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Bildung und Umbildung Organischer Naturen
807; Zur Morphologie. Band 1 Heft 1, 181
Siehe er geht vor mir über
ehe ich's gewahr werde,
und verwandelt sich
ehe ich's merke.
Hiob
Wenn der zur lebhaften Beobachtung aufgeforderte Mensch mit der Natur
einen Kampf zu bestehen anfängt, so fühlt er zuerst einen ungeheuern Trieb,
die Gegenstände sich zu unterwerfen. Es dauert aber nicht lange, so dringen
sie dergestalt gewaltig auf ihn ein, daß er wohl fühlt wie sehr er Ursache
hat, auch ihre Macht anzuerkennen und ihre Einwirkung zu verehren. Kaum
überzeugt er sich von diesem wechselseitigen Einfluß, so wird er ein doppelt
Unendliches gewahr, an den Gegenständen die Mannigfaltigkeit des Seins
und Werdens und der sich lebendig durchkreuzenden Verhältnisse, an sich
selbst aber die Möglichkeit einer unendlichen Ausbildung, indem er seine
Empfänglichkeit sowohl als sein Urteil immer zu neuen Formen des Aufnehmens
und Gegenwirkens geschickt macht. Diese Zustände geben einen hohen Genuß
und würden das Glück des Lebens entscheiden, wenn nicht innre und äußre
Hindernisse dem schönen Lauf zur Vollendung sich entgegen stellten. Die
Jahre, die erst brachten, fangen an zu nehmen; man begnügt sich in seinem
Maß mit dem Erworbenen, und ergötzt sich daran um so mehr im stillen,
als von außen eine aufrichtige, reine, begebende Teilnahme selten ist.
Wie wenige fühlen sich von dem begeistert, was eigentlich nur dem Geist
erscheint. Die Sinne, das Gefühl, das Gemüt üben weit größere Macht über
uns aus, und zwar mit Recht: denn wir sind aufs Leben und nicht auf die
Betrachtung angewiesen.
Leider findet man aber auch bei denen, die sich dem Erkennen, dem Wissen
ergeben, selten eine wünschenswerte Teilnahme. Dem Verständigen, auf das
Besondere Merkenden, genau Beobachtenden, Auseinandertrennenden ist gewissermaßen
das zur Last, was aus einer Idee kommt und auf sie zurückführt. Er ist
in seinem Labyrinth auf eine eigene Weise zu Hause, ohne daß er sich um
einen Faden bekümmerte, der schneller durch und durch führte; und solchem
scheint ein Metall, das nicht ausgemünzt ist, nicht aufgezählt werden
kann, ein lästiger Besitz; dahingegen der, der sich auf höhern Standpunkten
befindet, gar leicht das einzelne verachtet und dasjenige, was nur gesondert
ein Leben hat, in eine tötende Allgemeinheit zusammenreißt.
In diesem Konflikt befinden wir uns schon seit langer Zeit. Es ist darin
gar manches getan, gar manches zerstört worden, und ich würde nicht in
Versuchung kommen meine Ansichten der Natur, in einem schwachen Kahn,
dem Ozean der Meinungen zu übergeben, hätten wir nicht in den erstvergangenen
Stunden der Gefahr so lebhaft gefühlt, welchen Wert Papiere für uns behalten,
in welche wir früher einen Teil unseres Daseins niederzulegen bewogen
worden.
Mag daher das, was ich mir in jugendlichem Mute öfters als ein Werk träumte,
nun als Entwurf, ja als fragmentarische Sammlung hervortreten, und als
das, was es ist, wirken und nutzen.
So viel hatte ich zu sagen, um diese vieljährige Skizzen, davon jedoch
einzelne Teile mehr oder weniger ausgeführt sind, dem Wohlwollen meiner
Zeitgenossen zu empfehlen. Gar manches, was noch zu sagen sein möchte,
wird im Fortschritte des Unternehmens am besten eingeführt werden.
