132
Wo man aber, ohne Rücksicht auf Folgereihe der Zufälle
und Wirkungsdauer der Arznei, bloß die Symptome für sich,
besonders die eines schwachkräftigen Arzneistoffs, erforschen
will, da ist die Veranstaltung vorzuziehen, daß man einige
Tage nach einander, jeden Tag eine erhöhete Gabe reiche. Dann
wird die Wirkung, selbst der mildesten, noch unbekannten Arznei,
besonders an empfindlichen Personen versucht, an den Tag kommen.
§133
Bei Empfindung dieser oder jener Arzneibeschwerde, ist es zur genauen
Bestimmung des Symptoms dienlich, ja erforderlich, sich dabei in
verschiedne Lagen zu versetzen und zu beobachten, ob der Zufall
durch Bewegung des eben leidenden Theils, durch Gehen in der Stube
oder in freier Luft, durch Stehen, Sitzen oder Liegen sich vermehre,
mindere oder vergehe und etwa in der ersten Lage wiederkomme,- ob
durch Essen, Trinken oder durch eine andere Be-
167
dingung sich das Symptom ändere, oder durch Sprechen, Husten,
Nießen, oder bei einer andern Verrichtung des Körpers
und darauf zu achten, zu welcher Tages- oder Nachtzeit es sich vorzüglich
einzustellen pflege, wodurch das jedem Symptome Eigenthümliche
und Charakteristische offenbar wird.
§134
Alle äußeren Potenzen und vorzüglich die Arzneien
haben die Eigenschaft, eine ihnen eigenthümliche, besonders
geartete Veränderung im Befinden des lebenden Organisms hervorzubringen;
doch kommen nicht alle, einer Arznei eignen Symptome, schon bei
Einer Person, auch nicht alle sogleich, oder bei demselben Versuche
zum Vorscheine, sondern bei der einen Person dießmal diese,
bei einem zweiten und dritten Versuche wieder andere, bei einer
andern Person diese oder jene Symptome vorzugsweise hervor; doch
so, daß vielleicht bei der vierten, achten, zehnten u.s.w.
Person, wieder einige oder mehrere von den Zufällen sich zeigen,
die etwa schon bei der zweiten, sechsten, neunten u.s.w. Person
sich ereigneten; auch erscheinen sie nicht jedesmal zu derselben
Stunde wieder.
§135
Der Inbegriff aller Krankheits-Elemente, die eine Arznei zu erzeugen
vermag, wird erst durch vielfache, an vielen dazu tauglichen, verschiedenartigen
Körpern von Personen beiderlei Geschlechts angestellte Beobachtungen,
der Vollständigkeit nahe gebracht. Nur erst dann kann man versichert
sein, eine Arznei auf die Krankheitszustände, die sie erregen
kann, das ist, auf ihre reinen Kräfte in Veränderung des
Menschenbefindens ausgeprüft zu haben, wenn die folgenden Versuchspersonen
wenig Neues mehr von ihr bemerken können,
168
und fast immer nur dieselben, schon von Andern beobachteten Symptome
an sich wahrnehmen.
§136
Obgleich, wie gesagt, eine Arznei bei ihrer Prüfung im gesunden
Zustande, nicht bei Einer Person alle ihre Befindens-Veränderungen
hervorbringen kann, sondern nur bei vielen, verschiednen, von abweichender
Leibes- und Seelenbeschaffenheit, so liegt doch die Neigung (Tendenz),
alle diese Symptome in jedem Menschen zu erregen, in ihr (§.
110), nach einem ewigen, umwandelbaren Naturgesetze, vermöge
dessen sie alle ihre, selbst die selten von ihr in Gesunden hervorgebrachten
Wirkungen bei einem jeden Menschen in Ausübung bringt, dem
man sie in einem Krankheits-Zustande von ähnlichen Beschwerden
eingiebt; selbst in der mindesten Gabe erregt sie dann, homöopathisch
gewählt, stillschweigend einen, der natürlichen Krankheit
nahekommenden, künstlichen Zustand im Kranken, der ihn von
seinem ursprünglichen Uebel schnell und dauerhaft (homöopathisch)
befreit und heilt.
§137
Je mäßiger, bis zu einem gewissen Grade, die Gaben einer
zu solchen Versuchen bestimmten Arznei sind, - vorausgesetzt, daß
man die Beobachtung durch die Wahl einer Wahrheit liebenden, in
jeder Rücksicht gemäßigten, feinfühligen Person,
welche die gespanntetste Aufmerksamkeit auf sich richtet, zu erleichtern
sich bestrebt - desto deutlicher kommen die Erstwirkungen und bloß
diese, als die wissenswürdigsten, hervor und keine Nachwirkungen
oder Gegenwirkungen des Lebensprincips. Bei übermäßig
großen Gaben hingegen, kommen nicht allein mehrere Nachwirkungen
unter den Symptomen mit vor, sondern die Erstwir-
169
kungen treten auch in so verwirrter Eile und mit solcher Heftigkeit
auf, daß sich nichts genau beobachten läßt; die
Gefahr derselben nicht einmal zu erwähnen, die demjenigen,
welcher Achtung gegen die Menschheit hat, und auch den Geringsten
im Volke für seinen Bruder schätzt, nicht gleichgültig
sein kann.
§138
Alle Beschwerden, Zufälle und Veränderungen des Befindens
der Versuchs-Person während der Wirkungsdauer einer Arznei
(im Fall obige Bedingungen [§. 124 - 127.] eines guten, reinen
Versuchs beobachtet wurden) rühren bloß von dieser her
und müssen, als deren eigenthümlich zugehörig, als
ihre Symptome angesehen und aufgezeichnet werden; gesetzt auch die
Person hätte ähnliche Zufälle vor längerer Zeit
bei sich von selbst wahrgenommen. Die Wiedererscheinung derselben
beim Arznei-Versuche zeigt dann bloß an, daß dieser
Mensch, vermöge seiner besondern Körperbeschaffenheit,
vorzüglich aufgelegt ist, zu dergleichen erregt zu werden.
In unserm Falle ist es von der Arznei geschehen; die Symptome kommen
jetzt, während die eingenommene, kräftige Arznei sein
ganzes Befinden beherrscht, nicht von selbst, sondern rühren
von dieser her.
§139
Wenn der Arzt die Arznei zum Versuche nicht selbst eingenommen,
sondern einer andern Person eingegeben hat, so muß diese ihre
gehabten Empfindungen, Beschwerden, Zufälle und Befindensveränderungen
deutlich aufschreiben in dem Zeitpunkte, wo sie sich ereignen, mit
Angabe der, nach der Einnahme verflossenen Zeit der Entstehung jedes
Symptoms, und wenn es lange anhielt, der Zeit der Dauer. - Der Arzt
sieht
170
den Aufsatz in Gegenwart der Versuchs-Person, gleich nach vollendetem
Versuche, oder, wenn der Versuch mehrere Tage dauert, jeden Tag
durch, um sie, welcher dann noch alles in frischem Gedächtnisse
ist, über die genaue Beschaffenheit jedes dieser Vorfälle
zu befragen und die so erkundigten, nähern Umstände beizuschreiben,
oder nach ihrer Aussage dieselben abzuändern (1).
§140
Kann die Person nicht schreiben, so muß sie der Arzt jeden
Tag darüber vernehmen, was und wie es ihr begegnet sei. Es
muß dann aber größtentheils nur freiwillige Erzählung
der zum Versuche gebrauchten Person sein, nichts Errathenes, nichts
Vermuthetes und so wenig als möglich Ausgefragtes, was man
als Befund niederschreiben will, alles mit der Vorsicht, die ich
oben (§. 84 -99.), bei Erkundigung des Befundes und Bildes
der natürlichen Krankheiten angegeben habe.
§141
Doch bleiben diejenigen Prüfungen der reinen Wirkungen einfacher
Arzneien in Veränderung des menschlichen Befindens und der
künstlichen Krankheitszustände und Symptome, welche sie
im gesunden Menschen erzeugen können, welche der gesunde, vorurtheillose,
gewissenhafte, feinfühlige Arzt an sich selbst mit aller ihn
hier gelehrten Vorsicht und Behutsamkeit anstellt, die vorzüglichsten.
Er weiß am gewißesten, was er an sich selbst wahrgenommen
hat (2).
-----
1) Wer solche Versuche der Arztwelt bekannt macht, wird dadurch
für die Zuverlässigkeit der Versuchs-Person und ihrer
Angaben verantwortlich und zwar mit Recht, da das Wohl der leidenden
Menschheit hier auf dem Spiele steht.
2) Auch haben diese Selbstversuche für ihn noch andere, unersetzliche
Vortheile. Zuerst wird ihm dadurch die große
171
§142
Wie man aber selbst in Krankheiten, besonders in den chronischen,
sich meist gleichbleibenden, unter den Beschwerden der ursprünglichen
Krankheit einige
-----
Wahrheit, daß das Arzneiliche aller Arzneien, worauf ihre
Heilungskraft beruht, in jenen, von den selbstgeprüften Arzneien
erlittenen Befindens-Veränderungen und den an sich selbst mittels
derselben erfahrnen Krankheits-Zuständen liege, zur unleugbaren
Thatsache. Ferner wird er durch solche merkwürdige Beobachtungen
an sich selbst, theils zum Verständniß seiner eignen
Empfindungen, seiner Denk- und Gemüthsart (dem Grundwesen aller
wahren Weisheit: gnvJi seauton) theils aber, was keinem Arzte fehlen
darf, zum Beobachter gebildet. Alle unsere Beobachtungen an andern
haben das Anziehende bei weitem nicht, als die an uns selbst angestellten.
Immer muß der Beobachter Andrer befürchten, der die Arznei
Versuchende habe, was er sagt, nicht so deutlich gefühlt, oder
seine Gefühle nicht mit dem genau passenden Ausdrucke angegeben
und bezeichnet. Immer bleibt er im Zweifel, ob er nicht wenigstens
zum Theil getäuscht werde. Dieses nie ganz hinwegzuräumende
Hinderniß der Wahrheits-Erkenntniß bei Erkundigung der
von Arzneien bei Andern entstandnen künstlichen Krankheits-Symptome,
fällt bei Selbstversuchen gänzlich weg. Der Selbstversucher
weiß es selbst, er weiß es gewiß, was er gefühlt
hat, und jeder solche Selbstversuch ist für ihn ein neuer Antrieb
zur Erforschung der Kräfte mehrer Arzneien. Und so übt
er sich mehr und mehr in der, für den Arzt so wichtigen Beobachtungskunst,
wenn er sich selbst, als das Gewissere, ihn nicht Täuschende,
zu beobachten fortfährt und um desto eifriger wird er es thun,
da ihn diese Selbstversuche die Kenntniß der zum Heilen meist
noch mangelnden Werkzeuge nach ihrem wahren Werthe und ihrer wahren
Bedeutung versprechen, und ihn nicht täuschen. Er wähne
auch nicht, daß solche kleine Erkrankungen beim Einnehmen
prüfender Arzneien überhaupt seiner Gesundheit nachtheilig
wären. Die Erfahrung lehrt im Gegentheile, daß der Organism
des Prüfenden, durch die mehren Angriffe auf das gesunde Befinden
nur desto geübter wird in Zurücktreibung alles seinem
Körper Feindlichen von der Außen-
172
Symptome (1) der zum Heilen angewendeten, einfachen Arznei ausfinden
könne, ist ein Gegenstand höherer Beurtheilungskunst und
bloß Meistern in der Beobachtung zu überlassen.
§143
Hat man nun eine beträchtliche Zahl einfacher Arzneien auf
diese Art im gesunden Menschen erprobt und alle die Krankheits-Elemente
und Symptome sorgfältig und treu aufgezeichnet, die sie von
selbst als künstliche Krankheits-Potenzen zu erzeugen fähig
sind, so hat man dann erst eine wahre Materia medica - eine Sammlung
der ächten, reinen, untrüglichen (2) Wirkungsarten der
einfachen Arzneistoffe für sich, einen Codex der Natur, worin
von jeder so erforschten, kräftigen Arznei eine ansehnliche
Reihe besonderer Befindens-Veränderungen und Symptome, wie
sie sich der Aufmerksamkeit des Beobachters zu Tage legten, aufgezeichnet
stehen, in denen die (homöopathischen)
-----
welt her, und aller künstlichen und natürlichen, krankhaften
Schädlichkeiten, auch abgehärteter gegen alles Nachtheilige
mittels so gemäßigter Selbstversuche mit Arzneien. Seine
Gesundheit wird unveränderlicher; er wird robuster, wie alle
Erfahrung lehrt.
1) Die in der ganzen Krankheit etwa vor langer Zeit, oder nie bemerkten,
folglich neuen, der Arznei angehörigen Symptome.
2) Man hat in neuern Zeilen entfernten, unbekannten Personen, die
sich dafür bezahlen ließen, aufgetragen, Arzneien zu
probiren, und diese Verzeichnisse drucken lassen. Aber auf diese
Weise scheint das allerwichtigste, die einzig wahre Heilkunst zu
gründen bestimmte, und die größte moralische Gewißheit
und Zuverlässigkeit erheischende Geschäft in seinen Ergebnissen,
leider, zweideutig und unsicher zu werden und allen Werth zu verlieren.
Die, davon zu erwartenden, falschen Angaben, vom homöopathischen
Arzte dereinst für wahr angenommen, müssen in ihrer Anwendung
dem Kranken zum größten Nachtheile gereichen.
173
Krankheits-Elemente mehrer natürlichen, dereinst durch die
zu heilenden Krankheiten, in Aehnlichkeit vorhanden sind, welche,
mit einem Worte, künstliche Krankheitszustände enthalten,
die für die ähnlichen natürlichen Krankheitszustände
die einzigen, wahren, homöopathischen, das ist, specifischen
Heilwerkzeuge darreichen, zur gewissen und dauerhaften Genesung.
§144
Von einer solchen Arzneimittellehre sei alles Vermuthete, bloß
Behauptete, oder gar Erdichtete gänzlich ausgeschlossen; es
sei alles reine Sprache der sorgfältig und redlich befragten
Natur.
§145
Freilich kann nur ein sehr ansehnlicher Vorrath genau nach dieser,
ihrer reinen Wirkungsart in Veränderung des Menschenbefindens
gekannter Arzneien uns in den Stand setzen, für jeden der unendlich
vielen Krankheitszustände in der Natur, für jedes Siechthum
in der Welt, ein homöopathisches Heilmittel, ein passendes
Analogon von künstlicher (heilender) Krankheitspotenz auszufinden
(1). Indessen bleiben auch
-----
1) Anfangs (vor etwa 40 Jahren) war ich der einzige, der sich die
Prüfung der reinen Arzneikräfte zum wichtigsten Geschäfte
machte. Seitdem war ich von einigen jungen Männern, die an
sich selbst Versuche machten, und deren Beobachtungen ich prüfend
durchging, hierin unterstützt worden; nachgehends ist noch
einiges Aechte dieser Art von wenigen Andern gethan worden. Was
wird aber dann erst an Heilung im ganzen Umfange des unendlichen
Krankheits-Gebietes ausgerichtet werden können, wenn mehre
genaue und zuverlässige Beobachter sich um die Bereicherung
dieser einzig ächten Arzneistoff-Lehre durch sorgfältige
Selbstversuche verdient gemacht haben werden! Dann wird das Heilgeschäft
den mathematischen Wissenschaften an Zuverlässigkeit nahe kommen.
174
jetzt - Dank sei es der Wahrheit der Symptome und dem Reichthume
an Krankheits-Elementen, welche jede der kräftigen Arzneisubstanzen
in ihrer Einwirkung auf gesunde Körper schon jetzt hat beobachten
lassen - doch nur wenige Krankheitsfälle übrig, für
welche sich nicht unter den, nun schon auf ihre reine Wirkung geprüften
(1), ein ziemlich passendes homöopathisches Heilmittel antreffen
ließe, was, ohne sonderliche Beschwerde, die Gesundheit sanft,
sicher und dauerhaft wieder bringt - unendlich gewisser und sicherer,
als nach allen allgemeinen und speciellen Therapien der bisherigen,
allöopathischen Arzneikunst, mit ihren ungekannten, gemischten
Mitteln, welche die chronischen Krankheiten nur verändern und
verschlimmern, aber nicht heilen können, die Heilung der akuten
aber eher verzögern, als befördern, oft sogar Lebensgefahr
herbeiführen.
§146
Der dritte Punkt des Geschäftes eines ächten Heilkünstlers
betrifft die zweckmäßigste Anwendung der, auf ihre reine
Wirkung in gesunden Menschen geprüften, künstlichen Krankheits-Potenzen
(Arzneien) zur homöopathischen Heilung der natürlichen
Krankheiten.
§147
Bei welcher unter diesen, nach ihrer Menschenbefindens-Veränderungs-Kraft
ausgeforschten Arzneien, man nun in den von ihr beobachteten Symptomen,
das meiste Aehnliche von der Gesammtheit der Symptome einer gegebnen,
natürlichen Krankheit antrifft, diese Arznei wird und muß
das passendste, das gewißeste
-----
1) Man sehe oben Anm. 2. zu §. 109.
175
homöopathische Heilmittel derselben sein; in ihr ist das Spezifikum
dieses Krankheitsfalles gefunden.
§148
Die natürliche Krankheit ist nie als eine irgendwo, im Innern
oder Aeußern des Menschen sitzende, schädliche Materie
anzusehen (§. 11., § 13.), sondern als von einer geistartigen,
feindlichen Potenz erzeugt, die, wie durch eine Art von Ansteckung
(Anm. zu §. 11), das im ganzen Organism herrschende, geistartige
Lebensprincip in seinem instinktartigen Walten stört, als ein
böser Geist quält und es zwingt, gewisse Leiden und Unordnungen
im Gange des Lebens zu erzeugen, die man (Symptome) Krankheiten
nennt. Wird aber dann dem Lebensprincip das Gefühl von der
Einwirkung dieses feindlichen Agens wieder entzogen, was diese Verstimmung
zu bewirken und fortzusetzen strebte, das ist, läßt der
Arzt dagegen eine, das Lebensprincip ähnlichst krankhaft zu
verstimmen fähige, künstliche Potenz (homöopathische
Arznei), welche stets, auch in der kleinsten Gabe die ähnliche,
natürliche Krankheit an Energie (§. 33., §. 279)
übertrifft, auf den Kranken einwirken, so geht, während
der Einwirkung dieser stärkern, ähnlichen Kunst-Krankheit
für das Lebensprincip die Empfindung von dem ursprünglichen,
krankhaften Agens verloren; das Uebel existirt von da an nicht mehr
für das Lebensprincip, es ist vernichtet. Wird, wie gesagt,
die passend ausgewählte, homöopathische Arznei gehörig
angewendet, so vergeht die zu überstimmende, acute, natürliche
Krankheit, wenn sie kurz vorher entstanden war, unvermerkt, nicht
selten in einigen Stunden, die etwas ältere, natürliche
Krankheit aber (nach Anwendung noch einiger Gaben derselben, höher
potenzirten Arznei, oder, nach sorgfältiger
176
Wahl (1), einer oder der andern, noch ähnlichern, homöopathischen
Arznei) etwas später, mit allen Spuren von Uebelbefinden. Es
erfolgt in unbemerklichen, oft schnellen Uebergängen nichts
als Gesundheit, Genesung. Das Lebensprincip fühlt sich wieder
frei und fähig, das Leben des Organisms, wie vordem, in Gesundheit
fortzuführen und die Kräfte sind wieder da.
-----
1) Aber dieses mühsame, zuweilen sehr mühsame Aufsuchen
und Auswählen des, dem jedesmaligen Krankheits-Zustande in
allen Hinsichten homöopathisch angemessensten Heilmittels,
ist ein Geschäft, was ungeachtet aller lobwerthen Erleichterungs-Bücher,
doch noch immer das Studium der Quellen selbst und zudem vielseitige
Umsicht und ernste Erwägung fordert, auch nur vom Bewußtsein
treu erfüllter Pflicht seinen besten Lohn empfängt - wie
sollte diese mühsame, sorgfältige, allein die beste Heilung
der Krankheiten möglich machende Arbeit, den Herren von der
neuen Mischlings-Sekte behagen, die mit dem Ehrennamen, Homöopathiker
sich brüsten, auch zum Scheine Arznei geben von Form und Ansehen
der homöopathischen, doch von ihnen nur so obenhin (quidquid
in buccam venit) ergriffen, und die, wenn das ungenaue Mittel nicht
sogleich hilft, die Schuld davon nicht auf ihre unverzeihliche Mühescheu
und Leichtfertigkeit bei Anfertigung der wichtigsten und bedenklichsten
aller Angelegenheiten der Menschen schieben, sondern auf die Homöopathie,
der sie große Unvollkommenheit vorwerfen; (eigentlich die,
daß sie ihnen, ohne eigne Mühe, das angemessenste homöopathische
Heilmittel für jeden Krankheits-Zustand, nicht von selbst wie
gebratene Tauben in den Mund führe!). Sie wissen sich ja dann
doch, wie genandte Leute, bald über das Nicht-Helfen ihrer
kaum halb homöopathischen Mittel zu trösten durch Anbringung
der ihnen geläufigern, allöopathischen Scherwenzel, worunter
sich ein oder etliche Dutzend Blutigel an die leidende Stelle gesetzt,
oder kleine, unschuldige Aderlässe von 8 Unzen u.s.w. recht
stattlich ausnehmen, und kömmt der Kranke trotz dem Allen doch
davon, so rühmen sie ihre Aderlässe, Blutigel, u.s.w.,
ohne welche derselbe nicht hätte erhalten werden können
und geben nicht undeutlich zu
177
§149
Die alten (und besonders die complicirten) Siechthume, erfordern
zur Heilung verhältnismäßig mehr Zeit. Vorzüglich
die, durch allöopathische Unkunst so oft neben der, von ihr
ungeheilt gelassenen natürlichen Krankheit, erzeugten chronischen
Arznei-Siechthume, erfordern bei weitem längere Zeit zur Genesung;
oft sind sie sogar unheilbar, wegen des frechen Raubes der Kräfte
und Säfte des Kranken, (der Blutentziehungen, Purganzen, u.s.w.),
wegen der oft langen fortgesetzten Anwendung großer Gaben
heftig wirkender Mittel, nach leeren, falschen Vermuthungen von
ihrem angeblichen Nutzen, in ähnlich scheinenden Krankheits-Fällen,
der Verordnung unpassender Mineralbäder u.s.w., "die allgewöhnlichen
Heldenthaten der Allöopathik bei ihren sogenannten Curen."
§150
Werden dem Arzte ein oder ein paar geringfügige Zufälle
geklagt, welche seit Kurzem erst bemerkt worden, so hat er dieß
für keine vollständige Krankheit anzusehen, welche ernstlicher,
arzneilicher Hülfe bedürfte. Eine kleine Abänderung
in der Diät und Lebensordnung reicht gewöhnlich hin, diese
Unpäßlichkeit zu verwischen.
-----
verstehen, daß diese, ohne viel Kopfzerbrechen, aus dem verderblichen
Schlendrian der alten Schule hervorgelangten Operationen im Grunde
das Beste bei der Cur gethan hätten; stirbt aber der Kranke
dabei, wie nicht selten, so suchen sie eben damit die trostlosen
Angehörigen zu beruhigen, "daß sie selbst Zeuge
wären, wie doch nun alles Ersinnliche für den seelig Verstorbnen
gethan worden sei." Wer wollte solcher leichtsinnigen, schädlichen
Brut, die Ehre anthun, sie nach dem Namen der sehr mühsamen,
aber auch heilbringenden Kunst, homöopathische Aerzte zu nennen?
Ihrer warte der gerechte Lohn, daß sie, einst erkrankt, auf
gleiche Art kurirt werden mögen!
178
§151
Sind es aber ein paar heftige Beschwerden, über die der Kranke
klagt, so findet der forschende Arzt gewöhnlich noch nebenbei
mehrere, obschon kleinere Zufälle, welche ein vollständiges
Bild von der Krankheit geben.
§152
Je schlimmer die acute Krankheit ist, aus desto mehren, aus desto
auffallendern Symptomen ist sie gewöhnlich zusammengesetzt,
um desto gewisser läßt sich aber auch ein passendes Heilmittel
für sie auffnden, wenn eine hinreichende Zahl, nach ihrer positiven
Wirkung gekannter Arzneien, zur Auswahl vorhanden ist. Unter den
Symptomenreihen vieler Arzneien, läßt sich ohne Schwierigkeit
eine finden, aus deren einzelnen Krankheits-Elementen sich, dem
Symptomen-Inbegriffe der natürlichen Krankheit gegenüber,
ein sehr ähnliches Bild von heilender Kunstkrankheit zusammensetzen
läßt, und diese Arznei ist das wünschenswerthe Heilmittel.
§153
Bei dieser Aufsuchung eines homöopathisch specifischen Heilmittels,
das ist, bei dieser Gegeneinanderhaltung des Zeichen-Inbegriffs
der natürlichen Krankheit gegen die Symptomenreihen der vorhandenen
Arnzneien um unter diesen eine, dem zu heilenden Uebel in Aehnlichkeit
entsprechende Kunstkrankheits-Potenz zufinden, sind die auffallendern,
sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen)
Zeichen und Symptome (1) des Krankheitsfalles,
-----
1) Um Aufstellung der charakteristischen Symptome der homöopathischen
Arzneien hat sich der Herr Regierungsrath Freiherr von Bönninghausen
durch sein Repertorium verdient gemacht, sowie auch Hr. G. H. G.
Jahr, in seinem
179
besonders und fast einzig fest in´s Auge zu fassen; denn vorzüglich
diesen, müssen sehr ähnliche, in der Symptomenreihe der
gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung
sein soll. Die allgemeinern und unbestimmtern: Eßlust-Mangel,
Kopfweh, Mattigkeit, unruhiger Schlaf, Unbehaglichkeit u.s.w., verdienen
in dieser Allgemeinheit und wenn sie nicht näher bezeichnet
sind, wenig Aufmerksamkeit, da man so etwas Allgemeines fast bei
jeder Krankheit und jeder Arznei sieht.
