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Deutscher
Anatom und Zellforscher, vermutete im Zellkern die Erbinformation
Textstelle von Ernst Haeckels
Weltenräthsel, Viertes Kapitel: Unsere Keimesgeschichte
Die feineren Vorgänge bei der Empfängniß und der
geschlechtlichen Zeugung überhaupt sind daher von allerhöchster
Wichtigkeit; sie sind uns in ihren Einzelheiten erst sei 1875 bekannt
geworden, seit Oscar Hertwig, mein damaliger Schüler
und Reisebegleiter, in Ajaccio auf Corsica seine bahnbrechenden
Untersuchungen über die Befruchtung der Thier-Eier an den Seeigeln
begann. Die schöne Hauptstadt der Rosmarin-Insel, in welcher
der große Napoleon 1769 geboren wurde, war auch der Ort, an
welchem zuerst die Geheimnisse der thierischen Empfängniß
in den wichtigen Einzelheiten genau beobachtet wurden. Hertwig
fand, daß das einzige wesentliche Ereigniß bei der Befruchtung
die Verschmelzung der beiden Geschlechtszellen und ihrer Kerne ist.
Von den Millionen männlicher Geißelzellen, welche die
weibliche Eizelle umschwärmen, dringt nur eine einzige in deren
Plasmakörper ein. Die Kerne beider Zellen, der Spermakern und
der Eikern, werden durch eine geheimnißvolle Kraft, die wir
als eine chemische, dem Geruch verwandte Sinnesthätigkeit
deuten, zu einander hingezogen, nähern sich und verschmelzen
mit einander. So entsteht durch die sinnliche Empfindung der beiden
Geschlechts-Kerne, in Folge von "erotischem Chemotropismus",
eine neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern
in sich vereinigt; der Sperma-Kern überträgt die väterlichen,
der Eikern die mütterlichen Charakterzüge auf die Stammzelle,
aus der die nun das Kind entwickelt; das gilt ebenso von den körperlichen,
wie von den sogenannten geistigen Eigenschaften.
Hertwig forschte als Professor in Jena und Berlin auf dem Gebiet
der Fortpflanzung. Die zu seiner Zeit schon länger vermuteten
Befruchtungsvorgänge konnte er als Erster an einem Seeigelei
beobachten (1875). Nach Untersuchungen über die Chromosomenreduktion
an der reifenden Geschlechtszelle gelangte er 1884 mit anderen Mitarbeitern
zu der Erkenntnis, dass der Zellkern Träger der Erbinformation
ist. Mit seinem Bruder Richard stellte er die Keimblättertheorie
auf. Hertwig starb am 25. Oktober 1922 in Berlin.
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Am 21. April 1849 wurde Oskar Hertwig zu Friedberg in Hessen geboren.
Aber schon frühzeitig siedelten seine Eltern nach Mühlhausen
in Thüringen über, so dass er dort den größten
Teil seiner Kindheit und Jugend verlebte. Zu seinem 1½ Jahre
jüngeren Bruder, dem Zoologen Richard Hertwig stand er bis
zu seinem Tod in sehr enger persönlicher und wissenschaftlicher
Beziehung. Beide Brüder besuchten die Universitäten Jena,
Zürich und Bonn. In Jena war seit 1862 Ernst Haeckel Professor
für Zoologie, einer der letzten Schüler des bedeutenden
Anatomen und Physiologen Johannes Peter Müller in Berlin. An
der Berliner Medizinischen Fakultät promovierte er 1857. Haeckel
wurde einer der frühesten Anhänger und Verbreiter der
Lehren Darwins. Oskar Hertwig gilt als Schüler Haeckels. Im
August 1872 erwarb er die Doktorwürde mit der Arbeit über
die "Entwicklung und den Bau des elastischen Gewebes im Netzknorpel".
Gemeinsam mit seinem Bruder Richard führte Oskar Hertwig Experimente
durch, in deren Ergebnis seine fundierten Arbeiten zur Entwicklungsgeschichte
entstanden. Auf seinen Reisen durch Italien gelang Oskar Hertwig
in Villafranca 1875 eine Entdeckung von grundlegender Bedeutung.
Er stellte fest, dass die Befruchtung durch die Vereinigung von
Ei- und Samenzelle, insbesondere von Ei- und Samenkern zustande
kommt. Die Beobachtung der Befruchtung am Seeigel machte ihn bekannt.
Durch diese Entdeckung hat Oskar Hertwig seinen Namen für alle
Zeiten in die Annalen der Anatomischen Wissenschaft geschrieben.
