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ANZEIGE UND ÜBERSICHT
des Goetheschen Werkes zur Farbenlehre
Ein Heft mit XVI illuminierten Kupfertafeln und
deren Erklärung
Einem jeden Autor ist vergönnt, entweder in einer Vorrede oder in einer
Rekapitulation, von seiner Arbeit, besonders wenn sie einigermaßen weitläufig ist,
Rechenschaft zu geben. Auch hat man es in der neuern Zeit nicht ungemäß gefunden, wenn
der Verleger dasjenige, was der Aufnahme einer Schrift günstig sein könnte, gegen das
Publikum in Gestalt einer Ankündigung äußerte. Nachstehendes dürfte wohl in diesem
doppelten Sinne gelten.
Dieses, Ihro Durchlaucht der regierenden Herzogin von Weimar gewidmete Werk beginnt mit
einer Einleitung, in der zuvörderst die Absicht im allgemeinen dargelegt wird. Sie geht
kürzlich dahin, die chromatischen Erscheinungen in Verbindung mit allen übrigen
physischen Phänomenen zu betrachten, sie besonders mit dem, was uns der Magnet, der
Turmalin gelehrt, was Elektrizität, Galvanismus, chemischer Prozeß uns offenbart, in
eine Reihe zu stellen, und so durch Terminologie und Methode eine vollkommnere Einheit des
physischen Wissens vorzubereiten. Es soll gezeigt werden, daß bei den Farben, wie bei den
übrigen genannten Naturerscheinungen, ein Hüben und Drüben, eine Verteilung, eine
Vereinigung, ein Gegensatz, eine Indifferenz, kurz, eine Polarität statt habe, und zwar
in einem hohen, mannigfaltigen, entschiedenen, belehrenden und fördernden Sinne. Um
unmittelbar zur Sache zu gehen, so werden Licht und Auge als bekannt und anerkannt
angenommen.
Das Werk teilt sich in drei Teile, den didaktischen, polemischen und historischen,
deren Veranlassung und Zusammenhang mit wenigem angezeigt wird.
DIDAKTISCHER TEIL
Seit Wiederherstellung der Wissenschaften ergeht an einzelne Forscher und ganze
Sozietäten immer die Forderung: man solle sich treu an die Phänomene halten und eine
Sammlung derselben naturgemäß aufstellen. Die theoretische und praktische Ungeduld des
Menschen aber hindert gar oft die Erreichung eines so löblichen Zwecks. Andere Fächer
der Naturwissenschaft sind glücklicher gewesen als die Farbenlehre. Der einigemal
wiederholte Versuch, die Phänomene zusammenzustellen, hat aus mehreren Ursachen nicht
recht glücken wollen. Was wir in unserm Entwurf zu leisten gesucht, ist folgendes.
Daß die Farben auf mancherlei Art und unter ganz verschiedenen Bedingungen erscheinen,
ist jedermann auffallend und bekannt. Wir haben die Erfahrungsfälle zu sichten uns
bemüht, sie, insofern es möglich war, zu Versuchen erhoben und unter drei Hauptrubriken
geordnet. Wir betrachten demnach die Farben, unter mehreren Abteilungen, von der
physiologischen, physischen und chemischen Seite.
Die erste Abteilung umfaßt die
physiologischen, welche dem Organ des Auges vorzüglich angehören und durch dessen
Wirkung und Gegenwirkung hervorgebracht werden. Man kann sie daher auch die subjektiven
nennen. Sie sind unaufhaltsam flüchtig, schnell verschwindend. Unsere Vorfahren schrieben
sie dem Zufall, der Phantasie, ja einer Krankheit des Auges zu und benannten sie darnach.
