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Marie
Sklodowska Curie (* 7. November 1867 in Warschau; † 4. Juli
1934 in Sancellemoz; geborene Maria Salomea Sklodowska) war eine
Physikerin polnischer Herkunft, die in Frankreich wirkte.
Sie untersuchte die 1896 von Henri
Becquerel beobachtete Strahlung von Uranverbindungen und prägte
für diese das Wort „radioaktiv“.
Im Rahmen ihrer Forschungen, für die ihr 1903 ein
anteiliger Nobelpreis für Physik und 1911 der Nobelpreis für
Chemie zugesprochen wurde, entdeckte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann
Pierre Curie die chemischen Elemente Polonium und Radium.
Marie Curie wuchs im damals zu Russland gehörigen Teil Polens
auf. Da Frauen in ihrem Heimatland nicht zum Studium zugelassen
wurden, zog sie nach Paris und begann Ende 1891 ein Studium an der
Sorbonne, das sie mit Lizenziaten in Physik und Mathematik beendete.
Im Dezember 1897 begann sie die Erforschung radioaktiver Substanzen,
die seitdem den Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit
bildeten. Nach dem Unfalltod Pierre Curies wurden ihr 1906 zunächst
seine Lehrverpflichtungen übertragen. Zwei Jahre später
wurde sie schliesslich auf den für ihn geschaffenen Lehrstuhl
für Allgemeine Physik berufen. Sie war die erste Frau und die
erste Professorin, die an der Sorbonne lehrte. Als sich Marie Curie
1911 um einen Sitz in der Académie des sciences bewarb und
im selben Jahr ihr Verhältnis mit Paul Langevin bekannt wurde,
erschienen in der Boulevardpresse Artikel, in denen sie persönlich
angegriffen und als Fremde, Intellektuelle, Jüdin und sonderbare
Frau bezeichnet wurde.
Kindheit und Jugend in Polen
Maria Sklodowska war das jüngste von fünf Kindern des
Lehrerehepaares Bronislawa und Wladyslaw Sklodowski, die beide dem
niederen polnischen Landadel, der Szlachta, entstammten und zur
polnischen Intelligenzija zählten. Ihr Vater Wladyslaw hatte
an der Universität Sankt Petersburg studiert und als Lehrer
für Mathematik und Physik an verschiedenen staatlichen und
privaten Schulen unterrichtet. Ihre Mutter Bronislawa wurde am Mädchenpensionat
in der Fretastrasse (Ulica Freta), der einzigen privaten Mädchenschule
in Warschau, ausgebildet, wo sie anschliessend erst als Lehrerin
und später als Schulleiterin tätig war und wo die Familie
zum Zeitpunkt von Marias Geburt wohnte. 1868 wurde ihr Vater zum
stellvertretenden Direktor einer öffentlichen Schule befördert,
woraufhin die Familie in die mit der Stellung verbundene grössere
Dienstwohnung in der Nowolipkistrasse (Ulica Nowolipki) zog.
Etwa zu dieser Zeit erkrankte Marias Mutter an Tuberkulose und musste
ihren Posten aufgeben. Als ihr Vater 1873 aus dem Schuldienst entlassen
wurde, war die Familie aus finanziellen Gründen gezwungen,
ein Pensionat zu eröffnen, das anfangs zwei und später
bis zu zehn Schüler beherbergte. Maria wurde mit sechs Jahren
eingeschult und besuchte zunächst die von ihrer Mutter geleitete
Mädchenschule in der Fretastrasse. Zwei Jahre später
wechselte sie auf die näher gelegene Privatschule von Jadwiga
Sikorska. Nach dem gescheiterten Januaraufstand von 1863 wurde im
russisch kontrollierten Teil Polens eine zunehmende Russifizierung
betrieben. Unterricht durfte nur in russischer Sprache erteilt,
polnische Geschichte und Kultur konnte nur heimlich unterrichtet
werden, was gleichermassen eine Herausforderung für Lehrer
wie Schüler war. Im Herbst 1878 wechselte Maria an das öffentliche
Gymnasium Nr. 3. Kurz zuvor war ihre Mutter an den Folgen ihrer
Erkrankung gestorben. 1883 bestand Maria im Alter von 15 Jahren
ihr Abitur als Klassenbeste. Das darauf folgende Jahr verbrachte
sie bei Verwandten auf dem Land, da sie Anzeichen von Erschöpfung
zeigte.
In Polen durfte Maria nicht studieren, weil Frauen an Universitäten
nicht zugelassen waren. Die finanzielle Situation ihres Vaters liess
eine Unterstützung während eines Auslandsstudiums nicht
zu. Im Spätsommer 1884 begann Maria in der Wohnung ihres Vaters
Privatunterricht zu erteilen. Während dieser Zeit nahm sie
gemeinsam mit ihrer Schwester Bronia an Kursen der von Jadwiga Szczawinska-Dawidowa
heimlich organisierten „Fliegenden Universität“
(Uniwersytet Latajacy) teil, die eine akademische Bildung ermöglichte.
Ab September 1885 arbeitete Maria kurze Zeit als Hauslehrerin bei
einer Anwaltsfamilie. Ende 1885 übernahm sie für dreieinhalb
Jahre eine Stelle als Hauslehrerin auf dem Land in Szczuki bei Przasnysz
mit der Aufgabe, die beiden ältesten Töchter der Familie
Zorawski zu unterrichten. An ihren freien Abenden las sie Bücher
über Physik, Soziologie, Anatomie und Physiologie, um ihre
Neigungen auszuloten und sich auf das Studium vorzubereiten. Mit
dem Einverständnis des Hausherren und mit Unterstützung
von dessen ältester Tochter gab Maria täglich einem Dutzend
Bauernkindern Unterricht im Lesen und Schreiben. Als im Sommer des
ersten Jahres ihres Aufenthaltes der älteste Sohn der Familie
Kazimierz Zorawski von der Universität nach Hause zurückkehrte,
verliebten sich beide ineinander. Ihre Heiratspläne scheiterten
jedoch am Widerstand von Kazimierz' Familie. Im Frühjahr 1889
endete Marias Tätigkeit bei den Zorawskis. Sie fand eine weitere
Hauslehrerinnenstelle in einem Badeort an der Ostseeküste.
