Zürcher Naturforscher und Universalgelehrter
Johann Jakob Scheuchzer wurde am 2. August 1672 als Sohn eines
Stadtarztes in Zürich geboren. Das geistige Leben war in der damaligen
Schweiz noch sehr beengt und rückwärtsgewandt. Die reformierte
Geistlichkeit dominierte das Leben. So galten etwa Tanz und Theater
als unsittlich und waren verboten. Der Stadtarzt und Physikprofessor
Johann von Muralt glaubte noch fest an Hexen. Die Forderung des
Griechischlehrers Johann Heinrich Schwyzer, die Kirche habe sich
dem Staat unterzuordnen, stiess auf schärfsten Widerspruch. Die
höchste Lehranstalt in Zürich, das Collegium Carolinum, diente
vor allem der Ausbildung von Theologen.
Scheuchzer war ein aufgewecktes Kind. So gab man bereits den
Dreijährigen in die Deutsche Schule. Die Fächer waren: Anstandslehre,
Katechismus, Lesen, Schreiben, Kirchengesang, Rechnen. Es folgte
der Besuch der Lateinschule. Der Name kam nicht von ungefähr:
Ab der 5. Klasse durften sich die Schüler, auch untereinander,
nur noch lateinisch verständigen. Die Hauptfächer waren Religion,
Latein und Griechisch. Der Zürcher Katechismus wurde schier auswendig
gelernt. Als Nebenfächer kamen noch hinzu: Deutsche Grammatik,
Schönschrift, Rechnen, in den Oberklassen Rhetorik und Poetik.
Am Collegium Carolinum wurden, bei einem Lehrkörper von sieben
Professoren, die Studienfächer Theologie und Bibelkunde, Hebräisch,
Griechisch, Kirchen- und Profangeschichte, Philosophie und Ethik
angeboten. Dazu kam noch etwas Physica (= Naturkunde) und Mathematik.
Gerade die Mathematik genoss wenig Achtung, da die Theologen sie
als toten Ast am Baum der Gotteserkenntnis ansahen. Als Scheuchzer
am Carolinum studierte (1687-1688), hielt der gut siebzigjährige
Arzt Johann Heinrich Lavater die Physikvorlesung. Die Professoren
blieben häufig bis zu ihrem Lebensende im Dienst.
Künftige Medizinstudenten wurden von den Ärzten der Stadt durch
Privatunterricht auf die Universität vorbereitet. Scheuchzers
Vater, der ja auch Arzt war, starb tragischerweise, als sein Sohn
sechzehn wurde. So behalf sich Scheuchzer viel durch Selbststudium.
Traditionelle Universitäten für Züricher Medizinstudenten waren
damals Montpellier und Leiden. Ersteres war nach der Aufhebung
des Ediktes von Nantes (1685) den Protestanten verschlossen, in
Holland herrschte Krieg. So nahm Scheuchzer, von der Stadt mit
einem Stipendium von 200 Gulden ausgestattet, im Frühjahr 1692
sein Studium in Altdorf bei Nürnberg auf.
Die Schule zu Altdorf, 1623 durch Kaiser Ferdinand II. zur Universität
erhoben, galt gegen Ende des 17. Jahrhunderts als eine der bedeutendsten
deutschen Hochschulen. Ihr 1625 gegründeter Hortus medicus war
mit seinen 2000 Pflanzen grösser als der zu Leiden. Dazu kamen
ein chemisches Laboratorium, ein Theatrum anatomicum und eine
Sternwarte.
Der absolute Star der Universität war Johann Christoph Sturm,
Professor für Physik und Mathematik, der "Wiederhersteller der
Naturwissenschaft in Deutschland". Er erkannte die Bedeutung des
Experiments für den Unterricht. Sein "Collegium curiosum experimentale"
(Nürnberg 1676 und 1685) ist das erste Lehrbuch dieser Ausrichtung
in Deutschland. Sturms "eklektische" Physik versöhnte aristotelische
und cartesianische Lehre. Er war der Ansicht, "dass alle Welterkenntnis
zur Erkenntnis Gottes führe, dass diese Gotteserkenntnis den Endzweck
aller Wissenschaft darstelle". Scheuchzer wurde von Sturm, dessen
Lieblingsschüler er war, entscheidend geprägt.