Hier kommt zuerst das Verhältnis des großen Gegensatzes von Licht und Finsternis zum
Auge in Betrachtung; sodann die Wirkung heller und dunkler Bilder aufs Auge. Dabei zeigt
sich denn das erste, den Alten schon bekannte Grundgesetz, durch das Finstere werde das
Auge gesammlet, zusammengezogen, durch das Helle hingegen entbunden, ausgedehnt. Das
farbige Abklingen blendender farbloser Bilder wird sodann mit seinem Gegensatze
vorgetragen; hierauf die Wirkung farbiger Bilder, welche gleichfalls ihren Gegensatz
hervorrufen, gezeigt, und dabei die Harmonie und Totalität der Farbenerscheinung, als der
Angel, auf dem die ganze Lehre sich bewegt, ein für allemal ausgesprochen. Die farbigen
Schatten, als merkwürdige Fälle einer solchen wechselseitigen Forderung, schließen sich
an; und durch schwachwirkende gemäßigte Lichter wird der Übergang zu den subjektiven
Höfen gefunden. Ein Anhang sondert die nah verwandten pathologischen Farben von den
physiologischen; wobei der merkwürdige Fall besonders zur Sprache kommt, daß einige
Menschen gewisse Farben voneinander nicht unterscheiden können.
Die Zweite Abteilung macht uns nunmehr mit
den physischen Farben bekannt. Wir nannten diejenigen so, zu deren Hervorbringung gewisse
materielle, aber farblose Mittel nötig sind, die sowohl durchsichtig und durchscheinend
als undurchsichtig sein können. Diese Farben zeigen sich nun schon objektiv wie
subjektiv, indem wir sie sowohl außer uns hervorbringen und für Gegenstände ansprechen,
als auch dem Auge zugehörig und in demselben hervorgebracht annehmen. Sie müssen als
vorübergehend, nicht festzuhaltend angesehen werden und heißen deswegen apparente,
flüchtige, falsche, wechselnde Farben. Sie schließen sich unmittelbar an die
physiologischen an und scheinen nur um einen geringen Grad mehr Realität zu haben.
Hier werden nun die dioptrischen Farben, in zwei Klassen geteilt, aufgeführt. Die
erste enthält jene höchst wichtigen Phänomene, wenn das Licht durch trübe Mittel
fällt oder wenn das Auge durch solche hindurchsieht. Diese weisen uns auf eine der
großen Naturmaximen hin, auf ein Urphänomen, woraus eine Menge von Farbenerscheinungen,
besonders die atmosphärischen, abzuleiten sind. In der zweiten Klasse werden die
Refraktionsfälle erst subjektiv, dann objektiv durchgeführt und dabei unwidersprechlich
gezeigt: daß kein farbloses Licht, von welcher Art es auch sei, durch Refraktion eine
Farbenerscheinung hervorbringe, wenn dasselbe nicht begrenzt, nicht in ein Bild verwandelt
worden. So bringt die Sonne das prismatische Farbenbild nur insofern hervor, als sie
selbst ein begrenztes leuchtendes und wirksames Bild ist. jede weiße Scheibe auf
schwarzem Grund leistet subjektiv dieselbe Wirkung.
Hierauf wendet man sich zu den paroptischen Farben. So heißen diejenigen, welche
entstehen, wenn das Licht an einem undurchsichtigen farblosen Körper herstrahlt; sie
wurden bisher einer Beugung desselben zugeschrieben. Auch in diesem Falle finden wir, wie
bei den vorhergehenden, eine Randerscheinung und sind nicht abgeneigt, hier gleichfalls
farbige Schatten und Doppelbilder zu erblicken. Doch bleibt dieses Kapitel weiterer
Untersuchung ausgesetzt.
