Geld
ohne Zinsen und Inflation
Margrit Kennedy
"EINLEITUNG Seit ich dieses Buch 1988 geschrieben und veröffentlicht
habe, hat sich die Welt dramatisch verändert. Die sozialistischen
Länder sind daran gescheitert, dass sich in ihren Preisen
nicht die wirtschaftliche Wahrheit ausdrucken konnte. Sie wenden
sich nun dem kapitalistischen System und dem Konzept der freien
Marktwirtschaft zu. Was diesem wirtschaftlich effizienteren System
bisher jedoch fehlte, ist, dass die Preise die ökologische
und soziale Wahrheit ausdrücken. Dieser Mangel ist nicht
durch das Auswechseln einiger fahrender Politiker zu beheben,
sondern verlangt ein Bewusstwerden und Umkehren im Denken
und Handeln von vielen.
Drei grundsätzliche Veränderungen, die dazu beitragen
können, diesen Prozess zu beschleunigen, werden in diesem
Buch behandelt:
Veränderungen im Geldwesen, Boden- und Steuerrecht. Dabei
nimmt das Geld eine zentrale Rolle ein, weil sich hier vielleicht
am deutlichsten zeigen lässt, warum wir im jetzigen
System wirtschaftlich wachsen müssen und dabei gleichzeitig
ökologisch und sozial unterentwickelt bleiben. Geld ist das
Mass, in dem die meisten Konzepte der Wirtschaft formuliert
werden. Wirtschaftswissenschaftle r benutzen es so, wie Kaufleute
das Kilogramm und Architekten das Meter. Doch selten stellen sie
dessen Funktionsweise in Frage, oder untersuchen, warum es im
Gegensatz zum Meter oder Kilogramm, nicht eine konstante Masseinheit
ist, sondern sich - mittlerweile fast täglich - im Wert ändert.
Dieses Buch handelt von der Funktionsweise des Geldes. Es legt
die Gründe für die anhaltende Fluktuation eines unserer
wichtigsten Massstäbe dar und erklärt, warum das
Geld die Welt nicht nur "in Schwung hält" (money
makes the world go round) sondern dabei auch immer wieder zerstörerische
Krisen verursacht.
Es zeigt, wie die gewaltigen Schulden der dritten Welt, ebenso
wie Arbeitslosigkeit und Umweltprobleme, Waffenproduktion und
Bau von Atomkraftwerken, verbunden sind mit dem Mechanismus, der
Geld in Umlauf hält: dem Zins und Zinseszins. Der Zins ist
nach dem amerikanischen Wirtschaftshistoriker John L. King "die
unsichtbare Zerstörungsmaschine" in den sogenannten
freien Marktwirtschaften. Die Ökonomen, wie die meisten Menschen,
betrachten den Zins als den Preis für Geld. So wie für
alle anderen Waren ein Preis bezahlt werden muss, so zahlt
man eben auch für die begehrteste aller Waren - das Geld
- einen Preis. Das macht zuerst einmal Sinn und scheint logisch.
Ausserdem hat es 2000 Jahre lang so funktioniert. Also, warum
sollte man es ändern? In diesem Buch wird versucht aufzuzeigen,
erstens, welche Probleme durch den Warencharakter des Geldes im
Laufe der Geschichte entstanden sind und heute immer noch entstehen
und zweitens, wie man eine andere Umlaufsicherung schaffen kann,
die dem Geld den Warencharakter nimmt und es zu einer öffentlich/rechtlichen
Einrichtung und damit zum idealen Tauschmittel macht.