Jena, 1807
Wenn wir Naturgegenstände, besonders aber die lebendigen, dergestalt
gewahr werden, daß wir uns eine Einsicht in den Zusammenhang ihres Wesens
und Wirkens zu verschaffen wünschen, so glauben wir zu einer solchen Kenntnis
am besten durch Trennung der Teile gelangen zu können, wie denn auch wirklich
dieser Weg uns sehr weit zu führen geeignet ist. Was Chemie und Anatomie
zur Ein- und Übersicht der Natur beigetragen haben, dürfen wir nur mit
wenig Worten den Freunden des Wissens ins Gedächtnis zurückrufen.
Aber diese trennenden Bemühungen, immer und immer fortgesetzt, bringen
auch manchen Nachteil hervor. Das Lebendige ist zwar in Elemente zerlegt,
aber man kann es aus diesen nicht wieder zusammenstellen und beleben.
Dieses gilt schon von vielen anorganischen, geschweige von organischen
Körpern.
Es hat sich daher auch in dem wissenschaftlichen Menschen zu allen Zeiten
ein Trieb hervorgetan, die lebendigen Bildungen als solche zu erkennen,
ihre äußern sichtbaren, greiflichen Teile im Zusammenhange zu erfassen,
sie als Andeutungen des Innern aufzunehmen und so das Ganze in der Anschauung
gewissermaßen zu beherrschen. Wie nah dieses wissenschaftliche Verlangen
mit dem Kunst- und Nachahmungstriebe zusammenhänge, braucht wohl nicht
umständlich ausgeführt zu werden.
Man findet daher in dem Gange der Kunst, des Wissens und der Wissenschaft
mehrere Versuche, eine Lehre zu gründen und auszubilden, welche wir die
Morphologie nennen möchten. Unter wie mancherlei Formen diese Versuche
erscheinen, davon wird in dem geschichtlichen Teile die Rede sein.
Der Deutsche hat für den Komplex des Daseins eines wirklichen Wesens
das Wort Gestalt. Er abstrahiert bei diesem Ausdruck von dem Beweglichen,
er nimmt an, daß ein Zusammengehöriges festgestellt, abgeschlossen und
in seinem Charakter fixiert sei.
Betrachten wir aber alle Gestalten, besonders die organischen, so finden
wir, daß nirgends ein Bestehendes, nirgends ein Ruhendes, ein Abgeschlossenes
vorkommt, sondern daß vielmehr alles in einer steten Bewegung schwanke.
Daher unsere Sprache das Wort Bildung sowohl von dem Hervorgebrachten,
als von dem Hervorgebrachtwerdenden gehörig genug zu brauchen pflegt.
Wollen wir also eine Morphologie einleiten, so dürfen wir nicht von Gestalt
sprechen, sondern wenn wir das Wort brauchen, uns allenfalls dabei nur
die Idee, den Begriff oder ein in der Erfahrung nur für den Augenblick
Festgehaltenes denken.
Das Gebildete wird sogleich wieder umgebildet, und wir haben uns, wenn
wir einigermaßen zum lebendigen Anschaun der Natur gelangen wollen, selbst
so beweglich und bildsam zu erhalten, nach dem Beispiele mit dem sie uns
vorgeht.
Wenn wir einen Körper auf dem anatomischen Wege in seine Teile zerlegen
und diese Teile wieder in das, worin sie sich trennen lassen, so kommen
wir zuletzt auf solche Anfänge, die man Similarteile genannt hat. Von
diesen ist hier nicht die Rede; wir machen vielmehr auf eine höhere Maxime
des Organismus aufmerksam, die wir folgendermaßen aussprechen.
Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; selbst insofern
es uns als Individuum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen
selbständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach, gleich sind, in der
Erscheinung aber gleich oder ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können.
Diese Wesen sind teils ursprünglich schon verbunden, teils finden und
vereinigen sie sich. Sie entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken
so eine unendliche Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.
