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Schlußbemerkungen aus: Experimentelle Beiträge
zu einer Theorie der Entwicklung
Es ist nicht meine Absicht, die hier mitgeteilten experimentellen
Beiträge zu einer Theorie der Entwicklung mit dem Versuch einer
solchen zu beschließen. Es steht zwar nicht ganz so, wie Gurwitsch
(1927) mir mit liebenswürdiger Ironie vorhält, daß
ich mich in meiner Abneigung gegen Theorien auch durch die wunderbarsten
mir entgegentretenden Tatsachen nur wenig beirren lasse. Aber allerdings
widerstrebt es mir, Hypothesen aufzustellen, wo, freilich durch
mühsame experimentelle Einzelarbeit, die Gewinnung gesicherter
Tatsachen möglich ist. Werden solche Tatsachen nicht wahllos
zusammengetragen, sondern in folgerichtigem Fortschreiten gewonnen,
so fügen sie sich hernach von selbst zu einem planvollen Ganzen,
zu einer echten Theorie, einer Gesamtschau alles in der Erfahrung
Gegebenen zusammen.
Als Vorbild schwebt mir dabei die Arbeitsweise des Archäologen
vor, der aus den Bruchstücken, die allein, er in Händen
hält, ein Götterbild wieder zusammenfügt. Er muß
an das Ganze glauben, das er nicht kennt; aber er darf nicht nach
eigenen Gedanken gestalten. Er muß selbst soweit Künstler
sein, daß er den Plan des hohen Meisters schrittweise nachschaffen
kann; aber sein oberstes Gebot ist, die "Bruchflächen" heilig
zu halten. Nur so darf er hoffen, neue Funde an ihrem richtigen
Orte einfügen zu können.
Sicher gibt es auch andere Wege des Fortschritts; aber dies ist
der mir durch Begabung und Neigung gewiesene.
So möchte ich hier betonen, daß ich meines Wissens nie
eine "Organisatortheorie" aufgestellt habe. Ich habe das Wort "Organisator"
geprägt, um gewisse neue, sehr merkwürdige Erscheinungen
zu bezeichnen, welche mir bei meinen Experimenten entgegengetreten
waren. Aber ich habe den Begriff von Anfang an als vorläufig
betrachtet und wiederholt und ausdrücklich als vorläufig
bezeichnet. Allen Versuchen, ihn jetzt schon zum Baustein einer
Theorie zu machen, stehe ich fern. Immerhin halte ich den Begriff
mit Einschränkungen noch jetzt für brauchbar. Über
diese notwendig gewordenen Einschränkungen möchte ich
einige Worte sagen.
Daß durch Einpflanzung eines Stückchens der oberen Urmundlippe
in eine indifferente Stelle des Keims dort ein neues "Organisationszentrum"
gebildet wird, ist nur ein anderer Ausdruck dafür, daß
im Anschluß an dieses Stück, zum Teil aus dessen eigenem
Material, zum Teil aus dem Material des Wirts, eine vollständige
sekundäre Embryonalanlage entsteht. Ein solches Stück
einen "Organisator" zu nennen, dürfte ebenfalls unanfechtbar
sein. Dagegen könnte es schon zu Mißverständnissen
führen, wenn nun auch der ganze Bereich der jungen Gastrula,
in welchem diese Organisatoren beisammen liegen, als Organisationszentrum
bezeichnet wird. Es spielte bei dieser Konzeption von mir wohl die
Anschauung herein, daß dieses primäre Organisationszentrum
dem sekundären, welches durch den transplantierten Organisator
hervorgerufen wird, ohne weiteres vergleichbar sei, was nicht durchaus
richtig ist. Denn es fällt ja nicht jedem Teil des primären
Organisationszentrums die Aufgabe zu, seine Nachbarschaft zu ihrem
späteren Schicksal zu bestimmen. Auch ist die Bedeutung dieser
Region als eines "Zentrums" eine wesentlich verschiedene, je nachdem
von ihr eine determinierende Wirkung, ein "Determinationsstrom"
ausgeht, oder sie nur die Zellgruppen enthält, welche nach
Verpflanzung an eine andere Stelle des Keims ihre Umgebung, auch
die mesodermale, organisierend sich angliedern können. Deshalb
möge bis auf weiteres beim Amphibienkeim unter diesem Namen
rein deskriptiv der ganze Bereich des präsumptiven Chorda-Mesodenns
verstanden werden, welcher (nach H. Bautzmanns Feststellung) nach
Verpflanzung in indifferentes Ektoderm oder nach Einstecken ins
Blastocoel eine sekundäre Embryonalanlage zu induzieren vermag.