Die epoptischen Farben dagegen sind ausführlicher und befriedigender behandelt. Es
sind solche, die auf der Oberfläche eines farblosen Körpers durch verschiedenen Anlaß
erregt, ohne Mitteilung von außen, für sich selbst entspringen. Sie werden von ihrer
leisesten Erscheinung bis zu ihrer hartnäckigsten Dauer verfolgt, und so gelangen wir zu
Der dritten Abteilung, welche die chemischen
Farben enthält. Der chemische Gegensatz wird unter der älteren Formel von Acidum und
Alkali ausgesprochen, und der dadurch entspringende chromatische Gegensatz an Körpern
eingeleitet. Auf die Entstehung des Weißen und Schwarzen wird hingedeutet; dann von
Erregung der Farbe, Steigerung und Kulmination derselben, dann von ihrem Hin- und
Widerschwanken, nicht weniger von dem Durchwandern des ganzen Farbenkreises gesprochen;
ihre Umkehrung und endliche Fixation, ihre Mischung und Mitteilung, sowohl die wirkliche
als scheinbare, betrachtet, und mit ihrer Entziehung geschlossen. Nach einem kurzen
Bedenken über Farbennomenklatur wird angedeutet, wie aus diesen gegebenen Ansichten
sowohl unorganische als organische Naturkörper zu betrachten und nach ihren
Farbeäußerungen zu beurteilen sein möchten. Physische und chemische Wirkung farbiger
Beleuchtung, ingleichen die chemische Wirkung bei der dioptrischen Achromasie, zwei
höchst wichtige Kapitel, machen den Beschluß.
Die chemischen Farben können wir uns nun objektiv als den Gegenständen angehörig
denken. Sie heißen sonst Colores proprii, materiales, veri, permanentes, und verdienen
wohl diesen Namen, denn sie sind bis zur spätesten Dauer festzuhalten.
Nachdem wir dergestalt zum Behuf unsers didaktischen Vortrages die Erscheinungen
möglichst auseinander gehalten, gelang es uns doch durch eine solche naturgemäße
Ordnung, sie zugleich in einer stetigen Reihe darzustellen, die flüchtigen mit den
verweilenden, und diese wieder mit den dauernden zu verknüpfen und so die erst
sorgfältig gezogenen Abteilungen für ein höheres Anschaun wieder aufzuheben.
In einer vierten Abteilung haben wir, was bis
dahin von den Farben unter mannigfaltigen besondern Bedingungen bemerkt worden, im
allgemeinen ausgesprochen und dadurch eigentlich den Abriß einer künftigen Farbenlehre
entworfen.
In der fünften Abteilung werden die
nachbarlichen Verhältnisse dargestellt, in welchen unsere Farbenlehre mit dem übrigen
Wissen, Tun und Treiben zu stehen wünschte. Den Philosophen, den Arzt, den Physiker, den
Chemiker, den Mathematiker, den Techniker laden wir ein, an unserer Arbeit teilzunehmen
und unser Bemühen, die Farbenlehre dem Kreis der übrigen Naturerscheinungen
einzuverleiben, von ihrer Seite zu begünstigen.
Die sechste Abteilung ist der
sinnlich-sittlichen Wirkung der Farbe gewidmet, woraus zuletzt die ästhetische
hervorgeht. Hier treffen wir auf den Maler, dem zuliebe eigentlich wir uns in dieses Feld
gewagt, und so schließt sich das Farbenreich in sich selbst ab, indem wir wieder auf die
physiologischen Farben und auf die naturgemäße Harmonie der sich einander fordernden,
der sich gegenseitig entsprechenden Farben gewiesen werden.
POLEMISCHER TEIL
Die Naturforscher der ältern und mittlern Zeit hatten, ungeachtet ihrer beschränkten
Erfahrung, doch einen freien Blick über die mannigfaltigen Farbenphänomene und waren auf
dem Wege, eine vollständige und zulängliche Sammlung derselben aufzustellen. Die seit
einem Jahrhundert herrschende Newtonische Theorie hingegen gründete sich auf einen
beschränkten Fall und bevorteilte alle die übrigen Erscheinungen um ihre Rechte, in
welche wir sie durch unsern Entwurf wiedereinzusetzen getrachtet. Dieses war nötig, wenn
wir die hypothetische Verzerrung so vieler herrlichen und erfreulichen Naturphänomene
wieder ins gleiche bringen wollten. Wir konnten nunmehr mit desto größerer Sicherheit an
die Kontrovers gehn, welche wir, ob sie gleich auf verschiedene Weise hätte eingeleitet
werden können, nach Maßgabe der Newtonischen Optik führen, indem wir diese Schritt vor
Schritt polemisch verfolgen und das Irrtumsgespinst, das sie enthält, zu entwirren und
aufzulösen suchen.