§154
Enthält nun das, aus der Symptomen-Reihe der treffendsten
Arznei zusammengesetzte Gegenbild, jene in der zu heilenden Krankheit
anzutreffenden, besondern, ungemeinen, eigenheitlich sich auszeichnenden
(charakteristischen) Zeichen in der größten Zahl und
in der größten Aehnlichkeit, so ist diese Arznei für
diesen Krankheitszustand das passendste, homöopathische, specifische
Heilmittel; eine Krankheit von nicht zu langer Dauer wird demnach
gewöhnlich durch die erste Gabe desselben ohne bedeutende Beschwerde
aufgehoben und ausgelöscht.
§155
Ich sage: ohne bedeutende Beschwerde. Denn beim Gebrauche dieser
passendsten, homöopathischen Arznei sind bloß die, den
Krankheits-Symptomen entsprechenden Arznei-Symptome des Heilmittels
in Wirksamkeit, indem letztere die Stelle der erstern (schwächern)
im Organism, d.i. im Gefühle des Lebensprincips einnehmen und
letztere so durch Ueberstimmung vernichten; die oft sehr vielen
übrigen Symptome der
-----
Handbuche der Haupt-Anzeigen, jetzt zum drittenmal herausgegeben
unter dem Titel: "Grand manuel."
180
homöopathischen Arznei aber, welche in dem vorliegenden Krankheitsfalle
keine Anwendung finden, schweigen dabei gänzlich. Es läßt
sich in dem Befinden des sich stündlich bessernden Kranken
fast nichts von ihnen bemerken, weil die, zum homöopathischen
Gebrauche nur in so tiefer Verkleinerung nöthige Arznei-Gabe
ihre übrigen, nicht zu den homöopathischen gehörenden
Symptome, in den von der Krankheit freien Theilen des Körpers
zu äußern viel zu schwach ist und folglich bloß
die homöopathischen, auf die von den ähnlichen Krankbeitssymptomen
schon gereiztesten und aufgeregtesten Theile im Organism wirken
lassen kann, um so dem kranken Lebensprincip nur die ähnliche,
aber stärkere Arzneikrankheit fühlen zu lassen, wodurch
die ursprüngliche Krankheit erlischt.
§156
Indessen giebt es selten ein, auch anscheinend passend gewähltes,
homöopathisches Arzneimittel, welches, vorzüglich in zu
wenig verkleinerter Gabe, nicht eine, wenigstens kleine, ungewohnte
Beschwerde, ein kleines, neues Symptom während seiner Wirkungsdauer
bei sehr reizbaren und feinfühlenden Kranken, zuwege bringen
sollte, weil es fast unmöglich ist, daß Arznei und Krankheit
in ihren Symptomen einander so genau decken sollten, wie zwei Triangel
von gleichen Winkeln und gleichen Seilen. Aber diese (im guten Falle)
unbedeutende Abweichung, wird von der eignen Kraftthätigkeit
(Autocratie) des lebenden Organisms leicht verwischt und Kranken
von nicht übermäßiger Zartheit nicht einmal bemerkbar;
die Herstellung geht dennoch vorwärts zum Ziele der Genesung,
wenn sie nicht durch fremdartig arzneiliche Einflüsse auf den
Kranken, durch Fehler in der Lebensordnung, oder durch Leidenschaften
gehindert wird.
181 §157
So gewiß es aber auch ist, daß ein homöopathisch
gewähltes Heilmittel, seiner Angemessenheit und der Kleinheit
der Gabe wegen, ohne Lautwerdung seiner übrigen, unhomöopathischen
Symptome, das ist, ohne Erregung neuer, bedeutender Beschwerden,
die ihm analoge, acute Krankheit ruhig aufhebt und vernichtet, so
pflegt es doch (aber ebenfalls nur bei nicht gehörig verkleinerter
Gabe) gleich nach der Einnahme - in der ersten, oder den ersten
Stunden - eine Art kleiner Verschlimmerung zu bewirken (bei etwas
zu großen Gaben aber eine mehre Stunden dauernde), welche
so viel Aehnlichkeit mil der ursprünglicben Krankheit hat,
daß sie dem Kranken eine Verschlimmerung seines eignen Uebels
zu seyn scheint. Sie ist aber in der That nichts anderes, als eine,
das ursprüngliche Uebel etwas an Stärke übersteigende,
höchst ähnliche Arzneikrankheit.
§158
Diese kleine homöopathische Verschlimmerung, in den ersten
Stunden - eine sehr gute Vorbedeutung, daß die acute Krankheit
meist von der ersten Gabe beendigt sein wird - ist nicht selten,
da die Arzneikrankheit natürlich um etwas stärker sein
muß als das zu heilende Uebel, wenn sie letzteres überstimmen
und auslöschen soll; so wie auch eine ähnliche natürliche
Krankheit, nur wenn sie stärker als die andere ist, dieselbe
aufheben und vernichten kann (§. 43-48.).
§159
Je kleiner die Gabe des homöopathischen Mittels, desto kleiner
und kürzer ist auch bei Behandlung acuter Krankheiten, diese
anscheinende Krankheits-Erhöhung in den ersten Stunden.
182
§160
Da sich jedoch die Gabe eines homöopathischen Heilmittels
kaum je so klein bereiten läßt, daß sie nicht die
ihr analoge, vor nicht langer Zeit entstandne, unverdorbne, natürliche
Krankheit bessern, überstimmen, ja völlig heilen und vernichten
könnte (§. 249. Anm.), so wird es begreiflich, warum eine
nicht kleinstmögliche Gabe passend homöopathischer Arznei
immer noch in der ersten Stunde nach der Einnahme eine merkbare,
homöopathische Verschlimmerung dieser Art (1) zuwege bringt.
-----
1) Diese, einer Verschlimmerung ähnliche Erhöhung der
Arzneisymptome über die ihnen analogen Krankheitssymptome,
haben auch andere Aerzte, wo ihnen der Zufall ein homöopathisches
Mittel in die Hand spielte, beobachtet. Wenn der Krätz - Kranke
nach Einnahme des Schwefels über vermehrten Ausschlag klagt,
so tröstet ihn der Arzt, der hievon die Ursache nicht weiß,
mit der Versicherung, daß die Krätze erst recht herauskommen
müsse, ehe sie heilen könne; er weiß aber nicht,
daß dieß Schwefel-Ausschlag ist, der nur den Schein
vermehrter Krätze annimmt. "Den Gesichts-Ausschlag, den
die viola tricolor heilte, hatte sie beim Anfange ihres Gebrauchs
verschlimmert," wie Leroy (Heilk. für Mütter, S.
406) versichert; aber er weiß nicht, daß die scheinbare
Verschlimmerung von der allzu großen Gabe des hier einigermaßen
homöopathischen, Treisam-Veilchens herrührte. Lysons,
sagt (Med. Transact. Vol. II. London 1772.): "die Ulmenrinde
heile diejenigen Hautausschläge am gewissesten,die sie beim
Anfange ihres Gebrauchs vermehre." Hätte er die Rinde
nicht in der (wie in der allöopathischen Arzneikunst gewöhnlich
ist) ungeheuern, sondern, wie es bei Symptomen-Aehnlichkeit der
Arznei, das ist, bei ihrem homöopathischen Gebrauche seyn muß,
in ganz kleinen Gaben gereicht, so hätte er geheilt ohne, oder
fast ohne diese scheinbare Krankheits-Erhöhung (homöopathische
Verschlimmerung) zu sehen.
183
§161
Wenn ich die sogenannte homöopathische Verschlimmerung, oder
vielmehr die, die Symptome der ursprünglichen Krankheit in
etwas zu erhöhen scheinende Erstwirkung der homöopathischen
Arznei, hier auf die erste oder auf die ersten Stunden setze, so
ist dieß allerdings bei den mehr acuten, seit Kurzem entstandenen
Uebeln der Fall; wo aber Arzneien von langer Wirkungsdauer ein altes
oder sehr aItes Siechthum zu bekämpfen haben, da dürfen
keine dergleichen, anscheinende Erhöhungen der ursprünglichen
Krankheit, während des Laufes der Cur sich zeigen und zeigen
sich auch nicht, wenn die treffend gewählte Arznei in gehörig
kleinen, nur allmälig erhöheten Gaben, jedesmal durch
neue Dynamisirung (§. 247) um etwas modificirt wird (1); dergleichen
Erhöhungen der ursprünglichen Symptome der chronischen
Krankheit, können dann nur zu Ende solcher Curen zum Vorscheine
kommen, wenn die Heilung fast oder gänzlich vollendet ist.
§162
Zuweilen trifft sich´s bei der noch mäßigen Zahl
genau nach ihrer wahren, reinen Wirkung gekannter Arzneien, daß
nur ein Theil von den Symptomen der zu heilenden Krankheit in der
Symptomenreihe der noch am besten passenden Arznei angetroffen wird,
folglich diese unvollkommene Arzneikrankheits-Potenz, in Ermangelung
einer vollkommnern angewendet werden muß.
-----
1) Sind die Gaben der best dynamisirten (§. 270.) Arznei klein
genug und war jedesmal die Gabe so aufs Neue durch Schütteln
modifizirt, dann können selbst Arzneien von langer Wirkungs-Dauer,
in kurzen Zeiträumen, auch in chronischen Krankheiten wiederholt
werden.
184
§163
In diesem Falle läßt sich freilich von dieser Arznei
keine vollständige, unbeschwerliche Heilung erwarten; denn
es treten alsdann bei ihrem Gebrauche einige Zufälle hervor,
welche früher in der Krankheit nicht zu finden waren, Nebensymptome
von der nicht vollständig passenden Arznei. Diese hindern zwar
nicht, daß ein beträchtlicher Theil des Uebels (die den
Arznei-Symptomen ähnlichen Krankheits-Symptome) von dieser
Arznei getilgt werde, und dadurch ein ziemlicher Anfang der Heilung
entstehe, wiewohl nicht ohne jene Nebenbeschwerden, welche jedoch
bei gehörig kleiner Arznei-Gabe nur mäßig sind.
§164
Die geringe Zahl der, in der bestgewählten Arznei anzutreffenden,
homöopathischen Symptome, thut der Heilung jedoch in dem Falle
keinen Eintrag, wenn diese wenigen Arznei-Symptome größtentheils
nur von ungemeiner, die Krankheit besonders auszeichnender Art (charakteristisch)
waren; die Heilung erfolgt dann doch ohne sonderliche Beschwerde.
§165
Ist aber von den auszeichnenden (charakteristischen), sonderlichen,
ungemeinen Symptomen des Krankheitsfalles, unter den Symptomen der
gewählten Arznei, nichts in genauer Aehnlichkeit vorhanden
und entspricht die der Krankheit nur in den allgemeinen, nicht näher
bezeichneten, unbestimmten Zuständen (Uebelkeit, Mattigkeit,
Kopfweh u.s.w.) und findet sich unter den gekannten Arzneien keine
homöopathisch passendere, so hat der Heilkünstler sich
keinen unmittelbar vortheilhaften Erfolg von der Anwendung dieser
unhomöopathischen Arznei zu versprechen.
185
§166
Indessen ist dieser Fall bei der in den neuern Zeiten vermehrten
Zahl, nach ihren reinen Wirkungen gekannter Arzneien, sehr selten
und seine Nachtheile, wenn er ja eintreten sollte, mindern sich,
sobald eine folgende Arznei in treffender Aehnlichkeit gewählt
werden kann.
§167
Entstehen nämlich beim Gebrauche dieser zuerst angewendeten,
unvollkommen homöopathischen Arznei, Nebenbeschwerden von einiger
Bedeutung, so läßt man bei acuten Krankheiten diese erste
Gabe nicht völlig auswirken und überläßt den
Kranken nicht der vollen Wirkungsdauer des Mittels, sondern untersucht
den nun geänderten Krankheitszustand auf´s Neue und bringt
den Rest der ursprünglichen Symptome mit den neu entstandenen
in Verbindung, zur Aufzeichnung eines neuen Krankheitsbildes.
§168
So wird man leichter ein diesem entsprechendes Analogon aus den
gekannten Arzneien ausfinden, dessen selbst nur einmaliger Gebrauch
die Krankheit, wo nicht gänzlich vernichten, doch der Heilung
um Vieles näher bringen wird. Und so fährt man, wenn auch
diese Arznei zur Herstellung der Gesundheit nicht völlig hinreichen
sollte, mit abermaliger Untersuchung des noch übrigen Krankheitszustandes
und der Wahl einer, dafür möglichst passenden, homöopathischen
Arznei fort, bis die Absicht den Kranken in den vollen Besitz der
Gesunhdeit zu setzen, erreicht ist
§169
Wenn man bei der ersten Untersuchung einer Krankheit und der ersten
Wahl der Arznei finden
186
sollte, daß der Symptomen-Inbegriff der Krankheit nicht zureichend
von den Krankheits-Elementen einer einzigen Arznei gedeckt werde
- eben der unzureichenden Zahl gekannter Arzneien wegen, daß
aber zwei Arzneien um den Vorzug ihrer Paßlichkeit streiten,
deren eine mehr für den einen, die andere mehr für den
andern Theil der Zeichen der Krankheit homöopathisch paßt,
so läßt sich nicht anrathen, nach Gebrauch der vorzüglichern
unter den beiden Arzneien, unbesehens die andre in Gebrauch zu ziehen
(1), weil die sich als zweit-beste kundgegebne Arznei, bei indeß
veränderten Umständen, nicht mehr für den Rest der
dann noch übrig gebliebenen Symptome passen würde, in
welchem Falle folglich, für den neu aufgenommenen Symptomen-Bestand
ein andres, homöopathisch passenderes Arzneimittel an des zweiten
Stelle zu wählen ist.
§170
Daher muß auch hier, wie überall wo eine Aenderung des
Krankheits-Zustandes vorgegangen ist, der gegenwärtig noch
übrige Symptomen - Bestand auf´s Neue ausgemittelt und
(ohne Rücksicht auf die anfänglich als zunächst passend
erschienene, zweite Arznei) eine dem neuen, jetzigen Zustande möglichst
angemessene, homöopathische Arznei von Neuem ausgewählt
werden. Träfe sich´s ja, wie nicht oft geschieht, daß
die anfänglich als zweit-beste erschienene Arznei, sich auch
jetzt noch dem übrig gebliebnen Krankheits-Zustande wohl angemessen
zeigte, so würde sie um desto mehr das Zutrauen verdienen,
vorzugsweise angewendet zu werden.
-----
1) Und noch weit weniger, beide zusammen einzugeben (m. s. §.
272. Anm.).
187
§171
In den unvenerischen, folglich am gewöhnlichsten, aus Psora
entstandenen, chronischen Krankheiten, bedarf man zur Heilung oft
mehrer, nach einander anzuwendender, antipsorischer Heilmittel,
doch so, daß jedes folgende dem Befunde der, nach vollendeter
Wirkung des vorgängigen Mittels übrig gebliebenen Symptomen-Gruppe
gemäß, homöopathisch gewählt werde.
§172
Eine ähnliche Schwierigkeit entsteht von der allzu geringen
Zahl der Symptome einer zu heilenden Krankheit, ein Umstand der
unsre sorgfältige Beachtung verdient, da durch seine Beseitigung
fast alle Schwierigkeiten dieser vollkommensten aller möglichen
Heil-Methoden (wenn man den noch nicht vollständigen Apparat
homöopathisch gekannter Arzneien abrechnet) gehoben sind.
§173
Bloß diejenigen Krankheiten scheinen nur wenige Symptome
zu haben, und deßhalb Heilung schwieriger anzunehmen, welche
man einseitige nennen kann, weil nur ein oder ein Paar Hauptsymptome
hervorstechen, welche fast den ganzen Rest der übrigen Zufälle
verdunkeln. Sie gehören größtentheils zu den chronischen.
§174
Ihr Hauptsymptom kann entweder ein inneres Leiden (z.B. ein vieljähriges
Kopfweh, ein vieljähriger Durchfall, eine alte Cardialgie u.s.w.)
oder ein mehr äußeres Leiden seyn. Letztere pflegt man
vorzugsweise Local-Krankheiten zu nennen.
188
§175
Bei den einseitigen Krankheiten ersterer Art, liegt es oft bloß
an der Unaufmerksamkeit des ärztlichen Beobachters, wenn er
die Zufälle, welche zur Vervollständigung des Umrisses
der Krankheitsgestalt vorhanden sind, nicht vollständig aufspürt.
§176
Indeß giebt es doch einige wenige Uebel dieser Art, welche
nach aller anfänglichen (§. 84-98.) Forschung, außer
einem Paar starker, heftiger Zufälle, die übrigen nur
undeutlich merken lassen.
§177
Um nun auch diesem, obgleich sehr seltnen Falle mit gutem Erfolge
zu begegnen, wählt man zuerst, nach Anleitung dieser wenigen
Symptome, die hierauf nach bestem Ermessen homöopathisch ausgesuchte
Arznei.
§178
Es wird sich zwar wohl zuweilen treffen, daß diese, mit sorgfältiger
Beobachtung des homöopathischen Gesetzes gewählte Arznei,
die passend ähnliche künstliche Kranhheit zur Vernichtung
des gegenwärtigen Uebels darreiche, welches um desto eher möglich
war, wenn diese wenigen Krankheitssymptome sehr auffallend, bestimmt,
und von seltener Art oder besonders ausgezeichnet (charakteristisch)
sind.
§179
Im häufigern Falle aber kann die hier zuerst gewählte
Arznei nur zum Theil, das ist, nicht genau passen, da keine Mehrzahl
von Symptomen zur treffenden Wahl leitete.
189
§180
Da wird nun die, zwar so gut wie möglich gewählte, aber
gedachter Ursache wegen nur unvollkommen homöopathische Arznei,
bei ihrer Wirkung gegen die ihr nur zum Theil analoge Krankheit
- eben so wie in obigem (§. 162.) Falle, wo die Armuth an homöopathischen
Heilmitteln die Wahl allein unvollständig ließ - Nebenbeschwerden
erregen, und mehre Zufälle aus ihrer eignen Symptomenreihe
in das Befinden des Kranken einmischen, die aber doch zugleich,
obschon bisher noch nicht oder selten gefühlten Beschwerden
der Krankheit selbst sind; es werden Zufälle sich entdecken
oder sich in höherm Grade entwickeln, die der Kranke kurz vorher
gar nicht oder nicht deutlich wahrgenommen hatte.
§181
Man werfe nicht ein, daß die jetzt erschienenen Nebenbeschwerden
und neuen Symptome dieser Krankheit auf Rechnung des eben gebrauchten
Arzneimittels kämen. Sie kommen von ihm (1); es sind aber doch
immer nur solche Symptome, zu deren Erscheinung diese Krankheit
und in diesem Körper auch für sich schon fähig war,
und welche von der gebrauchten Arznei - als Selbsterzeugerin ähnlicher
- bloß hervorgelockt und zu erscheinen bewogen wurden. Man
hat mit einem Worte, den ganzen, jetzt sichtbar gewordenen Symptomen-Inbegriff
für den, der Krankheit selbst zugehörigen, für den
gegenwärtigen wahren Zustand anzunehmen und ihn hienach ferner
zu behandeln.
-----
1) Wenn nicht ein wichtiger Fehler in der Lebensordnung, eine heftige
Leidenschaft, oder eine stürmische Entwickelung im Organismus,
Ausbruch oder Abschied des Monatlichen, Empfängniß, Niederkunft
u.s.w. davon Ursache war.
190
§182
So leistet die, wegen allzu geringer Zahl anwesender Symptome hier
fast unvermeidlich unvollkommene Wahl des Arzneimittels, dennoch
den Dienst einer Vervollständigung des Symptomen-Inhalts der
Krankheit und erleichtert auf diese Weise die Auffindung einer zweiten,
treffender passenden, homöopathischen Arznei.
§183
Es muß also, sobald die Gabe der ersten Arznei nichts Vortheilhaftes
mehr bewirkt, (wenn die neu entstandnen Beschwerden, ihrer Heftigkeit
wegen, nicht eine schleunigere Hülfe heischen - was jedoch
bei der Gaben-Kleinheit homöopathischer Arznei und in sehr
langwierigen Krankheiten fast nie der Fall ist), wieder ein neuer
Befund der Krankheit aufgenommen, es muß der Status morbi,
wie er jetzt ist, aufgezeichnet, und nach ihm ein zweites homöopathisches
Mittel gewählt werden, was gerade auf den heutigen, auf den
jetzigen Zustand paßt, welches um desto angemessener gefunden
werden kann, da die Gruppe der Symptome zahlreicher und vollständiger
geworden ist (1).
§184
Und so wird ferner, nach vollendeter Wirkung jeder Arznei, wenn
sie nicht mehr passend und hülf-
-----
1) Wo der Kranke (was jedoch höchst selten in chronischen,
wohl aber in acuten Krankheiten statt findet) bei ganz geringen
Symptomen sich dennoch sehr übel befindet, so daß man
diesen Zustand mehr der Betäubtheit der Nerven beimessen kann,
welche die Schmerzen und Beschwerden beim Kranken nicht zur deutlichen
Wahrnehmung kommen läßt, da tilgt Mohnsaft diese Betäubung
des innern Gefühls-Sinnes und die Symptome der Krankheit kommen
in der Nachwirkung deutlich zum Vorschein.
191
reich befunden wird, der Zustand der noch übrigen Krankheit
den übrigen Symptomen gemäß jedesmal von Neuem aufgenommen,
nach dieser gefundenen Gruppe von Zufällen, eine abermals möglichst
passende, homöopathische Arznei ausgesucht und so fort bis
zur Genesung.
§185
Unter den einseitigen Krankheiten nehmen die sogenannten Local-
Uebel eine wichtige Stelle ein, worunter man, an den äußern
Theilen des Körpers erscheinende Veränderungen und Beschwerden
begreift, woran wie man bisher lehrte, diese Theile allein erkrankt
sein sollten, ohne daß der übrige Körper daran Theil
nehme - eine theoretische, ungereimte Satzung, die zu der verderblichsten
arzneilichen Behandlung verführt hat.
§186
Diejenigen sogenannten Local-Uebel, welche erst ganz kürzlich
bloß von einer äußern Beschädigung entstanden
sind, scheinen noch am ersten den Namen örtlicher Uebel zu
verdienen. Dann müßte aber auch die Beschädigung
sehr geringfügig seyn, und wäre sonach ohne besondere
Bedeutung. Denn, von außenher dem Körper zugefügte
Uebel, von nur irgend einiger Beträchtlichkeit, ziehen schon
den ganzen lebenden Organism in Mitleidenheit; es entstehen Fieber
u.s.w.. Es beschäftigt sich mit dergleichen die Chirurgie,
jedoch mit Recht nur in so fern, als an den leidenden Theilen eine
mechanische Hülfe anzubringen ist, wodurch die äußern
Hindernisse der, durch die Lebenskraft einzig zu erwartenden Heilung,
mechanisch vertilgt werden können, z.B. durch Einrenkungen,
Wundlippen, vereinigende Heft-Nadeln und Binden, mechanische Hemmung
und Stillung der Blutflüsse aus geöffneten
192
Arterien, Ausziehung fremder, in die lebenden Theile gedrungener
Körper, Oeffnung einer Körperhöhlung, um eine belästigende
Substanz herauszunehmen, oder um den Ergießungen ausgetretener
oder gesammelter Flüssigkeiten einen Ausgang zu verschaffen,
die Aneinanderfügung der Bruch-Enden eines zerbrochenen Knochens
und Befestigung ihres Aufeinander-Passens durch schicklichen Verband,
u.s.w. Aber wo bei solchen Beschädigungen der ganze lebende
Organism, wie stets, thätige dynamische Hülfe verlangt,
um in den Stand gesetzt zu werden, das Werk der Heilung zu vollführen,
z.B., wo das stürmische Fieber von großen Quetschungen,
zerrissenem Fleische, Flechsen und Gefäßen durch innere
Arznei zu beseitigen ist, oder wo der äußere Schmerz
verbrannter oder geätzter Theile homöopathisch hinweggenommen
werden soll, da tritt das Geschäft des dynamischen Arztes und
seine homöopathische Hülfe ein.
§187
Ganz auf andre Art aber entstehen diejenigen, an den äußern
Theilen erscheinenden Uebel, Veränderungen und Beschwerden,
die keine Beschädigung von außen zur Ursache haben oder
nur von kleinen äußern VerIetzungen veranlaßt worden
sind; diese haben ihre Quelle in einem innern Leiden. Sie für
bloß örtliche Uebel auszugeben und bloß oder fast
bloß mit örtlichen Auflegungen oder andern ähnlichen
Mitteln gleichsam wundärztlich zu behandeln, wie die bisherige
Medicin seit allen Jahrhunderten that, war so ungereimt, als von
den schädlichsten Folgen.
§188
Man hielt diese Uebel für bloß örtliche und nannte
sie deßhalb Local-Uebel, gleichsam an diesen Theilen
193
ausschließlich stattfindende Erkrankungen, woran der Organism
wenig oder keinen Theil nehme, oder Leiden dieser einzelnen, sichtbaren
Theile, wovon, so zu sagen, der übrige lebende Organism nichts
wisse (1).
§189
Und dennoch ist schon bei geringem Nachdenken einleuchtend, daß
kein (ohne sonderliche Beschädigung von außen entstandenes),
äußeres Uebel ohne innere Ursachen, ohne Zuthun des ganzen
(folglich kranken) Organisms entstehen und auf seiner Stelle verharren,
oder wohl gar sich verschlimmern kann. Es könnte gar nicht
zum Vorschein kommen, ohne die Zustimmung des ganzen sonstigen Befindens
und ohne die Theilnahme des übrigen lebenden Ganzen (d.i. des,
in allen andern, empfindenden und reizbaren Theilen des Organisms
waltenden Lebens-Princips); ja dessen Emporkommen läßt
sich, ohne vom ganzen (verstimmten) Leben dazu veranlaßt zu
seyn, nicht einmal denken, so innig hängen alle Theile des
Organisms zusammen und bilden ein untheilbares Ganze in Gefühlen
und Thätigkeit. Keinen Lippen-Ausschlag, kein Nagelgeschwür
giebt es, ohne vorgängiges und gleichzeitiges inneres Uebelbefinden
des Menschen.