Um seine Töchter besser finanziell unterstützen zu können,
hatte ihr Vater im April 1888 nach seiner Pensionierung für
zwei Jahre die Leitung einer landwirtschaftlichen Erziehungsanstalt
in Studzieniec in der Nähe von Warschau übernommen.
Seit 1890 wohnte Maria wieder mit ihrem Vater in Warschau zusammen.
Ihrem Cousin Józef Boguski (1853–1933), einem ehemaligen
Assistenten von Dmitri Mendelejew, wurde die Leitung des Warschauer
Industrie- und Landwirtschaftsmuseums (Muzeum Przemyslu i Rolnictwa)
übertragen. In den Räumlichkeiten des Museums, das über
ein eigenes Laboratorium verfügte, bekam Maria zum ersten Mal
die Gelegenheit, eigene chemische und physikalische Experimente
durchzuführen, die ihre „Neigung zur experimentellen
Forschung auf dem Gebiet der Physik und Chemie“ festigte
und sie in ihrem Wunsch, ein naturwissenschaftliches Studium in
Paris aufzunehmen, bestärkte.
Erste Jahre in Paris
Pierre, Irène und Marie Curie
1891 reiste Maria Sklodowska nach Paris, wo sie anfangs bei ihrer
Schwester Bronia und deren Mann Kazimierz Dluski in der Rue d'Allemagne
unweit des Gare du Nord wohnte. Am 3. November schrieb sie sich
als Marie Sklodowska für ein Studium der Physik an der Sorbonne
ein. Unter den 9000 Studenten der Universität in diesem Jahr
befanden sich 210 Frauen. Von den mehr als 1825 Studenten der Faculté
des sciences waren 23 weiblich. Ihre wenigen Mitstudentinnen kamen
meist aus dem Ausland, da an den französischen Mädchenschulen
die zur Baccalauréat-Prüfung notwendigen Fächer
Physik, Biologie, Latein und Griechisch nicht gelehrt wurden. Marie
hatte schlechtere Vorkenntnisse als ihre französischen Kommilitonen
und die sprachlichen Probleme bildeten eine zusätzliche Herausforderung.
Im Winter 1891/92 spielte sie bei einem von Exilpolen inszenierten
russlandfeindlichen Theaterstück mit, was ihren Vater sehr
verärgerte.
Im März 1892 zog Marie Sklodowska in ein kleines möbliertes
Zimmer in der Rue Flatters im Quartier Latin um, da sie mehr Ruhe
für ihr Studium benötigte und näher bei den Einrichtungen
der Universität wohnen wollte. In ihrem ersten Studienjahr
gehörten unter anderem der Mathematiker Paul Appell und die
Physiker Gabriel Lippmann und Edmond Bouty (1846–1922) zu
ihren Lehrern. Die Prüfungen für das Lizenziat der Physik
(licence des sciences physiques) schloss sie im Juli 1893 als Beste
ab. Im Sommer wurde ihr das Alexandrowitsch-Stipendium in Höhe
von 600 Rubeln zugesprochen, das es ihr ermöglichte, ihr Studium
in Paris fortzusetzen. Den Abschluss für das Lizenziat in Mathematik
(licence des sciences mathématiques) machte sie im Juli 1894
als Zweitbeste.
Die Gesellschaft zur Förderung der Nationalindustrie (Société
d'Encouragement pour l'Industrie Nationale) beauftragte Marie Sklodowska
Anfang 1894, eine Studie über die magnetischen Eigenschaften
verschiedener Stahlsorten durchzuführen. Sie arbeitete unter
sehr beengten Verhältnissen im Labor ihres Lehrers Gabriel
Lippmann und war auf der Suche nach einem geeigneteren Platz für
ihre Experimente, worüber sie dem Physiker Józef Kowalski,
Professor an der Universität Freiburg, berichtete. Kowalski
machte sie im Frühjahr mit Pierre Curie bekannt, der an der
École municipale de physique et de chimie industrielles (ESPCI)
unterrichtete und das dortige Laboratorium leitete. Im Sommer 1894
suchte Marie in Polen nach einer interessanten Forschungstätigkeit.
Da sie kein geeignetes Angebot erhielt, beschloss sie, für
ein weiteres Jahr nach Paris zurückzukehren. Dort entwickelte
sich aus der beruflichen Zusammenarbeit mit Pierre Curie eine gegenseitige
Zuneigung. Am 26. Juli 1895 heiratete Marie Sklodowska im Rathaus
von Sceaux Pierre Curie. Das Paar zog in eine Dreizimmerwohnung
in der Rue de la Glacière.
In ihrem ersten Ehejahr bereitete sich Marie Curie auf die Agrégation
vor, die sie berechtigte, an einer höheren Mädchenschule
zu unterrichten und ihr ein eigenes Einkommen verschaffen würde.
Die Prüfungen im Sommer 1896 bestand sie erneut als Beste ihres
Kurses. Nebenher setzte Marie Curie ihre physikalischen Studien
fort. Sie besuchte unter anderem Vorlesungen von Marcel Brillouin
und dokumentierte ihre Untersuchungen über die Magnetisierung
von gehärtetem Stahl, was ihre erste wissenschaftliche Veröffentlichung
war. Am 12. September 1897 brachte sie ihre erste Tochter Irène
zu Welt.
Wissenschaftliche Erfolge
Neue Elemente

Anordnung zur Messung der Radioaktivität:
A, B Plattenkondensator
C Schalter
E Elektrometer
H Schale für Gewichte
P Batterie
Q Piezoelektrischer Quarz
Die Entdeckung der Röntgenstrahlung Ende 1895 erregte weltweit
Aufsehen und löste zahlreiche Forschungsaktivitäten aus.