Ähnlich wie sich die Physiker jahrelang darum gestritten
haben, ob das Licht aus Wellen oder aus Partikeln besteht, bis
sie herausfanden, dass es beides ist und es darauf ankommt,
wie man es betrachtet, könnte man auch vom Geld sagen, es
kann sowohl primär als Ware wie auch primär als Tauschmittel
betrachtet und benutzt werden. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft
sind allerdings höchst unterschiedlich. "Kapital muss
bedient werden" hat einmal der später ermordete Päsident
des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Hans Martin Schleyer
gesagt. Das stimmt genau für das heutige Geldwesen. Wenn
wir das Geld auf seine Funktionen als Tauschmittel, Wertmassstab
und Wertspeicher beschränken und damit die Möglichkeit
der Spekulation ausschalten, können wir allerdings ein Geld
schaffen, was uns allen dient.
Es ist nicht so schwierig wie es scheinen mag, den Zinsmechanismus,
der das Geld heute in Umlauf hält, durch einen angemesseneren
zu ersetzen. Die in diesem Buch angebotene Lösung ist seit
Beginn dieses Jahrhunderts bekannt und an mehreren Orten erfolgreich
erprobt worden. Was ansteht, ist die Erprobung dieser Lösung
auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Durch die
Geschwindigkeit mit der die Probleme des Geldsystems in den letzten
Jahren weltweit zugenommen haben wird dies dringlicher denn je.
So weiss heute jeder, dass die Schulden der Länder
der Dritten Welt nicht zurückbezahlt werden können,
dass die Lage der Ärmsten in den hochindustrialisierten
Ländern sich ständig verschlechtert und dass Symptombehandlungen
die Lage nur verschlimmern. Führende Bankfachleute verlangen
fundamentale Veränderungen, und davon handelt dieses Buch.
Es ist nicht das Anliegen dieses Buches, irgend jemandem Fehler
nachzuweisen, sondern etwas richtig zu stellen und gleichzeitig
eine Möglichkeit der Veränderung aufzuzeigen, die nur
wenigen Experten bekannt ist, ganz zu schweigen von der breiten
Öffentlichkeit. Dennoch ist das Thema zu wichtig, um es allein
vermeintlichen Experten zu überlassen. Es sollte öffentlich
diskutiert und von vielen verstanden werden. Das Besondere dieses
Buches liegt deshalb in seiner Art, dieses komplexe Thema so einfach
wie möglich darzustellen, so dass jeder, der Geld verwendet,
verstehen kann, was auf dem Spiel steht. Zwei weitere Besonderheiten
liegen darin, dass im Unterschied zu anderen Büchern,
die sich in der Vergangenheit mit diesem Thema beschäftigt
haben, herausgearbeitet wird, wie der vorgeschlagene Übergang
zu einem neuen Geldsystem ausnahmslos für alle einen Gewinn
bedeuten würde, und welche Massnahmen jeder selbst ergreifen
kann, um die notwendigen Veränderungen mit herbeizuführen."
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Der schlimmste Terror der heutigen Welt ist der Terror
des Geldsystems
Angesichts der sich ständig steigernden Fähigkeit der
Gesellschaft, mit immer geringerem menschlichen Arbeitseinsatz
immer mehr Wohlstand zu produzieren, ist es paradox, dass
wir heute angeblich ein Problem haben sollten, diesen Wohlstand
weiter zur Verfügung zu stellen.
Der volkswirtschaftliche „Leistungskuchen“ Österreichs
ist seit 1960 real auf die dreieinhalbfache Grösse angewachsen,
und das trotz Arbeitszeitverkürzungen und einem nur geringfügigen
Bevölkerungswachstum von 7 auf 8 Millionen. Diese beachtliche
Steigerung ist auf die zunehmende Effizienz und Mechanisierung
der Arbeitsprozesse zurückzuführen, die es erlauben,
lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen heute in einem
Bruchteil der Zeit wie anno dazumal zur Verfügung zu stellen:
ein österreichischer Industriearbeiter kann heute in derselben
Zeit fast drei mal so viel (2,74x) Güter herstellen wie noch
ein Arbeiter vor 40 Jahren, oder anders gesagt, für eine
Produktion, für die vor 40 Jahren noch 100 Menschen notwendig
waren, kann heute in der gleichen Zeit von 36 Menschen bereitgestellt
werden.
