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Mahatma Karamchand Gandhi

Mohandas Karamchand Gandhi (genannt: Mahatma Gandhi; zu Deutsch: „grosse Seele Gandhi“; Gujarati: Devanagari: Mohandas Karamcand Gandhi; * 2. Oktober 1869 in Porbandar, Gujarat; † 30. Januar 1948 in Neu-Delhi, Delhi) war ein indischer Rechtsanwalt und politischer sowie geistiger Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, die 1947 mit dem von ihm entwickelten Konzept des gewaltfreien Widerstandes das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien herbeiführte.

Sein Konzept Satyagraha, das beharrliche Festhalten an der Wahrheit, beinhaltet neben Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, noch weitere ethische Forderungen wie etwa Swaraj, was sowohl individuelle als auch politische Selbstkontrolle und Selbstbestimmung bedeutet.

Leben

Kindheit und Jugend

Mohandas Karamchand Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 als jüngster von vier Söhnen in der vierten Ehe seines Vaters Karamchand Gandhi, dessen vorherige Ehefrauen früh gestorben waren, mit Mohandas' Mutter Putali Bai geboren. Er wuchs in Porbandar (A), einer kleinen Hafenstadt im heutigen Westgujarat, auf.

Sein Vater Karamchand und sein Grossvater Uttamchand waren beide Diwans (Premierminister) von Porbandar, das zwar offiziell autonom war, aber dennoch unter der Kontrolle der britischen Kolonialmacht stand.
Die Familie gehörte der Bania-Kaste an, die zum Stand der Vaishya, der Kaufleute, gehört. Die Gandhis waren damit der dritten Kaste, welche die gesellschaftliche und politische Oberschicht bildet, angehörig. Als Kaufleute arbeiteten die Familienmitglieder jedoch seit mehreren Generationen nicht mehr; schon der Urgrossvater diente den Fürsten als Ratgeber in politischen Angelegenheiten und in der Verwaltung.

Die Gandhis waren Vishnuiten, jedoch besuchten ihr Haus, in dem ebenfalls die Familien der fünf Brüder seines Vaters wohnten, auch andere Hindus, Muslime, Parsen und Anhänger des Jainismus. Diese im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus entstandene Religion war in Gujarat weit verbreitet und betont strikte Gewaltlosigkeit im Alltag, das Ahimsa. Dieses Prinzip hat Gandhis Philosophie nachhaltig geprägt. Auch seine tief religiöse Mutter Putali Bai übte einen grossen Einfluss auf ihren Sohn aus.

Im Jahr 1876 zog die Familie in die Stadt Rajkot, dem politischen Zentrum von Gujarat. Gandhi war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt und wurde in die Grundschule Taluka eingeschult, die er bis zu seinem zwölften Lebensjahr besuchte. Der Unterricht in englischer Sprache bereitete ihm einige Schwierigkeiten, da selbst seine Eltern die Sprache kaum beherrschten. Er war sehr schüchtern und kein guter Schüler zu dieser Zeit. Insbesondere in den Unterrichtsfächern Mathematik und Sport wies er grosse Schwächen auf. In Rajkot wurde sein Vater Karamchand Richter am Fürstengericht und war ausserdem als Mediator tätig. Besonders in dieser Funktion gelang es ihm, seinen Sohn sehr zu beeindrucken.

Ein älterer muslimischer Freund überredete Gandhi in seiner Jugend, Ziegenfleisch zu kosten, obwohl der Verzehr von Fleisch unter Vishnuiten als eine Sünde galt, weil jegliche Gewalt gegen Lebewesen von ihnen abgelehnt wurde. Ebenso brach er das Verbot, Zigaretten und Wein zu konsumieren, und stahl seinen Eltern Geld. Einmal besuchte Gandhi ein Bordell, woraufhin er sich nach eigener Aussage in seiner Männlichkeit verletzt fühlte und am liebsten vor Scham im Boden versunken wäre. Sein schlechtes Gewissen liess ihn einen Selbstmord in Erwägung ziehen; letztendlich kam er zu dem Entschluss, seinem Vater sein Fehlverhalten schriftlich einzugestehen. Gandhi erreichte, indem er sich in seinem späteren Leben mit seinen eigenen Fehlern in der Jugend beschäftigte, eine hohe Selbstdisziplin und erkannte dies als Quelle der Selbsterkenntnis.

1885 starb Gandhis Vater an den Folgen eines Unfalls und sein ältester Bruder Lakshmidas wurde das Familienoberhaupt. Die Oberschule Kathiawar-High-School besuchte Gandhi mit grossem Erfolg. Im Jahr 1887 legte er sein Immatrikulationsexamen ab, womit er zu Universitäten zugelassen war.
 

Die Ehe mit Kasturba

Gandhi wurde bereits im Alter von sieben Jahren mit der gleichaltrigen Kasturba Makharji (auch: Kasturbai oder einfach: Ba) verlobt, die ebenfalls aus der Bania-Kaste stammte und deren Familie ein hohes Ansehen genoss. Im Jahr 1882 wurde er im Alter von 13 Jahren durch seine Familie mit ihr vermählt. Bei ihrer Hochzeit wurden aus finanziellen Gründen auch sein Bruder Karsandas und ein Cousin verheiratet.
Gandhi kritisierte später sowohl in seinen Werken als auch in der Öffentlichkeit die Kinderheirat, die damals in Indien üblich war und auch heute noch gepflegt wird. In seiner Autobiografie Mein Leben schreibt er: Ich sehe nichts, womit man eine so unsinnig frühe Heirat wie die meine moralisch befürworten könnte.
Als Ehefrau stand Kasturba in der Familienhierarchie an letzter Stelle, allerdings wurde sie von Gandhis Familie gut behandelt. Sie verfügte über eine grosse Willensstärke und widersetzte sich des Öfteren sogar ihrem unerfahrenen befehlshaberischen Ehemann, der Gehorsam von ihr einforderte. Mit sechzehn bekamen sie ihr erstes Kind, welches aber nach wenigen Tagen verstarb. Weitere Kinder waren Harilal (1888–1948), Manilal (1892–1956), Ramdas (1897–1969) und Devdas (1900–1957).
Ab 1908 pflegte Gandhi Kasturba während ihrer Krankheit und war auch bei ihrem Tod 1944 bei ihr. Dessen ungeachtet hatte er bereits 1906 ein Gelübde der sexuellen Enthaltsamkeit abgelegt.