Die im Frühjahr 1896 von Antoine Henri Becquerel zufällig
entdeckte Fähigkeit von Urankaliumsulfat, eine fotografische
Platte zu schwärzen, blieb hingegen nahezu unbeachtet. Marie
Curie, die auf der Suche nach einem Thema für ihre Doktorarbeit
war, beschloss, sich den „Becquerel-Strahlen“ zuzuwenden.
Zunächst beabsichtigte sie, die Ionisationsfähigkeit der
von Uransalzen ausgehenden Strahlung zu quantifizieren und knüpfte
mit ihren Versuchen an die Ende 1897 im Labor von Lord Kelvin durchgeführten
Messungen an. In den ersten Wochen ihrer am 16. Dezember 1897 begonnenen
Experimente entwickelte sie gemeinsam mit ihrem Mann Pierre ein
Verfahren, das auf einem von Pierre entwickelten piezoelektrischen
Elektrometer beruhte und mit dem sie die von den Strahlen verursachte
Änderung der elektrischen Leitfähigkeit der Luft sehr
genau messen konnte.
Auf diese Weise untersuchte Marie Curie zahlreiche uranhaltige Metalle,
Salze, Oxide und Mineralien, die ihr von Henri Moissan, Alexandre
Léon Étard (1852–1910), Antoine Lacroix und
Eugène-Anatole Demarçay zur Verfügung gestellt
wurden. Sie stellte dabei fest, dass Pechblende viermal aktiver
und natürliches Chalcolit doppelt so aktiv wie Uran ist. Die
gemessene Aktivität der uranhaltigen Stoffe erwies sich als
unabhängig von ihrem Aggregatzustand und war proportional zu
ihrem Urananteil. Eine Kontrollmessung an künstlich hergestellten
Chalcolit, das sie mit Hilfe des Debray-Verfahrens aus Urannitrat,
Kupferphosphat und Phosphorsäure gewonnen hatte, bestätigte
diese Erkenntnis. Marie Curie schlussfolgerte daraus, dass die „Becquerel-Strahlung“
eine Eigenschaft der Atome und keine chemische Eigenschaft ist.
Ihre Forschungsergebnisse wurden am 12. April 1898 von Gabriel Lippmann
vor der Académie des sciences in Paris vorgetragen, da Marie
Curie kein Mitglied der Akademie war. Ihre während dieser ersten
Untersuchungen gemachte Beobachtung, dass Thorium ähnlich wie
Uran strahlt, war bereits Anfang Februar 1898 unabhängig von
ihr durch Gerhard Schmidt (1865–1949) entdeckt und bei einem
Treffen der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin publiziert worden.
Marie Curie und ihr Mann gingen davon aus, dass die hohe Aktivität
der Pechblende von einem unbekannten chemischen Element verursacht
wird. In den folgenden Wochen versuchten sie, dieses Element mit
chemischen Verfahren zu isolieren. Bald hatten sie Zwischenprodukte
erzeugt, die viel aktiver als Pechblende waren, und gelangten zu
dem Schluss, dass es sich nicht nur um ein neues Element handeln
müsse, sondern um zwei verschiedene, von denen eines chemisch
Bismut und das andere Barium ähneln müsse. Der spektroskopische
Nachweis des ersten neuen Elementes, das sie am 13. Juni 1898 zu
Ehren von Marie Curies Heimat Polonium getauft hatten, misslang
jedoch. Dennoch liessen sie fünf Tage später Henri
Becquerel ihre Ergebnisse vor der Académie des sciences präsentieren.
In der Überschrift des Berichtes wurde erstmalig das Wort „radioaktiv“
verwendet. Im Juli wurde Marie Curie für ihre Arbeiten über
die magnetischen Eigenschaften von Stahl und die Radioaktivität
der mit 3800 Francs dotierte Prix Gegner der Académie des
sciences zuerkannt.
Im Herbst 1898 litt Marie Curie an Entzündungen der Fingerspitzen,
welches die ersten bekannten Symptome der Strahlenkrankheit waren,
an der sie später litt. Nach einem ausgedehnten Sommerurlaub
in der Auvergne nahm das Paar am 11. November die Suche nach dem
zweiten unbekannten Element wieder auf. Mit der Hilfe von Gustave
Bémont gelang es ihnen schnell, eine Probe herzustellen,
die 900-mal stärker als Uran strahlte. Am 20. Dezember erhielt
das neue Element im Laborbuch der Curies den Namen Radium. Diesmal
ergab die von Eugène-Anatole Demarçay an der Probe
vorgenommene spektroskopische Untersuchung eine Spektrallinie, die
sich keinem bisher bekannten Element zuordnen liess. Am 26.
Dezember 1898 war es erneut Becquerel, der vor der Akademie von
den Forschungsergebnissen der Curies berichtete.
Nobelpreis für Physik
Anfang 1899 verlagerte das Forscherpaar seine Arbeitsschwerpunkte.
Gemeinsam mit Georges Sagnac und André-Louis Debierne beschäftigte
sich Pierre Curie mit den physikalischen Wirkungen der Radioaktivität.
Marie Curie konzentrierte sich vollständig auf die chemische
Isolierung des Radiums. Dafür benötigte sie grosse
Mengen Pechblende. Durch die Vermittlung von Eduard Suess, dem amtierenden
Präsidenten der Akademie der Wissenschaften in Wien, erhielt
sie eine Tonne Pechblendenabfälle aus Sankt Joachimsthal, für
die sie nur die Transportkosten übernehmen musste. Vom EPCI
bekam sie die Erlaubnis, einen zugigen Schuppen, der vorher als
Sezierraum diente, für ihre langwierige und physisch anstrengende
Arbeit zu benutzen.
Im März 1900 zogen Marie und Pierre Curie in eine Wohnung am
Boulevard Kellermann. Im selben Jahr wurde Marie als erste Frau
an die École normale supérieure in Sèvres berufen,
die als Frankreichs renommierteste Ausbildungsstätte für
zukünftige Lehrerinnen galt, um dort Physik zu lehren. Auf
einem Physikerkongress anlässlich der Pariser Weltausstellung
stellten die Curies ihre Forschungsergebnisse über Radioaktivität
zahlreichen ausländischen Physikern vor und verfassten aus
diesem Anlass ihre bis dahin umfangreichste Abhandlung mit dem Titel
„Die neuen radioaktiven Substanzen und die von ihnen emittierten
Strahlen“.