§190
Jede ächt ärztliche Behandlung eines, fast ohne Beschädigung
von außen, an äußern Theilen des Körpers entstandenen
Uebels, muß daher auf das Ganze, auf die Vernichtung und Heilung
des allgemeinen Leidens, mittels innerer Heilmittel gerichtet seyn,
wenn sie zweckmäßig, sicher, hülfreich und gründlich
seyn soll.
-----
1) Eine von den vielen verderblichen Hauptthorheiten der alten Schule.
194
§191
Unzweideutig wird dieß durch die Erfahrung bestätigt,
welche in allen Fällen zeigt, daß jede kräftige,
innere Arznei gleich nach ihrer Einnahme bedeutende Veränderungen,
so wie in dem übrigen Befinden eines solchen Kranken, so insbesondere
im leidenden äußern, (der gemeinen Arzneikunst isolirt
scheinenden) Theile, in einem sogenannten Local-Uebel selbst der
äußersten Stellen des Körpers verursacht und zwar
die heilsamste Veränderung, die Genesung des ganzen Menschen,
unter Verschwindung des äußern Uebels (ohne Zuthun irgend
eines äußern Mittels), wenn die innere, auf das Ganze
gerichtete Arznei passend homöopathisch gewählt war.
§192
Dieß geschiehet am zweckmäßigsten, wenn bei Erörterung
des Krankheitsfalles, nächst der genauen Beschaffenheit des
Local-Leidens, zugleich alle im übrigen Befinden bemerkbaren
und vordem, beim Nichtgebrauch von Arzneien bemerkten Veränderungen,
Beschwerden und Symptome in Vereinigung gezogen werden, zum Entwurfe
eines vollständigen Krankheits-Bildes, ehe man ein, dieser
Gesammtheit von Zufällen entsprechendes Heilmittel unter den
nach ihren eigenthümlichen Krankheitswirkungen gekannten Arzneien
sucht, um darunter eine homöopathische Wahl zu treffen.
§193
Durch diese bloß innerlich gegebene Arznei (und wenn das
Uebel erst kürzlich entstanden war, oft schon durch die erste
Gabe) wird dann der gemeinsame Krankheitszustand des Körpers,
mit dem Local-Uebel zugleich aufgehoben, und letzteres mit ersterem
zugleich geheilt, zum Beweise, daß das Local-Leiden
195
einzig und allein von einer Krankheit des übrigen Körpers
abhing und nur als ein untrennbarer Theil des Ganzen, als eins der
größten und auffallendsten Symptome der Gesammtkrankheit
anzusehen war.
§194
Weder bei den schnell entstehenden, acuten Local-Leiden, noch bei
den schon lange bestandenen örtlichen Uebeln, ist es dienlich,
ein äußeres Mittel, und wäre es auch das specifische
und, innerlich gebraucht, homöopathisch heilsame, äußerlich
an die Stelle einzureiben oder aufzulegen; selbst dann nicht, wenn
es innerlich zugleich angewendet würde; denn die acuten topischen
Uebel (z.B. Entzündungen einzelner Theile, Rothlauf u.s.w.),
die nicht durch verhältnißmäßig eben so heftige,
äußere Beschädigung, sondern durch dynamische oder
innere Ursachen entstanden waren, weichen am sichersten und gewöhnlich
ganz allein, den, dem gegenwärtigen äußerlich und
innerlich wahrnehmbaren Befindens-Zustande homöopathisch angemessenen,
innern Mitteln, aus dem allgemeinen Vorrathe geprüfter Arzneien
gewählt; weichen sie ihnen nicht völlig, bleibt an der
leidenden Stelle und im ganzen Befinden, bei guter Lebensordnung,
dennoch ein Rest von Krankheit zurück, den die Lebenskraft
zur Normalität wieder zu erheben nicht im Stande ist, so war
(wie nicht selten) das acute Local-Uebel ein Product auflodernder,
bisher im Innern schlummernder Psora, welche im Begriff ist, sich
zu einer offenbaren, chronischen Krankheit entwickeln.
§195
In solchen, nicht seltnen Fällen, muß dann, nach erträglicher
Beseitigung des acuten Zustandes, gegen die noch übrig gebliebenen
Beschwerden und die, dem Leidenden vorher gewöhnlichen, krankhaften
Befindens-
196
Zustände zusammen, eine angemessene, antipsorische Behandlung
gerichtet werden (wie in dem Buche von den chronischen Krankheiten
gelehrt worden), um eine gründliche Heilung zu erzielen. Bei
chronischen Local-Uebeln, die nicht offenbar venerisch sind, ist
ohnehin die antipsorische, innere Heilung vorzugsweise erforderlich
(1).
§196
Es könnte nun zwar scheinen, als ob die Heilung solcher Krankheiten
beschleunigt würde, wenn man das, für den ganzen Inbegriff
der Symptome als homöopathisch richtig erkannte Arzneimittel
nicht nur innerlich anwendete, sondern auch äußerlich
auflegte, weil die Wirkung einer, an der Stelle des Local-Uebels
selbst angebrachten Arznei, eine schnellere Veränderung darin
hervorbringen könnte.
§197
Diese Behandlung ist aber nicht nur bei den Local-Symptomen die
das Miasm der Psora, sondern auch bei denen, die das Miasm der Syphilis,
oder der Sykosis zum Grunde haben, durchaus verwerflich, denn die
neben dem innern Gebrauche gleichzeitige, örtliche Anwendung
des Heilmittels, bei Krankheiten welche ein stetiges Local-Uebel
zum Haupt-Symptome haben, führt den großen Nachtheil
herbei, daß durch eine solche örtliche Auflegung, dieses
Hauptsymptom (Local-Uebel (2)) gewöhnlich früher aus den
Augen verschwindet, als die innere Krankheit vernichtet ist und
uns nun mit dem Scheine einer völligen Heilung täuscht,
wenigstens uns die Beurthei-
-----
1) Wie ich dieß in meinem Buche v. d. chron. Krankheiten angegeben
habe.
2) Frischer Krätz-Ausschlag, Schanker, Feigwarze.
197
lung, ob auch die Gesammtkrankheit durch den Beigebrauch der innern
Arznei vernichtet sey, durch die vorzeitige Verschwindung dieses
örtlichen Symptoms erschwert und in einigen Fällen selbst
unmöglich macht.
§198
Die bloß örtliche Anwendung der von innen heilkräftigen
Arznei, auf die Local-Symptome chronisch miasmatischer Krankheiten,
ist aus gleichem Grunde durchaus verwerflich; denn ist das Local-Uebel
der chronischen Krankheit bloß örtlich und einseitig
aufgehoben worden, so bleibt nun die, zur völligen Herstellung
der Gesundheit unerläßliche innere Cur, im ungewissen
Dunkel; das Haupt-Symptom (das Local-Uebel) ist verschwunden und
es sind nur noch die andern, unkenntlichern Symptome übrig,
welche weniger stetig und bleibend, als das Local-Leiden und oft
von zu weniger Eigenthümlichkeit und zu wenig charakteristisch
sind, als daß sie noch ein Bild der Krankheit in deutlichem
und vollständigem Umrisse darstellen sollten.
§199
Wenn nun vollends das, der Krankheit homöopathisch angemessene
Heilmittel, zu der Zeit noch nicht gefunden war (1), als das örtliche
Symptom durch ein beizendes oder austrocknendes äußeres
Mittel oder durch den Schnitt vernichtet ward, so wird der Fall
wegen der allzu unbestimmten (uncharakteristischen) und unsteten
Erscheinung der noch übrigen Symptome noch weit schwieriger,
weil, was die Wahl des treffendsten Heilmittels und seine innere
Anwendung bis zum
-----
1) Wie, vor mir, die Heilmittel der Feigwarzen-Krankheit (und die
antipsorischen Arzneien).
198
Punkte der völligen Vernichtung der Krankheit noch am meisten
hätte leiten und bestimmen können, nämlich das äußere
Hauptsymptom unserer Beobachtung entzogen worden ist.
§200
Wäre es bei der innern Cur noch da, so würde das homöopathische
Heilmittel für die Gesammtkrankheit haben ausgemittelt werden
können, und wäre dieses gefunden, so würde bei dessen
alleinigem, innerm Gebrauche, die noch bleibende Gegenwart des Local-Uebels
zeigen, daß die Heilung noch nicht vollendet sey; heilte es
aber auf seiner Stelle, und unangetastet von irgend einem äußern,
zurücktreibenden Mittel, so bewiese dies überzeugend,
daß das Uebel bis zur Wurzel ausgerottet und die Genesung
von der gesammten Krankheit bis zum erwünschten Ziele gediehen
sey. Ein unschätzbarer, unentbehrlicher Vortheil um zu vollkommner
Heilung zu gelangen.
§201
Offenbar entschließt sich (instinktartig) die menschliche
Lebenskraft, wenn sie mit einer chronischen Krankheit beladen ist,
die sie nicht durch eigne Kräfte überwältigen kann,
zur Bildung eines Local-Uebels an irgend einem äußern
Theile, bloß aus der Absicht, um, durch Krankmachung und Krankerhaltung
dieses zum Leben des Menschen nicht unentbehrlichen äußern
Theils, jenes außerdem die Lebensorgane zu vernichten und
das Leben zu rauben drohende, innere Uebel zu beschwichtigen und,
so zu sagen, auf ein stellvertretendes Local-Uebel überzutragen,
es dahin gleichsam abzuleiten. Die Anwesenheit des Local-Uebels,
bringt auf diese Art die innere Krankheit vor der Hand zum Schweigen,
ohne sie jedoch weder heilen, noch wesent-
199
lich vermindern zu können (1). Indessen bleibt immer das Local-Uebel
weiter nichts, als ein Theil der Gesammtkrankheit, aber ein, von
der organischen Lebenskraft einseitig vergrößerter Theil
derselben, an eine gefahrlosere (äußere) Stelle des Körpers
hin verlegt, um das innere Leiden zu beschwichtigen. Es wird aber
wie gesagt, durch dieses, die innere Krankheit zum Schweigen bringende
Local-Symptom, von Seiten der Lebenskraft für die Minderung
oder Heilung des Gesammt-Uebels so wenig gewonnen, daß im
Gegentheile dabei das innere Leiden dennoch allmälig zunimmt
und die Natur genöthigt ist, das Local-Symptom immer mehr zu
vergrößern und zu verschlimmern, damit es zur Stellvertretung
für das innere, vergrößerte Uebel und zu seiner
Beschwichtigung noch zureiche. Die alten Schenkelgeschwüre
verschlimmern sich, bei ungeheilter, innerer Psora, der Schanker
vergrößert sich bei noch ungeheilter, innerer Syphilis
und die Feigwarzen vermehren sich und wachsen, so lange die Sykosis
nicht geheilt ist, wodurch die letztere immer schwieriger und schwieriger
zu heilen wird, so wie die innere Gesammtkrankheit mit der Zeit
von selbst wächst.
§202
Wird nun von dem Arzte der bisherigen Schule, in der Meinung er
heile dadurch die ganze Krankheit,
-----
1) Die Fontanellen des Arztes alter Schule thun etwas Aehnliches;
sie beschwichtigen als künstliche Geschwüre an den äußern
Theilen mehrere innere chronische Leiden, doch nur für eine
sehr kurze Zeit, (so lange sie noch einen, dem kranken Organism
ungewohnten, schmerzhaften Reiz verursachen,) ohne sie heilen zu
können, schwächen aber auf der andern Seite und verderben
den ganzen Befindens-Zustand weit mehr, als die instinktartige Lebenskraft
durch die meisten ihrer veranstalteten Metastasen thut.
200
das Local-Symptom durch äußere Mittel örtlich vernichtet,
so ersetzt es die Natur durch Erweckung des innern Leidens und der
vorher schon neben dem Local-Uebel bestandenen, bisher noch schlummernden
übrigen Symptome, das ist, durch Erhöhung der innern Krankheit
- in welchem Falle man dann unrichtig zu sagen pflegt, das Local-Uebel
sey durch die äußern Mittel zurück in den Körper
oder auf die Nerven getrieben worden.
§203
Jede äußere Behandlung solcher Local-Symptome, um sie,
ohne die innere miasmatische Krankheit geheilt zu haben, von der
Oberfläche des Körpers wegzuschaffen, also den Krätz-Ausschlag
durch allerlei Salben von der Haut zu vertilgen, den Schanker äußerlich
wegzubeizen und die Feigwarze einzig durch Wegschneiden, Abbinden
oder glühendes Eisen auf ihrer Stelle zu vernichten; diese
bisher so allgewöhnliche, äußere, verderbliche Behandlung,
ist die allgemeinste Quelle aller der unzähligen, benannten
und unbenannten, chronischen Leiden geworden, worüber die Menschheit
so allgemein seufzet; sie ist eine der verbrecherischsten Handlungen,
deren sich die ärztliche Zunft schuldig machen konnte, und
gleichwohl war sie bisher die allgemein eingeführte und wurde
von den Kathedern als die alleinige gelehrt (1).
-----
1) Denn was dabei an Arzneien innerlich gegeben werden sollte, diente
bloß zur Verschlimmerung des Uebels, da diese Mittel keine
specifische Heilkraft für das Total der Krankheit besaßen,
wohl aber den Organism angriffen, ihn schwächten und ihm andere
chronische Arzneikrankheiten zur Zugabe beibrachten.
201
§204
Wenn wir alle langwierigen Uebel, Beschwerden und Krankheiten,
welche von einer anhaltenden, ungesunden Lebensart abhängen,
(§. 77.) so wie jene unzähligen Arznei-Siechthume (s.
§. 74.), welche durch unverständige, anhaltende, angreifende
und verderbliche Behandlung oft selbst nur kleiner Krankheiten,
durch Aerzte alter Schule entstanden, wegrechnen, so rührt
der größte Theil der übrigen chronischen Leiden,
von der Entwickelung genannter drei chronischen Miasmen: der innern
Syphilis, der innern Sykosis, vorzüglich aber und in ungleich
größerm Verhältnisse, von der innern Psora her.
Jedes dieser Miasmen war schon im Besitze des ganzen Organisms,
und hatte ihn schon in allen seinen Theilen durchdrungen, ehe dessen
primäres, stellvertretendes und den Ausbruch verhütendes
Local-Symptom (bei der Psora der Krätz-Ausschlag, bei der Syphilis
der Schanker oder die Schooßbeule und bei der Sykosis die
Feigwarze) zum Vorschein kam. Werden nun diesen Miasmen, ihre genannten,
stellvertretenden, und das innere Allgemeinleiden beschwichtigenden
Local-Symptome, durch äußere Mittel geraubt, so müssen
unausbleiblich, die, vom Urheber der Natur jedem bestimmten, eigenthümlichen
Krankheiten bald oder spät zur Entwickelung und zum Ausbruche
kommen, und so all das namenlose Elend, die unglaubliche Menge chronischer
Krankheiten verbreiten, welche das Menschengeschlecht seit Jahrhunderten
und Jahrtausenden quälen, deren keine so häufig zur Existenz
gekommen wäre, hätten die Aerzte diese drei Miasmen, ohne
ihre äußern Symptome durch topische Mittel anzutasten,
bloß durch die innern homöopathischen, für jede
derselben gehörigen Arzneien gründlich zu heilen und im
Organism auszulöschen sich verständig beeifert (m. s.
Anm. zu §. 282.)
202
§205
Der homöopathische Arzt behandelt nie eines dieser Primär-Symptome
der chronischen Miasmen, noch eines ihrer secundären, aus ihrer
Entwickelung entsprossenen Uebel durch örtliche (weder durch
äußere dynamisch wirkende (1) noch durch mechanische)
Mittel, sondern heilt, wo sich die einen oder die andern zeigen,
einzig nur das große, ihnen zum Grunde liegende Miasm, wovon
dann auch (wenn man einige Fälle von veralteter Sykosis ausnimmt)
sein primäres, so wie seine secun-
-----
1) Ich kann daher z. B. nicht zur örtlichen Ausrottung des
sogenannten Lippen- oder Gesichts-Krebses (einer Frucht weit entwickelter
Psora? nicht selten mit Syphilis in Vereinigung?) durch das kosmische
Arsenik-Mittel rathen, nicht nur weil es äußerst schmerzhaft
ist und öfter mißlingt, sondern mehr deshalb weil, wenn
ja dieses Mittel die Körperstelle von dem bösen Geschwüre
örtlich befreiet, das Grund-Uebel doch hiedurch nicht zum kleinsten
Theile vermindert wird, die Lebens-Erhaltungs-Kraft also genöthigt
ist, den Heerd für das innere große Uebel an eine noch
edlere Stelle (wie sie bei allen Metastasen thut) zu versetzen,
und Blindheit, Taubheit, Wahnsinn, Erstickungs-Asthma, Wasser-Geschwulst,
Schlagfluß u.s.w. folgen zu lassen. Diese zweideutige, örtliche
Befreiung der Stelle von dem bösen Geschwüre, durch das
topische Arsenik-Mittel, gelingt aber obendrein nur da, wo das Geschwür
noch nicht groß, und wo es nicht venerischen Ursprungs, die
Lebenskraft auch noch sehr energisch ist; aber eben in dieser Lage
der Sache ist auch die innere, vollständige Heilung des ganzen
Ur-Uebels noch ausführbar.
Eine gleiche ist, ohne vorgängige Heilung des inwohnenden
Miasms, die Folge des, bloß durch den Schnitt weggenommenen
Gesichts- oder Brust-Krebses und der Ausschälung der Balg-Geschwülste;
es erfolgt etwas noch Schlimmeres darauf, wenigstens wird der Tod
beschleunigt. Dieß ist unzählige Male der Erfolg gewesen;
aber die alte Schule fährt doch bei jedem neuen Falle in ihrer
Blindheit fort, gleiches Unglück anzurichten.
203
dären Symptome von selbst mit verschwinden; der homöopathische
Arzt hat es aber, da dergleichen vor ihm nicht geschah und er leider
meist die Primär-Symptome (1) von den bisherigen Aerzten schon
äußerlich vernichtet findet, jetzt mehr mit den secundären,
d. i. den von den Ausbrüchen und der Entwickelung dieser inwohnenden
Mismen herrührenden Uebeln, am meisten aber mit den, aus innerer
Psora entfalteten, chronischen Krankheiten zu thun. Ich selbst habe
mich beflissen deren innere Heilung, so viel ein einzelner Arzt
nach vieljährigem Nachdenken, Beobachtung und Erfahrung sie
an den Tag zu bringen vermochte, in meinem Buche von den chronischen
Krankheiten darzulegen, worauf ich hier verweise.
§206
Vor dem Beginnen der Cur eines chronischen Uebels muß nothwendig
die sorgfältigste Erkundigung (2) vorausgehen, ob der Kranke
eine venerische Ansteckung
-----
1) Krätz-Ausschlag, Schanker (Schooßbeule), Feigwarzen
.
2) Man lasse sich bei Erkundigungen dieser Art nicht von den öftern
Behauptungen der Kranken oder ihrer Angehörigen bethören,
welche zur Ursache langwieriger, ja der größten und langwierigsten
Krankheiten entweder eine vor vielen Jahren erlittene Verkältung
(Durchnässung, einen kalten Trunk auf Erhitzung), oder einen
ehemals gehabten Schreck, ein Verheben, ein Aergerniß (auch
wohl eine Behexung) u.s.w. angeben. Diese Veranlassungen sind viel
zu klein, um eine langwierige Krankheit in einem gesunden Körper
zu erzeugen, lange Jahre zu unterhalten und von Jahr zu Jahr zu
vergrößern, wie die chronischen Krankheiten von entwickelter
Psora alle geartet sind. Ungleich wichtigere Ursachen als jene erinnerlichen
Schädlichkeiten müssen dem Anfange und Fortgange eines
bedeutenden, hartnäckigen, alten Uebels zum Grunde liegen;
jene angeblichen Veranlassungen können nur Hervorlockungs-Momente
eines chronischen Miasms abgeben.
204
(oder auch eine Ansteckung mit Feigwarzen-Tripper) gehabt hatte;
denn dann muß gegen diese die Behandlung gerichtet werden
und zwar ausschließlich, wenn bloß Zeichen der Lustseuche
(oder der, seltnern, Feigwarzen-Krankheit) vorhanden sind, dergleichen
aber in neuern Zeiten sehr selten allein angetroffen werden. Rücksicht
aber, wenn dergleichen Ansteckung vorangegangen war, muß auf
sie auch in dem Falle genommen werden, wo Psora zu heilen, weil
dann letztere mit ersterer complicirt ist, wie immer, wenn die Zeichen
jener nicht rein sind; denn stets, oder fast stets wird der Arzt,
wenn er eine alte, venerische Krankheit vor sich zu haben wähnt,
eine vorzüglich mit Psora vergesellschaftete (complicirte)
zu behandeln haben, indem das innere Krätz-Siechthum (die Psora)
bei weitem die häufigste Grundursache der chronischen Krankheiten
ist. Er wird auch zuweilen diese beiden Miasmen noch mit Sykosis,
in chronisch kranken Körpern komplicirt, zu bekämpfen
haben, wenn eingeständig, letztere Ansteckungen einst geschehen
waren, oder er findet, wie ungleich öfterer vorkommt, die Psora
als alleinige Grund-Ursache aller übrigen chronischen Leiden
(sie mögen Namen haben wie sie wollen) die vorher durch allöopathische
Unkunst oft noch obendrein verpfuscht und zu Ungeheuern erhöhet
und verunstaltet zu werden pflegen.
§207
Daher hat, wenn Obiges berichtigt ist, der homöopathische
Arzt noch die Erkundigung nöthig: welche allöopathische
Curen mit dem langwierig Kranken bis daher vorgenommen worden, welche
eingreifende Arzneien vorzüglich und am häufigsten, auch
welche mineralische Bäder und mit welchen Erfolgen er sie gebrauchte,
um einiger Maßen die Ausartung seines
205
ursprünglichen Zustandes begreifen und wo möglich diese
künstlichen Verderbnisse zum Theil wieder bessern, oder doch
die schon gemißbrauchten Arzneien vermeiden zu können.
§208
Nächstdem muß das Alter des Kranken, seine Lebens-Weise
und Diät, es müssen seine Beschäftigungen, seine
häusliche Lage, seine bürgerlichen Verhältnisse u.s.w.
in Rücksicht genommen werden, ob diese Dinge zur Vermehrung
seines Uebels beigetragen, oder in wiefern alles dieß die
Cur begünstigen oder hindern könnte. So darf auch seine
Gemüths- und Denkungs-Art, ob sie die Cur hindere, oder ob
sie psychisch zu leiten, zu begünstigen oder abzuändern
sey, nicht aus der Acht gelassen werden.
§209
Dann erst sucht der Arzt in mehren Unterredungen, das Krankheits-Bild
des Leidenden so vollständig als möglich zu entwerfen,
nach obiger Anleitung, um die auffallendsten und sonderbarsten (charakteristischen)
Symptome auszeichnen zu können, nach denen er das erste (antipsorische
u.s.w.) Arzneimittel nach möglichster Zeichen-Aehnlichkeit,
für den Anfang der Cur, u.s.f. auswählt.
§210
Der Psora gehört fast alles an, was ich oben einseitige Krankheiten
nannte, welche dieser Einseitigkeit wegen, (wo vor dem einzelnen,
großen, hervorragenden Symptome alle übrigen Krankheits-Zeichen
gleichsam verschwinden) schwieriger heilbar scheinen. Dieser Art
sind die sogenannten Gemüths- und Geistes-Krankheiten. Sie
machen jedoch keine von den übrigen
206
scharf getrennte Classe von Krankheiten aus, indem auch in jeder
der übrigen sogenannten Körperkrankheiten, die Gemüths-
und Geistes-Verfassung allemal geändert ist (1), und in allen
zu heilenden Krankheitsfällen, der Gemüthszustand des
Kranken, als eins der vorzüglichsten mit in den Inbegriff der
Symptome aufzunehmen ist, wenn man ein treues Bild von der Krankheit
verzeichnen will, um sie hienach mit Erfolg homöopathisch heilen
zu können.
§211
Dieß geht so weit, daß bei homöopathischer Wahl
eines Heilmittels, der Gemüthszustand des Kranken oft am meisten
den Ausschlag giebt, als Zeichen von bestimmter Eigenheit, welches
dem genau beobachtenden Arzte unter allen am wenigsten verborgen
bleiben kann.
-----
1) Wie oft trifft man nicht, z. B. in den schmerzhaftesten, mehrjährigen
Krankheiten, ein mildes, sanftes Gemüth an, so daß der
Heilkünstler Achtung und Mitleid gegen den Kranken zu hegen
sich gedrungen fühlt. Besiegt er aber die Krankheit und stellt
den Kranken wieder her - wie nach homöopathischer Art nicht
selten möglich ist - da erstaunt und erschrickt der Arzt oft
über die schauderhafte Veränderung des Gemüths, da
sieht er oft Undankbarkeit, Hartherzigkeit, ausgesuchte Bosheit
und die, die Menschheit entehrendsten und empörendsten Launen
hervortreten, welche gerade diesem Kranken in seinen ehemaligen
gesunden Tagen eigen gewesen waren.
Die in gesunden Zeiten Geduldigen, findet man oft in Krankheiten
störrisch, heftig, hastig, auch wohl unleidlich, eigensinnig
und wiederum auch wohl ungeduldig oder verzweifelt; die ehedem Züchtigen
und Schamhaften findet man nun geil und schamlos. Den hellen Kopf
trifft man nicht selten stumpfsinnig, den gewöhnlich Schwachsinnigen
hinwiederum gleichsam klüger, sinniger und den von langsamer
Besinnung zuweilen voll Geistesgegenwart und schnellem Entschlusse
u.s.w.
207
§212
Auf diese Haupt-Ingredienz aller Krankheiten, auf den veränderten
Gemüths- und Geisteszustand, hat auch der Schöpfer der
Heilpotenzen vorzüglich Rücksicht genommen, indem es keinen
kräftigen Arzneistoff auf der Welt giebt, welcher nicht den
Gemüths- und Geisteszustand des ihn versuchenden, gesunden
Menschen, sehr merkbar veränderte, und zwar jede Arznei auf
verschiedene Weise.
