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Geld ohne Zinsen und Inflation

Margrit Kennedy

"EINLEITUNG Seit ich dieses Buch 1988 geschrieben und veröffentlicht habe, hat sich die Welt dramatisch verändert. Die sozialistischen Länder sind daran gescheitert, dass sich in ihren Preisen nicht die wirtschaftliche Wahrheit ausdrucken konnte. Sie wenden sich nun dem kapitalistischen System und dem Konzept der freien Marktwirtschaft zu. Was diesem wirtschaftlich effizienteren System bisher jedoch fehlte, ist, dass die Preise die ökologische und soziale Wahrheit ausdrücken. Dieser Mangel ist nicht durch das Auswechseln einiger fahrender Politiker zu beheben, sondern verlangt ein Bewusstwerden und Umkehren im Denken und Handeln von vielen.

Drei grundsätzliche Veränderungen, die dazu beitragen können, diesen Prozess zu beschleunigen, werden in diesem Buch behandelt:



Veränderungen im Geldwesen, Boden- und Steuerrecht. Dabei nimmt das Geld eine zentrale Rolle ein, weil sich hier vielleicht am deutlichsten zeigen lässt, warum wir im jetzigen System wirtschaftlich wachsen müssen und dabei gleichzeitig ökologisch und sozial unterentwickelt bleiben. Geld ist das Mass, in dem die meisten Konzepte der Wirtschaft formuliert werden. Wirtschaftswissenschaftle r benutzen es so, wie Kaufleute das Kilogramm und Architekten das Meter. Doch selten stellen sie dessen Funktionsweise in Frage, oder untersuchen, warum es im Gegensatz zum Meter oder Kilogramm, nicht eine konstante Masseinheit ist, sondern sich - mittlerweile fast täglich - im Wert ändert. Dieses Buch handelt von der Funktionsweise des Geldes. Es legt die Gründe für die anhaltende Fluktuation eines unserer wichtigsten Massstäbe dar und erklärt, warum das Geld die Welt nicht nur "in Schwung hält" (money makes the world go round) sondern dabei auch immer wieder zerstörerische Krisen verursacht.



Es zeigt, wie die gewaltigen Schulden der dritten Welt, ebenso wie Arbeitslosigkeit und Umweltprobleme, Waffenproduktion und Bau von Atomkraftwerken, verbunden sind mit dem Mechanismus, der Geld in Umlauf hält: dem Zins und Zinseszins. Der Zins ist nach dem amerikanischen Wirtschaftshistoriker John L. King "die unsichtbare Zerstörungsmaschine" in den sogenannten freien Marktwirtschaften. Die Ökonomen, wie die meisten Menschen, betrachten den Zins als den Preis für Geld. So wie für alle anderen Waren ein Preis bezahlt werden muss, so zahlt man eben auch für die begehrteste aller Waren - das Geld - einen Preis. Das macht zuerst einmal Sinn und scheint logisch. Ausserdem hat es 2000 Jahre lang so funktioniert. Also, warum sollte man es ändern? In diesem Buch wird versucht aufzuzeigen, erstens, welche Probleme durch den Warencharakter des Geldes im Laufe der Geschichte entstanden sind und heute immer noch entstehen und zweitens, wie man eine andere Umlaufsicherung schaffen kann, die dem Geld den Warencharakter nimmt und es zu einer öffentlich/rechtlichen Einrichtung und damit zum idealen Tauschmittel macht.

Ähnlich wie sich die Physiker jahrelang darum gestritten haben, ob das Licht aus Wellen oder aus Partikeln besteht, bis sie herausfanden, dass es beides ist und es darauf ankommt, wie man es betrachtet, könnte man auch vom Geld sagen, es kann sowohl primär als Ware wie auch primär als Tauschmittel betrachtet und benutzt werden. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind allerdings höchst unterschiedlich. "Kapital muss bedient werden" hat einmal der später ermordete Päsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Hans Martin Schleyer gesagt. Das stimmt genau für das heutige Geldwesen. Wenn wir das Geld auf seine Funktionen als Tauschmittel, Wertmassstab und Wertspeicher beschränken und damit die Möglichkeit der Spekulation ausschalten, können wir allerdings ein Geld schaffen, was uns allen dient.