Wir halten es rätlich, mit wenigem abzugeben, wie sich unsere Ansicht, besonders des
beschränkten Refraktions-Falles, von derjenigen unterscheide, welche Newton gefaßt und
die sich durch ihn über die gelehrte und ungelehrte Welt verbreitet hat.
Newton behauptet, in dem weißen farblosen Lichte überall, besonders aber in dem
Sonnenlicht, seien mehrere verschiedenfarbige Lichter wirklich enthalten, deren
Zusammensetzung das weiße Licht hervorbringe. Damit nun diese bunten Lichter zum
Vorschein kommen sollen, setzt er dem weißen Licht gar mancherlei Bedingungen entgegen:
vorzüglich brechende Mittel, welche das Licht von seiner Bahn ablenken; aber diese nicht
in einfacher Vorrichtung. Er gibt den brechenden Mitteln allerlei Formen, den Raum, in dem
er operiert, richtet er auf mannigfaltige Weise ein; er beschränkt das Licht durch kleine
Öffnungen, durch winzige Spalten, und nachdem er es auf hunderterlei Art in die Enge
HISTORISCHER TEIL
War es uns in dem didaktischen Entwurfe schwer geworden, die Farbenlehre oder
Chromatik, in der es übrigens wenig oder nichts zu messen gibt, von der Lehre des
natürlichen und künstlichen Sehens, der eigentlichen Optik, worin die Meßkunst großen
Beistand leistet, möglichst zu trennen und sie für sich zu betrachten, so begegnen wir
dieser Schwierigkeit abermals in dem historischen Teile, da alles, was uns aus älterer
und neuerer Zeit über die Farben berichtet worden, sich durch die ganze Naturlehre und
besonders durch die Optik gleichsam nur gelegentlich durchschmiegt und für sich beinahe
niemals Masse bildet. Was wir daher auch sammelten und zusammenstellten, blieb allzusehr
Bruchwerk, als daß es leicht hätte zu einer Geschichte verarbeitet werden können, wozu
uns überhaupt in der letzten Zeit die Ruhe nicht gegönnt war. Wir entschlossen uns
daher, das Gesammelte als Materialien hinzulegen und sie nur durch Stellung und durch
Zwischenbetrachtungen einigermaßen zu verknüpfen.
In diesem dritten Teile also macht uns, nach einem kurzen Überblick der Urzeit, die erste
Abteilung mit dem bekannt, was die Griechen, von Pythagoras an bis Aristoteles, über
Farben geäußert, welches auszugsweise übersetzt gegeben wird; sodann aber Theophrasts
Büchlein von den Farben in vollständiger Übersetzung. Dieser ist eine kurze Abhandlung
über die Versatilität der griechischen und lateinischen Farbenbenennungen beigefügt.