§213
Man wird daher nie naturgemäß, das ist nie homöopathisch
heilen, wenn man nicht bei jedem, selbst acutem Krankheitsfalle,
zugleich mit auf das Symptom der Geistes- und Gemüths-Veränderungen
siehet und nicht zur Hülfe eine solche Krankheits-Potenz unter
den Heilmitteln auswählt, welche nächst der Aehnlichkeit
ihrer andern Symptome mit denen der Krankheit, auch einen ähnlichen
Gemüths- oder Geistes-Zustand für sich zu erzeugen fähig
ist (1).
§214
Was ich also über die Heilung der Geistes- und Gemüths-Krankheiten
zu lehren habe, wird sich auf Weniges beschränken können,
da sie nur auf dieselbe Art und gar nicht anders als alle übrigen
Krankheiten zu heilen sind, das ist, durch ein Heilmittel was eine,
dem Krankheitsfalle möglichst ähnliche Krankheits-
-----
1) So wird bei einem stillen, gleichförmig gelassenen Gemüthe,
der Napell-Sturmhut selten oder nie eine, weder schnelle noch dauerhafte
Heilung bewirken, eben so wenig, als die Krähenaugen bei einem
milden, phlegmatischen, die Pulsatille bei einem frohen, heitern
und hartnäckigen, oder die Ignazbohne bei einem unwandelbaren,
weder zu Schreck, noch zu Aerger geneigten Gemüthszustande.
208
Potenz in ihren, an Leib und Seele des gesunden Menschen zu Tage
gelegten Symptomen darbietet.
§215
Fast alle sogenannten Geistes- und Gemüths-Krankheiten sind
nichts anderes als Körper-Krankheiten, bei denen das, jeder
eigenthümliche Symptom der Geistes- und Gemüths-Verstimmung,
sich unter Verminderung der Körper-Symptome (schneller oder
langsamer) erhöhet und sich endlich bis zur auffallendsten
Einseitigkeit, fast wie ein Local-Uebel in die unsichtbar feinen
Geistes- oder Gemüths-Organe versetzt.
§216
Die Fälle sind nicht selten, wo eine den Tod drohende, sogenannte
Körper-Krankheit - eine Lungenvereiterung, oder die Verderbniß
irgend eines andern, edeln Eingeweides, oder eine andere hitzige
(acute) Krankheit, z.B. im Kindbette u.s.w., durch schnelles Steigen
des bisherigen Gemüths-Symptoms, in einen Wahnsinn, in eine
Art Melancholie, oder in eine Raserei ausartet und dadurch alle
Todesgefahr der Körper-Symptome verschwinden macht; letztere
bessern sich indeß fast bis zur Gesundheit, oder verringern
sich vielmehr bis zu dem Grade, daß ihre dunkel-fortwährende
Gegenwart nur von dem beharrlich und fein beobachtenden Arzte noch
erkannt werden kann. Sie arten auf diese Weise zur einseitigen Krankheit,
gleichsam zu einer Local-Krankheit aus, in welcher das vordem nur
gelinde Symptom der Gemüths-Verstimmung zum Haupt-Symptome
sich vergrößert, welches dann größtentheils
die übrigen (Körper-) Symptome vertritt, und ihre Heftigkeit
palliativ beschwichtiget, so daß, mit einem Worte, die Uebel
der gröbern Körper-Organe auf die fast geistigen, von
keinem Zergliederungs-Messer
209
je erreichten oder erreichbaren Geistes- und Gemüths-Organe
gleichsam übergetragen und auf sie abgeleitet werden.
§217
Mit Sorgfalt muß bei ihnen die Erforschung des ganzen Zeichen-Inbegriffs
unternommen werden, in Absicht der Körper-Symptome sowohl,
als auch, und zwar vorzüglich, in Absicht der genauen Auffassung
der bestimmten Eigenheit (des Charakters) seines Hauptsymptoms,
des besondern, jedesmal vorwaltenden Geistes- und Gemüths-Zustandes,
um zur Auslöschung der Gesammtkrankheit eine homöopathische
Arzneikrankheits-Potenz unter den, nach ihren reinen Wirkungen gekannten
Heilmitteln auszufinden, ein Heilmitte!, welches in seinem Symptomen-Inhalte
nicht nur die, in diesem Krankheitsfalle gegenwärtigen Körperkrankheits-Symptome,
sondern auch vorzüglich diesen Geistes- und Gemüths-Zustand
in möglichster Aehnlichkeit darbietet.
§218
Zu dieser Symptomen-Schilderung gehört zuerst die genaue Beschreibung
der sämmtlichen Zufälle der vormaligen sogenannten Körper-Krankheit,
ehe sie zur einseitigen Erhöhung des Geistes-Symptoms, zur
Geistes- und Gemüths-Krankheit ausartete. Aus dem Berichte
der Angehörigen wird dieses erhellen.
§219
Die Vergleichung dieser ehemaligen Körperkrankheits-Symptome
mit den davon jetzt noch übrigen, obgleich unscheinbarer gewordenen
Spuren (welche auch jetzt noch sich zuweilen hervorthun, wenn ein
lichter Zwischenraum und eine überhingehende Minderung der
Geistes-Krankheit eintritt) wird zur Bestätigung der fortdauernden,
verdeckten Gegenwart derselben dienen.
210
§220
Setzt man hiezu noch den, genau von den Angehörigen und dem
Arzte selbst beobachteten Geistes- und Gemüths-Zustand (1),
so ist das vollständige Krankheitsbild zusammengesetzt, für
welches dann eine, treffend ähnliche Symptome und vorzüglich
die ähnliche Geistes-Zerrüttung zu erregen fähige
Arznei, unter den (antipsorischen u.s.w.) Arzneimitteln zur homöopathischen
Heilung des Uebels aufgesucht werden kann, wenn die Geistes-Krankheit
schon seit einiger Zeit fortgedauert hatte.
§221
War jedoch aus dem gewöhnlichen, ruhigen Zustande plötzlich
ein Wahnsinn oder eine Raserei (auf Veranlassung von Schreck, Aergerniß,
geistigem Getränke u.s.w.) als eine acute Krankheit ausgebrochen,
so kann, ob sie gleich fast ohne Ausnahme aus innerer Psora entsprang,
(gleichsam als eine von ihr auflodernde Flamme) sie doch in diesem,
ihrem acuten Anfange, nicht sogleich mit antipsorischen, sondern
muß mit den hier angedeuteten Arzneien, aus der Classe der
übrigen geprüften Heilmittel (2) gewählt, in hoch
potenzirten, feinen, homöopathischen Gaben erst behandelt werden,
um sie so weit zu beseitigen, daß die Psora in ihren vorigen,
fast latenten Zustand vor der Hand wieder zurückkehre, in welchem
der Kranke genesen erscheint.
-----
1) Welcher nicht selten in Perioden abwechselnd erscheint, z. B.
auf mehre Tage stürmischen Wahnsinns oder Wuth folgen andre
Tage tiefsinniger, stiller Traurigkeit, u.s.w. auch wohl nur in
gewissen Monaten des Jahres wiederkehrend.
2) z. B. Aconit, Belladonne, Stechapfel, Bilsen, Quecksilber u.s.w.
211
§222
Doch darf ein solcher, aus einer acuten Geistes-oder Gemüths-Krankheit
durch gedachte, apsorische Arzneien Genesener nie als geheilt angesehen
werden; im Gegentheile darf man keine Zeit verlieren, um ihn durch
eine fortgesetzte, antipsorische, vielleicht auch antisyphilitische
Cur von dem chronischen Miasm der, jetzt zwar wieder latenten, aber
zu ihrem Wiederausbruche in Anfällen der vorigen Geistes- oder
Gemüths-Krankheit, von nun an sehr geneigten Psora, gänzlich
zu befreien (175), da dann kein ähnlicher, künftiger Anfall
wieder zu befürchten ist, wenn der Kranke der diätetisch
geordneten Lebensart treu bleibt.
§223
Wird aber die antipsorische, (auch wohl antisyphilitische) Cur
unterlassen, so ist bei noch geringerer Veranlassung, als bei der
ersten Erscheinung des Wahn-
-----
175) Es ist sehr selten, daß eine schon etwas langwierige
Geistes- oder Gemüthskrankheit von selbst nachläßt
(indem das innere Sichthum wieder in die gröbern Körper-Organe
übergeht); dieß geschieht in den Fällen, wo hie
und da ein bisheriger Bewohner der Irrenhäuser als scheinbar
genesen entlassen ward. Außerdem blieben bisher alle Irrenhäuser
bis oben angefüllt, so daß die Menge andrer auf die Aufnahme
in diese Häuser harrender Irren, fast nie Platz darin fand,
wenn nicht einige der Wahnsinnigen im Hause mit Tode abgingen. Keiner
wird darin durch die alte Schule wirklich und dauerhaft geheilt!
Ein sprechender Beweis (unter vielen andern) von der gänzlichen
Nullität der bisherigen Unheilkunst, die von der allöopathischen
Prahlerei mit dem Namen rationelle Heilkunst lächerlich genug
beehrt ward. Wie oft konnte dagegen nicht schon die wahre Heilkunst,
(die ächte, reine Homöopathik) solche Unglückliche
wieder in den Besitz ihrer Geistes- und Körper-Gesundheit setzen
und ihren erfreuten Angehörigen und der Welt wieder geben!
212
sinns statt fand, bald ein neuer und zwar anhaltenderer, größerer
Anfall davon, fast mit Sicherheit zu erwarten, während welchem
sich die Psora vollends zu entwickeln pflegt und in eine entweder
periodische oder anhaltende Geistes-Zerrüttung übergeht,
welche dann schwieriger antipsorisch geheilt werden kann.
§224
Ist die Geistes-Krankheit noch nicht völlig ausgebildet und
es wäre noch einiger Zweifel vorhanden, ob sie wirklich aus
Körper-Leiden entstanden sey, oder vielmehr von Erziehungsfehlern,
schlimmer Angewöhnung, verderbter Moralität, Vernachlässigung
des Geistes, Aberglauben oder Unwissenheit herrühre; da dient
als Merkmal, daß durch verständigendes, gutmeinendes
Zureden, durch Trostgründe oder durch ernsthafte und vernünftige
Vorstellungen dieselbe nachlassen und sich bessern, dagegen aber
wahre, auf Körper-Krankheit beruhende Gemüths- oder Geistes-Krankheit
schnell dadurch verschlimmert, Melancholie noch niedergeschlagener,
klagender, untröstlicher und zurückgezogener, so auch
boshafter Wahnsinn dadurch noch mehr erbittert und thörichtes
Gewäsch offenbar noch unsinniger wird (1).
§225
Es giebt dagegen wie gesagt, allerdings einige wenige Gemüths-Krankheiten,
welche nicht bloß aus
-----
1) Es scheint, als fühle hier die Seele des Kranken mit Unwillen
und Betrübniß, die Wahrheit dieser vernünftigen
Vorstellungen, und wirke auf den Körper, gleich als wolle sie
die verlorene Harmonie wieder herstellen, dieser aber wirke zu stark
mittels seiner Krankheit zurück auf die Geistes- und Gemüths-Organe
und setze sie in desto größern Aufruhr durch erneuertes
Uebertragen seiner Leiden auf sie.
213
Körper-Krankheiten dahin ausgeartet sind, sondern auf umgekehrtem
Wege, bei geringer Kränklichkeit, vom Gemüthe aus, Anfang
und Fortgang nehmen, durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Aergerniß,
Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht
und Schreck. Diese Art von Gemüthskrankheiten verderben dann
oft mit der Zeit, auch den körperlichen Gesundheits-Zustand,
in hohem Grade.
§226
Bloß diese, durch die Seele zuerst angesponnenen und unterhaltenen
Gemüths-Krankheiten, lassen sich, so lange sie noch neu sind
und den Körper-Zustand noch nicht allzusehr zerrüttet
haben, durch psychische Heilmittel, Zutraulichkeit, gütliches
Zureden, Vernunftgründe, oft aber auch durch eine wohlverdeckte
Täuschung, schnell in Wohlbefinden der Seele (und bei angemessener
Lebensordnung, auch scheinbar in Wohlbefinden des Leibes) verwandeln.
§227
Aber auch bei diesen liegt ein Psora-Miasm zum Grunde, was nur
seiner völligen Entwickelung noch nicht ganz nahe war, und
es ist der Sicherheit gemäß, damit der Genesene nicht
wieder, wie nur gar zu leicht, in eine ähnliche Geistes-Krankheit
verfalle, ihn einer gründlichen, antipsorischen (auch wohl
antisyphilitischen) Cur zu unterwerfen.
§228
Bei den durch Körper-Krankheit entstandenen Geistes- und Gemüths-Krankheiten,
welche einzig durch homöopathische, gegen das innere Miasm
gerichtete Arznei, nächst sorgfältig angemessener Lebensordnung
zu heilen sind, muß allerdings auch, als beihülfliche
214
Seelen-Diät, ein passendes, psychisches Verhalten von Seiten
der Angehörigen und des Arztes gegen den Kranken sorgfältig
beobachtet werden. Dem wüthenden Wahnsinn muß man stille
Unerschrockenheit und kaltblütigen, festen Willen, - dem peinlich
klagenden Jammer, stummes Bedauern in Mienen und Gebehrden, - dem
unsinnigen Geschwätze, nicht ganz unaufmerksames Stillschweigen,
- einem ekelhaften und gräuelvollen Benehmen und ähnlichem
Gerede, völlige Unaufmerksamkeit entgegensetzen. Den Verwüstungen
und Beschädigungen der Außendinge beuge man bloß
vor, verhüte sie, ohne dem Kranken Vorwürfe darüber
zu machen, und richte alles so ein, daß durchaus alle körperlichen
Züchtigungen und Peinigungen (1) wegfallen. Dieß geht
um desto leichter an, da beim Arzneieinnehmen - dem einzigen Falle,
wo noch Zwang als Entschuldigung gerechtfertigt werden könnte
- in der homöopathischen Heilart die kleinen Gaben hülfreicher
Arznei dem Geschmacke nie auffallen, also dem Kranken
-----
1) Man muß über die Hartherzigkeit und Unbesonnenheit
der Aerzte in mehren Krankenanstalten dieser Art erstaunen; ohne
die wahre Heilart solcher Krankheiten auf dem einzig hülfreichen,
homöopathisch arzneilichen (antipsorischen) Wege zu suchen,
begnügen sich diese Grausamen, jene bedauernswürdigsten
aller Menschen durch die heftigsten Schläge und andre qualvolle
Martern zu peinigen. Sie erniedrigen sich durch dieß gewissenslose
und empörende Verfahren tief unter den Stand der Zuchtmeister
in Strafanstalten, denn diese vollführen solche Züchtigungen
nur nach Pflicht ihres Amtes und an Verbrechern, jene aber scheinen
ihre Bosheit gegen die vorausgesetzte Unheilbarkeit der Geistes-
und Gemüths-Krankheiten, im demüthigenden Gefühle
ihrer ärztlichen Nichtigkeit, durch Härte an den bedauernswürdigen,
schuldlosen Leidenden selbst auszulassen, da sie zur Hülfe
zu unwissend und zu träge zur Annahme eines zweckmäßigen
Heilverfahrens sind.
215
ganz unbewußt in seinem Getränke gegeben werden können,
so daß aller Zwang unnöthig wird.
§229
Auf der andern Seite sind Widerspruch, eifrige Verständigungen,
heftige Zurechtweisungen und Schmähungen, so wie schwache,
furchtsame Nachgiebigkeit bei ihnen ganz am unrechten Orte, sind
gleiche schädliche Behandlungen ihres Geistes und Gemüths.
Am meisten werden sie jedoch durch Hohn, Betrug und ihnen merkliche
Täuschungen erbittert und in ihrer Krankheit verschlimmert.
Immer müssen Arzt und Aufseher den Schein annehmen, als ob
man ihnen Vernunft zutraue. Dagegen suche man alle Arten von Störungen
ihrer Sinne und ihres Gemüths von außen zu entfernen;
es giebt keine Unterhaltungen für ihren umnebelten Geist, keine
wohlthätigen Zerstreuungen, keine Belehrungen, keine Besänftigung
durch Worte, Bücher oder andere Gegenstände für ihre,
in den Fesseln des kranken Körpers schmachtende, oder empörte
Seele, keine Erquickung für sie, als die Heilung; erst von
ihrem zum Bessern umgestimmten Körper-Befinden strahlet Ruhe
und Wohlbehagen auf ihren Geist zurück (1).
§230
Sind die, für den besondern Fall der jedesmaligen Geistes-
oder Gemüths-Krankheit (- sie sind unglaublich verschieden
-) gewählten Heilmittel, dem treulich entworfenen Bilde des
Krankheits-Zustandes ganz homöopathisch angemessen, welches,
wenn nur genug
-----
1) Nur in einer, eigens dazu eingerichteten Anstalt läßt
sich die Heilung Wahnsinniger, Wüthender und Melancholischer
bewerkstelligen, aber nicht im Kreise der Familie des Kranken.
216
der nach ihren reinen Wirkungen gekannten Arzneien dieser Art zur
Wahl vorhanden sind, auch desto leichter bei unermüdlicher
Aufsuchung des passendst homöopathischen Heilmittels zu erreichen
ist, da der Gemüths- und Geistes-Zustand eines solchen Kranken,
als das Haupt-Symptom, sich so unverkennbar deutlich an den Tag
legt -, so sind oft die kleinstmöglichen Gaben hinreichend,
in nicht gar langer Zeit, die auffallendste Besserung hervorzubringen,
was durch die größten, öftern Gaben aller übrigen,
unpassenden (allöopathischen) Arzneien, bis zum Tode gebraucht,
nicht zu erreichen war. Ja, ich kann aus vieler Erfahrung behaupten,
daß sich der erhabne Vorzug der homöopathischen Heilkunst
vor allen denkbaren Curmethoden, nirgend in einem so triumphirenden
Lichte zeigt, als in alten Gemüths- und Geistes-Krankheiten,
welche ursprünglich aus Körper-Leiden, oder auch nur gleichzeitig
mit denselben entstanden waren.
§231
Eine eigne Betrachtung verdienen noch die Wechselkrankheiten, sowohl
diejenigen welche in bestimmten Zeiten zurückkehren - wie die
große Zahl der Wechselfieber und die wechselfieberartig zurückkehrenden,
fieberlos scheinenden Beschwerden - als auch die, worin gewisse
Krankheitszustände in unbestimmten Zeiten mit Krankheitszuständen
andrer Art abwechseln.
§232
Diese letztern, die alternirenden Krankheiten, sind ebenfalls sehr
vielfach (1), gehören aber sämmtlich
-----
1) Es können zwei- und selbst dreierlei Zustände mit einander
abwechseln. Es können z. B. bei zwiefachen Wechselzuständen
gewisse Schmerzen unabgesetzt in den
217
unter die Zahl der chronischen Krankheiten, sind meist ein Erzeugniß
bloß entwickelter Psora, und nur zuweilen, wiewohl selten,
mit einem syphilitischen Miasm complicirt; sie werden daher im erstern
Falle mit antipsorischen Arzneien geheilt, im letztern aber, mit
antisyphilitischen abwechselnd, wie im Buche von den chronischen
Krankheiten gelehrt wird.
§233
Die typischen Wechselkrankheiten sind solche, wo in einer ziemlich
bestimmten Zeit bei scheinbarem Wohlbefinden, ein sich gleichbleibender,
krankhafter
-----
Füßen u.s.w. erscheinen, sobald eine Augen-Entzündung
sich legt, welche dann wieder empor kommt, sobald der Gliederschmerz
vor der Hand vergangen ist - es können Zuckungen und Krämpfe
mit irgend einem andern Leiden des Körpers oder eines seiner
Theile, unmittelbar abwechseln - es können aber auch bei dreifachen
Wechsel-Zuständen, in einer anhaltenden Kränklichkeit,
schnell Perioden von scheinbar erhöheter Gesundheit und einer
gespannten Erhöhung der Geistes- und Körperkräfte
(eine übertriebene Lustigkeit, eine allzu regsame Lebhaftigkeit
des Körpers, Ueberfülle von Wohlbehagen, übermäßigen
Appetit u.s.w. ) eintreten, worauf dann, eben so unerwartet, düstere,
melancholische Laune, unerträgliche, hypochondrische Gemüths-Verstimmung
mit Störung mehrerer Lebens-Verrichtungen in Verdauung, Schlaf
u.s.w. erscheint, die dann wiederum eben so plötzlich, dem
gemäßigten Uebelbefinden der gewöhnlichen Zeiten
Platz macht und so mehrere andre, mannigfache Wechselzustände.
Oft ist keine Spur des vorigen Zustandes mehr zu bemerken, wann
der neue eintritt. In andern Fällen sind dann nur noch wenige
Spuren des vorhergegangenen Wechsel-Zustandes vorhanden; es bleibt
wenig von den Symptomen des ersten Zustandes bei der Entstehung
und Fortdauer des zweiten übrig. Zuweilen sind die krankhaften
Wechsel-Zustände, ihrer Natur nach, einander völlig entgegengesetzt,
wie z B. Melancholie mit lustigem Wahnsinn oder Raserei in Perioden
abwechselnd.
218
Zustand zurückkehrt, und in einer ebenfalls bestimmten Zeit
wieder abtritt; man findet dieß sowohl in den anscheinend
fieberlosen, aber typisch (zu gewissen Zeiten) kommenden und wieder
vergehenden, krankhaften Zuständen, als auch in den fieberhaften
- den vielfältigen Wechselfiebern.
§234
Die gedachten, bei einem einzelnen Kranken zu bestimmten Zeiten,
typisch, wiederkehrenden, fieberlos scheinenden Krankheits-Zustände
(-sporadisch oder epidemisch pflegen sie nicht vorzukommen -) gehören
jedesmal unter die chronischen, meist rein psorischen, nur selten
mit Syphilis complicirten, und erhalten mit Erfolg dieselbe Behandlung;
zuweilen ist jedoch der Zwischen-Gebrauch einer sehr kleinen Gabe
potenzirter Chinarinde-Auflösung erforderlich, um ihren wechselfieberartigen
Typus vollends auszulöschen.
§235
Was die sporadisch oder epidemisch herrschenden (nicht in Sumpf-
Gegenden endemisch hausenden) Wechselfieber (1) anlangt, so treffen
wir dabei oft jeden
-----
1) Die bisherige, noch in der unverständigen Kindheit liegende
Pathologie, weiß nur von einem einzigen Wechselfieber, was
sie auch das kalte Fieber nennt, und nimmt keine andre Verschiedenheit
an, als nach der Zeit, in welcher die Anfälle wiederkehren,
das tägliche, dreitägige, viertägige u.s.w. Es giebt
aber außer den Rückkehr-Zeiten der Wechselfieber, noch
weit bedeutendere Verschiedenheiten derselben; es giebt dieser Fieber
unzählige, deren viele nicht einmal kaIte Fieber genannt werden
können, da ihre Anfälle in bloßer Hitze bestehen;
wieder andere, welche bloß Kälte haben, mit oder ohne
darauf folgenden Schweiß; wieder andere, welche Kälte
über und über, zugleich mit Hitzempfindung oder bei äußer-
219
Anfall (Paroxysm) gleichfalls aus zwei sich entgegen gesetzten
Wechselzuständen Kälte, Hitze - Hitze, Kälte),
-----
lich fühlbarer Hitze, Frost haben; wieder andre, wo der eine
Paroxysm aus bloßem Schüttelfroste, oder bloßer
Kälte, mit darauf folgendem Wohlbefinden, der andre aber aus
bloßer Hitze besteht, mit oder ohne darauf folgenden Schweiß;
wieder andere, wo die Hitze zuerst kommt und Frost erst darauf folgt;
wieder andre, wo nach Frost und Hitze Apyrexie eintritt, und dann
als zweiter Anfall, oft viele Stunden hernach, bloß Schweiß
erfolgt; andere, wo gar kein Schweiß erfolgt, und noch andre,
wo der ganze Anfall, ohne Frost oder Hitze, bloß aus Schweiß
besteht, oder wo der Schweiß bloß während der Hitze
vorhanden ist; - und so zeigen sich noch unglaubliche andre Verschiedenheiten,
vorzüglich in Rücksicht der Neben-Symptome, des besondern
Kopfwehes, des bösen Geschmacks, der Uebelkeit, des Erbrechens,
des Durchlaufs, des fehlenden oder heftigen Durstes, der Leib- oder
der Gliederschmerzen besondrer Art, des Schlafs, der Delirien, der
Gemüths-Verstimmungen, der Krämpfe u.s.w., - vor, bei
oder nach dem Froste, vor, bei oder nach der Hitze, vor, bei oder
nach dem Schweiße, und so noch andre zahllose Abweichungen.
Alle diese sind offenbar sehr verschieden geartete Wechselfieber,
deren jedes, ganz natürlich, seine eigne (homöopathische)
Behandlung verlangt. Unterdrückt, das muß man gestehen,
können zwar fast alle werden (wie so oft geschieht) durch große,
ungeheure Gaben Rinde und ihres pharmaceutischen, schwefelsauern
Auszugs, Chinin genannt, das ist, ihr periodisches Wiederkehren
(ihr Typus) wird von ihr ausgelöscht, aber die Kranken, welche
an solchen, nicht für Chinarinde geeigneten Wechselfiebern
gelitten hatten (wie alle die, ganze Länder und selbst Gebirge
überziehenden, epidemischen Wechselfieber sind) werden durch
diese Auslöschung des Typus nicht gesund, nein! sie bleiben
nur andersartig krank und kränker, oft weit kränker, als
vorher, an eigenartigen, chronischen China-Sichthumen, die, selbst
durch ächte Heilkunst, oft kaum in langer Zeit, vielleicht
auch wohl nie wieder zur völligen Gesundheit herzustellen sind
- und das will man Heilen nennen!