Je unvollkommener das Geschöpf ist, desto mehr sind diese Teile einander
gleich oder ähnlich, und desto mehr gleichen sie dem Ganzen. Je vollkommner
das Geschöpf wird, desto unähnlicher werden die Teile einander. In jenem
Falle ist das Ganze den Teilen mehr oder weniger gleich, in diesem das
Ganze den Teilen unähnlich. je ähnlicher die Teile einander sind, desto
weniger sind sie einander subordiniert. Die Subordination der Teile deutet
auf ein vollkommneres Geschöpf.
Da in allen allgemeinen Sprüchen, sie mögen noch so gut durchdacht sein,
etwas Unfaßliches für denjenigen liegt, der sie nicht anwenden, der ihnen
die nötigen Beispiele nicht unterlegen kann, so wollen wir zum Anfang
nur einige geben, da unsere ganze Arbeit der Aus- und Durchführung dieser
und andern Ideen und Maximen gewidmet ist.
Daß eine Pflanze, ja ein Baum, die uns doch als Individuum erscheinen,
aus lauter Einzelheiten bestehn, die sich untereinander und dem Ganzen
gleich und ähnlich sind, daran ist wohl kein Zweifel. Wie viele Pflanzen
werden durch Absenker fortgepflanzt. Das Auge der letzten Varietät eines
Obstbaumes treibt einen Zweig, der wieder eine Anzahl gleicher Augen hervorbringt;
und auf eben diesem Wege geht die Fortpflanzung durch Samen vor sich.
Sie ist die Entwicklung einer unzähligen Menge gleicher Individuen aus
dem Schoße der Mutterpflanze.
Man sieht hier sogleich, daß das Geheimnis der Fortpflanzung durch Samen
innerhalb jener Maxime schon ausgesprochen ist; und man bemerke, man bedenke
nur erst recht, so wird man finden, daß selbst das Samenkorn, das uns
als eine individuelle Einheit vorzuliegen scheint, schon eine Versammlung
von gleichen und ähnlichen Wesen ist. Man stellt die Bohne gewöhnlich
als ein deutliches Muster der Keimung auf. Man nehme eine Bohne, noch
ehe sie keimt, in ihrem ganz eingewickelten Zustande, und man findet nach
Eröffnung derselben erstlich die zwei Samenblätter, die man nicht glücklich
mit dem Mutterkuchen vergleicht: denn es sind zwei wahre, nur aufgetriebene
und mehlig ausgefüllte Blätter, welche auch an Licht und Luft grün werden.
Ferner entdeckt man schon das Federchen, welches abermals zwei ausgebildetere
und weiterer Ausbildung fähige Blätter sind. Bedenkt man dabei, daß hinter
jedem Blattstiele ein Auge, wo nicht in der Wirklichkeit, doch in der
Möglichkeit ruht, so erblickt man in dem uns einfach scheinenden Samen
schon eine Versammlung von mehrern Einzelheiten, die man einander in der
Idee gleich und in der Erscheinung ähnlich nennen kann.
Daß nun das, was der Idee nach gleich ist, in der Erfahrung entweder
als gleich, oder als ähnlich, ja sogar als völlig ungleich und unähnlich
erscheinen kann, darin besteht eigentlich das bewegliche Leben der Natur,
das wir in unsern Blättern zu entwerfen gedenken.
Eine Instanz aus dem Tierreich der niedrigsten Stufe führen wir noch
zu mehrerer Anleitung hier vor. Es gibt Infusionstiere, die sich in ziemlich
einfacher Gestalt vor unserm Auge in der Feuchtigkeit bewegen, sobald
diese aber aufgetrocknet, zerplatzen und eine Menge Körner ausschütten,
in die sie wahrscheinlich bei einem naturgemäßen Gange sich auch in der
Feuchtigkeit zerlegt und so eine unendliche Nachkommenschaft hervorgebracht
hätten. Doch genug hievon an dieser Stelle, da bei unserer ganzen Darstellung
diese Ansicht wieder hervortreten muß.