Je nach Wirtschaftssektor fallen die Steigerungen sehr unterschiedlich
aus, die grössten Zuwächse gab es im Bereich von
Banken, Immobilien und Versicherungen, während sie in anderen
Dienstleistungsbereichen sehr gering ausfallen. In der Summe kann
man aber sagen, dass durch den technischen Fortschritt ein
Erwerbstätiger heute in der gleichen Arbeitszeit fast drei
mal so viele Menschen mit Gütern und Dienstleistungen versorgen
kann wie einer vor 40 Jahren. Da es nicht drei Mal so viele Menschen
im Lande gibt, ist ein Teil dieses Effizienzgewinns sicherlich
in ein erweitertes Leistungsangebot geflossen, während andererseits
die Qualität bzw. Langlebigkeit vieler Erzeugnisse drastisch
gefallen ist.
Angesichts dieser sich ständig steigenden Fähigkeit
der Gesellschaft, mit immer geringerem menschlichen Arbeitseinsatz
immer mehr Wohlstand zu produzieren, ist es völlig paradox,
dass wir heute angeblich ein Problem haben sollten, diesen
Wohlstand weiter zur Verfügung zu stellen, insbesondere eine
hochqualitative öffentliche Infrastruktur mit Gesundheitsversorgung,
Sozialleistungen und angemessenen Pensionen. - Stattdessen wird
heute die Botschaft auf unsere Hirne losgelassen, wegen der sich
verändernden Bevölkerungspyramide müssten
die Pensionen in Zukunft drastisch sinken. Aber diese Veränderungen
in der Altersstruktur stehen ja in keinem Verhältnis zu den
beschriebenen Effizienzsteigerungen! Daher muss man sich
doch wirklich fragen, wie hat es die Gesellschaft eigentlich 1960
geschafft, ihre Pensionisten zu erhalten? Und jene von 1900 erst,
um die muss man sich im Nachhinein ja richtig Sorgen machen,
vielleicht sollte ein Historikerkommission das einmal klären.
Stellen wir uns vor, die gleiche Anzahl von Menschen bäckt
jedes Jahr einen Kuchen, dessen Grösse von Jahr zu Jahr
zunimmt. Folgerichtig müsste jeder einzelne ein immer
grösseres Stück dieses Kuchens bekommen. Wenn aber
irgendwo ein Nimmersatter sitzt, der ohne Rücksicht auf das
tatsächliche Wachstum ein immer grösseres Stück
vom Kuchen beansprucht, wird für die anderen irgendwann nur
mehr weniger übrigbleiben. In unserem Wirtschaftssystem gibt
es zwei Wege, wie man Geld verdienen kann: Entweder man geht arbeiten,
oder man hat Geld auf der Bank und bekommt ein arbeitsloses Einkommen
durch Zinsen. Zwischen diesen beiden Gruppen, Arbeit und Kapital,
wird jedes Jahr der volkswirtschaftliche Leistungskuchen aufgeteilt.
Da aber seit Jahrzehnten die Geldvermögen wesentlich rascher
zunehmen als die Wirtschaftsleistung, nimmt sich das Geldkapital
von Jahr zu Jahr einen grösseren Anteil von dem Leistungskuchen.