Mit der Medizin stand es in Altdorf nicht so gut. Die Anatomie
litt unter einem Mangel an Leichen fürs Sezieren. Scheuchzer schreibt
einmal, er habe bis dato "nit mehr als ein Katz und zwei Kalberköpf
dissecirt". Auch das Spital biete wenig für die medizinische Praxis,
"da in demselben über goder 8 alte weiber nit sind". So legte
Scheuchzer sein Studium auf breiterer Basis an und beschäftigte
sich neben Medizin auch noch mit Botanik, Paläontologie, und Mathematik.
Gerade die Paläontologie hatte es ihm angetan. Scheuchzer glaubte
damals, bei Fossilien handele es sich um eine Art Auskristallisation
aus dem Umgebungsgestein. Gerade die Idee einer möglichen Brücke
zwischen anorganischem und organischem Reich faszinierte ihn.
Der Mittagstisch bei dem Orientalisten Johann Christoph Wagenseil
mit seinen gelehrten Tischgesprächen diente ebenfalls dazu, den
Horizont des jungen Studiosus zu erweitern, unvergessen die kluge
Tochter Helena Sybilla, Mitglied der Akademie zu Padua.
Scheuchzers Züricher Verwandtschaft missfiel der schleppende
Fortgang in der Medizin. Sie befürchtete, ihr Schützling würde
sich endlos verzetteln und drängte auf einen Universitätswechsel.
So ging Scheuchzer denn im August 1693 nach Utrecht, und bereits
Ende Januar 1694 wurde er dort zum Dr. med. promoviert.
Der Stellenmarkt in Zürich war eng. Es gab nur vier amtliche
Medizinalstellen, und die Gründung einer Privatpraxis war kostspielig.
Es hiess sich gedulden, bis ein Kollege durch Tod seine Stelle
räumte. Da Scheuchzer nicht ohne Arbeit sein konnte, entwickelte
er bald eine lebhafte und vielseitige Tätigkeit. Grossen Anteil
nahm er an der örtlichen Gesellschaft der Wohlgesinnten, einer
1679 erstmals gegründeten Akademie, in der sich die geistig interessierte
Jugend zu freier Diskussion versammelte. Bisweilen wurden auch
recht abgelegene Fragen angeschnitten, etwa, "woher der Herr Christ
nach seiner Auferstehung Kleider genommen". Scheuchzer wirkte
hier von 1697 bis 1709 als Schriftführer und hielt zahlreiche,
vor allem paläontologische und mathematische Vorträge. Auf diese
Weise konnte er sich in der Stadt als Wissenschaftler einen Namen
machen und Schüler für seinen Privatunterricht gewinnen.
Im Frühjahr 1695 begab sich Scheuchzer noch für einige Zeit
nach Nürnberg, um bei Georg Christoph Eimmart seine Kenntnisse
in Astronomie und Mathematik zu vertiefen. Dieser besass eines
der schönsten Observatorien in Deutschland und ein von ihm selbst
verfertigtes Modell des Kopernikanischen Systems. Er hatte eine
hochgescheite Tochter, Maria Clara (1676 - 1707), die leider jung
im Kindbett starb. Drei geistsprühende Briefe an Scheuchzer sind
uns von ihr erhalten.
Am 14.12.1695 starb der Züricher Waisenhausarzt Johann Jakob
Wagner, Verfasser einer ersten "Historia naturalis Helvetiae curiosa"
(Zürich 1689). Scheuchzer kam dadurch in Amt und Würden, wenngleich
das Gehalt noch bis Pfingsten 1696 an die Witwe Wagners floss.