Wenn man Pflanzen und Tiere in ihrem unvollkommensten Zustande betrachtet,
so sind sie kaum zu unterscheiden. Ein Lebenspunkt, starr, beweglich oder
halbbeweglich, ist das was unseren Sinne kaum bemerkbar ist. Ob diese
ersten Anfänge, nach beiden Seiten determinabel, durch Licht zur Pflanze,
durch Finsternis zum Tier hinüber zu führen sind, getrauen wir uns nicht
zu entscheiden, ob es gleich hierüber an Bemerkungen und Analogie nicht
fehlt. Soviel aber können wir sagen, daß die aus einer kaum zu sondernden
Verwandtschaft als Pflanzen und Tiere nach und nach hervortretenden Geschöpfe
nach zwei entgegengesetzten Seiten sich vervollkommnen, so daß die Pflanze
sich zuletzt im Baum dauernd und starr, das Tier im Menschen zur höchsten
Beweglichkeit und Freiheit sich verherrlicht.
Gemmation und Prolifikation sind abermals zwei Hauptmaximen des Organismus,
die aus jenem Hauptsatz der Koexistenz mehrerer gleichen und ähnlichen
Wesen sich herschreiben und eigentlich jene nur auf doppelte Weise aussprechen.
Wir werden diese beiden Wege durch das ganze organische Reich durchzuführen
suchen, wodurch sich manches auf eine höchst anschauliche Weise reihen
und ordnen wird.
Indem wir den vegetativen Typus betrachten, so stellt sich uns bei demselben
sogleich ein Unten und Oben dar. Die untere Stelle nimmt die Wurzel ein,
deren Wirkung nach der Erde hingeht, der Feuchtigkeit und der Finsternis
angehört, da in gerade entgegengesetzter Richtung der Stengel, der Stamm
oder was dessen Stelle bezeichnet, gegen den Himmel, das Licht und die
Luft emporstrebt.
Wie wir nun einen solchen Wunderbau betrachten und die Art wie er hervorsteigt,
näher einsehen lernen, so begegnet uns abermals ein wichtiger Grundsatz
der Organisation. daß kein Leben auf einer Oberfläche wirken und daselbst
seine hervorbringende Kraft äußern könne; sondern die ganze Lebenstätigkeit
verlangt eine Hülle, die gegen das äußere rohe Element, es sei Wasser
oder Luft oder Licht, sie schütze, ihr zartes Wesen bewahre, damit sie
das, was ihrem Innern spezifisch obliegt, vollbringe. Diese Hülle mag
nun als Rinde, Haut oder Schale erscheinen; alles was zum Leben hervortreten,
alles was lebendig wirken soll, muß eingehüllt sein. Und so gehört auch
alles, was nach außen gekehrt ist, nach und nach frühzeitig dem Tode,
der Verwesung an. Die Rinden der Bäume, die Häute der Insekten, die Haare
und Federn der Tiere, selbst die Oberhaut des Menschen, sind ewig sich
absondernde, abgestoßene, dem Unleben hingegebene Hüllen, hinter denen
immer neue Hüllen sich bilden, unter welchen sodann, oberflächlicher oder
tiefer, das Leben sein schaffendes Gewebe hervorbringt.
Jena, 1807
Von gegenwärtiger Sammlung ist nur gedruckt der Aufsatz über Metamorphose
der Pflanzen, welcher, im Jahre 1790 einzeln erscheinend, kalte, fast
unfreundliche Begegnung zu erfahren hatte. Solcher Widerwille jedoch war
ganz natürlich: die Einschachtelungslehre, der Begriff von Präformation,
von sukzessiver Entwicklung des von Adams Zeiten her schon Vorhandenen
hatten sich selbst der besten Köpfe im allgemeinen bemächtigt; auch hatte
Linné geisteskräftig, bestimmend wie entscheidend, in besonderem Bezug
auf Pflanzenbildung, eine dem Zeitgeist gemäßere Vorstellungsart auf die
Bahn gebracht.