Studium in London

Seine Mutter sprach sich gegen ein Studium in London aus, weil es für einen Hindu eine Sünde war, den grossen Ozean (das schwarze Wasser) zu überqueren. Ausserdem befürchtete sie, dass ihr Sohn den westlichen Verlockungen, wie dem Verzehr von Fleisch, dem Konsum von alkoholischen Getränken und der Prostitution verfallen könne. Deshalb besuchte Gandhi ab November 1887 ein Semester lang erfolglos das indische Samaldas College in Bhavnagar, in dem es ihm nicht gefiel. Um auf Wunsch seines verstorbenen Vaters Rechtsanwalt zu werden und anschliessend in die Fussstapfen seiner Vorfahren zu treten, beriet sich die Familie im Mai 1888 unter Heranziehung eines Vertrauten seines Vaters. Sie kamen zum Entschluss, dass Gandhi ein Studium der Rechtswissenschaft (Jurastudium) aufnehmen solle. Er selbst favorisierte zwar das Studienfach Medizin, was sein Bruder jedoch ablehnte, da der Glaube (das Kastensystem) aufgrund der Kastenzugehörigkeit das „Zerlegen“ von Fleisch und damit die Tätigkeit als Mediziner untersagte.

Lakshmidas lieh ihm daraufhin Geld für die weite Reise nach England und für sein Studium. Gandhi legte ein Gelübde ab, das besagte, dass er auch während seines Aufenthaltes in England dem Hinduismus nachgehen werde. Des Weiteren versprach Gandhi seiner Mutter, sie müsse sich keine Sorgen machen, dass er den sündhaften westlichen Verlockungen erliegen werde. Weil bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ein Angehöriger der Bania-Kaste im Ausland gewesen war, ergab sich eine weitere Schwierigkeit, und es wurde am 10. August 1888 eine Kastenversammlung einberufen. Aber trotz des Verweises auf sein Gelübde beschloss die Versammlung, ihm im Falle einer Auslandsreise die Kastenzugehörigkeit zu entziehen. Gandhi hielt jedoch an seiner Entscheidung fest und galt seitdem als Kastenloser, was einen weitgehenden Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutete.

Als Gandhi am 4. September 1888 das Schiff nach London bestieg, bemerkte er, dass seine Englischkenntnisse nicht in allen Situationen ausreichten. Er reiste in Begleitung von Doktor Pranjivan Mehta, einem Bekannten seines Bruders, der ihm während seines Aufenthaltes in England als Ansprechpartner zur Verfügung stand. Nachdem Gandhi am 28. Oktober angekommen war, übernachtete er zunächst einige Nächte in einem Hotel, bis ihm indische Beamte zu einer Unterkunft verhalfen. Kurz nach seiner Ankunft meldete er sich auch an der juristischen Universität Inner Temple an.

Gandhi in der Vegetarischen Gesellschaft

Um dem Versprechen an seine Mutter, sich ausschliesslich vegetarisch zu ernähren, treu zu bleiben, trat Gandhi schon bald in eine Vegetarische Gesellschaft ein. Die Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft veranlasste Gandhi, aus Überzeugung auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten, denn vorher hielten ihn vielmehr der Glaube sowie die Traditionen davon ab. Die Angehörigen der Gesellschaft waren der Meinung, dass niemand das Recht habe, die Natur einfach auszunutzen. Zum Einhalten dieses Prinzips war ihrer Ansicht nach als Grundlage eine vegetarische Ernährung erforderlich. Nach einiger Zeit wurde Gandhi sogar zum Schriftführer der Gesellschaft ernannt.

Gandhi beschäftigte sich in London vor allem mit religiöser Literatur. Besonders intensiv setzte er sich mit dem Christentum auseinander, indem er beispielsweise versuchte, die Bibel von vorne bis hinten durchzulesen. Das Alte Testament stiess ihn zunächst ab; angesprochen fühlte er sich hingegen von der Bergpredigt. Er erklärte: Ich werde den Hindus sagen, dass ihr Leben unvollständig ist, wenn sie nicht ehrerbietig die Lehren von Jesus studieren. Schwierigkeiten hatte er hingegen damit, Jesus Christus als einzigen Sohn Gottes anzuerkennen. Er könne, so der vom Hinduismus geprägte Gandhi in seiner Autobiografie, nicht glauben, dass Jesus der einzige fleischgewordene Sohn Gottes sei und dass nur, wer an ihn glaubt, das ewige Leben haben solle. Wenn Gott Söhne haben konnte, dann waren wir alle seine Söhne. Wenn Jesus gottgleich oder selbst Gott war, dann waren wir alle gottgleich und konnten selbst Gott werden. Ausserdem las er in dieser Zeit zum ersten Mal die Bhagavad Gita (der Gesang Gottes), die ihm sein Leben lang das wichtigste Buch werden sollte, in dem er später täglich las. Ausserdem beschäftigte er sich sehr intensiv mit Buddha und Mohammed, dem Religionsstifter des Islam. Er war der Meinung, dass der wahre Glaube die Angehörigen der verschiedenen Glaubensrichtungen vereint.

Zudem war Gandhi, dessen Muttersprache Hindi war, darum bemüht, sich in die Gesellschaft zu integrieren, indem er Tanz- und Französischunterricht nahm und sich an die englische Mode anpasste. Die Ereignisse in dem für ihn noch recht unbekannten Land beeindruckten Gandhi. Insbesondere faszinierte ihn die ausgeprägte Medienfreiheit und Streikkultur. Er beschäftigte sich mit politischen und gesellschaftlichen Strömungen wie Sozialismus, Anarchismus, Atheismus und Pazifismus.

Im Jahr 1890 reiste Gandhi nach Frankreich, um die Weltausstellung in Paris zu besuchen und den Eiffelturm zu besteigen. Im Dezember 1890 bestand Gandhi erfolgreich das juristische Examen und wurde am 10. Juni 1891 nach bestandener Abschlussprüfung als Barrister an englischen Obergerichten zugelassen. Er durfte seinen Beruf nun überall ausüben, wo das britische Recht Geltung hatte. Am 12. Juni trat er die Heimreise an.

Arbeit als Anwalt in Indien

Erst als Gandhi im Jahr 1891 in seine Heimat zurückkehrte, wurde ihm die Nachricht überbracht, dass seine Mutter vor einem Jahr gestorben war. In England wollte seine Familie ihm diese tragische Neuigkeit nicht mitteilen. Er hatte nun beide Elternteile verloren und musste aus diesem Grund noch mehr Verantwortung für die gesamte Familie auf sich nehmen.

