"Ein schweigsamer Mann mit liebenswürdigem Lächeln"
geboren: 1.11.1880 in Berlin
gestorben: im November 1930 in Grönland
1900-04 Studium der Astronomie, Meteorologie und
Physik in Heidelberg, Innsbruck, Berlin. 1905 Promotion in Berlin
mit einer Arbeit über "Die Alfonsinischen Tafeln für den
Gebrauch des modernen Rechners". 1905 technischer Assistent am Aeronautischen
Observatorium in Lindenberg, 60 km südöstlich von Berlin.
April 1906 zusammen mit seinem Bruder Kurt 52stündiger Rekordflug
mit einem Freiballon. 1906-08 erste Grönlandexpedition mit
dem dänischen Polarforscher Ludvig Mylius-Erichsen (1872-1907).
1909 Habilitation in Marburg mit der Arbeit über "Die Drachen-
und Fesselballonaufstiege" bei der Grönlandexpedition. Privatdozent
für Meteorologie und praktische Astronomie an der Marburger
Universität, dabei war er gezwungen durch Veröffentlichungen
und Vorträge sein Gehalt aufzubessern. 1912-13 gelang Wegener
und Joh.Peter Koch (1870-1920) eine Durchquerung Grönlands
von Ost nach West. 1913 heiratete Wegener Else Köppen, die
Tochter des Hamburger Meteorologen Wladimir Köppen. Im ersten
Weltkrieg wurde er zweimal verwundet und dann beim militärischen
Wetterdienst eingesetzt.
1919 Leiter der Abteilung theoretische Meteorologie der deutschen
Seewarte und außerordentlicher Professor an der neugegründeten
Hamburger Universität. Die Arbeit gestaltete sich aber nicht
zu Wegeners Zufriedenheit. Er hatte zu viele Verwaltungsaufgaben.
Dazu kamen stundenlange Bahnfahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz.
Der Aufbau einer meteorologischen Forschungsanstalt wurde durch
die Inflation unmöglich. Deshalb nahm Wegener einen Ruf auf
die Professur für Meteorologie und Geophysik an der Universität
Graz an. Die dortigen Bedingungen entsprachen seinen Wünschen:
eine Professur ohne großes Institut. Es folgten Jahre fruchtbaren
Schaffens in Graz. Dann zog es ihn wieder nach Grönland: 1929
zu einer Vorexpedition und 1930 zu seiner größten und
letzten Expedition. Wenige Tage nach seinem 50.Geburtstag verstarb
er auf dem Weg von der Überwinterungsstation "Eismitte" zur
Küste.
Als Wissenschaftler war Wegener außerordentlich vielseitig.
106 von seinen 170 Veröffentlichungen behandeln meteorologische
Themen. Die Doktorarbeit entstammte der Astronomie. Zur Astronomie
könnte man auch seine späteren Arbeiten über Mondkrater
und Meteoriten rechnen. Das Gebiet, für das er sich Zeit seines
Lebens und für das er sein Leben selbst einsetzte, war die
Polarforschung. Bekannt wurde er in aller Welt durch seine Theorie
der Kontinentalverschiebung, die eigene und fremde Forschungsarbeiten
aus Geophysik, Geologie, Paläontologie und Paläoklimatologie
zusammenfaßte.
In der Meteorologie hat sich Wegener nie mit der Aufstellung von
Wettervorhersagen beschäftigt, für ihn war die Meteorologie
Physik der Atmosphäre. Zu seinen frühesten Arbeiten gehörte
die empirische Bestätigung der Helmholtzschen Theorie der Wogenwolken.
1910 erforschte er die Eisphasen des Wasserdampfes in der Atmosphäre.
Daraus leitete Tor Bergeron (1891-1977) 1933 den für die Wolkenbildung
so wichtigen Eiskristallprozeß ab. Auch Wegener schrieb Arbeiten
zur Entstehung spezieller Wolkenarten, des Cumulus mammatus und
der Zirren. Er war einer der ersten, der sich mit der Turbulenz
der Atmosphäre befaßte. Eigenen Beobachtungen und der
sorgfältigen Zuammenstellung des in der Literatur vorhandenen
Materials entstammten seine Aufsätze und seine Monographie
über Staubwirbel, Wind- und Wasserhosen. In dem Zusammenhang
stellte er eine eigene Theorie der Tromben auf. Mehrere Arbeiten
beschäftigten sich mit optischen Phänomenen der Atmosphäre
und ihrer Photographie. Auch sonst betrachtete Wegener die Photographie
als ein wichtiges Hilfsmittel geowissenschaftlicher Forschung. Eine
im Kriege gemachte Beobachtung gab Anlaß zu seiner Arbeit
von 1918 über Haareis auf morschem Holz. In den Hamburger Jahren
entwickelte er mit Erich Kuhlbrodt (1891-1972) zusammen einen Ballontheodolit,
der sich für Schiffsmessungen eignete, und machte 1922 auf
einer Schiffsreise nach Mexiko und Kuba Höhenwindmessungen
über dem Atlantik. Solche Messungen wurden wichtig beim Aufkommen
des transatlantischen Luftverkehrs.