Versteckte Zinsen in den Warenpreisen
Wir können uns an alle möglichen Rechnungen erinnern,
aber an keine, auf der „Spende für die Reichen“
draufgestanden wäre? Wenn heute jemand Geld übrig hat,
legt er es auf die Bank, um „das Geld für sich arbeiten
zu lassen“, wie es so schön heisst. Die Bank wiederum
vergibt Kredite, aber nur unter der Bedingung, dass sie dafür
mehr zurückbekommt, als sie ursprünglich hergegeben
hat. Es ist klar, dass ein Unternehmen die Kreditzinsen,
die es der Bank zahlen muss, auf die Preise seiner Waren
aufschlägt. Wenn wir nun bei unseren täglichen Einkäufen
eine magische Brille aufsetzen könnten, die uns den Zinsanteil
in den Preisen sichtbar machen würde, würden uns die
Augen darüber aufgehen, dass Verbrauchsgüter durchschnittlich
10% Zins enthalten, andere wesentlich mehr, bei den Wohnungsmieten
können es schon 50% sein. Der Konsument muss bei allem
und jedem, was er kauft, diesen versteckten Zinsanteil mitzahlen
bzw. das Geld dafür erarbeiten. Er muss einen Teil seiner
Arbeitsleistung dafür geben, dass jemand anderer, der
Geld auf der Bank hat, seine Sparzinsen bekommt. Der Werbespruch
der Banken und Versicherungen „Lassen Sie Ihr Geld für
sich arbeiten“ – wie als wenn ein Geldschein je einen
Finger krumm gemacht hätte - müsste also richtig
heissen „Lassen Sie andere für sich arbeiten“,
aber man möchte ja niemanden ein schlechtes Gewissen machen.
Nun würden aber viele von uns gar nicht erfreut sein, wenn
jemand vorschlagen würde, die Zinsen ganz einfach abzuschaffen.
Denn viele haben selbst Sparbüchel, Wertpapiere oder Aktien
und bekommen dafür Erträge. Ja ist dann nicht ohnehin
„alles in Butter“, weil das Geld von der einen Hosentasche
in die andere wandert?
„Alles in Butter“ ist es für diejenigen, die
so viel Geld auf der Bank haben, dass sie mehr Erträge
bekommen, als sie übers Jahr für die in all ihren Einkäufen
versteckten Zinsen ausgeben. Wenn man davon ausgeht, dass
ein Durchschnittsverdiener 18.000 Euro im Jahr zum Ausgeben hat,
zahlt er im Schnitt 1800 Euro in den Warenpreisen versteckte Zinsen
pro Jahr. Falls er, wie gerade die sozial Schwächeren, in
einer Mietwohnung lebt, die durch versteckten Zins besonders stark
belastet, ein Drittel seines Monatseinkommens „auffrisst“,
kann sich dieser Betrag leicht auf dreieinhalbtausend Euro verdoppeln.
Um diesen Betrag über Sparzinsen von 5% wieder hereinzubekommen,
müsste man ein Guthaben von über 90.000 Euro auf
der Bank haben. (KESt!) Wer weniger oder gar nichts hat, oder
gar verschuldet ist (wie so viele), gehört zu den Verlierern.
Oder, um es ganz deutlich zu sagen, zu jenen, die einen Teil ihrer
Zeit arbeiten müssen, damit jemand anderer ohne zu arbeiten
konsumieren kann. Früher wurde so etwas als Sklavenarbeit
bezeichnet.
Dabei ist nicht zu vergessen, dass wir auch über unsere
Steuern wieder eine „Tachinierabgabe“ für die
Reichen zahlen, denn ein Siebentel des Staatsbudgets, die ungeheuerliche
Zahl von netto 7 Milliarden Euro (ohne KESt-Rückfluss
8,7Mrd), pro Österreicher 1000 Euro, muss jährlich
allein für die Zinszahlungen des Bundes aufgewendet werden!
Diese Summe muss von jedem erwerbstätigen Österreicher
miterarbeitet werden. Überflüssig zu sagen, dass
wir - wenn der Staat diese Summe zur Verfügung hätte
– von Sparprogrammen und Pensionskürzungen WEIT entfernt
wären.