Es ist nicht so schwierig wie es scheinen mag, den Zinsmechanismus, der das Geld heute in Umlauf hält, durch einen angemesseneren zu ersetzen. Die in diesem Buch angebotene Lösung ist seit Beginn dieses Jahrhunderts bekannt und an mehreren Orten erfolgreich erprobt worden. Was ansteht, ist die Erprobung dieser Lösung auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Durch die Geschwindigkeit mit der die Probleme des Geldsystems in den letzten Jahren weltweit zugenommen haben wird dies dringlicher denn je. So weiss heute jeder, dass die Schulden der Länder der Dritten Welt nicht zurückbezahlt werden können, dass die Lage der Ärmsten in den hochindustrialisierten Ländern sich ständig verschlechtert und dass Symptombehandlungen die Lage nur verschlimmern. Führende Bankfachleute verlangen fundamentale Veränderungen, und davon handelt dieses Buch.

Es ist nicht das Anliegen dieses Buches, irgend jemandem Fehler nachzuweisen, sondern etwas richtig zu stellen und gleichzeitig eine Möglichkeit der Veränderung aufzuzeigen, die nur wenigen Experten bekannt ist, ganz zu schweigen von der breiten Öffentlichkeit. Dennoch ist das Thema zu wichtig, um es allein vermeintlichen Experten zu überlassen. Es sollte öffentlich diskutiert und von vielen verstanden werden. Das Besondere dieses Buches liegt deshalb in seiner Art, dieses komplexe Thema so einfach wie möglich darzustellen, so dass jeder, der Geld verwendet, verstehen kann, was auf dem Spiel steht. Zwei weitere Besonderheiten liegen darin, dass im Unterschied zu anderen Büchern, die sich in der Vergangenheit mit diesem Thema beschäftigt haben, herausgearbeitet wird, wie der vorgeschlagene Übergang zu einem neuen Geldsystem ausnahmslos für alle einen Gewinn bedeuten würde, und welche Massnahmen jeder selbst ergreifen kann, um die notwendigen Veränderungen mit herbeizuführen."

 

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Der schlimmste Terror der heutigen Welt ist der Terror des Geldsystems

Angesichts der sich ständig steigernden Fähigkeit der Gesellschaft, mit immer geringerem menschlichen Arbeitseinsatz immer mehr Wohlstand zu produzieren, ist es paradox, dass wir heute angeblich ein Problem haben sollten, diesen Wohlstand weiter zur Verfügung zu stellen.

Der volkswirtschaftliche „Leistungskuchen“ Österreichs ist seit 1960 real auf die dreieinhalbfache Grösse angewachsen, und das trotz Arbeitszeitverkürzungen und einem nur geringfügigen Bevölkerungswachstum von 7 auf 8 Millionen. Diese beachtliche Steigerung ist auf die zunehmende Effizienz und Mechanisierung der Arbeitsprozesse zurückzuführen, die es erlauben, lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen heute in einem Bruchteil der Zeit wie anno dazumal zur Verfügung zu stellen: ein österreichischer Industriearbeiter kann heute in derselben Zeit fast drei mal so viel (2,74x) Güter herstellen wie noch ein Arbeiter vor 40 Jahren, oder anders gesagt, für eine Produktion, für die vor 40 Jahren noch 100 Menschen notwendig waren, kann heute in der gleichen Zeit von 36 Menschen bereitgestellt werden.

Je nach Wirtschaftssektor fallen die Steigerungen sehr unterschiedlich aus, die grössten Zuwächse gab es im Bereich von Banken, Immobilien und Versicherungen, während sie in anderen Dienstleistungsbereichen sehr gering ausfallen. In der Summe kann man aber sagen, dass durch den technischen Fortschritt ein Erwerbstätiger heute in der gleichen Arbeitszeit fast drei mal so viele Menschen mit Gütern und Dienstleistungen versorgen kann wie einer vor 40 Jahren. Da es nicht drei Mal so viele Menschen im Lande gibt, ist ein Teil dieses Effizienzgewinns sicherlich in ein erweitertes Leistungsangebot geflossen, während andererseits die Qualität bzw. Langlebigkeit vieler Erzeugnisse drastisch gefallen ist.