220
öfterer auch aus dreien (Kälte, Hitze, Schweiß)
zusammengesetzt an. Deßhalb muß auch das für diese,
aus der allgemeinen Classe geprüfter, gewöhnlich nicht
antipsorischer Arzneien gewählte Heilmittel, entweder, (was
das sicherste ist) ebenfalls beide, oder alle drei Wechselzustände
ähnlich in gesunden Körpern erregen können, oder
doch dem stärksten und sonderlichsten Wechselzustande (entweder
dem Zustande des Frostes mit seinen Nebensymptomen, oder dem der
Hitze mit ihren Neben-Symptomen, oder auch dem des Schweißes
mit seinen Nebenbeschwerden, je nachdem der eine oder der andre
Wechselzustand der stärkste und sonderlichste ist) homöopathisch,
an Symptomen-Aehnlichkeit, möglichst entsprechen; doch müssen
vorzüglich die Symptome des Befindens des Kranken, in der fieberfreien
Zeit, zur Wahl des treffendsten, homöopathischen Heilmittels
leiten (1).
§236
Die Arzneigabe in diesem Falle, wird am zweckmäßigsten
und hülfreichsten gleich, oder doch sehr bald nach Beendigung
des Anfalls, sobald sich der Kranke einigermaßen davon wieder
erholt hat, gegeben; da hat sie Zeit alle ihr möglichen Veränderungen
des Organisms zur Gesundheit zu bewirken, ohne Sturm und ohne heftigen
Angriff; während die Wirkung einer, gleich vor dem Paroxysm
gereichten, auch noch so specifisch angemessenen Arznei, mit der
natürlichen Krankheits-Erneuerung zusammentrifft und eine solche
-----
1) Zuerst hat der Hr. Regierungsrath, Freiherr von Bönninghausen
diesen, so viele Umsicht erfordernden Gegenstand am besten erläutert
und die Wahl des, für die verschiednen Fieber-Epidemieen hülfreichen
Heilmittels erleichtert durch seine Schrift: Versuch einer homöopathischen
Therapie der Wechselfieber, 1833. Münster bei Regensberg.
221
egenwirkung im Organism, einen so heftigen Widerstreit veranlaßt,
daß ein solcher Angriff wenigstens viel Kräfte raubt,
wo nicht gar das Leben in Gefahr setzt (1). Giebt man aber die Arznei
gleich nach Beendigung des Anfalls, das ist, zu der Zeit, wo die
fieberfreieste Zwischenzeit eingetreten ist und ehe, auch nur von
weitem, der künftige Paroxysm sich wieder vorbereitet, so ist
die Lebenskraft des Organisms in möglichst guter Verfassung,
von dem Heilmittel sich ruhig verändern und so in den Gesundheitszustand
versetzen zu lassen
§237
Ist aber die fieberfreie Zeit sehr kurz, wie in einigen sehr schlimmen
Fiebern, oder von Nachwehen des vorigen Paroxysms entstellt, so
muß die homöopathische Arzneigabe schon zu der Zeit,
wann der Schweiß sich zu mindern, oder die späteren Zufälle
des verfließenden Anfalls sich zu mildern anfangen, gereicht
werden.
§238
Nicht selten tilgt die angemessene Arznei, mit einer einzigen,
kleinen Gabe mehrere Anfälle, bringt auch wohl allein die Gesundheit
wieder; in den meisten Fällen aber muß man nach jedem
Anfalle eine neue Gabe reichen; im besten Falle, das ist, wenn die
Art der Symptome sich nicht geändert hat, Gaben derselben Arznei,
welches nach der neuern Entdeckung der besten Gaben-Wiederholung
(s. Anm. zu §. 270.) unbeschwerlich geschieht mittels Dynamisirens
jeder folgenden Gabe (durch 10, 12 Schüttel-Schläge der,
die Arznei-Auflösung enthaltenden Flasche). Indessen findet
sich
-----
1) Dieß sieht man an den nicht ganz seltenen Todesfällen,
wo eine mäßige Gabe Mohnsaft, im Fieber-Froste eingegeben,
schnell das Leben raubte.
222
dennoch zuweilen, wiewohl selten, nach mehren Tagen Wohlbefindens
das Wechselfieber wieder ein. Diese Wiederkunft desselben Fiebers
nach einer gesunden Zwischenzeit, ist aber nur dann möglich,
wenn die Schädlichkeit, die das Wechselfieber zuerst erregte,
noch immer wieder auf den Genesenden einwirkte, wie in Sumpf-Gegenden,
in welchem Falle eine dauerhafte Wiederherstellung oft nur durch
Entfernung dieser Erregungs-Ursache (wie durch Aufenthalt in einer
bergigen Gegend, wenn es ein Sumpfwechselfieber war) möglich
ist.
§239
Da fast jede Arznei in ihrer reinen Wirkung ein eignes, besonderes
Fieber und selbst eine Art Wechselfieber mit seinen Wechselzuständen
erregt, was von allen den Fiebern, die von andern Arzneien hervorgebracht
werden, abweicht, so findet man für die zahlreichen natürlichen
Wechselfieber homöopathische Hülfe in dem großen
Reiche der Arzneien und schon, für viele solche Fieber, in
der mäßigen Zahl der bis jetzt an gesunden Körpern
geprüften Arzneien.
§240
Wenn aber das, für die damals herrschende Epidemie von Wechselfieber
gefundene, homöopathisch specifische Heilmittel bei dem einen
oder dem andern Kranken keine vollkommne Heilung bewirkt, so ist
stets, wenn nicht Sumpfgegend die Heilung verhindert, das psorische
Miasm im Hinterhalte und es müssen dann antipsorische Arzneien
bis zur völligen Hülfe angewendet werden.
§241
Epidemieen von Wechselfiebern, wo sonst keine endemisch sind, haben
die Natur chronischer Krankheiten, aus einzelnen, acuten Anfällen
zusammengesetzt;
223
jede einzelne Epidemie ist eines eignen, den erkrankten Individuen
gemeinsamen, sich gleichen Charakters, der, wenn er nach dem Inbegriffe
der, Allen gemeinsamen Symptome aufgefunden ist, auf das, für
die Gesammtheit der Fälle homöopathisch (specifisch) passende
Heilmittel hinweist, welches dann auch fast immer hilft, bei Kranken,
welche vor dieser Epidemie einer erträglichen Gesundheit genossen,
das ist, die nicht an entwickelter Psora chronisch krank waren.
§242
Hat man aber bei einer solchen Wechselfieber-Epidemie die ersten
Anfälle ungeheilt gelassen, oder waren die Kranken durch allöopathische
Mißhandlung geschwächt worden, so entwickelt sich die,
leider bei so vielen Menschen schon, obgleich schlummernd inwohnende
Psora, nimmt hier den Wechselfieber-Typus an und spielt dem Anscheine
nach, die Rolle des epidemischen Wechselfiebers fort, so daß
die Arznei, welche für die anfänglichen Paroxysmen hülfreich
gewesen wäre, nun nicht mehr passend ist und nicht mehr helfen
kann. Da hat man es vor der Hand bloß mit einem psorischen
Wechselfieber zu thun, was dann gewöhnlich durch die feinsten
Gaben Schwefel und Schwefelleber in hoher Potenz besiegt wird.
§243
Bei denjenigen, oft sehr bösartigen Wechselfiebern, die, außer
in den Sumpfgegenden, eine einzelne Person befallen, muß zwar
anfangs ebenfalls, wie bei den acuten Krankheiten überhaupt,
denen sie in Rücksicht ihres psorischen Ursprungs ähneln,
zuerst ein aus der Classe der übrigen, geprüften (nicht
antipsorischen) Arzneien, homöopathisch für den speciellen
Fall gewähltes Heilmittel, einige Tage über angewendet
werden
224
zur möglichsten Hülfe; wenn aber hiebei die Genesung
dennoch zögert, so muß man wissen, daß man es mit
der ihrer Entwickelung nahen Psora zu thun habe und daß hier
bloß antipsorische Arznei gründliche Hülfe schaffen
kann.
§244
Die in Sumpf-Gegenden und solchen, die den Ueberschwemmungen oft
ausgesetzt sind, einheimischen Wechselfieber, machten der bisherigen
Arztwelt viel zu schaffen und doch kann auch an Sumpf-Gegenden,
ein gesunder Mensch in jungen Jahren sich gewöhnen und gesund
bleiben, wenn er eine fehlerfreie Lebensordnung führt und nicht
von Mangel, Strapazen oder zerstörenden Leidenschaften niedergedrückt
wird. Die, dort endemischen Wechselfieber werden ihn höchstens
nur als Ankömmling ergreifen, aber eine oder zwei der kleinsten
Gaben hoch potenzirter Chinarinden-Auflösung, werden ihn bei
einer, wie gesagt geordneten Lebensweise, bald davon befreien. Bei
Personen aber, die bei gehöriger Leibes-Bewegung und gesunder
Geistes- und Körper-Diät, vom Sumpf-Wechselfieber nicht
durch eine oder ein Paar solcher kleinen Gaben China-Arznei befreiet
werden können - liegt stets eine zur Entwickelung aufstrebende
Psora zum Grunde und ihr Wechselfieber kann in der Sumpf-Gegend
ohne antipsorische Behandlung nicht geheilt werden (1). Zuweilen
erfolgt bei diesen Kranken, wenn sie ohne
-----
1) Größere, oft wiederholte Gaben Chinarinde, auch wohl
concentrirte China-Mittel, wie das Chininum sulphuricum, können
solche Kranke allerdings von dem Typischen des Sumpf-Wechselfiebers
befreien, aber die so Getäuschten bleiben wie schon oben bemerkt,
andersartig leidend, an einem, zuweilen unheilbaren, China-Siechthume
(s. Anm. zu §. 276.).
225
Verzug die Sumpf-Gegend mit einer trocknen, bergigen vertauschen,
anscheinend wieder Genesung, das Fieber verläßt sie,
wenn sie noch nicht tief in Krankheit versunken sind, d.i. wenn
die Psora noch nicht völlig bei ihnen entwickelt war und daher
wieder in ihren latenten Zustand zurückkehren kennte; aber
gesund werden sie ohne antipsorische Hülfe doch nie.
§245
Nachdem wir nun gesehen haben, welche Rücksicht man bei der
homöopathischen Heilung auf die Hauptverschiedenheiten der
Krankheiten und auf die besondern Umstände in denselben zu
nehmen hat, so gehen wir zu dem über, was von den Heilmitteln
und ihrer Gebrauchsart, so wie von der dabei zu beobachtenden Lebensordnung
zu sagen ist.
§246
Jede, in einer Cur merklich fortschreitende und auffallend zunehmende
Besserung ist ein Zustand der, so lange er anhält, jede Wiederholung
irgend eines Arznei-Gebrauchs durchgängig ausschließt,
weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt,
hier seiner Vollendung zueilt. Dies ist in acuten Krankheiten nicht
selten der Fall; bei etwas chronischen Krankheiten hingegen, vollendet
zwar auch bei langsam fortgehender Besserung, zuweilen Eine Gabe
treffend gewählter, homöopathischer Arznei die Hülfe,
die dieses Mittel in solchem Falle seiner Natur nach auszurichten
im Stande ist, in einem Zeitraume von 40, 50, 60, 100 Tagen. Aber
theils ist dies sehr selten der Fall, theils muß dem Arzte,
so wie dem Kranken viel daran liegen, daß, wäre es möglich,
dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt
und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte.
226
Und dieß läßt sich auch, wie neueste, vielfach
wiederholte Erfahrungen mich gelehrt haben, recht glücklich
ausführen, unter folgenden Bedingungen: erstens, wenn die Arznei
mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt
war - zweitens, wenn sie hoch potenzirt, in Wasser aufgelöst
und in gehörig kleiner Gabe in, von der Erfahrung als die schicklichsten,
ausgesprochenen Zeiträumen zur möglichsten Beschleunigung
der Cur gereicht wird, doch mit der Vorsicht, daß der Potenz-Grad
jeder Gabe von dem der vorgängigen und nachgängigen Gaben
um Etwas abweiche, damit das, zur ähnlichen Arzneikrankheit
umzustimmende Lebensprincip, nie zu widrigen Gegenwirkungen sich
aufgeregt und empört fühlen könne, wie bei unmodificirt
erneuerten Gaben, vorzüglich schnell nach einander wiederholt,
stets geschieht (1).
§247
Ganz dieselbe, unabgeänderte (185) Gabe Arznei, selbst nur
einmal, geschweige viele Male nach einander (und,
-----
1) Was ich, um diese widrigen Reactionen der Lebenskraft zu verhüten,
in der fünften Ausgabe des Organons zu diesem Paragraph in
einer langen Anmerkung sagte,war alles, was meine damalige Erfahrung
mir gestattete; seit den letzten 4, 5 Jahren aber, durch mein, seitdem
abgeändertes, neues, vervollkommtes Verfahren, sind alle diese
Schwierigkeiten völlig gehoben. Dieselbe wohlgewählte
Arznei kann nun täglich und zwar Monate lang, wo nöthig,
fortgebraucht werden; und zwar so, daß wenn der niedre Potenz-Grad
binnen einer oder zweier Wochen verbraucht ist, (denn bei der, nachstellend
gelehrten, neuen Dynamisations-Weise, fängt der Gebrauch mit
den untersten Graden an) man bei Behandlung chronischer Krankheiten,
in gleicher Art zu den höheren Graden übergeht.
2) Man durfte daher von der, selbst bestens homöopathisch
gewählten Arznei, z. B. ein Kügelchen von demselben Potenz-Grade,
was zum ersten Male so wohl be-
227
wenn die Cur nicht verzögert werden soll, in kurzen Zeiträumen)
zu wiederholen, bleibt ein unausführbares Vorhaben. Das Lebensprincip
nimmt solche ganz gleiche Gaben nicht ohne Widerstreben an, das
ist, nicht ohne andere Symptome der Arznei laut werden zu lassen
als die, der zu heilenden Krankheit ähnlichen, weil die vorige
Gabe schon die von ihr zu erwartende Umstimmung des Lebensprinzips
vollführt hatte, eine zweite, an Dynamisation ganz gleiche,
unveränderte Gabe derselben Arznei daher ganz dasselbe auf
das Lebensprinzip nicht mehr auszuführen vorfindet. Nun kann
der Kranke durch eine solche unabgeänderte Gabe nur noch anders
krank, im Grunde nur kränker werden als er schon war, indem
jetzt nur diejenigen Symptome derselben Arznei zur Wirkung übrig
bleiben,
-----
kommen war, dem Kranken nicht bald darauf zum zweiten, dritten Male
trocken einnehmen lassen, und wenn man von der in Wasser aufgelöseten
Arznei, deren erste Gabe so wohl gethan, eine gleiche, selbst kleinere
Gabe zum zweiten, dritten Male aus der ruhig da stehenden Flasche
genommen und sie dem Kranken eingegeben hatte, selbst nach Zwischenräumen
von ein paar Tagen, so bekam ganz dieselbe Arznei dem Kranken doch
nicht wieder wohl, man mochte sie nun bei ihrer ursprünglichen
Bereitung mit 10 Schüttelschlägen, oder wie ich, um diesen
Nachtheil zu vermeiden, später vorschlug, selbst nur mit 2
Schüttelschlägen potenzirt gehabt haben; und zwar bloß
aus oben angeführten Gründen.
Aber bei Modificirung jeder Gabe in ihrem Dynamisations-Grade,
wie ich hier lehre, findet kein Anstoß statt, selbst bei öfterer
Wiederholung der Gaben, und wäre die Arznei auch noch so hoch,
mit noch so vielen Schüttel-Schlägen potenzirt worden.
Man möchte fast sagen, daß erst unter mehreren verschiednen
Formen angewandt, auch die best gewählte, homöopathische
Arznei dem Lebensprincipe die krankhafte Verstimmung am besten entziehen
und bei chronischen Krankheiten in ihm auslöschen könne.
228
welche für die ursprüngliche Krankheit nicht homöopathisch
sind, also kann auch kein Schritt vorwärts zur Heilung, sondern
nur wahre Verschlimmerung des Kranken erfolgen. Sobald man aber
die folgende Gabe jedesmal in ihrer Potenz um etwas abändert,
das ist, etwas höher dynamisirt, (§. 269., §. 270.)
so läßt das Kranke Lebensprinzip sich unbeschwert ferner
durch dieselbe Arznei umstimmen (sein Gefühl von der natürlichen
Krankheit ferner vermindern) und so der Heilung näher bringen.
§248
Zu dieser Absicht wird die Arznei-Auflösung (1) vor jedem
Male Einnehmen (mit etwa 8, 10, 12 Schüttel-Schlägen der
Flasche) von Neuem potenzirt, wovon man den Kranken Einen, oder
(steigend) mehrere
-----
1) In 40, 30, 20, 15 oder 8 Eßlöffeln Wasser mit Zusatz
von etwas Weingeist oder einem Stücke Holzkohle, um die Auflösung
unverdorben zu erhalten. Nimmt man Holzkohle, so läßt
man sie an einem Faden in der Flasche hängen, und zieht sie
jedesmal nur heraus, wenn die Flasche geschüttelt werden soll.
Die Auflösung des Arznei-Kügelchens (denn mehr als Ein
Kügelchen braucht man von einer gehörig dynamisirten Arznei
selten dazu) in einer sehr großen Menge Wassers, kann man
dadurch ersetzen, daß man von einer Auflösung z. B. in
nur 7, 8 Eßlöffeln Wassers, nach vorgängigem, starkem
Schütteln der FIasche, einen Eßlöffel in ein Trinkglas
Wasser (von etwa 8, 10 Eßlöffel Inhalt) gießt,
letzteres mehrmals stark umrührt und dem Kranken hievon die
bestimmte Gabe eingiebt. Wenn der Kranke ungewöhnlich erregbar
und empfindlich ist, so nimmt man aus dem, so stark umgerührten
Glase, einen Thee- oder Kaffee-Löffel voll, den man in ein
zweites Trinkglas Wasser stark einrührt, um davon dem Kranken
einen Kaffeelöffel (oder etwas mehr) einzugeben. Es giebt Kranke
von so hoher Erregbarkeit, daß man für sie ein drittes
oder viertes Trinkglas zu gehöriger Verdünnung der Arznei-Auflösung,
auf ähnliche Weise bereitet,
229
Kaffee- oder Thee-Löffelchen einnehmen läßt, in
langwierigen Krankheiten täglich, oder jeden zweiten Tag, in
acuten aber, alle 6, 4, 3, 2 Stunden, in den dringendsten Fällen,
alle Stunden und öfter. So kann in chronischen Krankheiten,
jede richtig homöopathisch gewählte Arznei, selbst die,
an sich von langer Wirkungs-Dauer, in täglicher Wiederholung
Monate lang eingenommen werden, mit steigendem Erfolge. Ist aber
die Auflösung (in 7, 8, oder in 14, 15 Tagen) verbraucht, so
muß zu der folgenden Auflösung derselben Arznei - wenn
ihr Gebrauch noch angezeigt ist - ein, oder (obwohl selten) mehre
Kügelchen von einem andern (höhern) Potenz-Grade genommen
werden, womit man so lange fortfährt, als der Kranke noch immer
mehr Besserung davon spürt, ohne eine oder die andre, nie im
Leben gehabte bedeutende Beschwerde davon zu erleiden. Denn wenn
dieß sich ereignet, wenn der Rest der Krankheit in einer Gruppe
abgeänderter Symptome erscheint, dann muß eine andre,
jetzt mehr homöopathisch angemessene Arznei, an der Stelle
der letztern gewählt, aber auch in ebenso wiederholten Gaben
angewendet werden; doch nur auf gedachte Weise, das ist, nie ohne
die Auflösung, bei jedesmaliger Gabe, durch gehörig starkes
Schütteln um etwas zu modificiren, - in ihrem Potenz-Grade
abzuändern, und so um etwas zu erhöhen. Zeigen sich hingegen
bei fast täglicher Wieder-
-----
anzuwenden nöthig hat. Jeden Tag nach dem Einnehmen schüttet
man das so bereitete Trinkglas (oder die mehreren) weg, um es jeden
Tag von Neuem zu bereiten. Das Streukügelchen in hoher Potenz
wird am besten in einem Pülverchen zerquetscht, was ein paar
Gran Milch-Zucker enthält, welches der Kranke dann nur in die,
zur Auflösung bestimmte FIasche zu schütten braucht, um
es in der bestimmten Menge Wasser aufzulösen.
230
holung der völlig homöopathisch passenden Arznei, zu
Ende der Cur einer chronischen Krankheit, sogenannte (§. 164.)
homöopathische Verschlimmerungen, so daß der Rest der
Krankheits-Symptome sich wieder etwas zu erhöhen scheint (indem
die, der ursprünglichen Krankheit so ähnliche Arznei-Krankheit,
nun fast noch allein laut wird), dann müssen die Gaben entweder
noch mehr verkleinert, und auch in längern Zeiträumen
wiederholt, oder auch wohl mehrere Tage ganz ausgesetzt werden,
um zu sehen, ob die Genesung keiner arzneilichen Hülfe mehr
bedürfe, wo dann auch diese, bloß vom Ueberfluß
der homöopathischen Arznei herrührende Schein-Symptome
ebenfalls bald von selbst verschwinden und ungetrübte Gesundheit
zurück lassen. Bedient man sich zur Cur bloß eines Fläschchens,
(etwa Ein Quentchen verdünnten Weingeistes enthaltend, worin
ein Kügelchen von der Arznei durch Schütteln aufgelöst
sich befindet) worin täglich, oder alle 2, 3, 4 Tage gerochen
werden soll, so muß auch dieses vor dem jedesmaligen Riechen
8, 10 Mal stark geschüttelt worden seyn.
§249
Jede für den Krankheits-Fall verordnete Arznei, welche im
Verlaufe ihrer Wirkung neue, der zu heilenden Krankheit nicht eigenthümliche
und zwar beschwerliche Symptome hervorbringt, ist nicht vermögend
wahre Besserung zu erzeugen (1) und nicht für homöopathisch
-----
1) Da nach allen Erfahrungen, fast keine Gabe einer hoch potenzirten,
specifisch passenden, homöopathischen Arznei bereitet werden
kann, welche zur Hervorbringung einer deutlichen Besserung in der
angemessenen Krankheit zu klein wäre (§. 161., §.
279.), so würde man zweckwidrig und schädlich handeln,
wenn man, wie von der bisherigen Curmethode geschieht, bei Nicht-Besserung,
oder kleiner Verschlimmerung, dieselbe Arznei, in dem Wahne, daß
sie
231
gewählt zu halten; sie muß daher sobald als möglich,
entweder wenn diese Verschlimmerung bedeutend war, erst durch ein
Antidot zum Theil ausgelöscht werden (1), ehe man das, genauer
nach Wirkungs-Aehnlichkeit gewählte, nächste Mittel giebt,
oder bei nicht allzu heftigen widrigen Symptomen muß letzteres
sogleich gereicht werden, um die Stelle jenes unrichtig gewählten
zu ersetzen.
§250
So, wenn dem scharfsichtigen, genau nach dem Krankheitszustande
forschenden Heilkünstler, sich in dringenden Fällen schon
nach Verlauf von 6, 8, 12 Stunden offenbarte, daß er bei der
zuletzt gegebenen Arznei eine Mißwahl gethan, indem der Zustand
des Kranken, unter Entstehung neuer Symptome und Beschwerden, sich
deutlich von Stunde zu Stunde, obschon nur immer um etwas verschlimmert,
ist es ihm nicht nur erlaubt, sondern die Pflicht gebeut es ihm,
den begangenen Mißgriff durch Wahl und Reichung eines nicht
bloß erträglich passenden, sondern dem gegenwärtigen
Krankheits-Zustande möglichst angemessenen homöopathischen
Heilmittels wieder gut zu machen (§. 167.).
-----
ihrer geringen Menge (ihrer allzu kleinen Gabe) wegen nicht habe
dienlich seyn können, wiederholen oder sie wohl gar noch verstärken
wollte. Jede VerschIimmerung durch neue Symptome - wenn in der Geistes-
und Körper-Diät nichts Böses vorgefallen ist - beweiset
stets nur Unangemessenheit der vorigen Arznei in diesem Krankheitsfalle,
deutet aber nie auf Schwäche der Gabe.
1) Dem wohl unterrichteten und gewissenhaft behutsamen Arzt, kann
nie der Fall vorkommen, daß er nöthig hätte, ein
Antidot in seiner Praxis zu geben, wenn er, wie er soll, in der
kleinst möglichen Gabe seine wohl gewählte Arznei zu brauchen
anfangt; eine eben so kleine Gabe der besser ausgewählten bringt
alles wieder in Ordnung.
232 §251
Es giebt einige Arzneien (z.B. Ignazsamen, auch wohl Zaunrebe und
Wurzelsumach, zum Theil auch Belladonne), deren Veränderungskraft
des Befindens der Menschen, größtentheils in Wechsel-Wirkungen
- einer Art sich zum Theil entgegengesetzter Erstwirkungs-Symptome
- besteht. Fände da, bei Verordnung einer derselben, nach strenger
homöopathischer Wahl, der Heilkünstler dennoch keine Besserung,
so wird er (in acuten Krankheiten, schon nach einigen Stunden) durch
eine neue, eben so feine Gabe desselben Mittels, in den meisten
Fällen, bald seinen Zweck erreichen (1).
§252
Fände man aber beim Gebrauche der übrigen Arzneien, daß
in der chronischen Krankheit die bestens homöopathisch gewählte
Arznei, in der angemessenen (kleinsten) Gabe, die Besserung nicht
förderte, so ist dieß ein gewisses Zeichen, daß
die, die Krankheit unterhaltende Ursache noch fortwährt und
daß sich in der Lebensordnung des Kranken oder in seinen Umgebungen,
ein Umstand befindet, welcher abgeschaltet werden muß, wenn
die Heilung dauerhaft zu Stande kommen
soll.
§253
Unter den Zeichen die in allen, vorzüglich in den schnell
entstandenen (acuten) Krankheiten, einen kleinen, nicht jedermann
sichtbaren Anfang von Besserung oder Verschlimmerung zeigen, ist
der Zustand des Gemüths und des ganzen Benehmens des Kranken
das sicherste und einleuchtendste. Im Falle des, auch noch so
-----
1) Wie ich im Vorworte zum Ignazsamen (im zweiten Theile der reinen
Arzneimittellehre) umständlicher angegeben habe.
