|
|
METAMORPHOSE DER PFLANZEN - ZWEITER VERSUCH
[Handschriftliches Fragment, 179
Einleitung
So entfernt die Gestalt der organisierten Geschöpfe voneinander ist,
so finden wir doch, daß sie gewisse Eigenschaften miteinander gemein haben,
gewisse Teile miteinander verglichen werden können. Recht gebraucht, ist
dieses der Faden, woran wir uns durch das Labyrinth der lebendigen Gestalten
durchhelfen, so wie uns der Mißbrauch dieses Begriffes auf ganz falsche
Wege führt und uns in der Wissenschaft eher rück- als vorwärts bringt.
2. Da alle Geschöpfe, welche wir lebendig nennen, darin übereinkommen,
daß sie die Kraft haben, ihresgleichen hervorzubringen, so suchen wir
mit Recht die Organe der Zeugung, wie durch alle Geschlechter der Tiere,
so auch im Pflanzenteich auf; wir finden sie auch bis fast auf der untersten
Stufe dieses letzten Reiches, wo sie noch immer die Aufmerksamkeit der
Beobachter beschäftigen.
3. Außer dieser allgemeinsten Eigenschaft finden wir, daß andere, die
zunächst daran grenzen, gleichfalls eine Zusammenstellung leiten. So mag
die Samenkapsel mit dem Eierstocke, der Same mit dem Ei allenfalls noch
im Allgemeinen verglichen werden. Gehen wir aber nun weiter und wollen
die Teile des Samens einer Pflanze mit den Teilen eines Vogeleis oder
gar einer tierischen Frucht vergleichen, so entfernen wir uns so weit
von der Wahrheit, wie mir es dünkt, als wir im Anfange derselben nahe
waren, und so sehr eine Pflanze von einem Tier verschieden ist, muß auch
schon der Same der Pflanze von dem Ei oder Embryon verschieden sein.
4. Es sind daher die Vergleichungen der Kotyledonen mit dem Mutterkuchen,
der verschiedenen Schalen des Samens mit den Häutchen der tierischen Geburten
nur scheinbar und um desto gefährlicher, als man dadurch abgehalten wird,
genauer die Natur und Eigenschaft solcher Teile kennen zu lernen.
Es war indessen natürlich, daß man diese Vergleichung zu weit trieb,
da wirklich die Natur uns einigen Anlaß dazu gibt; ebenso hat man das
Gewebe, welches die hohlen Röhren mancher Pflanze ausfüllt, vielleicht
nicht mit Unrecht das Mark genannt und solches mit dem Marke der tierischen
Knochen verglichen. Allein man zog die falsche Folgerung, daß das Mark
ein wesentlicher Teil des Pflanzenkörpers sei, man suchte, man fand es
da, wo es nicht existierte; man gab ihm Kräfte und Einfluß, die es nicht
hatte, indem man sich an dem Begriffe des Markes in den menschlichen Knochen
festhielt, welches auch durch die Imagination der Poeten, deren Terminologie
sich in der Wissenschaft einschlich, zu einer höhern Würde gelangte, als
es wohl nicht verdient hatte.
Siehe Versuch über die Gestalt der
Tiere.
5. Man ging noch weiter, und indem man zur Bequemlichkeit der Einbildungskraft
und zur Begünstigung gewisser schwärmerischer Religionsideen, alles auf
eins zurückführen und alles in einem jeden finden wollte, sah man in der
Pflanze Muskeln, Adern, lymphatische Gefäße, Eingeweide, einen Schlund,
Glandeln, und was nicht sonst.
Siehe Agricola, Agriculture parfaite.
Es sind zwar diese falschen Beobachtungen nach und nach durch genauere,
besonders durch mikroskopische Beobachtungen außer Kurs gebracht, allein
es ist immer noch manches übrig, welches zum Besten der Wissenschaft wegzuschaffen
wäre.
6. Es ist hier wohl am Platze, anderer Gleichnisse zu gedenken, da man
nicht sowohl die Naturreiche unter sich, sondern mit Gegenständen der
übrigen Welt vergleicht, wodurch man, durch eine witzige Ausweichung,
der Physiologie der drei Reiche großen Schaden tut, wie zum Exempel Linné
die Blumenblätter Vorhänge des hochzeitlichen Bettes nennt, welches artige
Gleichnis einem Poeten Ehre machen würde. Allein! Die Entdeckung des wahren
physiologischen Verhältnisses eines solchen Teiles wird dadurch, wie durch
die so bequeme als falsche Beherzigung der Zwecke, nach außen gänzlich
verhindert.