Besonders günstige Startbedingungen hatte Wegener in einem
neuen Teilgebiet der Meteorologie, der Aerologie. Darunter versteht
man die Physik der hohen oder, wie man damals sagte, der freien
Atmosphäre. 1902 hatten Leon Teisserenc de Bort (1855-1913)
und Richard Aßmann (1845-1918) unabhängig voneinander
die Stratosphäre entdeckt. In Lindenberg arbeiteten die Brüder
Wegener unter Aßmanns Leitung. So wurde Alfred Wegener einer
der Pioniere der Aerologie. Er berechnete erstmalig die Luftzusammensetzung
auf Grund des Daltonschen Gesetzes und der barometrischen Höhenformel
(siehe Abb. oben) - unrichtig, wie wir heute wissen, da die Luft
bis in 100 km Höhe gleichförmig durchmischt ist (Homosphäre).
Er beteiligte sich an der Berechnung der Temperaturverteilung mit
der Höhe aus den Untersuchungen der Hörbarkeit des Schalles
und des Aufleuchtens der Meteore. Spekulativ war seine Einführung
eines hypothetischen Gases "Geokoronium" zur Erklärung der
grünen Nordlichtlinie.
Als ein Meteorit am 3. April 1916 in Kurhessen zur Erde fiel,
bestimmte Wegener aus der Analyse zahlreicher Einzelbeobachtungen
die mutmaßliche Aufschlagstelle. Dort wurde der Meteorit im
Frühjahr 1917 gefunden. Wegener beschäftigte sich mit
der Form der Aufsturzkrater, machte Experimente dazu mit Zementpulver
und schrieb 1921 eine Monographie über "Die Entstehung der
Mondkrater". Darin äußerte er die Ansicht, weitaus die
meisten Krater seien durch den Einsturz von Meteoriten entstanden,
eine Meinung, die damals nur von wenigen Außenseitern vertreten,
heute aber von der Allgemeinheit akzeptiert wird.
Wie Halley war Wegener ein Mann, der den Drang hatte, den Geheimnissen
der Natur durch eigene Beobachtungen und Messungen an Ort und Stelle
auf die Sprünge zu kommen. Deshalb zog es ihn immer wieder
zur Polarforschung, insbesondere nach Grönland. Ziel der dänischen
Grönlandexpedition von 1906-08 war die kartographische Aufnahme
der Nordostküste. Unter 28 Teilnehmern war Wegener der einzige
Deutsche. Mit Drachen und Fesselballons, die bis in 3000 m Höhe
aufstiegen, machte er die ersten aerologischen Messungen im Polargebiet.
Wie ein düsteres Vorzeichen erscheint der Tod des Expeditionsleiters
Ludvig Mylius-Erichsen auf Wegeners 1.Expedition. Wegeners 2.Grönlandexpedition
(1912-13) hatte nur vier Teilnehmer. Wegener hatte die wissenschaftliche
und der dänische Hauptmann Johann Peter Koch die technische
Leitung. Auf der Hinreise wurde "zur Übung" Island durchquert.
Kochs Idee war es, statt Hundeschlitten 16 isländische Pferde
mit nach Grönland zu nehmen. Mit ihrer Hilfe gelang es erstmals
ein Winterquartier auf dem Eis zu errichten. Die Durchquerung Grönlands
hat aber keines der Pferde überlebt. Auch die menschlichen
Expeditionsteilnehmer erreichten ihr Ziel nur, weil sie zufällig
von einem Eskimoboot entdeckt und zu der kleinen Siedlung Pröven
mitgenommen wurden.
Der großen Grönlandexpedition (1930-31) ging 1929 eine
Vorexpedition zur Grönländischen Westküste mit vier
Teilnehmern voraus. Dabei wurde die neue Methode der seismischen
Eisdickenmessung erprobt und der günstigste Ort für den
Aufstieg aufs Inlandeis erkundet. Die von Wegener geplante und geleitete
Hauptexpedition umfaßte 20 Teilnehmer. Auf einem Profil von
West nach Ost über das ganze Inlandeis sollten fortlaufend
geophysikalische und meteorologische Messungen gemacht werden. Je
eine Station an der West- und Ostküste und eine in "Eismitte"
blieb dauernd besetzt. Von Anfang an litt die Expedition unter widrigen
Eisverhältnissen. Die Propellerschlitten, von denen man sich
viel erhofft hatte, versagten. Voller Sorge machte sich Wegener
mit zwei Begleitern zu Fuß auf den Weg zur Station Eismitte,
die sie nach 40 Tagen erreichten. Ein Begleiter blieb mit erfrorenen
Zehen dort. Wegener begann an seinem 50. Geburtstag mit dem Eskimo
Rasmus den Rückweg. Keiner von ihnen wurde wieder lebend gesehen.
Man fand nur Wegeners Grab. Mitte November muß er an Herzversagen
gestorben sein. Rasmus blieb verschollen. Nach Wegeners Tod übernahm
sein Bruder Kurt die Leitung der Expedition und führte sie
zu einem erfolgreichen Ende.
Wegener war nicht nur jemand, der auf vielen Gebieten arbeitete,
sondern der auch Zäune einriß und der einer ganzen Gruppe
von Disziplinen der Geowissenschaften neue Wege wies.
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