Millionäre und Sozialhilfe-Empfänger als die am schnellsten
wachsenden Bevölkerungsgruppen
Es ist also keineswegs so, dass es in unserer Volkswirtschaft
zu wenig Geld gäbe, oder dass wir „über unsere
Verhältnisse“ gelebt hätten, sondern durch die
ständige Umverteilung durch den Zinsmechanismus fehlt das
Geld zunehmend jenen, die es brauchen, und sammelt sich in den
Kassen derer, die ohnehin schon mehr haben, als sie jemals verbrauchen
können. In Deutschland besass die erste Hälfte
der Bevölkerung schon in den neunziger Jahren 96% der Vermögen,
und die zweite Hälfte umgekehrt nur 4%. Der spätere
Bürgermeister von Hamburg, Ortwin Runde, wies bereits 1993
darauf hin, dass in seiner Stadt die Millionäre und
Sozialhilfeempfänger die am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen
sind, und warnte vor einer Entwicklung zu lateinamerikanischen
Verhältnissen. Die Entwicklung geht dahin, dass man
entweder von vornherein ein Vermögen besitzt, welches dann
immer grösser wird, oder sein Leben lang hackeln muss,
und immer weniger dafür bekommt.
Verschuldung als Systemzwang
Es liegt auf der Hand, dass Besitzer von grossen Geldvermögen
auch bei einem Leben in grösstem Luxus den grössten
Teil ihres Geldes gar nicht konsumieren können, weil sie
halt doch nur einen Körper haben. Das heisst, ihr Geld
kann nicht über den Kauf von Waren und Leistungen weiterfliessen,
um damit anderen Wirtschaftsteilnehmern Einkommen bzw. Guthaben
zu ermöglichen. Stattdessen stellt es sich nur als negatives
Geld, als Kredit, zur Verfügung, das nach jeder Rückzahlung
die Wirtschaft mit weniger Geld entlässt, als zuvor
vorhanden war. Die einzige Möglichkeit, dieses Geld wieder
in den Kreislauf zurückzuführen, besteht in der Aufnahme
noch grösserer Kredite – ein fataler Mechanismus!
Damit ist klar, dass die Überschuldung unserer Wirtschaft
und des Staates nicht aus liederlichem Umgang mit dem Geld, sondern
aus einem Zwang des Systems erfolgt ist.
Besonders dramatisch macht sich der Umverteilungs - Mechanismus
in Zeiten schwindenden Wirtschaftswachstums bemerkbar, weil dann
der Anspruch des Geldbesitzer nicht mehr durch die Kuchenvergrösserung
befriedigt werden kann, sondern nur, indem von dem Anteil der
Arbeitenden weggenommen wird. An diesem Punkt sind wir heute angelangt.
Um solche soziale Krisen zu vermeiden, haben Politiker in der
Vergangenheit versucht, durch Investitionen des Staates das Wirtschaftswachstum
anzukurbeln, allerdings um den hohen Preis weiterer Verschuldung,
und heute sind wir damit „unter der Decke“ angekommen.
Ausserdem wird zunehmend klar, dass ein weiteres Wirtschaftswachstum
in rein quantitativer Hinsicht uns unaufhaltsam dem ökologischen
Kollaps näherbringt. Ziffern auf einem Sparkonto können
unbegrenzt steigen, aber in der Natur gibt es kein grenzenloses
Wachstum. Nur krankhafte Wachstumsprozesse, wie bei Krebs, verletzen
diese Regel und zerstören damit den Organismus und sich selbst.
In dem bestehenden System liegt ein Zwang, möglichst schnell
und möglichst grosse Profite zu machen, ohne Rücksicht
auf Risiko und langfristigen Auswirkungen. Die Gentechnik im Lebensmittelbereich,
die bedenkenlose Anwendung des Mobilfunks, oder die Atomenergie
sind dafür treffende Beispiele.
Der Umverteilungsmechanismus durch Zinsen und Schulden bestimmt
auch das Verhältnis zwischen den Industrienationen und den
Länder der dritten Welt: Viele dieser Länder zahlen
das Vielfache an Zinsen, als sie Entwicklungshilfe bekommen, und
geraten trotz ihres Reichtums an Ressourcen und Arbeitskräften
immer tiefer ins Elend. Der Hunger in der dritten Welt und die
zunehmende versteckte Armut bei uns haben ja ihre Ursache nicht
darin, dass es zu wenig Nahrungsmittel oder Güter gäbe.