Von 1891 bis 1893 arbeitete Gandhi als Rechtsanwalt in Bombay und seiner Heimatstadt Rajkot. Er war nun gut gebildet und verfügte sowohl über ein Anwaltspatent als auch über ein eigenes Büro. Beruflich hatte er dennoch sehr wenig Erfolg und konnte seine Familie kaum unterstützen, die sich durch sein Studium verschuldet hatte. Der Beruf war ihm nicht gelegen, weil er nicht genügend Erfahrung mit der Rechtsprechung in Indien hatte. Des Weiteren bereitete auch seine Schüchternheit ihm grosse Probleme.

Er verbrachte ein halbes Jahr in Bombay und hospitierte die meiste Zeit in Gerichtsverhandlungen seiner erfahreneren Kollegen. Denn um Mandanten zu erhalten, war es erforderlich, andere Anwälte zu bestechen, um sie zur Abgabe von Fällen zu bewegen. Gandhi lehnte diese Vorgehensweise jedoch ab. Als es ihm im Jahr 1892 endlich gelang, einen Fall zu übernehmen, verlor Gandhi vor lauter Nervosität die Nerven, sodass er nicht sprechen konnte, und eilte aus dem Gerichtssaal. Die Folge war Gelächter im Saal, das Gandhi noch mehr entmutigte. Daraufhin gab er den Fall umgehend ab und zog in seine Heimatstadt Rajkot.
Gandhi entschied, seine Arbeit als Rechtsanwalt vorerst nicht fortzusetzen. Stattdessen wollte er an einer Privatschule unterrichten, konnte aufgrund des mangelnden Diploms jedoch nicht eingestellt werden. Seinen Lebensunterhalt bestritt er, indem er anderen Anwälten behilflich war.

In England war Gandhi mit westlichen Bräuchen und Sitten konfrontiert worden, die er auch in der Folgezeit teilweise anwendete. Seine Ehefrau Kasturba sollte beispielsweise wie britische Frauen lesen und schreiben erlernen, und seine Kinder sollten nach europäischem Lebensstil aufwachsen. Lakshmidas befand diese Anpassungsversuche im Gegensatz zu Kasturba, die unter den entstehenden Veränderungen litt, für gut.

Zugleich versuchte Gandhi, sich wieder mit seiner Kaste zu versöhnen, und erstrebte eine Wiederaufnahme. Er pilgerte an das Ufer des Flusses Godavari, um sich von der Reise über das schwarze Wasser zu reinigen, und bezahlte die geforderte Busse. Allerdings hatte er mit seiner Sühne nur teilweise Erfolg; viele, unter anderem die Verwandtschaft von Kasturba, hielten seine Wiedergutmachungsversuche für inakzeptabel.
 

Der Anwalt Gandhi in Südafrika

Im April 1893 schickte ihn seine Familie zu dem indischen Geschäftsmann und Freund der Gandhis Dada Abdullah nach Pretoria, um einen Rechtsstreit zu lösen. Gandhi eignete sich für diese Aufgabe, weil britische Anwälte farbige Mandanten in der Regel recht nachlässig vertraten. Deshalb war es sinnvoll, einen rechtskundigen Landsmann heranzuziehen.

Ende Mai kam Gandhi mit dem Schiff an der Küste Südafrikas in der Hafenstadt Durban an. In seiner Autobiografie berichtet er von einem Erlebnis während seiner Zugfahrt von Durban nach Pretoria, von dem er sehr geprägt wurde:
„Am siebten oder achten Tage nach meiner Ankunft verliess ich Durban. Ein Platz Erster Klasse war für mich gebucht. Nach Maritzburg kam ein Bahnbeamter auf mich zu und sagte: "Kommen Sie mit! Sie müssen in den Gepäckwagen steigen." "Aber ich habe eine Fahrkarte Erster Klasse", sagte ich. "Das ist einerlei", entgegnete der andere. "Ich sage Ihnen, Sie müssen in den Gepäckwagen steigen." "Ich sage Ihnen, mir wurde in Durban erlaubt, in diesem Abteil zu reisen, und ich bestehe darauf, in ihm zu bleiben." "Nein, das werden sie nicht‘, entgegnete der Beamte. "Sie müssen dieses Abteil verlassen, sonst muss ich einen Polizisten rufen, um Sie hinauszuwerfen." "Ja, das können Sie tun. Freiwillig auszusteigen, weigere ich mich.‘ Der Polizist kam. Er ergriff mich bei der Hand und warf mich hinaus. Auch mein Gepäck wurde hinausbefördert. Ich lehnte es ab, den Gepäckwagen zu besteigen, und der Zug fuhr ab.“

Bald darauf geriet Gandhi in eine Situation, die seine Entschlossenheit zum Kampf gegen die Rassendiskriminierung noch weiter steigerte: Um nach Johannesburg zu gelangen, fuhr er mit einer Postkutsche, da eine Zugverbindung nicht vorhanden war. Er wurde auf den Kutschbock verwiesen und vom Schaffner aufgefordert, sich auf den Boden zu setzen. Als Gandhi sich dieser Aufforderung widersetzte, schlug der Schaffner ihn und versuchte, ihn vom Kutschbock zu stossen.

In Johannesburg angekommen, löste er für die Zugreise nach Pretoria trotz seiner schlechten Erfahrungen wiederum eine Fahrkarte für die erste Klasse. Dieses Mal wich er einer weiteren Erniedrigung aus, weil die weissen Mitreisenden ihn duldeten. Mit der Zeit begriff Gandhi, dass er zwar offiziell ein gleichberechtigter Staatsbürger, aber faktisch trotz seiner Angehörigkeit zur gesellschaftlichen Oberschicht durch seine Herkunft nur ein Mensch zweiter Klasse war. Er schreibt:
„Die Belästigungen, die ich persönlich hier zu dulden hatte, waren nur oberflächlicher Art. Sie waren nur ein Symptom der tiefer liegenden Krankheit des Rassenvorurteils. Ich musste, wenn möglich, versuchen, diese Krankheit auszurotten und die Leiden auf mich zu nehmen, die daraus entstehen würden.“
Nachdem Gandhi die Tatsachen in seinem Fall ausführlich analysiert hatte, stellte er fest, dass Dada Abdullah im Recht war, und vereinbarte im Jahr 1894 einen aussergerichtlichen Vergleich mit Abdullah und seinem Prozessgegner, der ihm 40.000 Pfund schuldete. Bei dem Treffen einigten sie sich auf eine Ratenzahlung der 40.000 Pfund, um Abdullahs Schuldner vor einer vollständigen Insolvenz zu bewahren. Gandhi hatte seinen ersten Fall in Südafrika somit innerhalb eines Jahres erfolgreich abgeschlossen und erfuhr grosse Anerkennung von den indischen Kaufleuten, die in Südafrika Handel betrieben.
 