Die Zweite Abteilung läßt uns einiges von den Römern erfahren. Die
Hauptstelle des Lucretius ist nach Herrn von Knebels Übersetzung mitgeteilt, und anstatt
uns bei dem Texte des Plinius aufzuhalten, liefern wir eine Geschichte des Kolorits der
alten Maler, verfaßt von Herrn Hofrat Meyer. Sie wird hypothetisch genannt, weil sie
nicht sowohl auf Denkmäler als auf die Natur des Menschen und den Kunstgang, den derselbe
bei freier Entwicklung nehmen muß, gegründet ist. Betrachtungen über Farbenlehre und
Farbenbehandlungen der Alten folgen hierauf, welche zeigen, daß diese mit dem Fundament
und den bedeutendsten Erscheinungen der Farbenlehre bekannt und auf einem Wege gewesen,
welcher, von den Nachfolgern betreten, früher zum Ziele geführt hätte. Ein kurzer
Nachtrag enthält einiges über Seneca. An dieser Stelle ist es nun Pflicht des
Verfassers, dankbar zu bekennen, wie sehr ihm bei Bearbeitung dieser Epochen sowohl als
überhaupt des ganzen Werkes, die einsichtige Teilnahme eines mehrjährigen Hausfreundes
und Studiengenossen, Herrn Dr. Riemers, förderlich und behülflich gewesen.
In der dritten Abteilung wird von jener traurigen Zwischenzeit gesprochen, in
welcher die Welt der Barbarei unterlegen. Hier tritt vorzüglich die Betrachtung ein, daß
nach Zerstörung einer großen Vorwelt die Trümmer, welche sich in die neue Zeit
hinüberretten, nicht als ein Lebendiges, Eignes, sondern als ein Fremdes, Totes wirken
und daß Buchstabe und Wort mehr als Sinn und Geist betrachtet werden. Die drei großen
Hauptmassen der Überlieferung, die Werke des Aristoteles, des Plato und die Bibel treten
heraus. Wie die Autorität sich festsetzt, wird dargetan. Doch wie das Genie immer wieder
geboren wird, wieder hervordringt und bei einigermaßen günstigen Umständen lebendig
wirkt, so erscheint auch sogleich am Rande einer solchen dunkeln Zeit Roger Bacon, eine
der reinsten, liebenwürdigsten Gestalten, von denen uns in der Geschichte der
Wissenschaften Kunde geworden. Nur weniges indessen, was sich auf Farbe bezieht, finden
wir bei ihm sowie bei einigen Kirchenvätern, und die Naturwissenschaft wird, wie manches
andere, durch die Lust am Geheimnis obskuriert.
Dagegen gewährt uns die vierte Abteilung einen heitern Blick in das sechzehnte
Jahrhundert. Durch alte Literatur und Sprachkunde sehen wir auch die Farbenlehre
befördert. Das Büchlein des Thylesius von den Farben findet man in der Ursprache
abgedruckt. Portius erscheint als Herausgeber und Übersetzer des Theophrastischen
Aufsatzes. Scaliger bemüht sich auf eben diesem Wege um die Farbenbennungen. Paracelsus
tritt ein und gibt den ersten Wink zur Einsicht in die chemischen Farben. Durch
Alchimisten wird nichts gefördert. Nun bietet sich die Betrachtung dar, daß, je mehr die
Menschen selbsttätig werden und neue Naturverhältnisse entdecken, das Überlieferte an
seiner Gültigkeit verliere und seine Autorität nach und nach unscheinbar werde. Die
theoretischen und praktischen Bemühungen des Telesius, Cardanus, Porta für die
Naturlehre werden gerühmt. Der menschliche Geist wird immer freier' unduldsamer, selbst
gegen notwendiges und nützliches Lernen, und ein solches Bestreben geht so weit, daß
Baco von Verulam sich erkühnt, über alles, was bisher auf der Tafel des Wissens
verzeichnet gestanden, mit dem Schwamme hinzufahren.