Die induzierende Wirkung des Organisators wurde von mir von Anfang
an als eine auslösende betrachtet. Auch wurde von Anfang an
die Frage aufgeworfen, welchen Anteil Aktions- und Reaktionssystem
am Zustandekommen und am Charakter des Induktionsproduktes haben:
Bei den zur Lösung dieser Frage unternommenen Experimenten
stellte sich der Anteil des Reaktionssystems als immer größer
heraus; schließlich als so groß, daß dadurch der
Organisatorbegriff selbst problematisch wird. Wenn die verschiedensten
Gewebsarten, sogar von Warmblütern, in Triton als Wirt induzieren
können, wenn Gebilde von hoher morphologischer Struktur durch
einfache Stoffe hervorgerufen werden, dann liegt in diesen Fällen
die ganze Komplikation auf Seiten, des Reaktionssystems; dann paßt
aber hier auch der Begriff des Organisators nicht mehr. Ein "toter
Organisator" ist ein Widerspruch in sich selbst.
Dadurch wird aber andererseits das experimentelle Ergebnis nicht
aus der Welt geschafft, daß ein Stück obere Urmundlippe
sich in der seinem inneren Bau entsprechenden Richtung einstülpt,
auch entgegen den Achsen des Wirts; daß es sich aus der mesodermalen
Umgebung zu einem vollkommenen Achsensystem ergänzt; daß
ein ins Blastocoel gestecktes und dadurch unter das Ektoderm gebrachtes
Stück Urdarmdach eine Medullarplatte induziert, welche auch
quer oder entgegengesetzt zur primären orientiert sein kann
und sich in richtiger Ordnung und Proportion Linsen und Hörblasen
angliedert. Hier hängt also die ganze Richtung und Ordnung
des Geschehens von der organisatorischen Wirkung des verpflanzten
Stücks Urmundlippe oder Urdarmdach ab; durch seine Lage wird
bestimmt, was aus jeder von seiner Wirkung getroffenen Zelle des
Reaktionssystems werden soll.
Offenbar unterscheidet sich also die Induktion durch einen Induktor
ohne morphologische Struktur zum mindesten in einem wichtigen Punkt
von der durch einen lebenden Organisator bewirkten; nämlich
darin, daß Richtung und Art des Geschehens allein im Reaktionssystem,
in seiner Struktur und in seinem sonstigen Zustand, begründet
sind. Dies würde dem Verständnis keine grundsätzlichen
Schwierigkeiten bereiten, wenn die sekundären Embryonalanlagen
den primären immer gleich gerichtet wären und in derselben
Höhe mit ihnen, also in ihrem Felde lägen. Dieses letztere
scheint aber nicht immer der Fall zu sein.
Von großer Bedeutung ist in dieser Hinsicht das schon erwähnte
(vgl. S. 55) Experiment von J. Holtfreter (1934a u. b), bei welchem
augenlose Linsen durch abnorme Induktoren (wie frische Leber, gekochtes
Salamanderherz) hervorgerufen wurden; Induktoren also, deren Einfluß
kein spezifischer sein kann. Diese Linsen lagen nun nicht in Augenhöhe,
sondern in der Kiemen-Herz- oder Lebergegend, d. h. beträchtlich
weiter hinten. Da also weder der induzierende Reiz noch auch eine
etwaige Feldwirkung speziell auf Linsenbildung gerichtet gewesen
sein kann, so wird es eine Frage von höchster Wichtigkeit,
warum es gerade zu dieser Bildung kam und nicht etwa zur Entstehung
einer Medullarplatte. In diesem Zusammenhang weist Holtfreter (1934
S. 367) darauf hin, daß jedenfalls in einigen seiner Fälle
das Reaktionsmaterial älter war als gewöhnlich. Es hatte
also vielleicht das Stadium der Bereitschaft zur Bildung von Medullarplatte
schon überschritten. Ähnliche Gedanken hatte kurz vorher
0. Mangold (1933) ausgeführt. Dieselbe Vorstellung liegt auch
dem oben (S. 59) zitierten, hypothetisch ausgesprochenen Satz zugrunde,
daß die Epidermis in einem bestimmten Entwicklungsstadium
mit der Fähigkeit, eine Linse zu bilden, gewissermaßen
"geladen" sein könnte, so daß ein ganz unspezifischer
Reiz wie etwa der Zug des anhaftenden, sich einkrümmenden Augenbechers
zur Auslösung der Linsenbildung genügen würde (H.