Erste Widerstandsaktionen

Motiviert durch die ihm selbst widerfahrenen rassistischen Diskriminierungen, begann er, sich für die Rechte der indischen Minderheit von etwa 60.000 Menschen in Südafrika zu engagieren. Für die schwarze Bevölkerung setzte er sich allerdings nicht stark ein, sondern blieb in seinem Wirken zeitlebens auf die Inder zentriert. Die Wut über die Vorfälle verhalf ihm, seine Schüchternheit zu überwinden. Bereits eine Woche nach seiner Ankunft rief er in Pretoria eine Versammlung der dort lebenden Inder ein und schlug die Gründung einer indischen Interessenvertretung vor. Seine Zuhörer stimmten ihm mit Begeisterung zu.
 

Die Gründer des Natal Indian Congress

Die Kolonialregierung hatte vor, den Indern das Wahlrecht zu entziehen (Franchise Bill), weil sie deren Einfluss auf die Politik vermindern wollte. Als Gandhi kurz vor seiner Abreise von dem Vorhaben erfuhr, beschloss er, zur Organisation des Widerstandes gegen dieses Gesetz in Südafrika zu bleiben. Er reichte unterstützt von 500 weiteren Indern eine Petition beim Parlament ein. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Verabschiedung des Gesetzes zu verhindern.
Gandhi gründete im August 1894 den Natal Indian Congress (kurz: NIC) in Natal nach dem Vorbild des 1885 gegründeten Indian National Congress. Die regelmässigen Versammlungen des Kongresses verbesserten nebenbei die Beziehungen zwischen den Indern der verschiedenen Kasten und Religionen.

Am 3. September 1894 wurde Gandhi vom Obersten Gerichtshof in Natal als erster indischer Anwalt zugelassen. Neben den Kaufleuten vertrat Gandhi als Rechtsanwalt auch die Kulis. Diese Bevölkerungsgruppe bestand aus indischen Vertragsarbeitern, die für jeweils fünf Jahre nach Südafrika geholt wurden. Mit Gandhi besassen sogar sie einen Rechtsanwalt, der sich für ihre Interessen einsetzte. Gandhi erlangte auf diese Weise Popularität und Beliebtheit bei den Kulis, die einen grossen Teil der damaligen indischen Bevölkerung Südafrikas bildeten, sich eine Mitgliedschaft im Natal Indian Congress jedoch nicht leisten konnten.

Von der Regierung wurde ein weiteres diskriminierendes Gesetz geplant, nach dem für Vertragsarbeiter, die nach Vertragsablauf in Natal bleiben wollten, eine jährliche Kopfsteuer in Höhe von 25 Pfund eingeführt werden sollte. Nach einer öffentlichen Kampagne des Natal Indian Congress wurde die Steuer auf drei Pfund gesenkt. Zwar stellten auch drei Pfund eine Belastung dar, aber eine Steuer in Höhe von 25 Pfund pro Jahr hätte eine Ausweisung nahezu aller Kulis bedeutet, die nach Ablauf ihres Vertrages in Südafrika bleiben wollten, weil sie in der Regel nicht im Stande gewesen wären, die hohe Summe aufzubringen.

Im Juni 1896 fuhr Gandhi für sechs Monate zurück nach Indien, um Kasturba und seine beiden Kinder Harilal und Manilal nachzuholen. Er hatte zwei Schriften angefertigt, in denen er die schwierige Situation der Inder in Südafrika schilderte. Seine Schriften, das sogenannte Green Pamphlet, wurden von mehreren Tageszeitungen auszugsweise veröffentlicht; die Inder reagierten bestürzt. Gandhi traf sich während seines kurzzeitigen Aufenthaltes mit einflussreichen indischen Politikern, wie dem Reformer Bal Gangadhar Tilak und dem revolutionswilligen Gopal Krishna Gokhale.

Im Dezember 1896 kehrte Gandhi mit seiner Familie nach Südafrika zurück. Weil in Bombay die Pest ausgebrochen war, wurde das Schiff nach der Ankunft in Durban unter Quarantäne gestellt, und den Passagieren war es nicht erlaubt, das Schiff zu verlassen. Kurz nachdem Gandhi nach 23 Tagen Wartezeit von Bord steigen durfte, wurde er von etwa 5000 weissen Gegnern, die von seinen Schriften empört waren, umringt und niedergeschlagen. Unter Polizeischutz musste Gandhi zu einem Freund gebracht werden, vor dessen Haus sich wiederholt eine zornige Menge von Menschen versammelte. Gandhi verzichtete auf Erstattung einer Anzeige und trug damit zur Entspannung der Lage bei.

Gandhi mischte sich in häusliche Angelegenheiten sehr stark ein – anders als die traditionelle Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau es vorsah. So ordnete er beispielsweise an, was gekocht wird, und wirkte bei der Erziehung und Pflege seiner Kinder massgeblich mit. Als im Jahr 1900 sein vierter Sohn Devdas geboren wurde, übernahm er sogar die Aufgabe des Geburtshelfers, da in dem Moment keine Hebamme zugegen war. Des Weiteren liess er aus Achtung und Rücksicht auf die Unberührbaren nicht zu, dass sie die Nachttöpfe seiner Familie entsorgten, und übernahm selbst diese Aufgabe. Er zwang auch Kasturba dazu, die immer mehr an dem ungewöhnlichen Verhalten ihres Ehemannes verzweifelte.
 