Die Académie des sciences unterstützte Maries Curies
Arbeit finanziell. Noch zweimal, 1900 und 1902, wurde ihr der Prix
Gegner verliehen. 1903 erhielt sie den mit 10.000 Francs dotierten
Prix La Caze. Die Fortsetzung ihrer Radium-Forschung sicherte die
Akademie im März 1902 mit einem Kredit über 20.000 Francs.
Im Juli 1902 hatte Marie Curie ein Dezigramm Radiumchlorid gewonnen
und konnte damit die Atommasse des Radium sehr genau bestimmen.
Sie wandte sich anschliessend ihrer Dissertation mit dem Titel
„Recherches sur les substances radioactives“ (deutsch:
Untersuchungen über die radioaktiven Substanzen) zu. Die von
Dekan Paul Appell am 11. Mai 1903 zugelassene Doktorarbeit verteidigte
sie am 25. Juni vor Gabriel Lippmann, Henri Moissan und Edmond Bouty.
Die Dissertation wurde innerhalb eines Jahres in fünf Sprachen
übersetzt und 17-mal abgedruckt, darunter in den von William
Crookes herausgegebenen Chemical News und den Annales de physique
et chimie.
Anfang 1903 traten bei Marie und Pierre Curie erste gesundheitliche
Probleme auf, die sie jedoch auf Überarbeitung zurückführten.
Marie Curie hatte im August 1903 eine Fehlgeburt, die sie gesundheitlich
weiter schwächte. Als die Royal Society dem Ehepaar am 5. November
1903 die Davy-Medaille zusprach, die jährlich für die
wichtigste Entdeckung auf dem Gebiet der Chemie vergeben wird, musste
Pierre Curie allein nach London reisen, um den Preis entgegenzunehmen.
Mitte November erhielten die Curies einen Brief von der Schwedischen
Akademie der Wissenschaften, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass
sie „in Anerkennung der ausserordentlichen Leistungen,
die sie sich durch ihre gemeinsame Forschung über die von Professor
Henri Becquerel entdeckten Strahlungsphänomene erworben haben“
gemeinsam mit Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik erhalten
sollten. Die Einladung zum offiziellen Festakt im Dezember 1903
nahmen sie unter Hinweis auf ihre Unterrichtsverpflichtungen und
Maries schlechte Gesundheit nicht wahr. Die Reise nach Stockholm,
während der Pierre Curie einen Nobel-Vortrag über radioaktive
Substanzen und speziell Radium hielt, traten sie erst im Juni 1905
an.
Professorin an der Sorbonne
Marie Curies Ehemann Pierre Curie starb 1906 bei einem Verkehrsunfall.
Nach der Zuerkennung des Nobelpreises gerieten Marie und Pierre
Curie in die Schlagzeilen der französischen Presse. So schrieb
beispielsweise Les Dimanches: „Der Fall von Monsieur und Madame
Curie, die auf dem Gebiet der Wissenschaft zusammenarbeiten, ist
gewiss nicht das Übliche. Eine Idylle im Physiklabor, das hat
die Welt noch nicht gesehen.“ Marie Curies Rolle bei der Erforschung
des Radiums wurde wechselweise unterschätzt oder übertrieben
und ihre polnische Herkunft gern übersehen. Durch das Eindringen
der Reporter in ihre Privatsphäre fühlten sich die Curies
mehr und mehr bedrängt.
Anfang Dezember 1904 wurde ihre zweite Tochter Ève geboren.
Am 1. Oktober 1904 trat Pierre Curie seine Professur auf dem eigens
für ihn geschaffenen Lehrstuhl für allgemeine Physik an
der Sorbonne an, und Marie Curie wurde die Leitung der wissenschaftlichen
Arbeiten (chef des travaux) des Laboratoriums übertragen.
Am 19. April 1906 geriet Pierre Curie unter die Räder eines
Lastfuhrwerkes und starb noch am Unfallort. Marie Curie traf der
Verlust schwer, hatte sie doch sowohl ihren geliebten Lebenspartner
als auch ihren wissenschaftlichen Mitstreiter verloren. In den folgenden
Jahren, in denen sie an Depressionen litt, waren Pierres Vater Eugène
Curie und sein Bruder Jacques Curie ihr und ihren Kindern eine grosse
Unterstützung. Im Frühjahr 1907 zog sie in die Rue Chemin
de fer in Sceaux, um näher an Pierres Grab zu sein.
Die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität musste
entscheiden, wer Pierre Curies Lehrstuhl übernehmen sollte.
Da Marie Curie die geeignetste Kandidatin war, um seine Vorlesungen
fortzusetzen, schlug eine Kommission am 3. Mai vor, ihr die Kursverantwortung
(chargé de cours) und die Leitung des Laboratoriums zu übertragen,
den Lehrstuhl jedoch unbesetzt zu lassen. Marie Curie gab ihre Lehrtätigkeit
an der Mädchenschule in Sèvres auf und hielt unter grosser
öffentlicher Aufmerksamkeit am 5. November 1906 ihre erste
Vorlesung. Sie war die erste Frau, die an der Sorbonne lehrte. Die
ordentliche Professur für Physik wurde ihr erst zwei Jahre
später übertragen, am 16. November 1908.
Der internationale Radiumstandard
Über die Schaffung eines internationalen Radiumstandards verständigten
sich Marie Curie und Ernest Rutherford erstmals im Frühjahr
1910. Insbesondere der vermehrte Einsatz des Radiums in der Medizin
erforderte genaue und vergleichbare Messwerte. Auf dem im Herbst
in Brüssel tagenden Kongress für Radiologie und Elektrizität
wurde die zehnköpfige Internationale Radium-Standard-Kommission
gebildet, der auch Marie Curie angehörte. Die Kommission legte
fest, dass die Masseinheit für die Aktivität „Curie“
genannt werden sollte und beauftragte Marie Curie mit der Herstellung
einer 20 Milligramm schweren Radium-Probe aus kristallwasserfreiem
Radiumchlorid, die als Standard dienen sollte. Weitere Proben sollten
am von Stefan Meyer geleiteten Wiener Radiuminstitut hergestellt
werden. Der Vergleich der Proben sollte mittels aktinometrischer
Messung der von den Präparaten ausgesandten Gammastrahlung
erfolgen.