Bis dahin war die herrschende Auffassung, dass die Befruchtung ein
rein physikalisch-chemischer Prozess sei. Als erster die richtige
Deutung der Befruchtung gegeben zu haben, ist Oskar Hertwigs Verdienst.
1875 habilitierte er sich in Jena mit der Arbeit "Beiträge
zur Kenntnis der Bildung und Befruchtung des tierischen Eies".
1875 wurde er auch in Jena Professor der Zoologie und 1881 für
Anatomie. 1884 entwickelte er die Theorie, dass der Zellkern der
Träger der Vererbung sei. Eine weitere, grundsätzlich
neue Erkenntnis war 1890 die Entdeckung der Reduktion der Chromosomen
in der reifenden Geschlechtszelle. Bereits 1888 waren seine wissenschaftlichen
Leistungen so anerkannt, dass er einen Ruf nach Berlin erhielt,
dem er im selben Jahr folgte. Oskar Hertwig wurde der Begründer
und Direktor des Anatomisch-biologischen Institutes (II. Anatomisches
Institut), das er bis zum 1. April 1921 leitete. Zunächst war
sein Institut noch im Hauptgebäude der Universität, Unter
den Linden, untergebracht und zog dann in das Haus des verstorbenen
Chirurgen Jüngken. Die ersten Berliner Jahre Oskar Hertwigs
waren an der Universität durch Umzüge geprägt, die
auch dadurch entstanden, dass bedeutende Baukomplexe fertiggestellt
wurden. Im Zusammenhang mit dem Bau des Museums für Naturkunde,
das im Dezember 1889 eingeweiht wurde, erfolgte auch eine Neugliederung
der Sammlungen, die bis dahin im Universitätsgebäude aufbewahrt
waren.
Max Lenz beschreibt die näheren Umstände in der "Geschichte
der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin"
so: "Das anatomische Museum wurde nun, freilich mit sehr verminderten
Beständen, dem anatomischen Institut angegliedert, das im Garten
der Tierärztlichen Hochschule ein neues Heim erhielt, wo es
unter Wilhelm Waldeyers weitsichtiger Leitung in einer ähnlichen
Entwicklung emporwuchs.
Die verlassenen Räume im Hause der Universität aber wurden
die Medizin und Naturforschung noch immer nicht ganz los. Im Westflügel
erhielt Oskar Hertwig, der im Herbst 1888 Waldeyer als zweiter vergleichender
anatom zur Seite trat, vorläufig seine Arbeitsstätte,
nachdem ihm eine Anzahl der Präparate, die aus Müllers
vergleichenden Forschungen stammten, aus dem anatomischen Museum
überwiesen waren.
Noch in der Zeit, als er auf sein zweites provisorisches Institut
angewiesen blieb, das er sich in dem Jüngkenschen Haus errichtete
(einem Teil der großherzigen Stiftung, welche die Universität
den Töchtern des alten Kollegen verdankt), hat er ein paar
Jahre in der Universität gelesen ..." In seinen Vorlesungen
und in der Forschung hat er die Gebiete Biologie, Gewebelehre und
Entwicklungsgeschichte vertreten. Als Wissenschaftler ist Oskar
Hertwig durch seine Werke wie das "Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte
des Menschen und der Wirbeltiere" (1886), "Die Zelle und
die Gewebe" (1893), "Elemente der Entwicklungsgeschichte
der Menschen und der Wirbeltiere" (1900) sowie sein "Handbuch
der vergleichenden und experimentellen Entwicklungslehre der Wirbeltiere"
(1901-1906) bekannt geworden. Die Auseinandersetzung mit dem Darwinismus
begleitete sein gesamtes Forscherleben.
Seit 1889 war Oskar Hertwig Mitglied der preußischen Akademie
der Wissenschaften. Hier setzte er sich besonders dafür ein,
dass die Klassen der Akademie eine enge Verbindung der Fachgebiete
herbeiführten, um die Erkenntnisse der Einzeldisziplinen zusammenzubringen.
In diesem Sinne setzte er sich gemeinsam mit anderen Professoren
für eine neue Art der Forschungsorganisation und -institution
ein die dann 1911 gegründete "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft
zur Förderung der Wissenschaften". Oskar Hertwig war 1904/1905
Rektor der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.
Quelle: Marlis Gebuhr, Ingrid Graubner (http://www.hu-berlin.de/presse/zeitung/num_699/24.html)
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