Zweiter Burenkrieg

Während des Zweiten Burenkrieges 1899 bewegte Gandhi eine Anzahl von 1100 Indern dazu, die Briten im Krieg zu unterstützen, um seine Loyalität zu beweisen, die Inder als pflichtbewusste Bürger zu präsentieren und dadurch mehr Anerkennung für die Inder zu gewinnen. Weil Hindus aus Glaubensgründen in keinem Fall Menschen töten dürfen, leisteten die Inder nur Sanitätsdienst; da sie ihre Arbeit so gewissenhaft und gut erledigten, erfuhren die Inder Anerkennung, grundlegende Verbesserungen ihrer Situation traten jedoch nicht ein, und der Rassismus hielt an. Schon kurz nach dem Ende des Burenkrieges 1902 folgte das nächste diskriminierende Gesetz, das Inder zwang, sich vor einer Einreise in die Burenrepublik registrieren zu lassen.
Gandhi wollte, dass die Inder als gleichberechtigte britische Bürger von der Gesellschaft angesehen und akzeptiert werden; das Erstreben von Unabhängigkeit war ihm zu diesem Zeitpunkt längst noch nicht in den Sinn gekommen.
 

Einjähriger Aufenthalt in Indien

Gandhi kam 1902 zu dem Entschluss, nach Indien zurückzukehren, um in Bombay eine Rechtsanwaltspraxis zu eröffnen und sich für die Rechte der in Indien ansässigen Inder einzusetzen.
Er besuchte die Sitzung des Indian National Congress, lernte dort viele bedeutende indische Politiker kennen und traf auch seinen politischen Mentor Gopal Krishna Gokhale wieder, der im Gegensatz zu Bal Gangadhar Tilak gemässigtere Ansichten vertrat. Gokhale versuchte, die britischen Politiker durch Petitionen zu bewegen und auf diese Weise Indien Schritt für Schritt zu wandeln und das Mitspracherecht der Inder zu erweitern. Gandhi war jedoch vom Indian National Congress enttäuscht, weil der Kongress seiner Ansicht nach keine grundlegenden Verbesserungen für das alltägliche Leben der indischen Bevölkerung herbeiführte.

In dieser Zeit reiste Gandhi ausserdem viel im Land umher. Dabei fuhr er nun prinzipiell nur noch in der dritten Klasse, weil er sich mit dem einfachen Volk vertraut machen wollte.
 

Phoenix-Siedlung

Gandhi kam auf Anfrage seiner Mitstreiter im Dezember 1902 zurück nach Südafrika, um mit dem Kolonialminister Joseph Chamberlain, der Südafrika besuchte, über die Rechte der Inder zu verhandeln. Es gelang ihm nicht, Chamberlain von seinen Interessen zu überzeugen, und das Gespräch endete ergebnislos. Daraufhin folgte Gandhi ihm nach Pretoria und bat um ein zweites Gespräch, das ihm allerdings verweigert wurde.
Gandhi liess sich im Februar 1903 in Johannesburg nieder und arbeitete dort als Rechtsanwalt. Weil er bei der indischen Bevölkerung ein hohes Ansehen genoss, gewann er viele Klienten. Obwohl er sich nur von Klienten bezahlen liess, die es sich leisten konnten, war sein Verdienst recht hoch, und er konnte Geld zurücklegen. Im Dezember 1903 kam auch seine Familie nach.
Zu dieser Zeit brach eine Lungenpest aus, von der aufgrund der schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen besonders die Bergarbeiter geplagt waren. Gandhi kümmerte sich persönlich um die Pflege der Erkrankten und finanzierte die Heilung.
Er gründete im Jahr 1904 die Zeitung Indian Opinion, die auf Englisch sowie einigen indischen Sprachen herausgegeben wurde und sich mit der Zeit zum Sprachrohr der Inder entwickelte. Gandhi investierte einen grossen Teil der Einkünfte aus seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt und Geld des Natal Indian Congress in den Druck, denn die Druckkosten waren aufgrund der stark ansteigenden Auflage sehr hoch.
Inspiriert von dem britischen Schriftsteller John Ruskin, der in seinem Werk Unto this last Ethik und Wirtschaft verbindet, gründete Gandhi Ende 1904 unterstützt von Freunden und Verwandten die Phoenix-Farm, auf der er und einige seiner Mitstreiter ihr Leben so anspruchslos wie möglich gestalteten. Alles, was sie zum Leben brauchten, versuchten sie, in eigener Produktion herzustellen. Auch die Indian Opinion, für die Gandhi regelmässig Beiträge schrieb und deren Chefredakteur er war, wurde in der kleinen Siedlung gedruckt, sodass im Dezember 1904 die erste selbst gedruckte Ausgabe erschien.
Doch schon bald musste er zurück nach Johannesburg, wo seine juristischen Kompetenzen gebraucht wurden. Im Jahr 1905 holte er auch Kasturba und drei seiner Söhne nach, die sich zwischenzeitlich für einige Zeit in Indien aufgehalten hatten, während der älteste Sohn Harilal in Rajkot blieb. Kasturba litt unter dem ungewohnten spartanischen Leben, das Gandhi in seinem Haus in Johannesburg weiterführte. 1906 legte er nach mehreren Diskussionen mit Vertrauten über das Für und Wider der sexuellen Enthaltsamkeit ein Keuschheitsgelübde ab und informierte erst danach Kasturba, ohne ihr die Scheidung anzubieten. Er wollte sich vollständig auf seine politischen Aktivitäten konzentrieren und sich von seinem Temperament lösen.
Ausserdem begann er, Brahmacharya zu üben, was sich weniger auf das erste der vier klassischen Lebensstadien im Hinduismus bezieht, sondern vielmehr aus der Yoga-Lehre stammt und innerhalb von Yama ein Moralprinzip bildet, wie auch Ahimsa, die Gewaltlosigkeit. Zugleich begann er immer mehr, mit seiner Nahrung zu experimentieren, die nun roh, ungewürzt und so einfach wie möglich zu sein hatte. Dies nannte er svaraj, was Selbstzucht und Selbstbeherrschung bedeutet und nicht nur individuell, sondern auch politisch gemeint war als Selbstherrschaft. Ein anderer wichtiger Grundbegriff in Gandhis Ethik war seine Wortschöpfung Satyagraha, was soviel wie Festhalten an der Wahrheit bedeutet und für ihn eng verbunden war mit Gewaltlosigkeit: Wahrheit schliesst die Anwendung von Gewalt aus, da der Mensch nicht fähig ist, die absolute Wahrheit zu erkennen, und deshalb auch nicht berechtigt ist zu bestrafen.
 

Zulu-Aufstand

Im Februar 1906 ermordeten Zulu zwei Polizisten, nachdem eine neue Kopfsteuer erlassen wurde. Daraus entwickelten sich kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den nur mit Speeren bewaffneten Ureinwohnern und den Briten.
Wie auch während des Burenkrieges forderte Gandhi am 17. März seine Landsleute auf, eine Sanitätereinheit zu bilden. Er rückte mit nur 24 Mann an und half Verwundeten beider Seiten. Gandhi war von der Gewalt der militärisch weit überlegenen Briten bestürzt.
 