Angesichts dieser sich ständig steigenden Fähigkeit der Gesellschaft, mit immer geringerem menschlichen Arbeitseinsatz immer mehr Wohlstand zu produzieren, ist es völlig paradox, dass wir heute angeblich ein Problem haben sollten, diesen Wohlstand weiter zur Verfügung zu stellen, insbesondere eine hochqualitative öffentliche Infrastruktur mit Gesundheitsversorgung, Sozialleistungen und angemessenen Pensionen. - Stattdessen wird heute die Botschaft auf unsere Hirne losgelassen, wegen der sich verändernden Bevölkerungspyramide müssten die Pensionen in Zukunft drastisch sinken. Aber diese Veränderungen in der Altersstruktur stehen ja in keinem Verhältnis zu den beschriebenen Effizienzsteigerungen! Daher muss man sich doch wirklich fragen, wie hat es die Gesellschaft eigentlich 1960 geschafft, ihre Pensionisten zu erhalten? Und jene von 1900 erst, um die muss man sich im Nachhinein ja richtig Sorgen machen, vielleicht sollte ein Historikerkommission das einmal klären.

Stellen wir uns vor, die gleiche Anzahl von Menschen bäckt jedes Jahr einen Kuchen, dessen Grösse von Jahr zu Jahr zunimmt. Folgerichtig müsste jeder einzelne ein immer grösseres Stück dieses Kuchens bekommen. Wenn aber irgendwo ein Nimmersatter sitzt, der ohne Rücksicht auf das tatsächliche Wachstum ein immer grösseres Stück vom Kuchen beansprucht, wird für die anderen irgendwann nur mehr weniger übrigbleiben. In unserem Wirtschaftssystem gibt es zwei Wege, wie man Geld verdienen kann: Entweder man geht arbeiten, oder man hat Geld auf der Bank und bekommt ein arbeitsloses Einkommen durch Zinsen. Zwischen diesen beiden Gruppen, Arbeit und Kapital, wird jedes Jahr der volkswirtschaftliche Leistungskuchen aufgeteilt. Da aber seit Jahrzehnten die Geldvermögen wesentlich rascher zunehmen als die Wirtschaftsleistung, nimmt sich das Geldkapital von Jahr zu Jahr einen grösseren Anteil von dem Leistungskuchen.

Versteckte Zinsen in den Warenpreisen

Wir können uns an alle möglichen Rechnungen erinnern, aber an keine, auf der „Spende für die Reichen“ draufgestanden wäre? Wenn heute jemand Geld übrig hat, legt er es auf die Bank, um „das Geld für sich arbeiten zu lassen“, wie es so schön heisst. Die Bank wiederum vergibt Kredite, aber nur unter der Bedingung, dass sie dafür mehr zurückbekommt, als sie ursprünglich hergegeben hat. Es ist klar, dass ein Unternehmen die Kreditzinsen, die es der Bank zahlen muss, auf die Preise seiner Waren aufschlägt. Wenn wir nun bei unseren täglichen Einkäufen eine magische Brille aufsetzen könnten, die uns den Zinsanteil in den Preisen sichtbar machen würde, würden uns die Augen darüber aufgehen, dass Verbrauchsgüter durchschnittlich 10% Zins enthalten, andere wesentlich mehr, bei den Wohnungsmieten können es schon 50% sein. Der Konsument muss bei allem und jedem, was er kauft, diesen versteckten Zinsanteil mitzahlen bzw. das Geld dafür erarbeiten. Er muss einen Teil seiner Arbeitsleistung dafür geben, dass jemand anderer, der Geld auf der Bank hat, seine Sparzinsen bekommt. Der Werbespruch der Banken und Versicherungen „Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten“ – wie als wenn ein Geldschein je einen Finger krumm gemacht hätte - müsste also richtig heissen „Lassen Sie andere für sich arbeiten“, aber man möchte ja niemanden ein schlechtes Gewissen machen.

Nun würden aber viele von uns gar nicht erfreut sein, wenn jemand vorschlagen würde, die Zinsen ganz einfach abzuschaffen. Denn viele haben selbst Sparbüchel, Wertpapiere oder Aktien und bekommen dafür Erträge. Ja ist dann nicht ohnehin „alles in Butter“, weil das Geld von der einen Hosentasche in die andere wandert?