Ganz im Gegenteil ist es ein offenes Geheimnis, dass es trotz
stark gedrosselter Produktion noch immer massenhaft Überproduktion
an Nahrungsmitteln und Gütern gibt, die vernichtet wird,
„um den Markt nicht zu ruinieren“. Woran es fehlt,
ist das Geld, um diese Produktion zu kaufen. Aber Geld ist kein
unveränderlich knappes Naturprodukt, sondern es wird von
Menschen gemacht und kontrolliert.
Präsident George Bush spricht von der Notwendigkeit des
„Kampfs gegen den Terror“. Er hat damit so recht,
aber es ist ein anderer Terror, als er meint. Der schlimmste Terror
der heutigen Welt ist der Terror des Geldsystems. Wenn dieses
System, in einer endlichen Welt nahezu unendliche Reichtümer
für immer weniger Leute zu scheffeln, konsequent so weiter
praktiziert wird, wird dies zur Selbstvernichtung führen.
Dieser Vernichtungsmarathon wird aber diesmal nicht nur die Armen
und Unterprivilegierten treffen, sondern auch die Reichen. Denn
niemand kann schliesslich Geld essen! Eine versaute Umwelt
und eine in brutale soziale Konflikte und Kriege gestürzte
Welt sind mit noch so viel Geld nicht zu regenerieren.
Ein Ausweg aus dem Teufelskreis
Als Grundlage einer gerechten Wirtschaftsordnung muss gelten:
Durch den Tausch bzw. Kauf darf keiner der Tauschpartner reicher
oder ärmer werden. Einen Vorteil gewinnen die Tauschpartner
nicht, indem sie sich übers Ohr hauen, sondern aus der durch
die Arbeitsteilung resultierenden Zeitersparnis. Einkommen kann
es ethisch gesehen, nur auf der Basis von Arbeit geben. Aus diesem
Grunde haben schon vorchristliche Theoretiker wie Aristoteles
gegen Zins und Zinseszins gewettert, und die christlichen Kirchen
haben Jahrhunderte lang das Zinsnehmen mit scharfen Sanktionen
bedroht, weil sie genau wussten, wovon sie sprachen. Die
Statistiken unserer modernen Ökonomie beweisen diese Auffassungen
als völlig richtig. Im Grunde darf es in einer funktionierenden
Wirtschaft weder Zins noch Zinseszins geben.
Basismassnahmen für eine Reformierung der Geldwirtschaft:
1. Es wird ein staatliches Währungsamt eingerichtet. Dieses
ist die einzige Institution im Staat, die Geld schaffen darf,
und es untersteht der Kontrolle des Parlaments. Dieses Währungsamt
ermittelt regelmässig anhand eines Warenkorbindexes,
wieviel Geld der Markt benötigt, damit die angebotenen Waren
und Dienstleistungen problemlos gekauft werden können, um
eine tendenzielle Vollbeschäftigung zu ermöglichen.
Ist auf dem Markt zuviel Geld und es besteht Inflationsgefahr,
wird dem Markt Geld entzogen, gibt es zuwenig, wird neu geschaffenes
Geld in Umlauf gebracht.
2. Die Aufgabe der kommerziellen Banken ist die Verwaltung der
Spargelder. Diese können als Kredite verborgt werden, es
gibt allerdings keine Kreditzinsen und daher auch keine Sparzinsen
(aber auch keine Inflation). Die Banken verrechnen den Kreditnehmern
nur ihre Verwaltungskosten. Die Geldschöpfung wird den kommerziellen
Banken untersagt.