Mein redliches Bemühen blieb daher ganz ohne Wirkung, und, vergnügt,
den Leitfaden für meinen eigenen stillen Weg gefunden zu haben, beobachtete
ich nur sorgfältiger das Verhältnis, die Wechselwirkung der normalen und
abnormen Erscheinungen, beachtete genau was Erfahrung einzeln, gutwillig
hergab, und brachte zugleich einen ganzen Sommer mit einer Folge von Versuchen
hin, die mich belehren sollten, wie durch Übermaß der Nahrung die Frucht
unmöglich zu machen, wie durch Schmälerung sie zu beschleunigen sei.
Die Gelegenheit ein Gewächshaus nach Belieben zu erhellen oder zu verfinstern,
benutzte ich, um die Wirkung des Lichts auf die Pflanzen kennen zu lernen,
die Phänomene des Abbleichens und Abweißens beschäftigten mich vorzüglich,
Versuche mit farbigen Glasscheiben wurden gleichfalls angestellt.
Als ich mir genugsame Fertigkeit erworben, das organische Wandeln und
Umwandeln der Pflanzenwelt in den meisten Fällen zu beurteilen, die Gestaltenfolge
zu erkennen und abzuleiten, fühlte ich mich gedrungen, die Metamorphose
der Insekten gleichfalls näher zu kennen.
Diese leugnet niemand: der Lebensverlauf solcher Geschöpfe ist ein fortwährendes
Umbilden, mit Augen zu sehen und mit Händen zu greifen. Meine frühere,
aus mehrjähriger Erziehung der Seidenwürmer geschöpfte Kenntnis war mir
geblieben, ich erweiterte sie indem ich mehrere Gattungen und Arten, vom
Ei bis zum Schmetterling, beobachtete und abbilden ließ, wovon mir die
schätzenswertesten Blätter geblieben sind.
Hier fand sich kein Widerspruch mit dem was uns in Schriften überliefert
wird, und ich brauchte nur ein Schema tabellarisch auszubilden, wonach
man die einzelnen Erfahrungen folgerecht aufreiben und den wunderbaren
Lebensgang solcher Geschöpfe deutlich überschauen konnte.
Auch von diesen Bemühungen werde ich suchen Rechenschaft zu geben, ganz
unbefangen, da meine Ansicht keiner andern entgegen steht.
Gleichzeitig mit diesem Studium war meine Aufmerksamkeit der vergleichenden
Anatomie der Tiere, vorzüglich der Säugetiere zugewandt, es regte sich
zu ihr schon ein großes Interesse. Buffon und Daubenton leisteten viel,
Camper erschien als Meteor von Geist, Wissenschaft, Talent und Tätigkeit,
Sömmerring zeigte sich bewundernswürdig, Merck wandte sein immer reges
Bestreben auf solche Gegenstände; mit allen dreien stand ich im besten
Verhältnis, mit Camper briefweise, mit beiden andern in persönlicher,
auch in Abwesenheit fortdauernder Berührung.
Im Laufe der Physiognomik mußte Bedeutsamkeit und Beweglichkeit der Gestalten
unsre Aufmerksamkeit wechselsweise beschäftigen, auch war mit Lavatern
gar manches hierüber gesprochen und gearbeitet worden.
Später konnte ich mich, bei meinem öftern und längern Aufenthalt in Jena,
durch die unermüdliche Belehrungsgabe Loders, gar bald einiger Einsicht
in tierische und menschliche Bildung erfreuen.
jene bei Betrachtung der Pflanzen und Insekten einmal angenommene Methode
leitete mich auch auf diesem Weg: denn bei Sonderung und Vergleichung
der Gestalten mußte Bildung und Umbildung auch hier wechselsweise zur
Sprache kommen.