Der Hauptbegriff, welcher, wie mich dünkt, bei jeder Betrachtung eines
lebendigen Wesens zum Grunde liegen muß, von dem man nicht abweichen darf,
ist, daß es mit sich selbst beständig, daß seine Teile in einem notwendigen
Verhältnis gegen sich selbst stehn, daß nichts Mechanisches gleichsam
von außen gebaut und hervorgebracht werde, obgleich Teile nach außen zu
wirken und von außen Bestimmung annehmen.
Siehe Versuch über die Gestalt der Tiere.
7. Es liegt dieser Begriff in dem ersten Versuche, die Metamorphose der
Pflanzen zu erklären, zum Grunde, ebenso werde ich ihn nie in der gegenwärtigen
Abhandlung außer Augen lassen, sowenig als in irgendeiner Betrachtung,
welche ich über ein lebendiges Wesen anzustellen habe. Doch habe ich mich
bei einer andern Gelegenheit schon erklärt, daß hier nicht die Frage sei,
ob die Vorstellungsart, der Endzweck manchen Menschen bequem, ja unentbehrlich
sei, ob sie nicht, aufs Sittliche angewendet, gute und nützliche Wirkungen
haben könnte, sondern ob sie den Physiologen der organisierten Körper
förderlich oder hinderlich sei? welches letztere ich mir zu behaupten
getraue und deswegen sie selbst zu meiden und andere davor zu warnen für
Pflicht halte, weil man, wie Epiktet sagt, eine Sache nicht da anfassen
soll, wo ihr die Handhabe fehlt, sondern vielmehr da, wo die Handhabe
uns das Anfassen erleichtert. Es kann sich auch hier der Naturforscher
beruhigen und seinen Weg desto ungestörter fortgehen, da die neuere philosophische
Schule nach der von ihrem Lehrer vorgezeichneten Anleitung (siehe Kants
Kritik der teleologischen Urteilskraft, besonders § ) diese Vorstellungsart
kurrenter zu machen sich zur Pflicht rechnen wird, da denn der Naturforscher
in der Folge die Gelegenheit nicht versäumen darf, auch ein Wort mitzureden.
8. Ich habe in dem ersten Versuche zu zeigen mich bemüht, daß die verschiedenen
Teile der Pflanze aus einem völlig ähnlichen Organ entspringen, welches,
ob es gleich im Grunde immer dasselbe bleibt, durch eine Progression modifiziert
und verändert wird.
9. Diesem Grundsatze liegt ein ander Prinzip zugrunde, daß nämlich eine
Pflanze die Kraft hat, sich durch bloße Fortsetzung völlig ähnlicher Teile
ins Unendliche zu vermehren, wie ich denn ein Weidenreis abschneiden,
dasselbe pflanzen, den nächsten Trieb wegschneiden und wieder pflanzen
und so ins Unendliche fortfahren kann. Ebenso, wenn ich einen Stolonem
abreiße und pflanze, so gibt mir derselbe ohne zu blühen neue Stolones
und so in infinitum fort pp.
10. Der zweite hierauf gegründete Erfahrungssatz ist der: daß das Wachstum,
welches über der Erde, gegen die Luft zu, sich fortsetzt, nicht immer
in einem gleichen Schritte vorwärts gehen kann, sondern die Gestalt nach
und nach verändern und die Teile anders bestimmen muß. Dieses ist die
regelmäßige vorwärtsschreitende Metamorphose der Pflanzen, welche den
Menschen am meisten interessiert, indem er gewöhnlich auf Blumen und Früchte,
welche dadurch entstehen, am aufmerksamsten ist.
11. Jene Betrachtungen fortzusetzen, durch Beispiele zu erläutern, durch
Kupfer anschaulicher zu machen, durch Schriftsteller ihnen mehr Autorität
zu geben, ist die Absicht des gegenwärtigen zweiten Versuchs, wo denn
auch dasjenige, was aus der ganzen Pflanzenkunde sich zunächst anschließt,
herbeizuführen und der Weg zu weiteren Fortschritten zu bereiten sei.

|
|