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Allgemeines
Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist
das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder
Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu pflegen, ist
einem jeden unverwüstlich eingeboren, die Eigentümlichkeit desselben
jedoch bleibt uns und andern ein Geheimnis.
Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das Gewahrwerden,
das Eingreifen der lebendig- beweglichen Monas in die Umgebungen der Aussenwelt,
wodurch sie sich erst selbst als innerlich Grenzenloses, als äusserlich
Begrenztes gewahr wird. Über dieses Erlebte können wir, obgleich
Anlage, Aufmerksamkeit und Glück dazu gehört, in uns selbst
klar werden; andern bleibt aber auch dies immer ein Geheimnis.
Als Drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung und Tat,
als Wort und Schrift gegen die Aussenwelt richten; dieses gehört
derselben mehr an als uns selbst, so wie sie sich darüber auch eher
verständigen kann, als wir es selbst vermögen; jedoch fühlt
sie, dass sie, um recht klar darüber zu werden, auch von unserm
Erlebten soviel als möglich zu erfahren habe. Weshalb man auch auf
Jugendanfänge, Stufen der Bildung, Lebenseinzelheiten, Anekdoten
und dergleichen höchst begierig ist.
Dieser Wirkung nach aussen folgt unmittelbar eine Rückwirkung,
es sei nun dass Liebe uns zu fördern suche, oder Hass uns
zu hindern wisse. Dieser Konflikt bleibt sich im Leben ziemlich gleich,
indem ja der Mensch sich gleich bleibt, und ebenso alles dasjenige, was
Zuneigung oder Abneigung an seiner Art zu sein empfinden muss.
Was Freunde mit und für uns tun, ist auch ein Friebtes; denn es
stärkt und fördert unsere Persönlichkeit. Was Feinde gegen
uns unternehmen, erleben wir nicht, wir erfahrens nur, Ichnens ab, und
schätzen uns dagegen, wie gegen Frost, Sturm, Regen und Schlossenwetter,
oder sonst äussere Übel, die zu erwarten sind.
Man mag nicht mit jedem leben, und so kann man auch nicht für jeden
leben; wer das recht einsieht, wird seine Freunde höchlich zu schätzen
wissen, seine Feinde nicht hassen, noch verfolgen, vielmehr erlangt der
Mensch nicht leicht einen grösseren Vorteil, als wenn er die
Vorzüge seiner Widersacher gewahr werden kann; dies gibt ihm ein
entschiedenes Übergewicht über sie.
Gehen wir in die Geschichte zurück, so finden wir überall Persönlichkeiten,
mit denen wir uns vertrügen, andere, mit denen wir uns gewiss
in Widerstreit befänden.
Das Wichtigste bleibt jedoch das Gleichzeitige, weil es sich in uns am
reinsten abspiegelt, wir uns in ihm.
Cato ward in seinem Alter gerichtlich angeklagt, da er denn in seiner
Verteidigungsrede hauptsächlich hervorhob, man könne sich vor
niemand verteidigen, als vor denen, mit denen man gelebt habe. Und er
hat vollkommen recht; wie will eine Jury aus Prämissen urteilen,
die ihr ganz abgehen? wie will sie sich über Motive beraten, die
schon längst hinter ihr liegen?
Das Erlebte weiss jeder zu schätzen, am meisten der Denkende
und Nachsinnende im Alter; er fühlt, mit Zuversicht und Behaglichkeit,
dass ihm das niemand rauben kann.
So ruhen meine Naturstudien auf der reinen Basis des Erlebten; wer kann
mir nehmen, dass ich 1749 geboren bin, dass ich, (um vieles
zu überspringen) mich aus Erxiebens Naturlehre erster Ausgabe treulich
unterrichtet, dass ich den Zuwachs der übrigen Editionen, die
sich durch Lichtenbergs Aufmerksamkeit grenzenlos anhäuften, nicht
etwa im Druck zuerst gesehen, sondern jede neue Entdeckung im Fortschreiten
sogleich vernommen und erfahren; dass ich, Schritt für Schritt
folgend, die grossen Entdeckungen der zweiten Hälfte des achtzehnten
Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag wie einen Wunderstern nach dem andern
vor mir aufgehen sehe. Wer kann mir die heimliche Freude nehrnen, wenn
ich mir bewusst bin, durch fortwährendes aufmerksames Bestreben
mancher grossen weltüberraschenden Entdeckung selbst so nahe
gekommen zu sein, dass ihre Erscheinung gleichsam aus meinem eignen
Innern hervorbrach und ich nun die wenigen Schritte klar vor mir liegen
sah, welche zu wagen ich in düsterer Forschung versäumt
Wer die Entdeckung der Luftballone mit erlebt hat, wird ein Zeugnis geben,
welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil die Luftschiffer begleitete,
welche Sehnsucht in so viel tausend Gemütern hervordrang an solchen
längst vorausgesetzten, vorausgesagten, immer geglaubten und immer
unglaublichen, gefahrvollen Wanderungen teilzunehmen; wie frisch und umständlich
jeder einzelne glückliche Versuch die Zeitungen füllte, zu Tagesheften
und Kupfern Anlass gab; welchen zarten Anteil man an den unglücklichen
Opfern solcher Versuche genommen. Dies ist unmöglich selbst in der
Erinnerung wiederherzustellen, sowenig als wie lebhaft man sich für
einen vor dreissig Jahren ausgebrochenen höchst bedeutenden
Krieg interessierte.
Und wäre es denn anders? Was der junge Freund an uns erlebt, ist
ja gerade Handlung und Tat, Wort und Schrift, die von uns in glücklichen
Momenten ausgegangen sind, zu denen wir uns immer gern bekennen.
Gar selten tun wir uns selbst genug, desto tröstender ist es, andern
genuggetan zu haben.
Wir sehen in unser Leben doch nur als in ein zerstückeltes zurück,
weil das Versäumte, Misslungene uns immer zuerst entgegentritt und
das Geleistete, Erreichte in der Einbildungskraft überwiegt.
Davon kommt dem teilnehmenden Jüngling nichts zur Erscheinung; er
sieht, geniesst, benutzt die Jugend eines Vorfahren und erbaut sich
selbst daran aus dem Innersten heraus, als wenn er schon einmal gewesen
wäre, was er ist.
Auf ähnliche, ja gleiche Weise erfreuen mich die mannigfaltigen
Anklänge, die aus fremden Ländern zu mir gelangen. Fremde Nationen
lernen erst später unsere Jugendarbeiten kennen; ihre Jünglinge,
ihre Männer, strebend und tätig, sehen ihr Bild in unserm Spiegel,
sie erfahren dass wir das, was sie wollen, auch wollten, ziehen uns
in ihre Gemeinschaft und täuschen mit dem Schein einer rückkehrenden
Jugend.
Die Wissenschaft wird dadurch sehr zurückgehalten, dass man
sich abgibt mit dem, was nicht wissenswert, und mit dem, was nicht wissbar
ist.
Die höhere Empirie verhält sich zur Natur wie der Menschenverstand
zum praktischen Leben.

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