Die damalige Zeit jedoch war dunkler, als man sich es jetzt vorstellen
kann. Man behauptete zum Beispiel, es hange nur vom Menschen ab, bequem
auf allen Vieren zu gehen, und Bären, wenn sie sich eine Zeitlang aufrecht
hielten, könnten zu Menschen werden. Der verwegene Diderot wagte gewisse
Vorschläge, wie man ziegenfüßige Faune hervorbringen könne, um solche
in Livree, zu besonderm Staat und Auszeichnung, den Großen und Reichen
auf die Kutsche zu stiften.
Lange Zeit wollte sich der Unterschied zwischen Menschen und Tieren nicht
finden lassen, endlich glaubte man den Affen dadurch entschieden von uns
zu trennen, weil er seine vier Schneidezähne in einem empirisch wirklich
abzusondernden Knochen trage, und so schwankte das ganze Wissen, ernst-
und scherzhaft, zwischen Versuchen das Halbwahre zu bestätigen, dem Falschen
irgend einen Schein zu verleihen, sich aber dabei in willkürlicher, grillenhafter
Tätigkeit zu beschäftigen und zu erhalten. Die größte Verwirrung jedoch
brachte der Streit hervor, ob man die Schönheit als etwas Wirkliches,
den Objekten Inwohnendes, oder als relativ, konventionell, ja individuell
dem Beschauer und Anerkenner zuschreiben müsse.
Ich hatte mich indessen ganz der Knochenlehre gewidmet; denn im Gerippe
wird uns ja der entschiedne Charakter jeder Gestalt sicher und für ewige
Zeiten aufbewahrt. Ältere und neuere Überbleibsel versammelte ich um mich
her, und auf Reisen spähte ich sorgfältig in Museen und Kabinetten nach
solchen Geschöpfen, deren Bildung im ganzen oder einzelnen mit belehrend
sein könnte.
Hiebei fühlte ich bald die Notwendigkeit einen Typus aufzustellen, an
welchem alle Säugetiere nach Übereinstimmung und Verschiedenheit zu prüfen
wären, und wie ich früher die Urpflanze aufgesucht, so trachtete ich nunmehr
das Urtier zu finden, das heißt denn doch zuletzt: den Begriff, die Idee
des Tiers.
Meine mühselige, qualvolle Nachforschung ward erleichtert, ja versüßt,
indem Herder die Ideen zur Geschichte der Menschheit aufzuzeichnen unternahm.
Unser tägliches Gespräch beschäftigte sich mit den Uranfängen der Wasser-Erde
und der darauf von altersher sich entwickelnden organischen Geschöpfe.
Der Uranfang und dessen unablässiges Fortbilden ward immer besprochen
und unser wissenschaftlicher Besitz durch wechselseitiges Mitteilen und
Bekämpfen, täglich geläutert und bereichert.
Mit andern Freunden unterhielt ich mich gleichfalls auf das lebhafteste
über diese Gegenstände, die mich leidenschaftlich beschäftigten, und nicht
ohne Einwirkung und wechselseitigen Nutzen blieben solche Gespräche. Ja
es ist vielleicht nicht anmaßlich, wenn wir uns einbilden, manches von
daher Entsprungene, durch Tradition in der wissenschaftlichen Welt Fortgepflanzte
trage nun Früchte deren wir uns erfreuen, ob man gleich nicht immer den
Garten benamset, der die Pfropfreiser hergegeben.
Gegenwärtig ist bei mehr und mehr sich verbreitender Erfahrung, durch
mehr sich vertiefende Philosophie manches zum Gebrauch gekommen, was zur
Zeit als die nachstehenden Aufsätze geschrieben wurden, mir und andern
unzugänglich war. Man sehe daher den Inhalt dieser Blätter, wenn man sie
auch jetzt für überflüssig halten sollte, geschichtlich an, da sie denn
als Zeugnisse einer stillen, beharrlichen, folgerechten Tätigkeit gelten
mögen.

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