Diese Stellung ermöglichte ihm auch, einen eigenen Hausstand zu
gründen. Am 9.11.1697 ehelichte er die um zwei Jahre ältere Susanna
Vogel, Tochter des Ratsherrn und Wirtes "beim Hecht" Kaspar Vogel.
Zu Scheuchzers Amtsobliegenheiten gehörte auch die Sorge für
die Bürgerbibliothek und die Kunst- und Naturalienkammer. Wie
es seine Art war, ging er sofort mit Eifer an die Abfassung eines
grossen beschreibenden Katalogs der Naturalien. Diese Arbeit brachte
ihn auf die Idee, sich auch der Kunstkammer Gottes zu widmen,
wie sie in Form der Alpen und seiner Schweizer Heimat vor ihm
lag. Er wollte dem Beispiel Wagners folgen und dessen Arbeit noch
übertreffen. Er plante eine umfassende naturkundliche Beschreibung
der Schweiz. Zu diesem Zweck unternahm er zwischen 1694 und 1714
in Begleitung von Schülern und Freunden zahllose Exkursionen in
die Alpen.
Um die Erforschung der Alpenwelt auf eine breitere Basis zu
stellen, verfasste Scheuchzer 1697 einen detaillierten Fragenkatalog,
die "Charta invitatoria". Gefragt wird hier etwa nach Temperatur,
Wetter, Hagel, Schneefall, Mineralquellen, Pflanzen, Tieren, Fossilien
usw. Er liess diesen Katalog über Freunde breit streuen. Vor allem
strebte er die Mitarbeit der Ärzte und Geistlichen auf dem Lande
an. Die Resonanz war ernüchternd gering.
Scheuchzer war es sehr um die Hebung der allgemeinen Volksbildung
zu tun. So veröffentlichte er seine schweizerischen naturkundlichen
Forschungen 1705-1707 auch in der Form eines populär gehaltenen
Wochenblattes, den "Seltsamen Naturgeschichten des Schweizer-Lands
wochentliche Erzehlung". Hier steht auch der berühmte Artikel
über das "Schweizer Heimweh oder die Nostalgia". Scheuchzer führt
es auf den höheren Luftdruck im flacheren Ausland zurück! Die
Beiträge wurden später unter dem Titel "Naturgeschichte des Schweizer-Lands"
in drei Bänden zusammengefasst..
Dem gleichen Ziel der Volksbildung diente seine "Physica, oder
Natur-Wissenschaft", die erstmals 1701 erschien und bis 1743 weitere
vier Auflagen erlebte. Es war das erste "Physik"- Lehrbuch in
deutscher Sprache. Es wäre falsch, dies Werk an Newton messen
zu wollen. Scheuchzer schrieb hier für Laien.
Ein wichtiges Thema bildeten weiterhin die Fossilien. Scheuchzer,
der sich inzwischen auch die modernen Sprachen angeeignet hatte,
kam nun durch die Lektüre von John Woodwards (1665-1728) "Essay
toward a natural history of the earth and terrestrial bodies"
(London 1695) zu der Erkenntnis, dass es sich bei Fossilien um
Versteinerungen vorzeitlicher Pflanzen und Tiere handle.
Durch den Fund fossiler Meerestiere in den Alpen war natürlich
sofort die Sintflutthematik angeschnitten, mit allen Implikationen
vor allem für das Erdalter. Die Paläontologie sollte sich zum
Sprengsatz für die biblische Schöpfungschronologie entwickeln.
Scheuchzer brachte 1704 eine lateinische Übersetzung von Woodward's
Schrift heraus, das "Specimen geographiae physicae". 1709 legte
Scheuchzer sein berühmtes "Herbarium diluvianum" vor, das 1723
in wesentlich erweiterter Auflage erschien, mit 14 Kupferstichen.