Widerstand gegen das Meldegesetz

In Transvaal wurde im März 1907 ein Meldegesetz (Registration Act) bekannt gegeben, das die Registrierung aller Inder vorsah. Die Meldebüros nahmen Fingerabdrücke zur Identifikation und gaben Meldescheine aus, die von den Indern immer mitgeführt werden mussten.
Gandhi organisierte eine Versammlung, auf der etwa 3000 Inder schworen, die Meldepflicht zu ignorieren. Ausserdem reiste er nach London und führte Gespräche mit britischen Politikern. Das Ergebnis war für Gandhi dieses Mal befriedigend; das Meldegesetz wurde gestoppt.

Am 1. Januar 1907 wurde Transvaal politisch unabhängig, und das Gesetz konnte mit einer ausschliesslich formalen Zustimmung der britischen Regierung erlassen werden. Weil die meisten Inder, die einen Schwur zum Brechen des Gesetzes abgelegt hatten, die Registrierung verweigerten, verlängerte der Innenminister Jan Christiaan Smuts die Frist. Er drohte bei Nichteinhaltung des Ultimatums mit Gefängnisstrafen und Deportationen. Trotz der Drohungen liessen sich nur wenige weitere Inder registrieren. Mit der Verweigerung des Meldegesetzes fand die Satyagraha-Bewegung ihren Anfang.

Ende Dezember 1907 wurden Gandhi und 24 seiner Satyagrahis verhaftet. Viele seiner Anhänger protestierten vor dem Gerichtsgebäude, und weitere Inder liessen sich verhaften, sodass sich Ende Januar bereits 155 Inder im Gefängnis befanden. Während seines zweimonatigen Gefängnisaufenthaltes las Gandhi ein Essay des US-Amerikaners Henry David Thoreau, in dem die Strategie des zivilen Ungehorsames behandelt wird. Darin fand Gandhi seine Philosophien wieder.
Schliesslich schlug er die Registrierung der Inder und im Gegenzug die Abschaffung des Meldegesetzes vor. Jan Christiaan Smuts erklärte sich zu dem Kompromiss bereit und entliess Gandhi und seine Anhänger aus dem Gefängnis. Als Gandhi dem Gesetz selbst nachkommen wollte, versuchten einige Inder, die nicht an das Versprechen von Smuts glaubten, vergeblich, ihn durch Gewalt davon abzuhalten. Obwohl die meisten Inder sich registrieren liessen, wurde das Gesetz dessen ungeachtet erlassen. Gandhi bemerkte, dass seine eigenen Vorstellungen von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, die er zu erfüllen bemüht war, zu seiner Enttäuschung von den Briten nicht eingehalten wurden.

Im August 1908 verbrannten Tausende Inder, angeführt von Gandhi, auf einer Versammlung in Johannesburg ihre Meldescheine. Er und seine Anhänger reisten in Gruppen aus Natal zur Grenze Transvaals, um eine Massenverhaftung zu provozieren. Er selbst sowie 250 seiner Anhänger wurden zu zwei Monaten Haft und Zwangsarbeit verurteilt.

Im Dezember 1908 wurde Gandhi wieder freigelassen und pflegte Kasturba, die zwischenzeitlich schwer erkrankt war. Anschliessend fuhr er wiederholt nach Transvaal, um sich erneut inhaftieren zu lassen.

Es wurden seitens der Regierung durch Behinderung des Handels und Verweigerung von Aufenthaltsgenehmigungen Versuche unternommen, die Inder wieder besser unter Kontrolle zu bekommen. Die Bewegung Gandhis hatte sich nach Ansicht der Händler zu sehr radikalisiert; schliesslich waren auch sie von den Gegenmassnahmen der Regierung betroffen. Die Folge war, dass viele Geschäftsleute die aktive und finanzielle Unterstützung einstellten. Dadurch ergaben sich für Gandhi finanzielle Engpässe, denn seine Arbeit als Rechtsanwalt hatte er zugunsten der Organisation des Widerstandes bereits aufgegeben.


Tolstoi-Farm

Im Jahr 1909 reiste Gandhi nach London und traf dort radikale indische Revolutionäre. Die Gespräche mit ihnen veranlassten Gandhi, seine Philosophien nochmals zu überdenken. In seinem Buch Hind Swaraj (deutsch: Indische Selbstverwaltung) kritisiert er die britische Zivilisation und Regierung und erklärt, das anspruchslose Leben habe vor dem wirtschaftlichen Fortschritt und Wachstum Vorrang. Der Herrschaft der Briten könne durch Verweigerung der Zusammenarbeit ein Ende gesetzt werden, weil sie auf die Zusammenarbeit mit den Untertanen angewiesen sei. Das Buch schickte er auch an Leo Tolstoi, der Gandhi durch seine Schriften, insbesondere durch Das Reich Gottes ist inwendig in euch und die Kurze Darlegung der Evangelien, bereits in jungen Jahren stark beeinflusst hatte. Vor seinem Tod las Tolstoi das Buch und bestärkte Gandhi in einem Brief.

Gandhi liess sich in Transvaal nieder. Dort verfügte er jedoch weder über eine Unterkunft noch über Einkünfte. Der deutsche Architekt Hermann Kallenbach, Sohn jüdischer Eltern, stellte ihm deshalb im Mai 1910 ein Stück Land zur Verfügung. Zusammen mit weiteren Mitstreitern wollten sie die in der Phoenix-Siedlung praktizierte Lebensweise fortsetzen, also Gandhis Ideale wirtschaftlicher Autarkie und Besitzlosigkeit verwirklichen. Die Siedlung tauften sie auf den Namen Tolstoi. Im Jahr 1912 schwor Gandhi, auf jeglichen Privatbesitz zu verzichten.
 