233
kleinen Anfanges von Besserung - eine größere Behaglichkeit,
eine zunehmende Gelassenheit, Freiheit des Geistes, erhöhter
Muth, eine Art wiederkehrender Natürlichkeit. Im Falle des,
auch noch so kleinen Anfangs von Verschlimmerung aber, das Gegentheil-
ein befangener, unbehülflicher, mehr Mitleid auf sich ziehender
Zustand des Gemüthes, des Geistes, des ganzen Benehmens und
aller Stellungen, Lagen und Verrichtungen, was bei genauer Aufmerksamkeit
sich leicht sehen oder zeigen, nicht aber in Worten beschreiben
läßt (1).
§254
Die übrigen neuen, der zu heilenden Krankheit fremden Zufälle,
oder im Gegentheile, die Verminderung der ursprünglichen Symptome,
ohne Zusatz von neuen, werden dem scharf beobachtenden und forschenden
Heilkünstler über die Verschlimmerung oder Besserung vollends
bald keinen Zweifel mehr übrig lassen, ob-
-----
1) Die Besserungszeichen am Gemüthe und Geiste lassen sich
aber nur dann bald nach dem Einnehmen der Arznei erwarten, wenn
die Gabe gehörig (d. i. möglichst) klein war; eine unnöthig
größere, selbst der homöopathisch passendsten Arznei,
wirkt zu heftig und stört Geist und Gemüth anfänglich
allzu sehr und allzu anhaltend, als daß man an dem Kranken
die Besserung baId gewahr werden könnte; anderer Nachtheile
(§. 276) allzu großer Gaben hier zu geschweigen. Hier
bemerke ich, daß gegen diese so nöthige Regel, am meisten
von dünkelhaften Anfängern in der Homöopathik und
von den, aus der alten Schule zur homoopathischen Heilkunst übergehenden
Aerzten gesündigt wird. Diese scheuen in solchen Fällen,
aus alten Vorurtheilen, die kleinsten Gaben der höheren Dynamisationen
der Arzneien und müssen so, die großen Vorzüge und
Segnungen jenes, in tausend Erfahrungen heilsamst befundenen Verfahrens
entbehren, können nicht leisten, was die ächte Homöopathik
vermag, und gehen sich daher mit Unrecht für deren Schüler
aus.
234
gleich es unter den Kranken einige giebt, welche theils die Besserung,
theils die Verschlimmerung überhaupt, weder von selbst anzugeben
unfähig, noch sie zu gestehen geartet sind.
§255
Dennoch wird man auch bei diesen zur Ueberzeugung hierüber
gelangen, wenn man jedes, im Krankheitsbilde aufgezeichnete Symptom
einzeln mit ihnen durchgeht und sie außer diesen, über
keine neuen, vorher ungewöhnlichen Beschwerden klagen können,
auch keines der alten Zufälle sich verschlimmert hat. Dann
muß, bei schon beobachteter Besserung des Gemüthes und
Geistes, die Arznei auch durchaus wesentliche Minderung der Krankheit
hervorgebracht haben, oder, wenn jetzt noch die Zeit dazu zu kurz
gewesen wäre, bald hervorbringen. Zögert nun, im Fall
der Angemessenheit des Heilmittels, die sichtbare Besserung doch
zu lange, so liegt es entweder am unrechten Verhalten des Kranken,
oder an andern, die Besserung hindernden Umständen.
§256
Auf der andern Seite, wenn der Kranke diese oder jene neu entstandenen
Zufälle und Symptome von Erheblichkeit erzählt - Merkmale
der nicht homöopathisch passend gewählten Arznei - so
mag er noch so gutmüthig versichern: er befinde sich in der
Besserung (1), man hat ihm in dieser Versicherung dennoch nicht
zu glauben, sondern seinen Zustand als verschlimmert anzusehen,
wie es denn ebenfalls der Augenschein bald offenbar lehren wird.
-----
1) Dieß ist nicht selten der Fall bei Schwindsüchtigen
mit Lungen-Eiterung.
235 §257
Der ächte Heilkünstler wird es zu vermeiden wissen, sich
Arzneien vorzugsweise zu Lieblingsmitteln zu machen, deren Gebrauch
er, zufälliger Weise, vielleicht öfterer angemessen gefunden
und mit gutem Erfolge anzuwenden Gelegenheit gehabt hatte. Dabei
werden seltener angewendete, welche homöopathisch passender,
folglich hülfreicher wären, oft hintangesetzt.
§258
Eben so wird der ächte Heilkünstler auch die, wegen unrichtiger
Wahl (also aus eigner Schuld) hie und da mit Nachtheil angewendeten
Arzneien nicht aus mißtrauischer Schwäche beim fernern
Heilgeschäfte hintansetzen, oder aus andern (unächten)
Gründen, als denen, weil sie für den Krankheitsfall unhomöopathisch
waren, vermeiden, eingedenk der Wahrheit, daß stets bloß
diejenige unter den arzneilichen Krankheitspotenzen Achtung und
Vorzug verdient, welche, in dem jedesmaligen Krankheitsfalle, der
Gesammtheit der charakteristischen Symptome am treffendsten in Aehnlichkeit
entspricht und daß keine kleinlichen Leidenschaften sich in
diese ernste Wahl mischen dürfen.
§259
Bei der so nöthigen als zweckmäßigen Kleinheit
der Gaben, im homöopathischen Verfahren, ist es leichtbegreiflich,
daß in der Cur alles Uebrige aus der Diät und Lebensordnung
entfernt werden müsse, was nur irgend arzneilich wirken könnte,
damit die feine Gabe nicht durch fremdartig arzneilichen Reiz überstimmt
und verlöscht, oder auch nur gestört werde (1).
-----
1) Die sanftesten Flötentöne, die aus der Ferne, in stiller
Mitternacht, ein weiches Herz zu überirdischen Ge-
236
§260
Für chronisch Kranke ist daher die sorgfältige Aufsuchung
solcher Hindernisse der Heilung um so nöthiger, da ihre Krankheit
durch dergleichen Schädlichkeiten und andere krankhaft wirkende,
oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung gewöhnlich verschlimmert
worden war (1).
-----
fühlen erheben und in religiöse Begeisterung, hinschmelzen
würden, werden unhörbar und vergeblich, unter fremdartigem
Geschrei und Tags-Getöse.
1) Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere
mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen
Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen
Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte
Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark
duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver
und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen
und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen
Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche
Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln
und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen),
Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen,
Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.;
alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch
und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges
Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche
Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu
entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes,
so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke;
Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in
eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative
Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges
Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen
in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche
Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism
oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der
Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterd-
237
§261
Die, beim Arzneigebrauche in chronischen Krankheiten zweckmäßigste
Lebensordnung, beruht auf Entfernung solcher Genesungs-Hindernisse
und dem Zusatze des hie und da nöthigen Gegentheils: unschuldige
Aufheiterung des Geistes und Gemüths, active Bewegung in freier
Luft, fast bei jeder Art von Witterung, (tägliches Spazierengehen,
kleine Arbeiten mit den Armen), angemessene, nahrhafte, unarzneiliche
Speisen und Getränke u.s.w..
§262
In hitzigen Krankheiten hingegen außer bei Geistesverwirrung
-entscheidet der feine, untrügliche, innere Sinn des hier sehr
regen, instinktartigen Lebens-Erhaltungs-Triebes, so deutlich und
bestimmt, daß der Arzt die Angehörigen und die Krankenwärter
bloß zu bedeuten braucht, dieser Stimme der Natur kein Hinderniß
in den Weg zu legen, sei es durch Versagung dessen, was der Kranke
sehr dringend an Genüssen fordert, oder durch schädliche
Anerbietungen und Ueberredungen.
§263
Zwar geht das Verlangen des acut Kranken, an Genüssen und
Getränken, größtentheils auf palliative Erleichterungsdinge;
sie sind aber nicht eigentlich arz-
-----
rückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames,
des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung
des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit;
sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben~ u.s.w. Alle
diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden,
wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht
werden soll. Einige meiner Nachahmer scheinen durch Verbieten noch
weit mehrer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des
Kranken unnöthig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.
238
neilicher Art und bloß einem derzeitigen Bedürfniß
angemessen. Die geringen Hindernisse, welche diese, in mäßigen
Schranken gehaltene Befriedigung, etwa der gründlichen Entfernung
der Krankheit in den Weg legen könnte (1), werden von der Kraft
der homöopathisch passenden Arznei und des durch sie entfesselten
Lebensprincips, so wie von der durch das sehnlich Verlangte erfolgten
Erquickung reichlich wieder gut gemacht, ja überwogen. Eben
so muß auch in acuten Krankheiten die Temperatur des Zimmers
und die Wärme oder Kühle der Bedeckungen, ganz nach dem
Wunsche des Kranken eingerichtet werden. Alle geistigen Anstrengungen,
so wie alle Gemüths-Erschütterungen, sind von ihm entfernt
zu halten.
§264
Der wahre Heilkünstler muß die vollkräftigsten,
ächtesten Arzneien in seiner Hand haben, um sich auf ihre Heilkraft
verlassen zu können, er muß sie seIbst nach ihrer Aechtheit
kennen .
§265
Es ist Gewissenssache für ihn, in jedem Falle untrüglich
überzeugt zu sein, daß der Kranke jederzeit die rechte
Arznei einnehme, und deßhalb muß er die richtig gewählte
Arznei dem Kranken aus seinen eignen Händen geben, auch sie
selbst zubereiten (2).
-----
1) Dieß ist jedoch selten. So hat z.B. in reinen Entzündungskrankheiten,
wo Aconit so unentbehrlich ist, dessen Wirkung aber durch Gewächssäure-Genuß
im Organism aufgehoben werden würde, der Kranke fast stets
nur auf reines kaltes Wasser Verlangen.
2) Um dieses wichtige Grundprincip meiner Lehre aufrecht zu erhalten,
habe ich seit dem Beginne ihrer Entdeckung viele Verfolgungen erduldet.
239
§266
Die Substanzen des Thier- und Pflanzen-Reiches, sind in ihrem rohen
Zustande am arzneilichsten (1).
-----
1) Alle rohen Thier- und Pflanzen-Substanzen haben mehr oder weniger
Arzneikräfte und können das Befinden der Menschen ändern,
jede auf ihre eigne Art. Diejenigen Pflanzen und Thiere, deren die
aufgeklärtesten Völker sich zur Speise bedienen, haben
den Vorzug eines größern Gehaltes an Nahrungsstoffen,
und weichen auch darin von den übrigen ab, daß die Arzneikräfte
ihres rohen Zustandes, theils an sich nicht sehr heftig sind, theils
vermindert werden durch die Zubereitung in der Küche und Haushaltung,
durch Auspressen des schädlichen Saftes (wie die Cassave-Wurzel
in Süd-Amerika), durch Gähren des Getreide-Mehls im Teige
zur Brodbereitung, des ohne Essig bereiteten Sauerkrautes und der
Salz-Gurken, durch Räuchern und durch die Gewalt der Hitze
(beim Kochen, Schmoren, Rösten, Braten, Backen; der Kartoffeln,
durch Gahr-Sieden mittels Wasser-Dampfes), wodurch die Arzneitheile
mancher solcher Substanzen, zum Theil zerstört und verflüchtigt
werden. Durch Zusatz des Kochsalzes (Einpökeln) und des Essigs
(Saucen, Salate) verlieren wohl die Thier- und Gewächs-Substanzen
viel von ihrer arzneilichen Schädlichkeit, erhalten aber dagegen
andre Nachtheile von diesen Zusätzen.
Doch auch die arzneikräftigsten Pflanzen verlieren ihre Arzneikraft
zum Theil oder auch gänzlich durch solche Behandlungen. Durch
völliges Trocknen verlieren alle Wurzeln der Iris-Arten, des
Märrettigs, der Aron-Arten und der Päonien, fast alle
ihre Arzneikraft. Der Saft der heftigst arzneilich wirkenden Pflanzen
wird durch die Hitze der gewöhnlichen Extract-Bereitung oft
zur ganz unkräftigen, pechartigen Masse. Schon durch langes
Stehen an der Luft wird der ausgepreßte Saft der an sich tödtlichsten
Pflanzen ganz kraftlos; er geht von selbst bei milder Luftwärme
schnell in Weingährung über, wodurch er schon viel Arzneikraft
verloren hat und unmittelbar darauf in Essig- und Faul-Gährung,
und wird so aller eigenthümlichen Arzneikräfte beraubt;
das sich am Boden gesammelte und ausgewaschene Satzmehl, ist dann
völlig unschädlich, wie jedes andere Stärkemehl.
Selbst beim Schwitzen einer Menge
240
§267
Der Kräfte der einheimischen und frisch zu bekommenden Pflanzen,
bemächtigt man sich am vollständigsten und gewißesten,
wenn ihr ganz frisch ausgepreßter Saft unverzüglich mit
gleichen Theilen Schwamm-zündenden Weingeistes wohl gemischt
wird. Von dem nach Tag und Nacht in verstopften Gläsern abgesetzten
Faser und Eiweiß-Stoffe wird dann das Helle abgegossen, zum
Verwahren für den arzneilichen Gebrauch (1). Von dem zugemischten
Weingeiste wird alle Gährung des Pflanzensaftes augenblicklich
gehemmt und auch für die Folge unmöglich gemacht und die
ganze Arzneikraft des Pflanzensaftes erhält sich so (vollständig
und unverdorben) auf immer, in wohl ver-
-----
über einander liegender, grüner Kräuter, geht der
größte Theil ihrer Arzneikräfte verloren.
1) Buchholz (Taschenb. f. Scheidek. u. Apoth. a. d. J. 1815. Weimar,
Abth. I. Vl.) versichert seine Leser (und sein Recensent in der
Leipziger Literaturzeitung 1816. N. 82. widerspricht nicht): diese
vorzügliche Arzneibereitung habe man dem Feldzuge in Rußland
(1812) zu danken, von woher sie (1813) nach Deutschland gekommen
sey. Daß diese Entdeckung und diese Vorschrift, die er mit
meinen eignen Worten aus der ersten Ausgabe des Organon's der rat.
Heilkunde (§. 230. und Anmerk.) anführt, von mir herrühre
und daß ich sie in diesem Buche schon zwei Jahre vor dem russischen
Feldzuge (1810 erschien das Organon) zuerst der Welt mittheilte,
das verschweigt er, nach der edeln Sitte vieler Deutschen, gegen
das Verdienst ihrer Landsleute ungerecht zu seyn. Aus Asiens Wildnissen
her erdichtet man lieber den Ursprung einer Erfindung, deren Ehre
einem Deutschen gebührt. Welche Zeiten! Welche Sitten!
Man hat wohl ehedem auch zuweilen Weingeist zu Pflanzensäften
gemischt, z.B. um sie zur Extractbereitung einige Zeit aufheben
zu können, aber nie in der Absicht, sie in dieser Gestalt einzugeben.
241
stopften, an der Mündung mit geschmolzenem Wachse gegen alle
Verdünstung des Inhaltes wohl verdichteten und vor dem Sonnenlichte
verwahrten Gläsern (1).
§268
Die übrigen, nicht frisch zu erlangenden, ausländischen
Gewächse, Rinden, Samen und Wurzeln, wird der vernünftige
Heilkünstler nie in Pulverform auf Treu und Glauben annehmen,
sondern sich von ihrer Aechtheit in ihrem rohen, ungepulverten Zustande
vorher überzeugen, ehe er die mindeste arzneiliche Anwendung
von ihnen macht (2).
-----
1) Obwohl gleiche Theile Weingeist und frisch ausgepreßter
Saft, gewöhnlich das angemessenste Verhältniß bilden,
um die Absetzung des Faser- und Eiweiß-Stoffes zu bewirken,
so hat man doch für Pflanzen, welche viel zähen Schleim
(z. B. Beinwellwurzel, Freisam-Veilchen u.s.w.) oder ein Uebermaß
an Eiweiß-Stoff enthalten (z. B. Hundsdill-Gleiß, Schwarz-Nachtschatten
u.s.w.), gemeiniglich ein doppeltes Verhältniß an Weingeist
zu dieser Absicht nöthig. Die sehr saftlosen, wie Oleander,
Buchs und Eibenbaum, Porst, Sadebaum u.s.w., müssen zuerst
für sich zu einer feuchten, feinen Masse gestoßen, dann
aber mit einer doppelten Menge Weingeist zusammengerührt werden,
damit sich mit letzterm der Saft vereinige, und so ausgezogen, durchgepreßt
werden könne; man kann letztere aber auch getrocknet, (wenn
man gehörige Kraft beim Reiben in der Reibeschale anwendet)
zur millionfachen Pulver-Verreibung mit Milchzucker bringen, und
dann nach Auflösung eines Grans davon, die fernern flüssigen
Dynamisationen verfertigen (s. §. 271.).
2) Um sie als Pulver zu verwahren, bedarf man einer Vorsicht, die
man bisher in Apotheken fast nicht kannte und daher Pulver, von
selbst gut getrockneten Thier- und Gewächs-Substanzen, in wohlverstopften
Gläsern nicht unverdorben aufheben konnte. Die auch völlig
trocknen, ganzen, rohen Gewächs-Substanzen, enthalten doch
noch immer als unentbehrliche Bedingung des Zusammenhanges
242 §269
Die homöopathische Heilkunst entwickelt zu ihrem besondern
Behufe die innern, geistartigen Arzneikräfte der rohen Substanzen,
mittels einer ihr eigenthümlichen, bis zu meiner Zeit unversuchten
Behandlung, zu einem, früher unerhörten Grade, wodurch
sie sämmtlich erst recht sehr, ja unermeßlich - "durchdringend"
wirksam und hülfreich werden (1), selbst diejenigen unter
-----
ihres Gewebes, einen gewissen Antheil Feuchtigkeit, welcher zwar
die ganze, ungepülverte Drogue nicht hindert, in einem so trocknen
Zustande zu verharren, als zu ihrer Unverderblichkeit gehört,
für den Zustand des feinen Pulvers aber bei weitem zu viel
wird. Die im ganzen Zustande völlig trockne Thier- und Gewächs-Substanz
giebt daher, fein gepülvert, ein einigermaßen feuchtes
Pulver, welches, ohne in baldige Verderbniß und Verschimmelung
überzugehen, in verstopften Gläsern nicht aufgehoben werden
kann, wenn es nicht vorher von dieser überflüssigen Feuchtigkeit
befreit worden war. Dieß geschieht am besten, wenn das Pulver
auf einer flachen Blechschale mit hohem Rande, die in einem Kessel
kochenden Wassers schwimmt (d. i. im Wasserbade), ausgebreitet und
so weit mittels Umrührens getrocknet wird, daß alle kleinen
Theile desselben nicht mehr klümperig zusammenhängen,
sondern wie trockner, feiner Sand sich leicht von einander entfernen
und leicht verstieben. In diesem trocknen Zustande, lassen sich
die feinen Pulver, auf immer unverderblich, in wohl verstopften
und versiegelten Gläsern aufbewahren, in ihrer ursprünglichen,
vollständigen Arzneikraft, ohne je mietig oder schimmlicht
zu werden; am besten, wenn die Gläser vor dem Tageslichte (in
verdeckten Büchsen, Kasten, Schachteln) verwahrt werden. In
nicht luftdicht verschlossenen Gefäßen und nicht vom
Zugange des Sonnen- und Tageslichtes entfernt, verlieren alle Thier-
und Gewächs-Substanzen mit der Zeit immer mehr und mehr an
ihrer Arzneikraft, selbst im ganzen, weit mehr aber noch im Pulverzustande.
1) Lange vor dieser meiner Erfindung, waren schon durch die Erfahrung
mehrere Veränderungen bekannt ge-
243
ihnen, welche im rohen Zustande nicht die geringste Arzneikraft
im menschlichen Körpern äußern. Diese merkwürdige
Veränderung in den Eigenschaften der Natur-Körper, durch
mechanische Einwirkung auf ihre kleinsten Theile, durch Reiben und
Schütteln (während sie mittels Zwischentritts einer indifferenten
Substanz, trockner oder flüssiger Art, von einander getrennt
sind) entwickelt die latenten, vorher unmerklich, wie schlafend
(1) in ihnen verborgen gewesenen, dynamischen
-----
worden, welche in verschiednen Natur-Substanzen durch Reiben hervorgebracht
werden; z. B. Wärme, Hitze, Feuer, Geruchs-Entwickelung in
an und für sich geruchlosen Körpern, Magnetisirung des
Stahls u.s.w. Doch hatten alle diese, durch Reiben erzeugten Eigenschaften,
nur auf das Physische und Leblose Bezug; aber das Natur-Gesetz,
nach welchem physiologische und pathogenische, den lebenden Organism
in seinem Befinden umändernde Kräfte, in der rohen Materie
der Arzneimittel, ja selbst in den, sich noch nie als arzneilich
erwiesenen Natur-Substanzen, durch Reiben und Schütteln erzeugt
werden doch unter der Bedingung, daß dies mittels Zwischentritts
eines unarzneilichen (indifferenten) Mediums in gewissen Verhältnissen
geschehe - Dieses wunderbare physische, vorzüglich aber physiologisch-pathogenische
Natur-Gesetz, war vor meiner Zeit noch nicht entdeckt worden.
Was Wunder also, wenn die jetzigen Naturkündiger und Aerzte
(hiemit noch unbekannt) bisher an die zauberische Heilkraft der,
nach homöopathischer Lehre bereiteten (dynamisirten) und in
so kleiner Gabe angewendete Arzneimittel, bisher nicht glaubten!
1) So ist auch in der Eisen-Stange und dem Stahl-Stabe eine im
Innern derselben schlummernde Spur von latenter Magnet-Kraft nicht
zu verkennen, indem beide, wenn sie nach ihrer Verfertigung durch
Schmieden aufrecht gestanden haben, mit dem untern Ende den Nordpol
einer Magnet-Nadel abstoßen und den Südpol anziehen,
während ihr oberes Ende sich an der Magnet-Nadel als Südpol
erweist. Aber dies ist nur eine latente Kraft; nicht einmal
244
(§. 11.) Kräfte, welche vorzugsweise auf das Lebensprinzip,
auf das Befinden des thierischen Lebens Einfluß haben (1).
Man nennt daher diese Bearbeitung derselben Dynamisiren, Potenziren
(Arzneikraft-Entwickelung) und die Produkte davon, Dynamisationen
(2), oder Potenzen in verschiednen Graden.
-----
die feinsten Eisen-Späne können von einem der beiden Enden
eines solchen Stabes magnetisch angezogen oder festgehalten werden.
Nur erst wenn wir diesen Stahl-Stab dynamisiren, ihn mit einer stumpfen
Feile stark nach Einer Richtung hin reiben, wird er zum wahren,
thätigen, kräftigen Magnete, kann Eisen und Stahl an sich
ziehen und selbst einem andern Stahl-Stabe, durch bloße Berührung,
ja selbst sogar in einiger Entfernung gehalten, magnetische Kraft
mittheilen, in desto höherem Grade je mehr man ihn so gerieben
hatte, und ebenso entwickelt Reiben der Arznei-Substanz und Schütteln
ihrer Auflösung (Dynamisation, Potenzirung) die medicinischen,
in ihr verborgen liegenden Kräfte und enthüllt sie mehr
und mehr, oder vergeistiget vielmehr die Materie selbst, wenn man
so sagen darf.
1) Sie bezieht sich aus diesem Grunde bloß auf die Erhöhung
und stärkere Entwickelung ihrer Macht, Veränderungen im
Befinden der Thiere und Menschen hervorzubringen, wenn jene Naturkörper
in diesem verbesserten Zustande der lebenden, empfindenden Faser
ganz nahe gebracht werden, oder dieselbe berühren (beim Einnehmen
oder Riechen); so wie ein Magnet-Stab, vorzüglich wenn seine
magnetische Kraft verstärkt (dynamisirt) worden, in einer,
dessen Pol nahe liegenden oder ihn berührenden Stahlnadel,
nur magnetische Kraft erzeugt, den Stahl aber in seinen übrigen
chemischen und physischen Eigenschaften nicht ändert, auch
keine Veränderung in andern Metallen (z. B. im Messing) hervorbringt;
eben so wenig, als die dynamisirten Arzneien auf leblose Dinge irgend
eine Wirkung ausüben.
2) Man hört noch täglich die homöopathischen Arznei-Potenzen
bloß Verdünnungen nennen, da sie doch das Gegentheil
derselben, d.i. wahre Aufschließung der Natur-Stoffe und zu
Tage-Förderung und Offenbarung der in ihrem innern Wesen verborgen
gelegenen, specifischen Arzneikräfte
245
§270
Um nun diese Kraft-Entwickelung am besten zu bewirken, wird ein
kleiner Theil der zu dynamisirenden Substanz, etwa Ein Gran, zuerst
durch dreistündiges Reiben mit dreimal 100 Gran Milchzucker
auf die unten (1) angegebne Weise zur millionfachen Pulver-
-----
sind, durch Reiben und Schütteln bewirkt, wobei ein zu Hülfe
genommenes, unarzneiliches Verdünnungs-Medium bloß als
Neben-Bedingung hinzutritt. Verdünnung allein, z.B. die, der
Auflösung eines Grans Kochsalz, wird schier zu bloßem
Wasser; der Gran Kochsalz verschwindet in der Verdünnung mit
vielem Wasser und wird nie dadurch zur Kochsalz-Arznei, die sich
doch zur bewundernswürdigsten Stärke, durch unsere wohlbereiteten
Dynamisationen, erhöht.