Spemann 1912 a, S. 90).
Im einzelnen ist diese von mir angedeutete Möglichkeit hier
nicht verwirklicht. Soweit es sich um die Natur des Reizes - physikalisch
oder chemisch- handelt, wiesen die Tatsachen schon damals auf eine
stoffliche Wirkung hin; durch die eben angeführten Versuche
von Holtfreter ist das so gut wie sicher geworden. Und was jenen
Zustand des "Geladenseins", d. h. der höchsten Reaktionsbereitschaft,
anlangt, so wäre er nach Holtfreter auf einen beträchtlich
früheren Zeitpunkt zu verlegen, in welchem ein Zug von selten
des sich einkrümmenden Augenbechers nicht in Frage kommt. Nur
die ganz allgemeine in jenem Satze enthaltene Anschauung würde
durch die neuen Ergebnisse eine Stütze erhalten, daß
nämlich ein Mutterboden wie das Ektoderm in fortschreitender
Entwicklung Zustände durchläuft, in welchen er jeweils
zur Bildung ganz bestimmter Organanlagen bereit ist, und daß
in diesen einzelnen Etappen der Entwicklung Reize von unspezifischer
Art genügen, um die Entstehung der Bildungen auszulösen,
welche an der Reihe sind.
Der lebende Organisator würde dann zunächst nur Wirkungen
ganz allgemeiner Art ausgehen lassen, etwa Strukturgefälle
neu herstellen, welche die Hauptzüge der induktiven Entwicklung
bestimmen. Vielleicht ließe sich das mit toten Induktoren
dadurch nachahmen, daß man ihnen eine Richtungsstruktur einfachster
Art verleiht; etwa indem man dem Induktor eine längliche Form
gibt und ihn am einen Ende wirksamer macht, also ein Intensitätsgefälle
seiner Wirksamkeit herstellt.
Wenn der Fortschritt der Forschung ein so reißend schneller
ist, wie jetzt gerade auf diesem Gebiet, fällt es nicht schwer,
sich zu gedulden, bis durch solche oder ähnliche Experimente
schrittweise sicherer Boden gewonnen ist. So will ich denn mit dem
Hinweis schließen, daß an dieser Stelle die drängendsten
Fragen der Antwort harren.
Aber eine Erklärung glaube ich dem Leser noch schuldig zu
sein. Immer wieder sind Ausdrücke gebraucht worden, welche
keine physikalischen, sondern psychologische Analogien bezeichnen.
Daß dies geschah, soll mehr bedeuten als ein poetisches Bild.
Es soll damit gesagt werden, daß die ortsgemäße
Reaktion eines mit den verschiedensten Potenzen begabten Keimstückes
in einem embryonalen "Feld", sein Verhalten in einer bestimmten
"Situation", keine, gewöhnlichen, einfachen oder komplizierten
chemischen Reaktionen sind. Es soll heißen, daß diese
Entwicklungsprozesse, wie alle vitalen Vorgänge, mögen
sie sich einst in chemische und physikalische Vorgänge auflösen,
sich aus ihnen aufbauen lassen oder nicht, in der Art ihrer Verknüpfung
von allem uns Bekannten mit nichts so viel Ähnlichkeit haben
wie mit denjenigen vitalen Vorgängen, von welchen wir die intimste
Kenntnis besitzen, den psychischen. Es soll heißen, daß
wir uns, ganz abgsesehen von allen philosophischen Folgerungen,
lediglich im Interesse des Fortschritts unserer konkreten, exakt
zu begründenden Kenntnisse diesen Vorteil unserer Stellung
zwischen den beiden Welten nicht sollten entgehen lassen. An vielen
Orten dämmert diese Erkenntnis jetzt auf. Auf dem Wege zu dem
neuen hohen Ziel glaube ich mit meinen Experimenten einen Schritt
getan zu haben.
*****
Aus: Experimentelle Beiträge zu einer Theorie der Entwicklung
von Hans Spemann, Freiburg i. Br.
Deutsche Ausgabe der Stillman Lectures
gehalten an der Yale University
im Spätjahr 1933
Berlin, Verlag von Julius Springer, 1936
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