Widerstand gegen das Ehegesetz

Nach einem neuen Gesetz, das im Jahr 1913 beschlossen wurde, wurden nur noch christliche Ehen offiziell als gültig angesehen. Die Inder waren aufgebracht, schliesslich lebten sie somit im Konkubinat, und die Kinder galten als unehelich. Gandhi ermutigte die Inder zum gewaltlosen Widerstand gegen das Gesetz. Indische Arbeiter streikten, auch die Frauen protestierten. Die Briten reagierten mit Gewalt auf diese Aktionen, und die Frauen wurden verhaftet. Gandhi und seine Anhänger marschierten zur Grenze nach Natal, um eine erneute Massenverhaftung auszulösen. Während der Aktion wurde Gandhi mehrmals verhaftet und wieder freigelassen. Als sie schliesslich an der Grenze ankamen, landete er ebenso wie seine Satyagrahis, darunter auch Hermann Kallenbach, im Gefängnis in Bloemfontein. Weitere Anhänger Gandhis wurden in die Bergwerke eingesperrt, weil die Gefängnisse inzwischen ausgelastet waren.

Auf Druck der Weltöffentlichkeit sah sich Jan Christiaan Smuts gezwungen, eine Untersuchungskommission einzurichten, die jedoch nur aus weissen Mitgliedern bestand. Aus diesem Grund verweigerte Gandhi, der inzwischen wieder aus dem Gefängnis entlassen worden war, die Zusammenarbeit mit der Untersuchungskommission.

Zur gleichen Zeit begannen die Eisenbahnarbeiter zu streiken. Dieser Streik war zwar nicht auf den Widerstand der Inder zurückzuführen, führte aber dazu, dass die Briten mit der Lage überfordert waren, obwohl Gandhi seine Widerstandsaktionen zunächst eingestellt hatte. Die Folge war, dass Anfang des Jahres 1914 der Indian Relief Act verabschiedet wurde, der die Situation der indischen Bevölkerung entschieden verbesserte: Nichtchristliche Ehen wurden wieder als gültig anerkannt, sowohl die Kopfsteuer als auch die Registrierungspflicht wurden aufgehoben, und die indische Einwanderung wurde erlaubt.

Die Satyagrahis hatten ihre Ziele 1914 weitgehend erreicht und Gandhi trat Ende 1914 die endgültige Heimreise nach Indien an.
 

Kampf für Indiens Unabhängigkeit

Zurück in Indien baute er sich seinen Harijan Ashram auf. Als er sich in einer Rede als Anarchist anderer Art bezeichnete, kam es zu einem Tumult, und die Rede musste abgebrochen werden. 1920 übernahm er die Führung des Indian National Congress (INC), der sich unter seiner geistigen Führung zur Massenorganisation und zur wichtigsten Institution der indischen Unabhängigkeitsbewegung entwickelte. Um die Briten zu zwingen, den indischen Subkontinent zu verlassen, etablierte er das Konzept der Nichtzusammenarbeit: Alle indischen Angestellten und Unterbeamten sollten einfach nicht mehr für die Kolonialherrscher tätig werden, jegliche Kooperation sollte gewaltfrei verweigert werden, um so die Engländer machtlos zu machen. Im August 1920 rief Gandhi die Kampagne der Nichtkooperation offiziell aus. Er glaubte, die Gewaltlosigkeit sei der Gewalt unendlich überlegen. Einhunderttausend Briten in Indien war es nicht möglich, ein Land von damals dreihundert Millionen Indern zu beherrschen, wenn diese einfach die Zusammenarbeit verweigern.

1930 veranlasste er eine Kampagne des zivilen Ungehorsams und rief zum Salzmarsch (gegen das britische Salzmonopol) auf. Der Salzmarsch war die spektakulärste Kampagne, die Gandhi während seines Kampfes um Unabhängigkeit initiierte. Gandhi protestierte mit diesem Marsch gegen die englischen Steuern, die auf dem Salz lagen. Indische Bürger durften weder Salz herstellen, noch es selber verkaufen.

Gandhis Politik gegenüber der britischen Kolonialmacht wurde durch den Eintritt Grossbritanniens in den Krieg gegen Deutschland 1939 zeitweilig modifiziert: "Bis zum Ende der Luftschlacht um England 1941 war die Kolonialmacht aus der Sicht Gandhis unmittelbar durch eine mögliche Okkupation durch die Nazis bedroht, und so verbot sich eine Ausnutzung der Situation sowohl aus moralischen wie aus antifaschistischen Gründen. Als sich der Krieg jedoch auf anscheinend unbestimmte Zeit hinzog... und England nicht mehr unmittelbar bedroht war, erhöhten sich aus Sicht Gandhis auch die ideologischen und praktischen Freiräume für Aktivitäten der indischen Unabhängigkeitsbewegung. In diesem Zusammenhang muss dann die Vorbereitung und schliessliche Durchführung der massenhaften „Quit-India“-Bewegung unter Führung Gandhis im August 1942 gesehen werden".

Am 8. August 1942 forderte Gandhi die sofortige Unabhängigkeit Indiens und wurde deshalb am Tag darauf von der Kolonialmacht in Pune inhaftiert, aber nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen. Seine und die Festsetzung weiterer Kongressmitglieder führte zu massenweiser Unterstützung seiner Ideen in der Bevölkerung. Sowohl in Südafrika als auch in Indien wurde Gandhi von der britischen Kolonialmacht mehrmals inhaftiert; insgesamt sass er acht Jahre im Gefängnis.

Am 3. Juni 1947 verkündete der britische Premierminister Clement Attlee die Unabhängigkeit und die Teilung Indiens in zwei Staaten: Das mehrheitlich hinduistische Indien und das mehrheitlich moslemische Pakistan. Gandhi hatte sich dem Teilungsplan stets widersetzt, trat aber nach der Trennung für eine gerechte Aufteilung der Staatskasse ein. Seinem Einfluss war es auch zu verdanken, dass die bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die nach der Teilung ausbrachen, relativ rasch eingedämmt wurden.
 

Gandhis Tod

Am 30. Januar 1948 wurde der 78-jährige Gandhi vom fanatischen, nationalistischen Hindu Nathuram Godse erschossen, der schon zehn Tage zuvor als Mitglied einer Siebenergruppe ein Attentat auf Gandhi geplant hatte. Gandhi war für die Aussöhnung zwischen Hindus und Moslems (ein Drittel der Moslems lebte noch in Indien und nicht in Pakistan): Er versprach den Moslems Emanzipation und gleiche Rechte für alle, was nicht im Sinne der hinduistischen Nationalisten war.
 