1) Man trägt den dritten Theil von 100 Gran Milchzucker-Pulver
in eine glasirte, porcellanene, am Boden mit feinem, feuchtem Sande
mattgeriebene Reibeschale und thut dann oben auf dies Pulver Einen
Gran von der zu bearbeitenden gepülverten Arznei-Substanz (Einen
Tropfen Quecksilbers, Steinöhls u.s.w.). Der, zur Dynamisation
anzuwendende Milchzucker muß von jener vorzüglich reinen
Gattung sein, welche an Fäden krystallisirt, in Form rundlicher
Stangen zu uns kömmt. Einen Augenblick lang mischt man Arznei
und Pulver mittels eines Spatels von Porcellan zusammen und reibt
etwa 6, 7 Minuten lang mit dem, unten matt geriebenen, porcellanenen
Pistill, die Mischung ziemlich stark; darauf scharrt man vom Boden
der Reibeschaale und unten vom ebenfalls unten matt geriebenen Pistill
die Masse wohl auf, um sie gleichartig zu machen, binnen etwa 3,
4 Minuten; sechs bis sieben Minuten lang fährt man dann wieder,
ohne Zusatz, mit der Reibung in gleicher Stärke fort und scharrt
während 3, 4 Minuten vom Boden des Mörsers und unten vom
Pistill, das Geriebene auf, worauf man das zweite Drittheil des
Milchzuckers hinzuthut, einen Augenblick lang das Ganze mit dem
Spatel umrührt, mit gleicher Stärke 6, 7 Minuten lang
reibt, darauf etwa 3, 4 Minuten lang wieder aufscharrt, das Reiben
6, 7 Minuten lang ohne Zusatz wiederholt und 3, 4 Minuten lang aufscharrt;
ist dies geschehen, so nimmt man das letzte Drittheil Milchzucker,
246
Verdünnung gebracht. Aus Gründen die weiter unten in
der Anmerkung angegeben sind, wird zuerst Ein Gran dieses Pulvers
in 500 Tropfen eines, aus einem Theile Branntwein und vier Theilen
destillirtem Wasser
-----
rührt mit dem Spatel um, reibt wieder 6, 7 Minuten lang stark,
scharrt während etwa 3, 4 Minuten zusammen und schließt
endlich mit der letzten, 6, 7 minütlichen Reibung und sorgfältigsten
Einscharrung. Das so bereitete Pulver, wird in einem wohl zugepfropften,
vor Sonne und Tageslicht geschützten Fläschchen aufbewahrt,
welches man mit dem Namen der Substanz und mit der Aufschrift des
ersten Products 100, bezeichnet. Um nun dies Product bis zu 10.000
zu erheben, nimmt man einen Gran des Pulvers /100, trägt ihn
mit dem Drittheil von 100 Gran gepülverten Milchzuckers in
die Reibeschaale, mischt das Ganze mit dem Spatel zusammen und verfährt
dann wie oben angezeigt; indem man jedoch sorgfältig jedes
Drittheil zweimal stark verreibt, jedesmal während etwa 6,
7 Minuten und unterdeß während etwa 3, 4 Minuten aufscharrt,
bevor man das zweite und letzte Drittheil des Milchzuckers dazuthut.
Nach Hinzufügung eines jeden dieser Drittheile, verfährt
man auf dieselbe Weise wie zuvor. Wenn alles beendigt ist, thut
man das Pulver in ein wohl verpfropftes, mit der Aufschrift /10.000
versehenes Fläschchen. Wenn man nun in derselben Art mit Einem
Gran dieses letzten Pulvers verfährt, so erhebt man dasselbe
auf I.d.h. auf die millionste Potenz, dergestalt, daß jeder
Gran dieses Pulvers den millionsten Theil eines Grans der ursprünglichen
Substanz enthält. Demnach erfordert eine solche Pulverbereitung
für drei Grade sechsmal 6, 7 Minuten zur Verreibung und sechsmal
3, 4 Minuten zum Aufscharren, was folglich eine Stunde für
jeden Grad bedingt. Dann enthält nach der ersten, einstündigen
Reibung das Präparat in jedem Grane l:100, nach der zweiten
jeder Gran l:10.000 und nach der dritten und letzten in jedem Grane
1/1000000 der dazu angewendeten Arzneisubstanz *). Mörser,
*) Dies sind die drei Grade der trockenen Pulver-Verreibung, welche
wohl vollführt, schon einen guten Anfang zur Kraft-Entwickelung
(Dynamisation) der Arzneisubstanz bewirkt haben.
247
bestehenden Gemisches aufgelöst und hievon ein einziger Tropfen
in ein Fläschchen gethan. Hiezu fügt man 100 Tropfen guten
Weingeist (1) und giebt dann dem, mit seinem Stöpsel zugepfropften
Fläschchen, 100 starke Schüttelstöße mit der
Hand gegen einen harten, aber elastischen Körper (2) geführt.
Dies ist die Arznei im ersten Dynamisations-Grade, womit man feine
Zucker-Streukügelchen (3) erst wohl befeuchtet (4) dann schnell
auf Fließpapier ausbreitet, trocknet und in einem zugepfropften
Gläschen aufbewahrt, mit dem Zeichen des ersten (I) Potenzgrades.
-----
Pistill und Spatel müssen wohl gereinigt sein, ehe die Bereitung
einer andern Arznei damit unternommen wird. Mit warmem Wasser wohl
gewaschen und rein abgetrocknet, werden Mörser, Pistill und
Spatel, dann nochmals eine halbe Stunde lang in einem mit Wasser
gefüllten Kessel ausgekocht; man müßte denn etwa
die Vorsicht so weit treiben wollen, diese Werkzeuge auf Kohlen
einer, bis zum Anfang des Glühens gesteigerten Hitze auszusetzen.
1) Womit das Potenzirungs-Fläschchen zu zwei Dritteln angefüllt
wird.
2) Etwa auf ein mit Leder eingebundenes Buch.
3) Man läßt sie unter seinen Augen vom Zuckerbäcker
aus Stärke-Mehl und Rohr-Zucker verfertigen, und die so verkleinten
Streukügelchen mittels der nöthigen Siebe zuerst von den
allzu feinen, staubartigen Theilen befreien, dann aber durch einen
Durchschlag gehen, dessen Löcher nur solche Kügelchen
durchlassen, wovon 100 Einen Gran wiegen, - die brauchbarste Kleinheit
für den Bedarf eines homöopathischen Arztes.
4) Man hat ein kleines zylindrisches Gefäß von der Form
eines Fingerhutes von Glas, Porcellan oder Silber, mit einer feinen
Oeffnung am Boden, worein man die Streukügelchen tut, welche
man arzneilich machen will; hierin befeuchtet man sie mit etwas
von dem so dynamisirten arzneilichen Weingeiste, rührt sie
um, und klopft dann das kleine (umgekehrte) Gefäß, auf
das Fließpapier aus, um sie schnell zu trocknen.
248
Hievon wird nur ein einziges (1) Kügelchen zur weitern Dynamisirung
genommen, in ein zweites, neues Fläsch-
-----
1) Als noch nach der anfänglichen Vorschrift immer ein voller
Tropfen der Flüssigkeit niedrern Potenz-Grades zu 100 Tropfen
Weingeist zum höher Potenziren genommen ward, war dies Verhältniß
des Verdünnungs-Mediums zu der, darin zu dynamisirenden Arznei-Menge,
(100. zu 1.) viel zu eng beschränkt, als daß eine Menge
solcher Schüttel-Schläge, ohne große Gewalt anzuwenden,
die Kräfte der angewendeten Arznei-Substanz gehörig und
in hohem Grade hätten entwickeln können, wie mich mühsame
Versuche davon überzeugt haben. Nimmt man aber ein einziges
solches Streukügelchen, wovon 100 einen Gran wiegen, um es
mit hundert Tropfen (Weingeist) zu dynamisiren, so wird das Verhältniß
wie 1 zu 50,000, ja größer noch, indem 500 solcher Streukügelchen
noch nicht völlig Einen Tropfen zu ihrer Befeuchtung annehmen
können. Bei diesem ungleich höherm Verhältnisse zwischen
Arzneistoff und Verdünnnngs-Medium, können viele Schüttel-Schläge
des mit Weingeist bis zu 2/3 angefüllten Fläschchens eine
bei weitem größere Kraft-Entwickelung hervorbringen.
Werden aber bei einem so geringen Verdünnungs-Medium, wie 100.
zu 1. der Arznei sehr viele Stöße mittels einer kräftigen
Maschine gleichsam eingezwungen, so entstehen Arzneien, welche,
vorzüglich in den höhern Dynamisations-Graden, fast augenblicklich,
aber mit stürmischer, ja gefährlicher Heftigkeit, besonders
auf den schwächlichen Kranken einwirken, ohne dauernde, gelinde
Gegenwirkung des Lebensprincips zur Folge zu haben. Die von mir
angegebne Weise hingegen, erzeugt Arznei von höchster Kraft-Entwickelung
und gelindester Wirkung, die aber, wohl gewählt, alle kranken
Punkte heilkräftig berührt*). Von diesen weit vollkommner
dynamisirten Arznei-
-----
*) Nur in den sehr seltenen Fällen, wo bei schon fast völlig
hergestellter Gesundheit und bei guter Lebenskraft, dennoch ein
altes, beschwerliches Localübel unverrückt fortdauert
ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar unumgänglich nöthig,
die, sich dafür als homöopathisch hülfreich erwiesene
Arznei, jedoch mittelst vieler Hand-Schüttelschläge bis
zu einem sehr hohen Grade potenzirt, in steigenden Dosen einzugeben,
worauf ein solches Localübel oft wunderbarer Weise sehr bald
verschwindet.
249
chen gethan (mit Einem Tropfen Wasser, um es aufzulösen) und
dann mit 100 Tropfen guten Weingeistes auf gleiche Weise, mittels
100 starker Schüttel-Stöße dynamisirt. Mit dieser
geistigen Arznei-Flüssigkeit werden wiederum Streukügelchen
benetzt, schnell auf Fließpapier ausgebreitet, getrocknet,
in einem verstopften Glase vor Hitze und Tageslicht verwahrt und
mit dem Zeichen des zweiten Potenz-Grades (II.) versehen. Und so
fährt man fort, bis durch gleiche Behandlung Ein aufgelöstes
Kügelchen XXIX mit 100 Tropfen Weingeist, mittels 100 Schüttel-Stößen,
eine geistige Arznei-Flüssigkeit gebildet hat, wodurch damit
befeuchtete und getrocknete Streukügelchen den Dynamisations-Grad
XXX erhalten. Durch diese Bearbeitung roher Arznei-Substanzen, entstehen
Bereitungen, welche hiedurch erst die volle Fähigkeit erlangen,
die leidenden Theile im kranken Organism treffend zu berühren
und so durch ähnliche, künstliche Krankheits-Affection
dem in ihnen gegenwärtigen Lebensprincipe das Gefühl der
natürlichen Krankheit zu entziehen. Durch diese mechanische
Bearbeitung, wenn sie nach obiger Lehre gehörig vollführt
worden ist, wird bewirkt, daß die, im rohen Zustande sich
uns nur als Materie, zuweilen selbst als unarzneiliche Materie darstellende
Arznei-Substanz, mittels solcher höhern und höhern Dynamisationen,
sich endlich ganz (1) zu geistartiger Arznei-
-----
bereitungen, kann man in acuten Fiebern die kleinen Gaben von den
niedrigsten Dynamisations-Graden, selbst der Arzneien von langdauernder
Wirkung, (z. B. Belladonne) auch in kurzen Zwischenräumen wiederholen,
so wie in Behandlung chronischer Krankheiten am besten mit den niedrigsten
Dynamisations-Graden den Anfang machen und wo nöthig, zu den
höhern Graden übergehen, den immer kräftiger werdenden,
obgleich stets nur gelind wirkenden.
1) Man wird diese Behauptung nicht unwahrscheinlich finden, wenn
man erwägt, daß bei dieser Dynamisations-
250
Kraft subtilisirt und umwandelt, welche an sich zwar nun nicht
mehr in unsere Sinne fällt, für welche aber das arzneilich
gewordene Streukügelchen, schon trocken, weit mehr jedoch in
Wasser aufgelöst, der Träger wird und in dieser Verfassung
die Heilsamkeit jener unsichtbaren Kraft im kranken Körper
beurkundet.
§271
Wenn der Arzt seine homöopathischen Arzneien selbst bereitet,
wie er zur Menschen-Rettung aus Krankheiten, billig immer thun sollte
(211) so kann er, weil dazu
-----
Weise, (deren Präparate ich nach vielen mühsamen Versuchen
und Gegen-Versuchen als die kräftigsten und zugleich mildest
wirkenden, d.i. als die vollkommensten befunden habe) das Materielle
der Arznei sich bei jedem Dynamisations-Grade um 50,000 mal verringert
und dennoch Unglaublich an Kräftigkeit zunimmt, so daß
die fernere Dynamisation der in 125,000,000,000,000,000,000 erst
zur dritten Potenz, zum Kubik- Inhalt erhobnen Cardinale, (50,000),
wenn man letztere mit sich selbst multiplicirt und so in stetiger
Progression bis zum dreißigsten Grade der Dynamisation fortschreitet,
einen Bruchtheil giebt, der sich kaum mehr in Zahlen aussprechen
lassen würde. Ungemein wahrscheinlich wird es hiedurch, daß
die Materie mittels solcher Dynamisationen (Entwickelungen ihres
wahren, innern, arzneilichen Wesens) sich zuletzt gänzlich
in ihr individuelles geistartiges Wesen auflöse und daher in
ihrem rohen Zustande, eigentlich nur als aus diesem unentwickelten
geistartigen Wesen bestehend betrachtet werden könne.
211) Bis der Staat dereinst, nach erlangter Einsicht von der Unentbehrlichkeit
vollkommen bereiteter homöopathischer Arzneien dieselbe durch
eine fähige unparteiische Person verfertigen lassen wird, um
sie den, in homöopathischen Spitälern im Heilen geübten
und praktisch, wie theoretisch geprüften und so legitimierten,
homöopathischen Aerzten des Landes unentgeltlich verabfolgen
zu lassen, damit der Arzt nicht nur von der Güte dieser göttlichen
Werkzeuge zum Heilen überzeugt sei, sondern sie auch seinen
Kranken (Reichen und Armen) ohne Bezahlung geben könne.
251
wenig roher Stoff nöthig ist, wenn er den ausgepreßten
Saft zum Behufe der Heilung nicht etwa nöthig hat, die frische
Pflanze selbst anwenden, indem er etwa ein Paar Gran davon in die
Reibeschale thut, um sie mit dreimal 100 Gran Milchzucker zur millionfachen
Verreibung zu bringen (§. 270), ehe die weitere Potenzirung
eines aufgelösten, kleinen Theiles der letztern, durch Schütteln
vorgenommen wird; ein Verfahren, welches man auch mit den übrigen,
rohen Arzneistoffen trockner und öliger Natur zu beobachten
hat.
§272
Ein solches Kügelchen (212) trocken auf die Zunge gelegt,
ist eine der kleinsten Gaben für einen mäßigen,
so eben entstandnen Krankheits-Fall. Hier werden nur wenige Nerven
von der Arznei berührt, aber ein gleiches Kügelchen unter
etwas Milchzucker zerquetscht, in vielem Wasser (§. 247.) aufgelöst
und vor jedem Einnehmen wohl geschüttelt, giebt eine weit stärkere
Arznei zum Gebrauche auf viele Tage. Jede noch so kleine Menge hiervon
als Gabe gereicht, berührt dagegen sogleich viele Nerven.
§273
In keinem Falle von Heilung ist es nöthig und deßhalb
allein schon unzulässig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz
auf einmal beim Kranken anzuwenden. Es ist nicht einzusehen, wie
es nur dem mindesten Zweifel unterworfen sein könne, ob es
naturgemäßer und vernünftiger sey, nur einen einzelnen,
einfachen (1), wohl gekannten Arzneistoff
-----
1) Diese Streukügelchen (m. s. §. 270.) behalten ihre
Arzneikraft viele Jahre lang, wenn sie gegen Sonnenlicht und Hitze
verwahrt bleiben.
2) Die durch chemische Verwandtschaft, in unabänderlichen
Verhältnissen zweier einander entgegengesetzter Sub-
252
auf einmal in einer Krankheit zu verordnen, oder ein Gemisch von
mehreren, verschiednen. In der einzig wahren und einfachen, der
einzig naturgemäßen Heilkunst, in der Homöopathie,
ist es durchaus unerlaubt, dem Kranken zwei verschiedne Arzneisubstanzen
auf einmal einzugeben.
§274
Da der wahre Heilkünstler bei ganz einfachen, einzeln und
unvermischt angewendeten Arzneien schon findet, was er nur irgend
wünschen kann, (künstliche Krankheitspotenzen, welche
die natürlichen Krankheiten durch homöopathische Kraft
vollständig zu überstimmen, sie für das Gefühl
des Lebensprincips auszulöschen und dauerhaft zu heilen vermögen,)
so wird es ihm nach dem Weisheitsspruche: "daß es unrecht
sei durch Vielfaches bewirken zu wollen, was durch Einfaches möglich,"
nie einfallen, je mehr als einen einfachen Arznei-
-----
stanzen, zusammengesetzten Neutral- und Mittelsalze, so wie die
im Schooß der Erde entstandnen, geschwefelten Metalle und
die, durch Kunst in sich stets gleichbleibenden Verhältnissen
zusammengesetzten Verbindungen des Schwefels mit Laugensalzen und
Erden (z.B. geschwefeltes Natron, geschwefelte Kalkerde), so wie
die, aus Weingeist und Säuren durch Destillation verbundenen
Aether-Arten, könne sammt dem Phosphor als einfache Arznei-Substanzen
vom homöopathischen Arzte angenommen und bei Kranken gebraucht
werden. Hingegen sind jene, durch Säuren bewirkten Auszüge
der sogenannten Alkaloiden aus den Pflanzen, großer Verschiedenheit
in ihrer Bereitung unterworfen (z.B. Chinin, Strichnin, Morphin)
und können daher von dem homöopathischen Arzte nicht als
einfache, sich gleichbleibende Arzneien angenommen werden; zumahl
da er an den Pflanzen selbst, in ihrer natürlichen Beschaffenheit
(Chinarinde, Krähenaugen, Opium) schon alles besitzt, was er
zum Heilen von ihnen bedarf. Ueberdieß sind ja die Alkaloiden
nicht die einzigen Arznei-Bestandtheile der Pflanzen.
253
stoff als Heilmittel auf einmal einzugeben, schon deßhalb
nicht, weil, gesetzt auch, die einfachen Arzneien waren auf ihre
reinen, eigenthümlichen Wirkungen, im ungetrübten, gesunden
Zustande des Menschen vöIIig ausgeprüft, es doch unmöglich
vorauszusehen ist, wie zwei und mehrere Arznei-Stoffe in der Zusammensetzung
einander in ihren Wirkungen auf den menschlichen Körper hindern
und abändern konnten und weil dagegen ein einfacher Arzneistoff
bei seinem Gebrauche in Krankheiten, deren Symptomen-Inbegriff genau
bekannt ist, schon vollständig und allein hilft, wenn er homöopathisch
gewahlt war, und selbst in dem schlimmsten Falle, wo er der Symptomen-Aehnlichkeit
nicht ganz angemessen gewählt werden konnte, und also nicht
hilft, doch dadadurch nützt, daß er die Heilmittel-Kenntniß
befördert, indem durch die in solchem Falle von ihm erregten
neuen Beschwerden diejenigen Symptome bestätigt werden, welche
dieser Arzneistoff sonst schon in Versuchen am gesunden menschlichen
Körper gezeigt hatte; ein Vortheil, der beim Gebrauche aller
zusammengesetzten Mittel wegfällt (1).
§275
Die Angemessenheit einer Arznei für einen gegebnen Krankheitsfall,
beruht nicht allein auf ihrer treffenden homöopathischen Wahl,
sondern eben so wohl auf der erforderlichen, richtigen Größe
oder vielmehr Kleinheit ihrer Gabe. Giebt man eine allzu starke
Gabe
-----
1) Bei der treffend homöopathisch für den wohl überdachten
Krankheitsfall gewählten und innerlich gegebenen Arznei, nun
vollends noch einen, aus andern Arzneistoffen gewählten Thee
trinken, ein Krautersäckchen oder eine Bähung aus mancherlei
andern Kräutern auflegen, oder ein andersartiges Klystier einspritzen
und diese oder jene Salbe einreiben zu lassen, wird der vernünftige
Arzt dem unvernünftigen allöopathischen Schlendrian überlassen.
254
von einer, auch für den gegenwärtigen Krankheitszustand
völlig homöopathisch gewählten Arznei, so muß
sie, ungeachtet der Wohlthätigkeit ihrer Natur an sich, dennoch
schon durch ihre Größe und den hier unnöthigen,
überstarken Eindruck schaden, welchen sie auf die Lebenskraft
und durch diese gerade auf die empfindlichsten und von der natürlichen
Krankheit schon am meisten angegriffenen Theile im Organism, vermöge
ihrer homöopathischen Aehnlichkeits-Wirkung macht.
§276
Aus diesem Grunde schadet eine Arznei, wenn sie dem Krankheitsfalle
auch homöopathisch angemessen war, in jeder allzu großen
Gabe und in starken Dosen um so mehr, je homöopathischer und
in je höherer Potenz (1) sie gewählt war, und zwar weit
mehr als jede eben so große Gabe einer unhomöopathischen,
für den Krankheitszustand in keiner Beziehung passenden (allöopathischen)
Arznei. Allzu große Gaben einer treffend homöopathisch
gewählten Arznei und vorzüglich eine öftere Wiederholung
derselben, richten in der Regel großes Unglück an. Sie
setzen nicht selten den Kranken in Lebensgefahr, oder machen doch
seine Krankheit fast unheilbar. Sie löschen freilich die natürliche
Krankheit für das Gefühl des Lebensprincips aus, der Kranke
leidet nicht mehr an der ursprünglichen Krankheit von dem Augenblicke
an, wo die allzu starke Gabe der
-----
1) Das in neuern Zeiten von einigen Homöopathikern, den größern
Gaben ertheilte Lob beruht darauf, daß sie sich theils niedrigerer
Potenzgrade der zu reichenden, nach bisheriger Art dynamisirten
Arznei bedienten (wie etwa ich selbst vor vielen Jahren, in Ermangelung
bessern Wissens gethan) theils darauf, daß ihre Arzneien nicht
homöopathisch gewahlt, und auch vom Verfertiger sehr unvollkommen
bereitet waren.
255
homöopathischen Arznei auf ihn wirkt, aber er ist alsdann
stärker krank von der ganz ähnlichen, nur weit heftigern
Arznei-Krankheit, welche höchst schwierig wieder zu tilgen
ist (1).
§277
Aus gleichem Grunde, und da eine wohl dynamisirte Arznei, bei vorausgesetzter,
gehöriger Kleinheit ihrer Gabe, um desto heilsamer und fast
bis zum Wunder hülfreich wird, je homöopathischer sie
ausgesucht war, muß auch eine Arznei, deren Wahl passend homöopathisch
getroffen worden, um desto heilsamer sein, je mehr ihre Gabe zu
dem für sanfte Hilfe angemessensten Grade von Kleinheit herabsteigt.
-----
1) So entstehen fast unheilbare Quecksilber-Siechthume durch anhaltend
gebrauchte, angreifende, allöopathisch in großen Gaben
gegen die Syphilis verordnete Quecksilber-Mittel, da doch, wenn
der Schanker nicht durch äußere Mittel vertrieben worden
wäre (wie es durch die Allöopathie immer geschieht), eine
oder etliche Gaben eines milden, aber wirksamen Quecksilber-Mittels,
die ganze venerische Krankheit sammt dem Schanker in wenigen Tagen
gewiß gründlich geheilt haben würden. Eben so giebt
auch der Allöopath die Chinarinde und das Chinin in Wechselfiebern,
wo solche richtig homöopathisch angezeigt waren und wo Eine
sehr kleine Gabe hochpotenzirter China unfehlbar helfen mußte
(in Sumpf-Wechselfiebern, und selbst bei Personen, die an keiner
offenbaren Psora-Krankheit litten) in sehr großen Gaben, Tag
für Tag, und erzeugt dadurch (während zugleich die Psora
entwickelt wird), ein chronisches China-Siechthum, welches den Kranken
wo nicht allmälig tödtet, durch Verderbniß innerer,
für´s Leben wichtiger Organe, vorzüglich der Milz
und der Leber, ihn doch wenigstens Jahre lang in einem traurigen
Gesundheits-Zustande leiden macht. Ein homöopathisches Gegenmittel
wider diese Art, durch Uebermaß des Gebrauchs großer
Gaben homöopathischer Arzneien erzeugter Uebel, ist kaum denkbar.
256
§278
Hier entsteht nun die Frage, welches dieser, für so gewisse
als sanfte Hülfe angemessenste Grad von Kleinheit sey, wie
klein also, zum Behufe der besten Heilung die Gabe jeder einzelnen,
für einen Krankheitsfall homöopathisch gewählten
Arznei sein müsse? Diese Aufgabe zu lösen, für jede
Arznei insbesondere zu bestimmen, welche Gabe derselben zu homöopathischem
Heilzwecke genüge und dabei doch so klein sey, daß die
sanfteste und schnellste Heilung dadurch erreicht werde, ist, wie
man leicht einsehen kann, nicht das Werk theoretischer Muthmaßung;
grübelnder Verstand, klügelnde Vernünftelei geben
darüber eben so wenig Auskunft als es möglich ist, alle
denkbaren Falle im Voraus in einer Tabelle zu verzeichnen. Einzig
nur reine Versuche, sorgfältige Beobachtung der Erregbarkeit
jedes Kranken und richtige Erfahrung können dieß in jedem
besondern Falle bestimmen und es wäre thöricht, die großen
Gaben unpassender (allöopathischer) Arznei der alten Praxis,
welche die kranke Seite des Organismus nicht homöopathisch
berühren, sondern nur die von der Krankheit unangegriffenen
Theile angreifen, gegen dasjenige aufstellen zu wollen, was reine
Erfahrung über die nöthige Kleinheit der Gaben, zum Behufe
homöopathischer Heilungen ausspricht.
§279
Diese reine Erfahrung nun zeigt durchgängig, daß, wenn
der Krankheit nicht offenbar beträchtliche Verderbniß
eines wichtigen Eingeweides zum Grunde liegt, (auch wenn sie unter
die chronischen und complicirten gehörte) und, selbst wenn
bei der Cur alle andern, fremdartig arzneilichen Einwirkungen auf
den Kranken entfernt gehalten worden waren - die Gabe des homöopathisch
gewählten, hochpotenzirten
257
Heilmittels für den Anfang der Cur einer wichtigen, (vorzüglich
chronischen) Krankheit, in der Regel nie so klein bereitet werden
kann, daß sie nicht noch stärker als die natürliche
Krankheit wäre, daß sie dieselbe nicht, wenigstens zum
Theil, zu überstimmen, nicht schon einen Theil derselben im
Gefühle des Lebensprincips auszulöschen und so schon einen
Anfang der Heilung zu bewirken vermöchte.