Im August 1911 hatte Marie Curies Labor eine 22 Milligramm schwere
Probe aus Radiumchlorid fertiggestellt, die bei einem Treffen der
Radiumstandard-Kommission Ende März 1912 in Paris offiziell
zum internationalen Standard erklärt wurde. Gemeinsam mit André-Louis
Debierne hinterlegte sie das Glasröhrchen mit dem Radium-Standard
am 21. Februar 1913 beim Bureau International des Poids et Mesures
in Sèvres.
Öffentliche Wahrnehmung 1910/1911
Gescheiterte Aufnahme in die Académie des sciences
Bei einer Abstimmung über die Besetzung eines freien Platzes
in der Académie des sciences unterlag Curie im Januar 1911
knapp dem Physiker Édouard Branly. Der Platz war am 31. Oktober
1910 durch den Tod des Chemikers und Physikers Désiré
Gernez (1834–1910) frei geworden. Schon bald danach spekulierte
die französische Presse über eine Kandidatur Curies. Sie
war bereits Mitglied der Schwedischen (1910), Tschechischen (1909)
und Polnischen Akademie (1909), der Amerikanischen Philosophischen
Gesellschaft (1910) und der Kaiserlichen Akademie in St. Petersburg
(1908) sowie Ehrenmitglied zahlreicher weiterer wissenschaftlicher
Vereinigungen. In einem umfangreichen Artikel in der Zeitung Le
Temps, der am 31. Dezember 1910 erschien, setzte sich Jean Gaston
Darboux, der Sekretär der Akademie, öffentlich für
eine Kandidatur von Marie Curie ein.
Am 4. Januar 1911 kamen zur planmässigen Plenarsitzung
des Institut de France im Palais Mazarin doppelt so viele Mitglieder
wie üblich, um unter der Leitung von Arthur Chuquet über
die Kandidatur Marie Curies zu diskutieren. Nach kontroverser Diskussion
erhielt ein Antrag, an den Traditionen des Institutes festzuhalten
und keine weiblichen Mitglieder zuzulassen, eine Mehrheit von 85
zu 60 Stimmen. Fünf Tage nach dieser Entscheidung trat ein
Komitee der Académie des sciences in einer geheimen Sitzung
zusammen, um die Nominierungen für den vakanten Sitz vorzunehmen.
Entgegen dem Beschluss des Institutes wurde Marie Curie an die erste
Stelle der Nominierungsliste gesetzt, die am 17. Januar offiziell
bekanntgegeben wurde. Ihr schärfster Konkurrent unter den sechs
weiteren Nominierten war der Physiker Édouard Branly, mit
dem sie 1903 gemeinsam den Prix Osiris erhalten hatte. Am 24. Januar
1911 fand die endgültige Abstimmung statt. Für die Wahl
in die Akademie war die absolute Stimmenmehrheit der anwesenden
58 Mitglieder notwendig, also 30 Stimmen. Bei der ersten Abstimmung
erhielt Edouard Branly 29 Stimmen, Marie Curie 28 Stimmen und Marcel
Brillouin eine Stimme. Im zweiten Wahlgang entfielen 30 Stimmen
auf Branly und 28 Stimmen auf Marie Curie, die damit die Wahl verloren
hatte.
An der begleitenden Pressedebatte beteiligte sich das gesamte politische
Spektrum der Pariser Tagesblätter. Die sozialistische Zeitung
L’Humanité verspottete das Institut de France als „frauenfeindliches
Institut“. Le Figaro schrieb dagegen, „man solle nicht
versuchen … die Frau dem Manne gleich zu machen!“ Die
schärfsten Angriffe kamen von den rechtsgerichteten Tageszeitungen
Action française von Léon Daudet und L’Intransigeant.
Marie Curie bewarb sich nie wieder um einen Platz in der Akademie.
Erst 51 Jahre nach ihrem vergeblichen Versuch wählte die Académie
des sciences mit der Entdeckerin des Franciums, Marguerite Perey,
eine Frau in ihre Reihen.
Die „Langevin-Affäre“
Ende 1911 beschäftigte sich die französische Presse mit
Curies Beziehung zu Paul Langevin. Paul Langevin war ein Schüler
von Pierre Curie. Die Familien waren miteinander befreundet und
verbrachten gelegentlich den Sommerurlaub miteinander. Wohl spätestens
seit Mitte Juli 1910 hatten Marie Curie und Paul Langevin eine Liebesbeziehung.
Sie trafen sich in einer gemeinsam angemieteten Wohnung, in der
sie auch ihren Briefwechsel aufbewahrten. Langevins Frau wurde bald
auf die Vertrautheit der beiden aufmerksam und drohte Marie Curie
mit Mord. Um Ostern 1911 wurden die Briefe, die sich Marie Curie
und Paul Langevin geschrieben hatten, aus ihrer gemeinsamen Wohnung
entwendet. Im August 1911 reichte Langevins Frau die Scheidung ein
und verklagte ihren Ehemann wegen „Verkehrs mit einer Konkubine
in der ehelichen Wohnung“. Um für die öffentliche
Gerichtsverhandlung und die drohende Veröffentlichung der Briefe
gewappnet zu sein, versicherte sich Marie Curie der Hilfe des Anwalts
Alexandre Millerand, der später eine Zeit lang französischer
Staatspräsident war.
Einen Tag nach dem Ende der ersten Solvay-Konferenz, die vom 30.
Oktober bis zum 3. November 1911 stattfand und an der Curie als
einzige Frau teilnahm, veröffentlichte Fernand Hauser (1869–1941)
in der Zeitschrift Le Journal einen Artikel mit der Schlagzeile
„Eine Liebesgeschichte. Madame Curie und Professor Langevin“.