„Alles in Butter“ ist es für diejenigen, die so viel Geld auf der Bank haben, dass sie mehr Erträge bekommen, als sie übers Jahr für die in all ihren Einkäufen versteckten Zinsen ausgeben. Wenn man davon ausgeht, dass ein Durchschnittsverdiener 18.000 Euro im Jahr zum Ausgeben hat, zahlt er im Schnitt 1800 Euro in den Warenpreisen versteckte Zinsen pro Jahr. Falls er, wie gerade die sozial Schwächeren, in einer Mietwohnung lebt, die durch versteckten Zins besonders stark belastet, ein Drittel seines Monatseinkommens „auffrisst“, kann sich dieser Betrag leicht auf dreieinhalbtausend Euro verdoppeln. Um diesen Betrag über Sparzinsen von 5% wieder hereinzubekommen, müsste man ein Guthaben von über 90.000 Euro auf der Bank haben. (KESt!) Wer weniger oder gar nichts hat, oder gar verschuldet ist (wie so viele), gehört zu den Verlierern. Oder, um es ganz deutlich zu sagen, zu jenen, die einen Teil ihrer Zeit arbeiten müssen, damit jemand anderer ohne zu arbeiten konsumieren kann. Früher wurde so etwas als Sklavenarbeit bezeichnet.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass wir auch über unsere Steuern wieder eine „Tachinierabgabe“ für die Reichen zahlen, denn ein Siebentel des Staatsbudgets, die ungeheuerliche Zahl von netto 7 Milliarden Euro (ohne KESt-Rückfluss 8,7Mrd), pro Österreicher 1000 Euro, muss jährlich allein für die Zinszahlungen des Bundes aufgewendet werden! Diese Summe muss von jedem erwerbstätigen Österreicher miterarbeitet werden. Überflüssig zu sagen, dass wir - wenn der Staat diese Summe zur Verfügung hätte – von Sparprogrammen und Pensionskürzungen WEIT entfernt wären.

Millionäre und Sozialhilfe-Empfänger als die am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen

Es ist also keineswegs so, dass es in unserer Volkswirtschaft zu wenig Geld gäbe, oder dass wir „über unsere Verhältnisse“ gelebt hätten, sondern durch die ständige Umverteilung durch den Zinsmechanismus fehlt das Geld zunehmend jenen, die es brauchen, und sammelt sich in den Kassen derer, die ohnehin schon mehr haben, als sie jemals verbrauchen können. In Deutschland besass die erste Hälfte der Bevölkerung schon in den neunziger Jahren 96% der Vermögen, und die zweite Hälfte umgekehrt nur 4%. Der spätere Bürgermeister von Hamburg, Ortwin Runde, wies bereits 1993 darauf hin, dass in seiner Stadt die Millionäre und Sozialhilfeempfänger die am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen sind, und warnte vor einer Entwicklung zu lateinamerikanischen Verhältnissen. Die Entwicklung geht dahin, dass man entweder von vornherein ein Vermögen besitzt, welches dann immer grösser wird, oder sein Leben lang hackeln muss, und immer weniger dafür bekommt.

Verschuldung als Systemzwang

Es liegt auf der Hand, dass Besitzer von grossen Geldvermögen auch bei einem Leben in grösstem Luxus den grössten Teil ihres Geldes gar nicht konsumieren können, weil sie halt doch nur einen Körper haben. Das heisst, ihr Geld kann nicht über den Kauf von Waren und Leistungen weiterfliessen, um damit anderen Wirtschaftsteilnehmern Einkommen bzw. Guthaben zu ermöglichen. Stattdessen stellt es sich nur als negatives Geld, als Kredit, zur Verfügung, das nach jeder Rückzahlung die Wirtschaft mit weniger Geld entlässt, als zuvor vorhanden war. Die einzige Möglichkeit, dieses Geld wieder in den Kreislauf zurückzuführen, besteht in der Aufnahme noch grösserer Kredite – ein fataler Mechanismus! Damit ist klar, dass die Überschuldung unserer Wirtschaft und des Staates nicht aus liederlichem Umgang mit dem Geld, sondern aus einem Zwang des Systems erfolgt ist.