§280
Die Gabe der anhaltend dienlichen, keine neuen, beschwerlichen
Symptome erzeugenden Arznei wird, allmäIig erhöhet so
lange fortgesetzt, bis der Kranke, bei allgemeinem Besserbefinden,
anfängt, eine oder mehrere seiner alten, ursprünglichen
Beschwerden auf´s Neue in mäßigem Grade zu spüren.
Dieß deutet bei einer so allmäligen Erhöhung der,
jedesmal durch Schütteln modificirten, (§. 247.) sehr
gemäßigten Gaben, auf nahe Heilung, nämlich darauf,
daß nun das Lebens-Princip fast nicht mehr nöthig habe,
durch die ähnliche Arznei-Krankheit afficirt zu werden, um
das Gefühl für die natürliche Krankheit zu verlieren
(§. 148.), deutet an, wie das nun von natürlicher Krankheit
freiere Lebens-Princip anfängt, bloß noch etwas an derjenigen
homöopathischen Arznei-Krankheit zu leiden, die sonst homöopathische
VerschIimmerung genannt wird.
§281
Um sich hiervon zu überzeugen, läßt man nun den
Kranken 8, 10, 15 Tage lang ohne alle Arznei und giebt ihm indeß
nur etwas Milchzucker-Pulver. Waren nun die wenigen, letzten Beschwerden,
bloß von der
258
Arznei, welche die ehemaligen, ursprünglichen Krankheits-Symptome
nachahmte, so vergehen diese Beschwerden binnen wenigen Tagen oder
Stunden und zeigt sich dann in diesen, von Arznei freien Tagen,
bei fortgesetzter guter Lebensordnung des Kranken, nichts mehr von
der ursprünglichen Krankheit, so ist er sehr wahrscheinlich
geheilt. Sollten sich aber in den letzten Tagen noch Spuren von
den ehemaligen Krankheits-Symptomen zeigen, so sind dieß noch
Reste der nicht ganz erloschenen, ursprünglichen Krankheit,
welche aufs Neue mit höhern Dynamisations-Graden der Arznei
auf angegebne Art behandelt werden müssen. Die ersten kleinsten
Gaben müssen dann natürlich auch, wenn Heilung erfolgen
soll, wieder allmälig erhöht werden, doch weit weniger
und langsamer bei Kranken, an denen man eine beträchtliche
Erregbarkeit wahrnimmt, als bei Unempfänglichern, bei welchen
letztern man schneller mit den Gaben steigen kann. Es giebt Kranke,
deren ungemeine Erregbarkeit sich zu der der Unempfänglichsten,
wie 1000 zu 1 verhält.
§282
Im Fall bei der Cur, vorzüglich der chronischen Krankheiten,
die ersten Gaben schon eine sogenannte homöopathische Verschlimmerung,
d.i. eine merkliche Erhöhung der zuerst erforschten, ursprünglichen
Krankheits-Symptome hervorbrächten und gleichwohl jede wiederholte
Gabe (nach §. 247.) vor dem Einnehmen durch Schütteln
etwas modificirt (hoher dynamisirt) worden war, so wäre dieß
ein sicheres Zeichen, daß die Gaben allzu groß waren
(1).
-----
1) Die Regel, für die chronischen Krankheiten, bei ihrer homöopathischen
Behandlung mit den kleinst möglichen Gaben den Anfang zu machen
und nur ganz allmälig sie zu verstärken, leidet eine merkliche
Ausnahme bei der Heilung
259
§283
Um nun ganz naturgemäß zu verfahren, wird der wahre
Heilkünstler seine, für alle Rücksichten bestens
gewählte, homöopathische Arznei, auch schon deßhalb
nur in so kleiner Gabe verordnen, damit, wenn ihn ja einmal menschliche
Schwäche verleitet hätte, eine un-
-----
der drei großen Miasmen, während sie noch auf der Haut
blühen, d.i. bei der unlängst ausgebrochenen Krätze,
dem unberührt (an den Zeugungstheilen, den Scham- oder Mund-Lippen,
u.s.w.) gebliebenen Schanker und den Feigwarzen. Diese vertragen
nicht nur, sondern sie erfordern sogar, gleich Anfangs, große
Gaben ihrer specifischen Heilmittel von immer höherem und höherem
Dynamisations-Grade, täglich, (auch wohl mehrmal des Tags)
eingenommen. Bei ihnen ist, wenn man so verfährt, nicht zu
befürchten, daß, wie bei Behandlung im Innern verborgner
Krankheiten, die allzu große Gabe, wahrend sie die Krankheit
ausgelöscht hat, schon durch ihre Uebergröße einen
Anfang zur Arznei-Krankheit und beim Fortgebrauche, eine chronische
Arznei-Krankheit erzeugen könnte. Bei gedachten, offen daliegenden
Blüthen dieser drei Miasmen ist dieß nicht der Fall;
da kann man an den täglichen Fortschritten in ihrer Heilung
sichtlich wahrnehmen, um wie viel durch die große Gabe dem
Lebensprincipe das Gefühl von diesen Krankheiten täglich
entzogen worden ist; denn keine von diesen dreien kann in Heilung
übergegangen sein, ohne daß der Arzt durch ihr Verschwinden
die Ueberzeugung erhalten hätte, daß nun keine dieser
Arzneien mehr nöthig sei.
Da die Krankheiten im Allgemeinen nur dynamische Eingriffe auf
das Lebens-Prinzip sind und ihnen nichts Materielles, keine Materia
peccans zum Grunde liegt (wie die alte Schule seit Jahrtausenden
in ihrem Irrwahne gefabelt und hienach immer zum Ruine der Kranken
kurirt hat), so ist auch in diesen Fällen nichts Materielles
hinweg zu nehmen, wegzuschmieren, wegzubeitzen, nichts abzubinden,
oder abzuschneiden, ohne den Kranken lebenslang unendlich kränker
und unheilbarer zu machen (s. chron. Krankh. I. Theil), als er es
bei der unangetasteten Blüthe dieser drei großen Miasmen
war. Das dynamisch-feindlich
260
passendere Arznei anzuwenden, der Nachtheil von ihrer, der Krankheit
unangemessenen Beschaffenheit nur so gering sein könne, daß
er durch die eigne Kraft des Lebens und durch alsbaldige Entgegensetzung
(§. 249) des nun, nach Wirkungs-Aehnlichkeit passender gewählten
Heilmittels (ebenfalls in kleinster Gabe) schnell wieder ausgelöscht
und gut gemacht werden könne.
§284
Außer der Zunge, dem Munde (1) und dem Magen, die am gewöhnlichsten
beim Einnehmen von der Arznei
-----
auf das Lebens-Princip Ausgeübte, ist das Wesentliche dieser
äußern Zeichen innern, bösartigen Miasm´s,
was bloß durch Einwirkung einer homöopathischen Arznei
auf das Lebens-Princip auszulöschen ist, die dasselbe aber
auf ähnliche Weise stärker afficiert und ihm so das Gefühl
des innern und äußern geistartigen Krankheits-Feindes
entzieht, dergestalt, daß dieser dann für das Lebens-Princip
(für den Organism) nicht mehr existirt und so den Kranken frei
vom Uebel und geheilt entläßt.
Doch lehrt die Erfahrung, daß zwar die Krätze sammt
ihrem Ausschlage, so wie der Schanker mit dem innern, venerischen
Miasm, bloß durch die innerlich eingenommenen, specifischen
Arzneien geheilt werden können und müssen; die Feigwarzen
aber, wenn sie schon eine Zeit lang unbehandelt dastanden, auch
die äußere Auflegung ihrer specifischen, zugleich innerlich
angewendeten Arzneien, zur vollkommenen Heilung nöthig haben.
1) Bewundernswürdig hülfreich ist die Kraft der Arzneien
auf den Säugling, durch die Milch, welche die Mutter oder Amme
ihm reicht. Jede Krankheit des Kindes weicht der, für dasselbe
richtig gewählten, homöopathischen, von der Amme in sehr
mäßigen Gaben eingenommenen Arznei und wird auf diese
Art weit leichter und sicherer bei diesen neuen Erdenbürgern
ausgetilgt als je in späterer Zeit geschehen könnte. Da
den meisten Säuglingen die Psora durch die Milch der Amme mitgetheilt
zu werden pflegt, wenn sie dieselbe nicht schon durch Erbschaft
von
261
afficiert werden, sind vorzüglich die Nase und die Athmungs-Organe
für die Einwirkung der Arzneien in flüssiger Gestalt empfänglich,
durch Riechen und Einathmen durch den Mund. Doch ist auch die ganze,
übrige, mit ihrem Oberhäutchen umkleidete Haut unseres
Körpers, für die Einwirkung der Arznei-Auflösungen
geschickt, vorzüglich wenn die Einreibung mit der gleichzeitigen
Einnahme verbunden wird.
§285
Daher kann die Heilung sehr alter Krankheiten dadurch befördert
werden, daß der Arzt diesselbe Arznei-Auflösung, die
innerlich eingenommen sich für den Kranken heilsam zeigt, auch
äußerlich (an dem Rücken, den Armen, den Ober- und
Unterschenkeln) täglich einreiben läßt, doch unter
Vermeidung der Theile, welche an Schmerzen, oder Krämpfen oder
an Haut-Ausschlägen leiden (1).
-----
der Mutter besitzen, so werden sie auf angegebene Art, durch die
so arzneilich gewordene Milch der Amme, zugleich antipsorisch dagegen
geschützt. Doch ist die Besorgung der Mütter, in ihrer
(ersten) Schwangerschaft, durch eine gelinde, antipsorische Cur,
vorzüglich mittels der, in dieser Ausgabe (§. 270) beschriebenen,
neuen Dynamisationen des Schwefels, unentbehrlich, um die fast stets
bei ihnen vorhandene, schon durch Erbschaft ihnen mitgetheilte Psora,
Erzeugerin der meisten chronischen Krankheiten, in ihnen und ihrer
Leibesfrucht zu vertilgen, damit ihre Nachkommenschaft im Voraus
dagegen geschützt sei. Dies ist so wahr, daß die Kinder
so behandelter Schwangern gemeiniglich weit gesünder und kräftiger
auf die Welt kommen, so daß jedermann darüber erstaunt.
Eine neue Bestätigung der großen Wahrheit der, von mir
aufgefundenen Psora-Theorie.
1) Hieraus erklären sich die, obschon seltenen Wunderkuren,
wo langwierig verkrüppelte Kranke, deren Haut jedoch heil und
rein war, in einem mineralischen Bade,
262
§286
Nicht weniger homöopathisch als die eigentlich so genannten
Arzneien, welche durch Einnehmen in den Mund, Einreiben in die Haut
oder mittels Riechens Krankheiten aufheben, und nicht weniger mächtig
wirkt die dynamische Kraft des mineralischen Magnets, der Elektricität
und des Galvanismus auf unser Lebensprincip, und es können
Krankheiten, vorzüglich der Sensiblität und Irritabilität,
Krankheiten abnormen Gefühls und der unwillkührlichen
Muskelbewegungen, dadurch geheilt werden. Doch liegt die sichere
Art der Anwendung der beiden letztern, so wie der sogenannten
-----
dessen arzneiliche Bestandtheile (von ungefähr) dem alten Uebel
homöopathisch angemessen waren, schnell und auf immer nach
wenigen Bädern genasen. Dagegen richteten die Mineral-Bäder
auch sehr oft um so größern Schaden bei Kranken an, denen
sie die Hautausschläge vertrieben, worauf gewöhnlich,
nach kurzem Wohlsein, das Lebensprincip das innere, ungeheilte Uebel
auf einer andern Stelle des Körpers zum Ausbruch kommen ließ,
die weil wichtiger für Leben und Wohlseyn ist, so daß
dafür z.B. bisweilen der Seh-Nerve gelähmt ward und Amaurose
entstand, bisweilen die Krystallinse sich verdunkelte, das Gehör
verschwand, Wahnsinn, oder erstickendes Asthma erfolgte, oder auch
eine Apoplexie den Leiden des getäuschten Kranken ein Ende
machte. Ein Haupt-Grundsatz für den homöopathischen Heilkünstler
(wodurch er sich vor jedem sogenannten Arzt aller ältern Schulen
auszeichnet) ist, daß er bei keinem seiner Kranken irgend
ein Arzneimittel anwendet, dessen krankhafte Einwirkungen auf den
gesunden Menschen nicht vorher sorgfältig ausgeprüft und
ihm bekannt worden wären (§. 20., §. 21.). Nach bloßer
Vermuthung einer etwanigen Heilsamkeit in einer, der vorliegenden,
ähnlichen Krankheit, oder auf Hören-Sagen, "daß
ein Mittel in einer so oder so benannten Krankheit geholfen habe",
ein nach seinen positiven Wirkungen auf Menschen-Befinden ungekanntes
Mittel dem Kranken verordnen, dies gewissenlose Wagstück wird
der menschenliebende Homöopathiker dem
263
elektro-magnetischen Maschine, noch viel zu sehr im Dunkeln, um
von ihnen homöopathische Anwendung zu machen. Wenigstens hat
man von Elektricität und Galvanism bisher nur palliative Anwendung,
zu großem Schaden der Kranken, gemacht. Die positiven, reinen
Wirkungen beider auf den gesunden menschlichen Körper, sind
bisher noch wenig ausgeprüft.
§287
Der Kräfte des Magnets kann man sich schon sicherer zum Heilen
bedienen, nach den in der reinen Arznei-
-----
Allöopathen überlassen. Ein ächter Arzt und Ausüber
unserer Kunst, wird daher nie seinen Kranken in eins von den unzähligen
mineralischen Bädern schicken, weil sie fast sämtlich
nach ihrer genauen, positiven Wirkung auf gesundes Menschen-Befinden
völlig ungekannt und, bei ihrem Mißbrauche, unter die
heftigsten, gefährlichsten Arzneimittel zu zählen sind.
Auf diese Art, während aus den berühmtesten solcher Bäder,
unter Tausend, vom unwissenden Arzt allöopathisch ungeheilt
und so blindlings dorthin geschickten Kranken, Einer oder zwei von
ungefähr geheilt, ja oft nur scheinbar geheilt zurückkommen
und das Wunder ausposaunen, schleichen sich unterdessen mehrere
Hunderte, mehr oder weniger verschlimmert, in der Stille davon und
ein Rest derselben bleibt zurück, um sich dort zur ewigen Ruhestätte
anzuschicken; eine Thatsache, wovon so viele, die berühmtesten
Bäder umgebende, angefüllte Todten-Aecker Zeugniß
geben *).
*) Ein wahrer, homöopathischer Heilkünstler also, der
nie ohne richtige Grundsätze handelt, nie das ihm anvertraute
Leben seiner Kranken gewissenlos auf´s Spiel setzt, auf ein
Glücksspiel, dessen Treffer sich wie 1 zu 500 oder 1000 der
Nieten verhält, (Nieten, welche in Verschlimmerungen oder Tod
bestehen) wird nie irgend einen seiner Kranken einer solchen Gefahr
aussetzen und ihn auf gut Glück zur Cur in ein mineralisches
Bad schicken, wie so häufig vom Allöopathen geschieht,
um den, von ihm oder Andern verderbten Kranken auf eine gute Art
endlich los zu werden.
264
mittellehre dargelegten, positiven Wirkungen des Nord- und des
Süd-Pol´s eines kräftigen Magnetstabes. Obwohl beide
Pole gleich kräftig sind, stehen sie doch in der Art ihrer
Wirkung einander gegenüber. Die Gaben lassen sich mäßigen
durch die kürzere oder längere Zeit des Anlegens des einen
oder des andern Pol´s, je nachdem mehr die Symptome des Süd-
oder die des Nord-Pol´s angezeigt sind. Als Antidot einer allzuheftigen
Wirkung, dient die Auflegung einer Platte blanken Zinks.
§288
Hier finde ich noch nöthig, des von der Natur aller übrigen
Arzneien abweichenden, sogenannten thierischen Magnetisms, oder
vielmehr des (dankbarer nach Mesmer, seinem ersten Begründer,
zu benennenden) Mesmerisms Erwähnung zu thun. Diese, oft thörichter
Weise, wahrend eines ganzen Jahrhunderts geleugnete oder geschmähte
Heilkraft, ein wundersames, unschätzbares, dem Menschen verliehenes
Geschenk Gottes, mittels dessen durch den kräftigen Willen
eines gutmeinenden Menschen auf einen Kranken durch Berührung
und selbst ohne dieselbe, ja selbst in einiger Entfernung die Lebenskraft
des gesunden mit dieser Kraft begabten Mesmerirer in einem andern
Menschen dynamisch einströmt, (wie einer der Pole eines kräftigen
Magnet-Stabes in einen Stab rohen Stahl´s) wirkt auf verschiedene
Weise: indem sie in dem Kranken teils die hie und da in seinem Organismus
mangelnde Lebenskraft ersetzt, teils die in andern Stellen allzusehr
angehäufte und unnennbare Nervenleiden erregende und unterhaltende
Lebenskraft ableitet, mindert und gleicher verteilt und überhaupt
die krankhafte Verstimmung des Lebensprincips der Kranken auslöscht
und mit der normalen des auf ihn kräftig einwirkenden Mesmerirers
ersetzt, z.B. bei alten Geschwüren, bei Amaurose, bei
265
Lähmungen einzelner Glieder u.s.w. Manche schnelle Schein-Cur
mit großer Natur-Kraft begabter Zoo-Magnetiker in allen Zeitaltern,
gehört hieher. Am glänzendsten aber zeigte sich die Wirkung
von mitgetheilter Menschenkraft auf den ganzen Organism, bei Wiederbelebung
einiger, geraume Zeit im Scheintode gebliebner Personen, durch den
kräftigsten, gemüthlichsten Willen eines, in voller Lebenskraft
blühenden Mannes (1), eine Art Todtenerweckung, wovon die Geschichte
mehrere unleugbare Beispiele aufweist. Ist die mesmerirende Person,
des einen oder andern Geschlechts, zugleich eines gutmüthigen
Enthusiasm's fähig (wohl gar seiner Ausartung, der Bigotterie,
des Fanatism´s, des Mysticism´s oder menschenliebiger
Schwärmerei), so ist sie um desto mehr im Stande, bei dieser
philantropischen, sich selbst aufopfernden Verrichtung, nicht nur
die Kraft ihrer vorherrschenden Gemüthlichkeit auf den ihrer
Hülfe bedürfenden Gegenstand ausschließlich zu richten,
sondern auch gleichsam dort zu concentriren und so zuweilen anscheinende
Wunder zu thun.
§289
Alle die gedachten Arten von Ausübung des Mesmerism´s,
beruhen auf einer dynamischen Einströmung von mehr oder weniger
Lebenskraft in den Leidenden,
-----
1) Vorzüglich eines solchen, wie es deren wenige unter den
Menschen giebt, welcher bei großer Gutmüthigkeit und
vollständiger Körperkraft, einen sehr geringen, oder gar
keinen Begattungs-Trieb besitzt, bei welchem also die, bei allen
Menschen auf Bereitung des Samens zu verwendenden, feinen Lebens-Geister
in Menge vorhanden und bereit sind, sich durch willenskräftige
Berührung andern Personen mitzutheilen. Einige dergleichen
heilkräftige Mesmerirer, die ich kennen lernte, besaßen
alle diese besondern Eigenschaften.
266
und werden daher positiver Mesmerism genannt (1). Eine dem entgegengesetzte
Ausübung des Mesmerismus aber verdient, da sie das Gegentheil
bewirkt, negativer Mesmerism genannt zu werden. Hieher gehören
die Striche, welche zur Erweckung aus dem Nachtwandlerschlafe gebraucht
werden, so wie alle die Handverrichtungen, welche mit den Namen
CaImiren und Ventiliren belegt worden sind. Am sichersten und einfachsten
wird diese EntIadung der, bei ungeschwächten Personen in einem
einzelnen Theile übermäßig angehäuften Lebenskraft,
durch den negativen Mesmerism bewirkt, mittels einer sehr schnellen
Bewegung der flachen, ausgestreckten rechten Hand, etwa parallel,
einen Zoll entfernt vom Körper, vom Scheitel herab bis über
die Fuß-Spitzen geführt (2). Je schneller dieser Strich
vollführt wird, eine desto stärkere Entladung bewirkt
er. So wird z. B. beim Scheintode
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1) Mit Fleiß gedenke ich hier, wo ich von der entschiedenen
und sichern Heilkraft des positiven Mesmerism´s zu sprechen
hatte, nicht jener, höchlich zu mißbilligenden Uebertreibung
desselben, wo vermittelst, während halber, ja oft ganzer Stunden
auf einmal wiederholte, selbst täglich fortgesetzte Striche
dieser Art, bei nervenschwachen Kranken jene ungeheure Umstimmung
des ganzen Menschenwesens herbeigeführt ward, die man Somnambulism
und Hellsichtigkeit (clairvoyance ) nennt, worin der Mensch, der
Sinnenwelt entrückt, mehr der Geisterwelt anzugehören
scheint - ein höchst unnatürlicher und gefährlicher
Zustand, wodurch man nicht selten chronische Krankheiten zu heilen
vergeblich versucht hat.
2) Daß die, entweder positiv oder negativ zu mesmerirende
Person, an keinem Theile mit Seide bekleidet seyn dürfe, ist
eine schon bekannte Regel; aber weniger bekannt ist es, daß
der Mesmerirer, wenn er selbst auf Seide steht, seine Lebenskraft
in vollerem Maße dem Kranken mittheilen kann, als wenn er
auf dem bloßen Fußboden steht.
267
einer vordem gesunden (1) Frauensperson, wenn ihre dem Ausbruche
nahe Menstruation plötzlich durch eine heftige Gemüthserschütterung
gehemmt worden war, die, wahrscheinlich in den Präcordien angehäufte
Lebenskraft, durch einen solchen negativen Schnellstrich entladen
und wieder im ganzen Organismus ins Gleichgewicht gesetzt, so daß
gewöhnlich die Wiederbelebung allsogleich erfolgt (2), so mildert
auch zuweilen ein gelinder, weniger schneller Negativstrich, bei
sehr reizbaren Personen, die zuweilen allzu große Unruhe und
ängstliche Schlaflosigkeit, welche von einem allzu kräftig
gegebnen positiven Striche herrührte u.s.w.
§290
Hieher gehört zum Theil auch das sogenannte Massiren, durch
eine kräftige, gutmüthige Person, welche dem chronisch
krank Gewesenen, zwar Geheilten, aber noch in langsamer Erholung
begriffenen, und noch an Abmagerung, Schwäche der Verdauung
und Schlafmangel Leidenden, die Muskeln der Gliedmaßen, der
Brust und des Rückens einzeln ergreift, sie mäßig
drückt und gleichsam knetet, wodurch das Lebensprincip an-
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1) Einer chronisch schwächlichen, lebensarmen Person ist daher
ein, vorzüglich sehr schneller Negativstrich, auf jeden Fall,
äußerst schädlich.
2) Ein zehnjähriger, kräftiger Knabe auf dem Lande, ward
wegen einer kleinen Unpäßlichkeit, früh von einer
sogenannten Streicherin mit beiden Daumenspitzen von der Herzgrube
aus, unter den Rippen hin, sehr kräftig, mehrmals gestrichen,
und verfiel sogleich mit Todtenblässe in eine solche Unbesinnlichkeit
und Bewegungslosigkeit, daß man ihn mit aller Mühe nicht
erwecken konnte und ihn fast für todt hielt. Da ließ
ich ihm von seinem ältesten Bruder einen möglichst schnellen,
negativen Strich vom Scheitel bis über die Füße
hin geben, und augenblicklich war er wieder bei Besinnung, munter
und gesund.
268
geregt wird, in seiner Gegenwirkung den Ton der Muskel und ihrer
Blut- und Lymph-Gefäße wieder herzustellen. Bei dieser
Verrichtung, die man bei denen, welche noch an reizbarem Gemüthe
leiden, nicht übertreiben darf, ist natürlich die mesmerische
Einwirkung die Hauptsache.
§291
Die Bäder von reinem Wasser, erweisen sich theils als palliative,
theils als homöopathisch dienliche Beihülfs-Mittel, in
Herstellung der Gesundheit bei acuten Uebeln, so wie bei der Reconvalescenz
soeben geheilter chronisch-Kranken, unter gehöriger Rücksicht
auf den Zustand des Genesenden, so wie auf die Temperatur des Bades,
die Dauer und die Wiederholung desselben. Sie bringen aber, selbst
wohl angewendet, doch nur physisch wohlthätige Veränderungen
im kranken Körper hervor, sind also an sich keine eigentliche
Arznei. Die lauen Wasserbäder von 25° bis 27° R.
dienen zur Erweckung der, bei Scheintodten (Erfrornen, Ertrunkenen,
Erstickten) schlummernden Irritabilität der Faser, wodurch
das Gefühl der Nerven betäubt war. Obgleich hier nur palliativ,
erweisen sich dieselben doch, zumal in Verbindung mit Kaffee-Trank
und Reiben mit der Hand, oft hinreichend wirksam und können
in Fällen, wo die Irritabilität sehr ungleich vertheilt
und in einigen Organen allzu sehr angehäuft ist, wie bei einigen
hysterischen Krämpfen und Kinder-Convulsionen homöopathische
Beihülfe leisten. Eben so erweisen sich die kalten Wasserbäder
von 10° bis 6° R. bei der Reconvalescenz, arzneilich von
chronischen Krankheiten hergestellter Personen, bei deren Mangel
an Lebens-Wärme, als homöopathische Beihülfe durch
augenblickliche und später, bei öfter wiederholten Eintauchungen,
als palliative Wiederherstellung des Ton´s der erschlafften
Faser, zu welcher Absicht solche Bäder von mehr als
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augenblicklicher, selbst Minuten langer Dauer und von immer niedrigerer
Temperatur anzuwenden sind; ein Palliativ, welches, weil es nur
physisch wirkt, nicht mit dem Nachtheile eines hintendrein zu befürchtenden
Gegentheils verbunden ist, wie bei dynamisch arzneilichen Palliativen
stattfindet.

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