Im Zuge seiner Alpenstudien entstand 1713 auch Scheuchzers Landkarte
der Schweiz in 4 Blättern, die "Nova Helvetiae tabula geographica",
die beste zu seiner Zeit. Auch an seiner Naturgeschichte der Schweiz
arbeitete er weiter. Zwischen 1716 und 1718 erschienen 3 Bände,
welche die Themen Gebirgskunde, Hydrographie, Meteorologie, Geologie
und Paläontologie der Schweiz behandelten. Weitere Bände über
die Pflanzen- und Tierwelt sowie eine Studie über die Bewohner
der Schweiz, ihre Lebensart und ihre Krankheiten kamen nicht mehr
zur Ausführung.
Scheuchzers Fähigkeiten blieben in der Welt der Wissenschaft
nicht lange unbeachtet. Bereits 1697 wurde er in die Academia
Caesarea-Leopoldina aufgenommen. Weitere Mitgliedschaften folgten
(Berlin, London, Bologna; für Paris kam er seit der Hugenottenverfolgung
als Protestant nicht mehr in Betracht). 1710 bot der russische
Zar Peter der Grosse, auf Empfehlung von Leibniz, Scheuchzer gar
die glänzend dotierte Stelle als Leibarzt an. Doch Scheuchzer
wollte sich von seiner lieben Heimatstadt nicht trennen. Diese
indes betrachtete ihren grossen Sohn voller Misstrauen. Er war
zu umtriebig, brachte zu viele neue Gedanken, schuf unerwünschte
Unruhe.
Scheuchzers Lebenswunsch war es, die Physikprofessur am Carolinum
zu erhalten. Nach dem Tod des Pfarrers Johannes Herrliberger (1630-1709),
der das Fach Mathematik bisher im Privatunterricht abgedeckt hatte,
bekam Scheuchzer 1710 die Professur für Mathematik. Doch auch
da wurde ihm untersagt, höhere Mathematik zu lehren, da man geistlicherseits
in Sorge war, weiss Gott wohin das führen könne. Scheuchzers Antrittsvorlesung
trug denn auch den bezeichnenden Titel: "De matheseos usu in theologia".
Die Geschichte ist oft nicht ohne Ironie. Im Januar 1733 wurde
endlich die Physikprofessur durch den Tod von Johann von Muralt
vakant. Er hatte das biblische Alter von 88 Jahren erreicht. Scheuchzer
war endlich am Ziel. Im Juni desselben Jahres starb auch er.
Scheuchzer trug sich spätestens seit 1720 mit dem Gedanken an
eine "Physica sacra", das heisst, eine Darstellung und Erklärung
aller naturkundlichen Realien, die in der Bibel vorkommen. Als
ersten Versuch bearbeitete er das Buch Hiob, in dem Werk "Jobi
physica sacra, oder Hiobs Natur-Wissenschaft verglichen mit der
heutigen" (Zürich 1721). Dieser Versuch sollte auch die Reaktion
der Geistlichkeit testen. Die liess nicht auf sich warten. Die
Zensur verweigerte die Druckgenehmigung, falls er nicht die kopernikanische
Lehre und andere Anstössigkeiten entfernte. Er musste sich fügen.
Doch der Erfolg beim Publikum ermutigte ihn, Hand an sein letztes
und grösstes Werk zu legen.
Die "Physica sacra" ist eine gigantische Leistung, allein schon
physisch betrachtet. Sie ist ein Koloss von 4 Foliobänden, 2098
Seiten stark, mit 750 Kupfern. Scheuchzer fasste den Text lateinisch
und deutsch ab. Der Pfarrer Johann Martin Müller brachte dabei
Scheuchzers Schweizerdeutsch auf das Niveau der hochdeutschen
Kanzleisprache. Die Vorlagen für die Kupferstiche zeichnete der
Züricher Kunstmaler Johann Melchior Füssli. Nicht minder genial
sind die von unerschöpflicher Erfindungskraft zeugenden allegorischen
Bordüren des Nürnberger Künstlers Johann Daniel Preissler. Eine
ganze Mannschaft von Kupferstechern übertrug die Zeichnungen auf
die Druckplatten. Der berühmte Augsburger Johann Andreas Pfeffel
in Augsburg übernahm den Verlag. Scheuchzer konnte noch das Manuskript
abschliessen, die Vollendung der Drucklegung erlebte er nicht
mehr. Die lateinische und die deutsche Ausgabe erschien 1731-1735
in Augsburg. Wenig später folgten eine französische und eine holländische.