Die Zeitung Le Petit Journal folgte am darauf folgenden Tag mit
der gleichen Geschichte und drohte am 6. November mit der Veröffentlichung
von Liebesbriefen. Vier Tage nach den ersten Vorwürfen veröffentlichte
Le Temps eine Gegendarstellung Curies, in der sie die Anschuldigungen
energisch bestritt. Linke Zeitschriften und Zeitungen wie Gil Blas
oder L’Humanité verteidigten Curie, während die
gemässigte Presse schwieg. Wissenschaftler wie Perrin,
Poincaré, Borel, Einstein und Pierres Bruder Jacques unterstützten
sie.
Ab dem 18. November 1911 griff Maurice Pujo (1872–1955), Mitgründer
der Zeitschrift L’Action française, in einer Artikelserie
mit dem Titel Pour une mère (deutsch: Für eine Mutter)
Marie Curie fast täglich an. L’Action française
und L’Intransigeant drohten mit einer Veröffentlichung
ihres Briefwechsels mit Paul Langevin. Fünf Tage später
veröffentlichte Gustave Téry in L’Œuvre einen
zehnseitigen Auszug aus der Korrespondenz vom Sommer 1910. Téry
bezeichnete sie als „eine Fremde, eine Intellektuelle, eine
Emanze“ und als eine Ausländerin, die ein französisches
Heim zerstöre. In der Folge kam es zu fünf Duellen, darunter
am 26. November eines zwischen Paul Langevin und Gustave Téry.
Bei diesem Pistolenduell kam es jedoch zu keinem Schusswechsel.
Die Anfeindungen erreichten ihren Höhepunkt, als die Zeitung
L’Œuvre Marie Curies zweiten Vornamen Salomea „entdeckte“
und in ihrer Ausgabe vom 20. Dezember 1911 fragte: „Ist Madame
Curie Jüdin?“ und behauptete: „Ihr Vater ist in
der Tat ein konvertierter Jude“. Nachdem sich Paul Langevin
und seine Frau aussergerichtlich geeinigt hatten, ebbten die
Angriffe schliesslich ab. Die während der „Langevin-Affäre“
erhobenen Vorwürfe und der damit verbundene „Makel“
begleiteten Marie Curie für den Rest ihres Lebens.
Nobelpreis für Chemie und weitere Forschungen
Die Veröffentlichungen über die „Langevin-Affäre“
in der französischen Presse beeinflussten auch Curies Nominierung
für den Nobelpreis für Chemie. Das über die Berichte
besorgte Nobelkomitee beauftragte August Gyldenstolpe (1849–1928),
den Botschafter Schwedens in Frankreich, Curie und Langevin zu den
Vorwürfen zu befragen. Als beide glaubhaft machen konnten,
dass die Beschuldigungen unzutreffend seien, fällte Christopher
Aurivillius in Schweden die Entscheidung zugunsten Marie Curies.
Die französischen Medien berichteten über ihre Nobelpreisnominierung,
die am 7. November 1911 bekannt gegeben wurde, nur spärlich.
Die Veröffentlichung des Briefwechsels und das Duell Langevins
beunruhigte erneut das schwedische Nobelkomitee. Svante Arrhenius,
ein Unterstützer von Marie Curies zweiter Nominierung, schrieb
ihr kurz darauf einen Brief, in dem er versuchte, sie von einer
Reise nach Stockholm abzubringen. Allen Widerständen zum Trotz
reiste Marie Curie gemeinsam mit ihrer Schwester Bronia und ihrer
Tochter Irène zur am 10. und 11. Dezember stattfindenden
Nobelpreis-Zeremonie, bei der sie „in Anerkennung ihrer Verdienste
um den Fortschritt der Chemie durch die Entdeckung der Elemente
Radium und Polonium, durch Isolierung des Radiums und die Untersuchung
der Natur und der Verbindungen dieses bemerkenswerten Elementes“
den Nobelpreis für Chemie erhielt. Besonders hervorgehoben
wurde die ihr gemeinsam mit André-Louis Debierne gelungene
Herstellung von metallischem Radium.
Nach der Rückkehr aus Stockholm verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand.
Sie litt an einer Nierenbeckenentzündung, die operativ behandelt
werden musste. Sie zog von ihrem Haus in Sceaux, wo sie von Nachbarn
beschimpft wurde, in den vierten Stock eines Apartmenthauses am
Quai de Béthune auf der Île Saint-Louis um. 1912 und
1913 reiste sie meist unter falschem Namen und bat Freunde und Verwandte,
keine Auskunft über ihren Aufenthaltsort zu geben. Im Juli
1912 hielt sie sich in England bei Hertha Marks Ayrton (1854–1923),
der Frau von William Edward Ayrton, auf, die sich vergeblich um
eine Aufnahme in die Royal Society bemüht hatte und die ihr
eine wichtige Freundin wurde. Elf Jahre lang veröffentlichte
sie ihre Artikel nicht mehr in den Comptes rendus, dem Publikationsorgan
der Akademie der Wissenschaften, sondern bevorzugte stattdessen
Zeitschriften wie Le Radium und das Journal d’physique.
Im Verlauf des Jahres 1913 besserte sich ihr Gesundheitszustand,
und sie konnte gemeinsam mit Heike Kamerlingh Onnes die Eigenschaften
der Radiumstrahlung bei tiefen Temperaturen untersuchen. Im März
1913 erhielt sie Besuch von Albert Einstein, mit dem sie einen Sommerausflug
in das Schweizer Engadin unternahm. Im Oktober nahm sie an der Solvay-Konferenz
teil, und im November reiste sie nach Warschau, um das zu ihren
Ehren erbaute Radium-Institut einzuweihen.
Radiologin im Ersten Weltkrieg
Bereits in der zweiten Kriegswoche des Ersten Weltkrieges fand
Marie Curie in der Radiologie ein neues Betätigungsfeld. Vom
Radiologen Henri Béclère, einem Cousin von Antoine
Béclère (1856–1939), erlernte sie die Grundlagen
der Strahlenbehandlung und vermittelte das Wissen umgehend an Freiwillige
weiter.