Besonders dramatisch macht sich der Umverteilungs - Mechanismus in Zeiten schwindenden Wirtschaftswachstums bemerkbar, weil dann der Anspruch des Geldbesitzer nicht mehr durch die Kuchenvergrösserung befriedigt werden kann, sondern nur, indem von dem Anteil der Arbeitenden weggenommen wird. An diesem Punkt sind wir heute angelangt. Um solche soziale Krisen zu vermeiden, haben Politiker in der Vergangenheit versucht, durch Investitionen des Staates das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, allerdings um den hohen Preis weiterer Verschuldung, und heute sind wir damit „unter der Decke“ angekommen. Ausserdem wird zunehmend klar, dass ein weiteres Wirtschaftswachstum in rein quantitativer Hinsicht uns unaufhaltsam dem ökologischen Kollaps näherbringt. Ziffern auf einem Sparkonto können unbegrenzt steigen, aber in der Natur gibt es kein grenzenloses Wachstum. Nur krankhafte Wachstumsprozesse, wie bei Krebs, verletzen diese Regel und zerstören damit den Organismus und sich selbst. In dem bestehenden System liegt ein Zwang, möglichst schnell und möglichst grosse Profite zu machen, ohne Rücksicht auf Risiko und langfristigen Auswirkungen. Die Gentechnik im Lebensmittelbereich, die bedenkenlose Anwendung des Mobilfunks, oder die Atomenergie sind dafür treffende Beispiele.

Der Umverteilungsmechanismus durch Zinsen und Schulden bestimmt auch das Verhältnis zwischen den Industrienationen und den Länder der dritten Welt: Viele dieser Länder zahlen das Vielfache an Zinsen, als sie Entwicklungshilfe bekommen, und geraten trotz ihres Reichtums an Ressourcen und Arbeitskräften immer tiefer ins Elend. Der Hunger in der dritten Welt und die zunehmende versteckte Armut bei uns haben ja ihre Ursache nicht darin, dass es zu wenig Nahrungsmittel oder Güter gäbe. Ganz im Gegenteil ist es ein offenes Geheimnis, dass es trotz stark gedrosselter Produktion noch immer massenhaft Überproduktion an Nahrungsmitteln und Gütern gibt, die vernichtet wird, „um den Markt nicht zu ruinieren“. Woran es fehlt, ist das Geld, um diese Produktion zu kaufen. Aber Geld ist kein unveränderlich knappes Naturprodukt, sondern es wird von Menschen gemacht und kontrolliert.

Präsident George Bush spricht von der Notwendigkeit des „Kampfs gegen den Terror“. Er hat damit so recht, aber es ist ein anderer Terror, als er meint. Der schlimmste Terror der heutigen Welt ist der Terror des Geldsystems. Wenn dieses System, in einer endlichen Welt nahezu unendliche Reichtümer für immer weniger Leute zu scheffeln, konsequent so weiter praktiziert wird, wird dies zur Selbstvernichtung führen. Dieser Vernichtungsmarathon wird aber diesmal nicht nur die Armen und Unterprivilegierten treffen, sondern auch die Reichen. Denn niemand kann schliesslich Geld essen! Eine versaute Umwelt und eine in brutale soziale Konflikte und Kriege gestürzte Welt sind mit noch so viel Geld nicht zu regenerieren.

Ein Ausweg aus dem Teufelskreis

Als Grundlage einer gerechten Wirtschaftsordnung muss gelten: Durch den Tausch bzw. Kauf darf keiner der Tauschpartner reicher oder ärmer werden. Einen Vorteil gewinnen die Tauschpartner nicht, indem sie sich übers Ohr hauen, sondern aus der durch die Arbeitsteilung resultierenden Zeitersparnis. Einkommen kann es ethisch gesehen, nur auf der Basis von Arbeit geben. Aus diesem Grunde haben schon vorchristliche Theoretiker wie Aristoteles gegen Zins und Zinseszins gewettert, und die christlichen Kirchen haben Jahrhunderte lang das Zinsnehmen mit scharfen Sanktionen bedroht, weil sie genau wussten, wovon sie sprachen. Die Statistiken unserer modernen Ökonomie beweisen diese Auffassungen als völlig richtig. Im Grunde darf es in einer funktionierenden Wirtschaft weder Zins noch Zinseszins geben.

Basismassnahmen für eine Reformierung der Geldwirtschaft:

1. Es wird ein staatliches Währungsamt eingerichtet. Dieses ist die einzige Institution im Staat, die Geld schaffen darf, und es untersteht der Kontrolle des Parlaments. Dieses Währungsamt ermittelt regelmässig anhand eines Warenkorbindexes, wieviel Geld der Markt benötigt, damit die angebotenen Waren und Dienstleistungen problemlos gekauft werden können, um eine tendenzielle Vollbeschäftigung zu ermöglichen. Ist auf dem Markt zuviel Geld und es besteht Inflationsgefahr, wird dem Markt Geld entzogen, gibt es zuwenig, wird neu geschaffenes Geld in Umlauf gebracht.