3. Es muss durch entsprechende Gesetze sichergestellt werden,
dass von Natur aus begrenzte Güter wie natürliche
Ressourcen und Grund und Boden nicht zum Objekt von Spekulationen
werden.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie diese Massnahmen
im Detail umgesetzt werden können. Diese technischen Details
sind in der reichhaltigen Literatur zum Thema Freiwirtschaft oder
Social Credit (anglo-amerikanischer Raum) nachzulesen. Grundlegend
ist das schon in den 30er Jahren von von Silvio Gesell verfasste
Werk „Die natürliche Wirtschaftsordnung“.
Natürlich wird es in diesem Reformmodell sehr wohl unterschiedliche
Einkommen geben, auch für die Unternehmer, weil der Markt
nach fairem freien Wettbewerb funktioniert. Wem die Anliegen der
Kunden nicht so wichtig sind, oder wer dem Schlendrian nachhängt,
wird auch nicht gerade das grosse Geld machen. Es wird also
auch in einer reformierten Wirtschaft verschieden grosse
Einkommen geben. Was es sicher nicht mehr geben würde, sind
riesige arbeitslose Einkommen, die den arbeitenden Menschen entzogen
werden und sie zwingen, zu immer geringeren Löhnen immer
mehr zu erzeugen und damit sich selbst und die ganze Umwelt zu
ruinieren. Stattdessen könnte jeder Mensch seine individuellen
Talente entwickeln und diese in den Dienst der Gesellschaft stellen
- immer vorausgesetzt, in der Gesellschaft herrscht Nachfrage
danach - und daraus sowohl sein Einkommen als auch tiefe innere
Zufriedenheit beziehen.
So einfach soll das alles sein? fragen wir ungläubig. Vielleicht
kennen Sie, liebe Leser, in ihrem Bekanntenkreis jemanden, der
jahrelang mit einem Leiden von Arzt zu Arzt gelaufen ist, Unmengen
an Geld für diverse Behandlungen, Pillen und Tinkturen ausgegeben
hat...bis er endlich einen Arzt gefunden hat, der „den Durchblick“
hatte, nicht das Symptom, sondern endlich die Ursache in Angriff
nahm – und da ist der geheilte Mensch, der nach all seinem
Leidensweg selbst kaum glauben kann, dass es SO einfach ging.
Wir engagieren uns für soziale Gerechtigkeit, den Umweltschutz,
Tierschutz, Fair Trade, treten gegen die Atomenergie auf...nach
aussen geben wir uns kämpferisch, aber die Erfolge lassen
zu wünschen übrig. Es ist hohe Zeit, dass wir die
wahre Ursache unserer an vielen Symptomen leidenden Gesellschaft
in Angriff nehmen.
Der Sinn des Menschseins ist es nicht, ums nackte Überleben
zu kämpfen, in erbitterter Konkurrenz einer gegen den anderen.
Anstatt wegen des nimmersatten Zinssystems Raubbau an der Natur
und Mensch zu treiben und massenweise Wegwerfartikel zu produzieren,
könnte das uns heute zur Verfügung stehende enorme technische
Wissen zur Erzeugung langlebiger, recyclebarer und hochwertiger
Waren eingesetzt werden. Auf tausende Jahre Menschheitsgeschichte
blicken wir zurück, auf zahllose Generationen unter dem Joch
der Anstrengung, aus dem Kampf ums Überleben Stück für
Stück einen Freiraum zu erringen, für jenes "mehr",
das das Leben erst ausmacht. Sich selbst verwirklichen im umfassenden
Sinn des Wortes, seine Träume leben, Schönheit verwirklichen
- in einer Gesellschaft, wo "für mich" und "für
andere" dazusein, kein Widerspruch, sondern eine Glücksmöglichkeit
ist. Heute wäre ein solches Leben möglich: nicht nur
für eine Elite, sondern für immer mehr Menschen. Wir
sollten alles daran setzten, damit diese Möglichkeit zur
Wirklichkeit wird.
Text von Christiane Schmutterer
mit besonderem Dank an Gerhard Margreiter und Adolf Paster
(Neue Argumente Ausgabe 99, März 2004)