Einflüsse

Tod Gandhis

Gandhis Geburtstag, der 2. Oktober, ist ein als Gandhi Jayanti bekannter indischer Nationalfeiertag. Man gedenkt ebenfalls seines Todestages (30. Januar) jährlich.
Mit seinem Namen sind auch die jährlichen Feiern zur Unabhängigkeit am 15. August verbunden.
Der Indische Nationalkongress, den er seit 1920 führte und in den darauffolgenden Jahren stark prägte, galt bis in die 1990er Jahre als gesamtindische Partei und stellte etliche Premierminister.
Gandhis Einfluss ist auch in Indiens politischer Landschaft nach wie vor zu spüren.
Nach dem Attentat auf Gandhi wurde der Friedensnobelpreis, für den Gandhi 1948 nominiert war, gar nicht vergeben.

Nach dem Tod Gandhis

Man kann eventuell behaupten, dass Indien nach Gandhis Tod zur Normalität zurückkehrte. Spuren Gandhis in der Aussenpolitik Indiens zu finden, ist schwierig; doch was man entdecken kann, ist „eine ritualisierte Verwaltung des Andenkens an den grossen Mann in zahlreichen Instituten für Gandhi-Studien, die wenig oder nichts zur Theorie und Praxis der Gütekraft und auch nicht viel zu unserem Wissen über Gandhi beitragen. Er bleibt sein eigener bester Biograf.“

Kritik

Inland

Der bengalische Historiker Nirad C. Chaudhuri warf Gandhi vor, er habe die Gewaltlosigkeit als Vorwand benutzt, um seinen Machthunger zu stillen. So schrieb Chaudhuri, der während der Jahre des Unabhängigkeitskampfes Sekretär von Gandhis Kongresspartei war, in seiner Autobiografie:
„Nirgends haben sich westliche Autoren in Gandhi gründlicher getäuscht als darin, dass sie seinen unersättlichen und durch nichts zu befriedigenden Machthunger übersehen haben. Darin war er keineswegs anders als Stalin. Nur brauchte er nicht zu töten, denn er konnte sich seiner Gegner genauso gut mit Hilfe seiner gewaltlosen Vaishnava-Methode entledigen.“
Indische Rivalen im Kampf um die Unabhängigkeit habe er in politische Isolation getrieben wie im Fall von Subhash Chandra Bose. Die Teilung Britisch Indiens in zwei Staaten, Indien und Pakistan, führte Chaudhuri auf Gandhis Weigerung zurück, in einem geeinten, unabhängigen Indien die Macht mit Jinnahs Muslim League zu teilen.
 

Ausland

Sein offener Brief „Die Juden“, den er am 26. November 1938 in der indischen Zeitung Harijan veröffentlichte und in dem er sich mit der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland sowie dem Zionismus und dem Palästinakonflikt auseinandersetzte, wurde besonders in Europa und den USA kontrovers diskutiert und beispielsweise von Martin Buber und Judah Leon Magnes mit teilweise scharfen Repliken zurückgewiesen.

Gandhi war im Vorfeld mehrfach gebeten worden, zu den im Brief behandelten Fragen Stellung zu beziehen. Dabei hatten vor allem jüdische Intellektuelle gehofft, in Gandhi einen Fürsprecher zu finden, der die Judenverfolgung in Deutschland geisseln und sich vielleicht auch wohlwollend zur Rückkehr der Juden in ihre biblische Heimat Palästina äussern und damit zumindest indirekt den Zionismus unterstützen würde. Anlass zu dieser Hoffnung gab, dass Gandhi mit dem deutsch-jüdischen Architekten Hermann Kallenbach einen überzeugten Zionisten zu seinen Vertrauten zählte.

In seinem Brief betonte Gandhi zunächst seine Sympathien für das jüdische Volk, bezeichnete den Zionismus jedoch als falsch und ungerecht gegenüber den Arabern, denen Palästina ebenso gehöre „wie England den Engländern, oder Frankreich den Franzosen“. Die Judenverfolgung in Deutschland scheine „keine Parallele in der Geschichte zu haben [und] wenn es überhaupt einen gerechten Krieg im Namen der Menschlichkeit und für sie geben könnte, wäre ein Krieg gegen Deutschland zur Verhinderung der frevelhaften Verfolgung eines ganzen Volkes völlig gerechtfertigt.“ Allerdings sehe er einen Weg, wie die Juden dieser Verfolgung widerstehen könnten: Durch organisierten, gewaltfreien und zivilen Widerstand. So sehe er Parallelen zur Lage der Unberührbaren sowie der Inder in Südafrika. Die Juden könnten ihren „zahlreichen Beiträgen zur Zivilisation den ausserordentlichen und unübertrefflichen Beitrag der gewaltfreien Aktion hinzufügen.“

Besonders an den Vergleichen des nationalsozialistischen Terrors mit der Politik der Briten und Buren und Gandhis Rat, der Gewalt der Nationalsozialisten mit gewaltlosem Widerstand zu begegnen, entzündete sich die Empörung zahlreicher Kommentatoren. In dem wohl ausführlichsten und bekanntesten Antwortschreiben warf Martin Buber Gandhi Unwissenheit bezüglich der Bedingungen in deutschen Konzentrationslagern und der Grausamkeit der Nationalsozialisten vor und zeigte sich tief enttäuscht, dass ein „Mann des guten Willens“, den er schätze und verehre, so undifferenziert über jene urteile, die er anspreche. Inder seien in Südafrika und Indien verachtet und verächtlich behandelt worden, aber weder vogelfrei und systematisch beraubt und umgebracht worden, noch „Geiseln für das erwünschte Verhalten des Auslands“ gewesen. Auch führte er aus, dass Gandhi nicht sehe, dass tapferer und gewaltloser Widerstand jüdischer Deutscher in Wort und Tat, die jahrelange Erduldung des nationalsozialistischen Unrechts, die sich an zahlreichen Beispielen belegen lasse, die Aggression der Nationalsozialisten nicht gebremst, sondern nur noch verstärkt habe. Bezüglich der Palästinafrage führte Buber aus, dass es weder historisch noch rechtlich oder moralisch korrekt sei, zu behaupten, Palästina gehöre nur den Arabern. Nur wer beiden oder allen Völkern, deren Wurzeln und Geschichte mit diesem Land verbunden seien, ein Recht auf eine friedliche Existenz im selben zugestehen würde, würde Frieden und Gerechtigkeit erzeugen.

International für Aufregung sorgte der deutsche Historiker Götz Aly als er anlässlich der abgesagten Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ darauf verwies, Gandhi sei „einer der grössten Freunde Nazi-Deutschlands“ gewesen.

(Quelle: Wikipedia, leicht verändert)

 

   
     

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