Scheuchzer, als Theologe nicht ausgewiesen, führt zu seiner
Absicherung im Vorwort auf 30 Seiten nicht weniger als 287 Gewährsleute
auf, darunter zahlreiche von der Kirche anerkannte Theologen.
Jede Bibelstelle wird in der Lutherschen wie in der Züricher Übersetzung
geboten. Von Pfarrer Miller stammt eine Unzahl einleitender, verbindender
und zusammenfassender Verse, deren oft unfreiwillige Komik das
Vergnügen des heutigen Lesers erhöht. Den Höhepunkt aber bilden
natürlich die 750 grossartigen Kupfer Füsslis. Die "Physica sacra"
ist ein Meisterwerk barocker Buchkunst.
Zieht man in Betracht, dass Kopernikus' "De revolutionibus" bereits
1543 erschien, Newton's "Philosophiae naturalis principia mathematica"
1687, dann muss einem natürlich die Verfahrensart Scheuchzers,
naturwissenschaftliche Wahrheit nur als Randverzierung zur Bibel
zu verkündigen, als das bizarre Werk eines religiösen Phantasten,
wenn auch ansonsten grossen Naturforschers erscheinen. Andererseits
liegt er durchaus auf einer Linie mit anderen Autoren, in deren
Werken die "beste aller Welten" besungen wurde, denken wir nur
an Brockes' "Irdisches Vergnügen in Gott" (9 Bände, 1721-1748)
oder an van Swieten's Libretto zu Haydn's "Schöpfung" (1799).
In neuerer Zeit, spätestens seit Voltaire's "Candide" (Genf 1759),
ist man da häufig anderer Meinung.
Lassen wir das auf sich beruhen. Jedenfalls scheint uns der
grosse Paläontologe Georges Cuvier (1769-1832)
Scheuchzers "Physica sacra" am ehesten gerecht zu werden, wenn
er sie wegen der zahlreichen Tier- und Fossiliendarstellungen
als für den Zoologen unentbehrlich bezeichnet. Der gleiche Cuvier,
der Scheuchzers "homo diluvii testis", von diesem für das Fossil
eines vorsintflutlichen Menschen gehalten, als japanischen Riesensalamander
identifizierte. Pietätvoll wurde er als "Andrias Scheuchzeri"
klassifiziert. Und was fällt Pfarrer Miller dazu ein? "Betrübtes
Bein-Gerüst von einem alten Sünder, Erweiche Stein und Hertz der
neuen Bossheits-Kinder!" Damit sind auch wir gemeint!
Auf allen Reisen achtete Scheuchzer auf Versteinerungen und
sammelte diese. Die selbstgefundenen und die im Züricher
Museum liegenden pflanzlichen Reste hat er in einem besonderen
Werk "Herbarium Diluvianum" (1709) beschrieben, das 1723, durch
einen systematischen Anhang erweitert, in zweiter Auflage erschien.