In den Krankenhäusern, in denen sie arbeitete, herrschte ein
akuter Mangel an Personal sowie an geeigneten Röntgenapparaten
und es gab nur eine unzureichende Stromversorgung. Diese Umstände
brachten sie auf die Idee, eine mobile Röntgeneinrichtung zu
schaffen, mit der verwundete Soldaten in unmittelbare Nähe
der Front untersucht werden könnten. Mit der Unterstützung
der Französischen Frauenunion gelang es Marie Curie, einen
ersten Röntgenwagen auszustatten. Für einen Einsatz an
der Front benötigte sie die Genehmigung des Militärgesundheitsdienstes
Service de Santé. Dort fand sich jedoch niemand, der bereit
war, ihren Antrag zu bearbeiten, bis er schliesslich an den
Kriegsminister Alexandre Millerand gelangte, ihren ehemaligen Anwalt
in der „Langevin-Affäre“. Er leitete ihren Antrag
an General Joseph Joffre weiter, den Kommandierenden an der Front,
der Marie Curies Antrag schliesslich genehmigte. In Begleitung
ihrer Tochter Irène und eines Mechanikers fuhr sie am 1.
November 1914 zum ersten Mal mit ihrem Röntgenwagen zu einem
Lazarett der Zweiten Armee in Creil, das sich 30 Kilometer hinter
der Frontlinie befand. Während des Krieges rüstete Marie
Curie insgesamt 20 radiologische Fahrzeuge aus. Im Juli 1916 machte
sie den Führerschein, um die Fahrzeuge selbst steuern zu können.
Mit Hilfe privater Spenden und der Unterstützung des Komitees
Le Patronage National des Blessés entstanden unter Mitwirkung
Marie Curies etwa 200 neue oder verbesserte radiologische Zentren.
Gemeinsam mit ihrer achtzehnjährigen Tochter Irène gab
sie ab Oktober 1916 sechswöchige Intensivkurse am neuen, nach
der von den Deutschen hingerichteten britischen Krankenschwester
Edith Cavell benannten Ausbildungskrankenhaus, bei denen Frauen
zu Röntgentechnikern (manipulatrices) ausgebildet wurden. Bis
Kriegsende schlossen etwa 150 Frauen diese Kurse erfolgreich ab.
Die während des Krieges mit dem Einsatz von radiologischen
Methoden gemachten Erfahrungen beschrieb Marie Curie in ihrem Buch
La Radiologie et la Guerre, das 1921 veröffentlicht wurde.
Aufenthalt in Amerika
Im Mai 1920 gewährte Marie Curie Marie Melony (1878–1943),
der Herausgeberin des amerikanischen Frauenmagazins The Delineator,
ein Interview. Das schlichte Auftreten Marie Curies und die kärglichen
Bedingungen am Institute du Radium, unter denen sie arbeitete, beeindruckten
Melony. Im Verlauf des Gesprächs erfuhr sie, dass es Curies
dringlichster Wunsch war, ein Gramm Radium für die Fortsetzung
ihrer Forschungsarbeiten zu erhalten. Die Vorräte des Institutes
waren infolge der Therapiebehandlungen im Ersten Weltkrieg stark
zurückgegangen und der Handelspreis für ein Gramm Radium
betrug zu dieser Zeit für das Institut unerschwingliche 100.000
Dollar.
Nach ihrer Rückkehr gründete Melony in den Vereinigten
Staaten das Marie Curie Radium Fund Committee mit dem Ziel, 100.000
Dollar für die Beschaffung von einem Gramm Radium zu sammeln.
Am 3. Mai 1921 vergab das Komitee, das bis dahin 82.000 Dollar gesammelt
hatte, den Auftrag für die Herstellung des gewünschten
Radiums an die Standard Chemical Company in Pittsburgh, die seit
1911 Radium in grösseren Mengen produzierte. Melony überzeugte
Marie Curie von der Notwendigkeit einer längeren Amerikareise.
Sie bereitete diese unter anderem mit der fast ausschliesslich
Marie Curie gewidmeten Ausgabe des Delineators im April 1921 vor.
Am 4. Mai 1921 ging Marie Curie gemeinsam mit ihren beiden Töchtern
und in Begleitung von Marie Melony an Bord der RMS Olympic. Sieben
Tage später traf sie in New York City ein, wo sie von einer
grossen Menschenmenge begrüsst wurde. Über ihre
Ankunft berichtete die New York Times auf ihrer Titelseite unter
der Schlagzeile „Madame Curie hat vor, dem Krebs ein Ende
zu bereiten“. Curies Entgegnung, dass „Radium kein Heilmittel
gegen jede Art von Krebs“ sei, brachte die New York Times
hingegen erst auf Seite 22. Während ihres Aufenthaltes wurde
ihre Rolle als Wissenschaftlerin in den Hintergrund gerückt
und sie vornehmlich als „weibliche Heilende“ dargestellt.
Marie Curie besuchte zunächst verschiedene Frauencolleges,
die für sie im Rahmen von Melonys Kampagne gespendet hatten.
Höhepunkt war eine am 18. Mai von der American Association
of University Women organisierte Veranstaltung, bei der sie vor
3500 Frauen sprach.
Nachdem ihr am 20. Mai durch Präsident Warren G. Harding im
Blauen Zimmer des Weissen Hauses symbolisch das für sie
gesammelte Gramm Radium übergeben worden war, begann Curie
eine Rundreise durch die Vereinigten Staaten. Ihre Ziele waren das
Labor von Bertram Boltwood, die Fabriken der Standard Chemical Company
in Oakland und Canonsburg, aber auch die Niagarafälle und der
Grand Canyon. Die zahlreichen öffentlichen Auftritte erschöpften
sie, und sie liess sich immer öfter durch ihre Töchter
vertreten.
Während ihres Aufenthaltes wurden ihr neun Ehrendoktorate verliehen.