2. Die Aufgabe der kommerziellen Banken ist die Verwaltung der Spargelder. Diese können als Kredite verborgt werden, es gibt allerdings keine Kreditzinsen und daher auch keine Sparzinsen (aber auch keine Inflation). Die Banken verrechnen den Kreditnehmern nur ihre Verwaltungskosten. Die Geldschöpfung wird den kommerziellen Banken untersagt.

3. Es muss durch entsprechende Gesetze sichergestellt werden, dass von Natur aus begrenzte Güter wie natürliche Ressourcen und Grund und Boden nicht zum Objekt von Spekulationen werden.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie diese Massnahmen im Detail umgesetzt werden können. Diese technischen Details sind in der reichhaltigen Literatur zum Thema Freiwirtschaft oder Social Credit (anglo-amerikanischer Raum) nachzulesen. Grundlegend ist das schon in den 30er Jahren von von Silvio Gesell verfasste Werk „Die natürliche Wirtschaftsordnung“.

Natürlich wird es in diesem Reformmodell sehr wohl unterschiedliche Einkommen geben, auch für die Unternehmer, weil der Markt nach fairem freien Wettbewerb funktioniert. Wem die Anliegen der Kunden nicht so wichtig sind, oder wer dem Schlendrian nachhängt, wird auch nicht gerade das grosse Geld machen. Es wird also auch in einer reformierten Wirtschaft verschieden grosse Einkommen geben. Was es sicher nicht mehr geben würde, sind riesige arbeitslose Einkommen, die den arbeitenden Menschen entzogen werden und sie zwingen, zu immer geringeren Löhnen immer mehr zu erzeugen und damit sich selbst und die ganze Umwelt zu ruinieren. Stattdessen könnte jeder Mensch seine individuellen Talente entwickeln und diese in den Dienst der Gesellschaft stellen - immer vorausgesetzt, in der Gesellschaft herrscht Nachfrage danach - und daraus sowohl sein Einkommen als auch tiefe innere Zufriedenheit beziehen.

So einfach soll das alles sein? fragen wir ungläubig. Vielleicht kennen Sie, liebe Leser, in ihrem Bekanntenkreis jemanden, der jahrelang mit einem Leiden von Arzt zu Arzt gelaufen ist, Unmengen an Geld für diverse Behandlungen, Pillen und Tinkturen ausgegeben hat...bis er endlich einen Arzt gefunden hat, der „den Durchblick“ hatte, nicht das Symptom, sondern endlich die Ursache in Angriff nahm – und da ist der geheilte Mensch, der nach all seinem Leidensweg selbst kaum glauben kann, dass es SO einfach ging.

Wir engagieren uns für soziale Gerechtigkeit, den Umweltschutz, Tierschutz, Fair Trade, treten gegen die Atomenergie auf...nach aussen geben wir uns kämpferisch, aber die Erfolge lassen zu wünschen übrig. Es ist hohe Zeit, dass wir die wahre Ursache unserer an vielen Symptomen leidenden Gesellschaft in Angriff nehmen.

Der Sinn des Menschseins ist es nicht, ums nackte Überleben zu kämpfen, in erbitterter Konkurrenz einer gegen den anderen. Anstatt wegen des nimmersatten Zinssystems Raubbau an der Natur und Mensch zu treiben und massenweise Wegwerfartikel zu produzieren, könnte das uns heute zur Verfügung stehende enorme technische Wissen zur Erzeugung langlebiger, recyclebarer und hochwertiger Waren eingesetzt werden. Auf tausende Jahre Menschheitsgeschichte blicken wir zurück, auf zahllose Generationen unter dem Joch der Anstrengung, aus dem Kampf ums Überleben Stück für Stück einen Freiraum zu erringen, für jenes "mehr", das das Leben erst ausmacht. Sich selbst verwirklichen im umfassenden Sinn des Wortes, seine Träume leben, Schönheit verwirklichen - in einer Gesellschaft, wo "für mich" und "für andere" dazusein, kein Widerspruch, sondern eine Glücksmöglichkeit ist. Heute wäre ein solches Leben möglich: nicht nur für eine Elite, sondern für immer mehr Menschen. Wir sollten alles daran setzten, damit diese Möglichkeit zur Wirklichkeit wird.

Text von Christiane Schmutterer
mit besonderem Dank an Gerhard Margreiter und Adolf Paster
(Neue Argumente Ausgabe 99, März 2004)

 

 

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