Auf 14 Tafeln, denen jede einem zeitgenössischen Gelehrten
gewidmet ist, sind Pflanzenabdrücke, vor allem aus dem Karbon,
Perm und Tertiär dargestellt. Die Zeichnungen sind so naturgetreu,
dass man viele der dargestellten Objekte bis auf die Art genau
anzusprechen vermag. Die Dendriten, deren er mehrere abbildete,
ordnete er bereits richtig unter die "Pseudophyta (Lapides, qui
plantarum figuras mentiuntur)" ein und kommt zu dem richtigen
Schluss "productas esse has figuras et mortu fluidi alicuius inter
duo solida inclusi, compressi et sese inter illa diffundentis"
(dass diese Formen entstanden sind aus der Bewegung einer Flüssigkeit,
die, zwischen zwei feste Schichten eingeschlossen und zusammengepresst,
sich ausgebreitet hat). Bei allen Pflanzenabdrücken gibt
Scheuchzer Gestein und Fundort an. Die überwiegende Zahl
stammt aus dem englischen Karbon, aus dem Rotliegenden des Thüringer
Waldes, besonders von Manebach, und aus dem tertiär von Öhringen
am Bodensee. Scheuchzer teilt die Pflanzenversteinerungen ein
in antediluvianae, diluvianae und postdiluvianae. Zu letzteren
zählt er die Blattabdrücke in Kalktuffen und die tuffinkrustierten
Moose.
In der zweiten Ausgabe des "Herbarium diluvianum" (1723) ordnet
Scheuchzer in einem Anhang sämtliche fossilen Pflanzenreste
in das Tournefort'sche System ein. Im Schlussabschnitt zählt
er alle diejenigen Funde auf, die sich nicht in dises System einreihen
lassen ("Plantae ad nullam certam classem redigendae") darunter
über hundert fossile Hölzer.
Anfangs (z. B. in seiner "Lithographia Helvetica") hielt Scheuchzer
die Versteinerungen eher als Naturspiele als für Überreste
der Sintflut, wurde aber durch J. Woodward's "Essay toward a Natural
History of the earth" (1692), den er 1704 in Lateinische übersetzte,
von der zweiten Möglichkeit überzeugt. Er versuchte
sogar aus bestimmten Pflanzenresten (Pappel-Kätzchen) den
Monat zu bestimmen, in dem die Sintflut begonnen hat. Scheuchzer
befasste sich auch mit tierischen Fossilien (1708: "Piscium querele
et vindicae") und beschrieb schliesslich 1726 in den "Philosophical
Transactions of the Royal Society" das Skelett eines in der Sintflut
ertrunkenen Menschen als "Homo diluvii testis" , das jedoch Cuvier
als einem Riesensalamander zugehörig erkannte und mit dem
Namen Andrias Scheuchzeri belegte. Erwähnt sei auch Scheuchzer's
"Physica sacra iconibus aeneis illustrata", ein fünfbändiges
Naturgeschichts-Lehrbuch im Anschluss an das Alte Testament, u.a.
mit prachtvoll ausgeführten Fossil-Tafeln.
Es wäre ungerecht, Scheuchzer wegen seiner zuletzt genannten
Veröffentlichungen geringschätzig zu beurteilen. Vielmehr
muss er aus seiner ganzen Zeit heraus verstanden werden. Dass
er ein vorzüglicher Beobachter war, beweist unter vielen
anderen seine richtige Erkenntnis der Dendriten-Bildung. Sein
"Herbarium diluvianum" blieb ein Jahrhundert lang das einzige,
ausschliesslich den fossilen Pflanzen gewidmete Werk und sichert
seinem Verfasser einen Ehrenplatz in der geschichte der Botanik.
Werke von Scheuchzer
- Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweizerlands.
- Th. 1. Seltsamer Naturgeschichten Des Schweizer-Lands
Wochentliche Erzehlung. Zürich 1706.
- Th. 2. Natur-Geschichten Des Schweizerlands. Zürich 1707.
- Th. 3. Enthaltende vornemlich eine Uber die höchsten
Alpgebirge An. 1705 gethane Reise. Zürich 1708.
- [4]. Helvetiae Stoicheiographia, Orographia Et Oreographia,
Oder Beschreibung Der Elementen, Grenzen und Bergen des
Schweitzerlands. Der Natur-Histori des Schweitzerlands 1.
Th. Zürich 1716.