Der Bereich Physik der Harvard University verweigerte ihr diese
Ehrenbezeugung jedoch mit der Begründung, „sie habe seit
1906 nichts Wichtiges geleistet“. Vor ihrer Rückreise
am 25. Juni an Bord der R.M.S. Olympic entschuldigte sich Curie
für ihre gesundheitliche Schwäche: „Meine Arbeit
mit dem Radium … vor allem während des Krieges hat meine
Gesundheit so sehr geschädigt, dass es mir nicht möglich
ist, alle Laboratorien und Colleges zu sehen, für die ich ein
tiefes Interesse hege.“
Im Oktober 1929 reiste Marie Curie ein zweites Mal nach Amerika.
Während dieses zweiten Aufenthaltes überreichte Präsident
Herbert C. Hoover ihr einen Scheck über 50.000 Dollar, der
für den Ankauf von Radium für das Radium-Institut in Warschau
gedacht war.
Wirken für den Völkerbund
Auf Empfehlung des Präsidenten des Völkerbundes, Léon
Bourgeois, forderte die Versammlung des Völkerbundes den Rat
am 21. September 1921 auf, eine Kommission zu ernennen, die die
Zusammenarbeit fördern sollte. Die Bildung der Internationalen
Kommission für Geistige Zusammenarbeit wurde am 14. Januar
1922 vom Völkerbundsrat offiziell beschlossen. Ihr sollten
zwölf vom Rat ernannte Mitglieder angehören, die aufgrund
ihres wissenschaftlichen Rufes und ohne Rücksicht auf die Staatszugehörigkeit
gewählt wurden. Unter den aus einer Liste von 60 Kandidaten
ausgewählten Wissenschaftlern, deren Nominierung am 15. Mai
1922 bekanntgegeben wurde, befand sich auch Marie Curie.
Während ihrer zwölfjährigen Tätigkeit für
die Kommission – eine Zeit lang war sie deren Vizepräsidentin
– setzte sie sich für die Gründung einer internationalen
Bibliografie wissenschaftlicher Publikationen ein, bemühte
sich um die Ausarbeitung von Richtlinien für eine länderübergreifende
Vergabe von Forschungsstipendien und versuchte einen einheitlichen
Urheberschutz für Wissenschaftler und deren Erfindungen zu
etablieren.
Die Gründung des Institut du Radium in der Rue des Nourrices
(der heutigen Rue Curie) ging auf eine Idee von Émile Roux,
dem Leiter des Institut Pasteur, im Jahr 1909 zurück. Gemeinsam
mit dem Vizerektor der Universität, Louis Liard (1846–1917),
erarbeitete er einen Plan für zwei separate Laboratorien. Eines
sollte die Physik und Chemie radioaktiver Elemente erforschen und
von Marie Curie geleitet werden, das andere hatte die Aufgabe, unter
der Leitung von Claude Regaud (1870–1940) die medizinischen
Anwendungsmöglichkeiten der Radioaktivität zu studieren.
Die Bauarbeiten nach den Plänen des Architekten Henri-Paul
Nénot (1853–1934) begannen 1912.
1914 wurde Marie Curie zur Leiterin des Radium-Instituts ernannt.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges blieb sie in Paris, um über
den Radiumvorrat des Institutes zu wachen. Das im Auftrag der französischen
Regierung aus Sicherheitserwägungen am 3. September 1914 nach
Bordeaux in Bleibehältern ausgelagerte Radium kehrte 1915 an
das Institut zurück. In diesem Jahr vollzog sie schrittweise
den Umzug aus ihrem alten Laboratorium in das neue Gebäude.
1916 wurde auf ihren Vorschlag hin am Institut die Abteilung „Emanation“
geschaffen. Die für die sogenannte „Radiumtherapie“
hergestellten Radium- und Radonampullen wurden für die Behandlung
verwundeter Soldaten benutzt. Henri de Rothschild (1872–1946)
gründete 1920 die Curie-Stiftung, um die wissenschaftliche
und medizinische Arbeit am Institut zu unterstützen. Die Académie
nationale de Médecine nahm Marie Curie am 7. Februar 1922
„in Anerkennung ihrer Verdienste bei der Entdeckung des Radiums
und einer neuen Methode zur Krebsbehandlung, der Curie-Therapie“
als freies Mitglied in ihre Reihen auf.
Im Frühjahr 1919 begannen die ersten Lehrveranstaltungen am
Institut. Mitarbeiter des Radium-Institutes veröffentlichten
von 1919 bis 1934 insgesamt 438 wissenschaftliche Artikel, darunter
34 Dissertationen. 31 Artikel stammten von Marie Curie. Bedeutende
Arbeiten stammten beispielsweise von Salomon Aminyu Rosenblum (1896–1959),
der die Feinstruktur der Alphastrahlung nachwies, und von Irène
Joliot-Curie und Frédéric Joliot-Curie, denen es erstmals
gelang, ein Radionuklid künstlich herzustellen. Marie Curie
förderte bewusst Frauen und aus dem Ausland stammende Studierende.
1931 waren zwölf von 37 Forschern am Institut Frauen, darunter
Ellen Gleditsch (1879–1968), Eva Ramstedt (1879–1974)
und Marguerite Perey, die bedeutende Beiträge zur Erforschung
der Radioaktivität leisteten.
Die Auszeichnung ihrer Tochter Irène mit dem Nobelpreis für
Chemie, den diese 1935 gemeinsam mit ihrem Ehemann „in Anerkennung
ihrer Synthese neuer radioaktiver Elemente“ erhielt, erlebte
Marie Curie nicht mehr. Sie starb am 4. Juli 1934 im Sanatorium
Sancellemoz bei Passy (Hochsavoyen) an einer „aplastischen
perniziösen Anämie“, die vermutlich auf ihren langjährigen
Umgang mit radioaktiven Elementen zurückzuführen ist.
Dieser Auffassung war Claude Regaud, Professor am Radium-Institut
Paris, der schrieb, dass man sie zu den Opfern des Radiums zählen
könne.

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