- [5]. Hydrographia Helvetica. Beschreibung Der Seen, Flüssen,
Brunnen, Warmen und Kalten Bäderen und anderen Mineral-Wasseren
des Schweitzerlands. Der Natur-Histori d. Schweitzerlands
Th. 2. Zürich 1717.
- [6]. Meteorologia et Oryctographia Helvetica, Oder Beschreibung
Der Lufft-Geschichten, Steinen, Metallen und anderen Mineralien
des Schweitzerlands, absonderlich auch der Uberbleibselen
der Sündfluth. 3. Oder eigentlich 6. Th. d. Natur-Geschichten
des Schweitzerlands. Zürich 1718.
- Physica, Oder Natur-Wissenschaft. Th. 1/2. Zürich 1701.
- Kern Der Natur-Wissenschaftt. Th. 1/2. Zürich 1711.
- Physica, oder Natur-Wissenschaft. Neue, verm. Aufl. Th. 1.2.
Zürich 1729.
- Physica, oder Natur-Wissenschaft. 4. Aufl.; in welcher die
Schreib-Art des sel. Hrn. Verf. durchaus mit vieler Sorgfalt
nach der hochdeutschen Mund-Art verbessert. Th. 1.2. Zürich
1743.
- Specimen lithographiae Helveticae curiosae, Quo Lapides ex
Figuratis Helveticis Selectissimi Aeri incisi sistuntur et describuntur.
Tiguri 1702.
- Herbarium diluvianum. Ed. novissima, duplo auctior. Lugduni
Batavorum 1723.
- Sciagraphia lithologica curiosa, seu lapidum figuratorum
nomenclator. Gedani 1740.
- Kupfer-Bibel, In welcher Die Physica Sacra Oder Geheiligte
Natur-Wissenschafft Derer In Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen
Sachen, Deutlich erklärt und bewährt. Abth. 1-4. Augspurg 1731-1735.
Originalabbildungen aus dem Werk Herbarium Diluvianum
- Titelbild
- Tafel
1: - Reverendissimo in CHRISTO Patri Thomae, Prov. Divina
Archiepisc. Cantuariensi, totius Anglia Primati et Metropolitan.
- Tafel
2: - Illustrissimo ISAACO NEWTON, Equiti Aurato, Societatis
- Regiae Anglcae Prasidi (Links: Fossilien aus Karbon / Perm
(Asterophyllites, Callipteris, Calamostachys, Sphenopteris),
rechts Blattabdrücke aus dem Tertiär)
- Tafel
3: - Ill. ac Reverend Johanni Paulo Bignonio Parisiensi
Abbati - S. Luinti, Consilario status ordinario
- Tafel
4: - Ill. et Exc. Petro Valxenier Potentiss. Reip Belgiae
ad Sac. Cass. Maj. Sereniss. Regem Roman. S. R. I. Comitia &
C. Ressp. Helv. et Rhaet. Abl. extr.
- Tafel
5: - Illustrissimo Mauritio Emmett Equiti Anglo, Viro Summa
Eruditionis
- Tafel
7: - Ill. Guilielmo Scherardo J. u. D. Nationis anglcae
Consuli - Smirnensis, Botanicorum Principi (Rechts im Bild Dendriten:
Ausblühungen von Eisen- oder Mangansalzen - Keine Fossilien!)
- Tafel
8: - Ill. Antonio Vallisnerio de Nobilibus de Vallisneria
Publ. Med. Pract. Prof. in inclyto Luceo Patav. Acad. Reg. Angl.
Socio.
- Tafel
10: - Nobmo et Prudmo Salomoni Hirzelio,
Reip. Tigurnae Ducentumviro, Venerab. Collegii Examinatorum
Assessori, Amigo optimo
- Tafel
13: - Summi Revdo Dn Eberhardo Friderico
Hiemero S. S. Theol. D. Sermo Wirtenbergensi Duci
à Goncionibus et Consiliis aulicis.