In der fünften Abteilung zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts trösten uns
jedoch über ein solches schriftstürmendes Beginnen Galilei und Kepler, zwei wahrhaft
auferbauende Männer. Von dieser Zeit an wird auch unser Feld mehr angebaut. Snellius
entdeckt die Gesetze der Brechung, und Antonius de Dominis tut einen großen Schritt zur
Erklärung des Regenbogens. Aguilonius ist der erste, der das Kapitel von den Farben
ausführlich behandelt; da sie Cartesius neben den übrigen Naturerscheinungen aus
Materialitäten und Rotationen entstehen läßt. Kircher liefert ein Werk, die große
Kunst des Lichtes und Schattens, und deutet schon durch diesen ausgesprochnen Gegensatz
auf die rechte Weise, die Farben abzuleiten. Marcus Marci dagegen behandelt diese Materie
abstrus und ohne Vorteil für die Wissenschaft. Eine neue, schon früher vorbereitete
Epoche tritt nunmehr ein. Die Vorstellungsart von der Materialität des Lichtes nimmt
überhand. De la Chambre und Vossius haben schon dunkle Lichter in dem hellen. Grimaldi
zerrt, quetscht, zerreißt, zersplittert das Licht, um ihm Farben abzugewinnen. Boyle
läßt es von den verschiedenen Facetten und Rauhigkeiten der Oberfläche widerstrahlen,
und auf diesem Wege die Farben erscheinen. Hooke ist geistreich, aber paradox. Bei
Malebranche werden die Farben dem Schall verglichen, wie immer auf dem Wege der
Schwingungslehre. Sturm kompiliert und eklektisiert; aber Funccius, durch Betrachtung der
atmosphärischen Erscheinungen an der Natur festgehalten, kommt dem Rechten ganz nahe,
ohne doch durchzudringen. Nuguet ist der erste, der die prismatischen Erscheinungen
richtig ableitet. Sein System wird mitgeteilt und seine wahren Einsichten von den falschen
und unzulänglichen gesondert. Zum Schluß dieser Abteilung wird die Geschichte des
Kolorits seit Wiederherstellung der Kunst bis auf unsere Zeit, gleichfalls von Herrn
Hofrat Meyer, vorgetragen.
Die sechste Abteilung ist dem achtzehnten Jahrhundert gewidmet, und wir treten
sogleich in die merkwürdige Epoche von Newton bis auf Dollond. Die Londoner Sozietät,
als eine bedeutende Versammlung von Naturfreunden des Augenblicks, zieht alle unsere
Aufmerksamkeit an sich. Mit ihrer Geschichte machen uns bekannt Sprat, Birch und die
Transaktionen. Diesen Hülfsmitteln zufolge wird von den ungewissen Anfängen der
Sozietät, von den frühern und spätern Zuständen der Naturwissenschaft in England, von
den äußern Vorteilen der Gesellschaft, von den Mängeln, die in ihr selbst, in der
Umgebung und in der Zeit liegen, gehandelt. Hooke erscheint als geistreicher,
unterrichteter, geschäftiger, aber zugleich eigenwilliger, unduldsamer, unordentlicher
Sekretär und Experimentator. Newton tritt auf. Dokumente seiner Theorie der Farben sind
die lectiones opticae, ein Brief an Oldenburg, den Sekretär der Londoner Sozietät;
ferner die Optik. Newtons Verhältnis zur Sozietät wird gezeigt. Eigentlich meldeten sich
zuerst durch sein katoptrisches Teleskop an. Von der Theorie ist nur beiläufig die Rede,
um die Unmöglichkeit der Verbesserung dioptrischer Fernröhre zu zeigen und seiner
Vorrichtung einen größern Wert beizulegen. Obgedachter Brief erregt die ersten Gegner
Newtons, denen er selbst antwortet. Dieser Brief sowohl als die ersten Kontroversen sind
in ihren Hauptpunkten ausgezogen und der Grundfehler Newtons aufgedeckt, daß er die
äußern Bedingungen, welche nicht aus dem Licht, sondern an dem Licht die Farben
hervorbringen, übereilt beseitigt, und dadurch sowohl sich als andere in einen beinah
unauflöslichen Irrtum verwickelt. Mariotte faßt ein ganz richtiges Aperçu gegen Newton,
worauf wenig geachtet wird. Desaguliers, Experimentator von Metier, experimentiert und
argumentiert gegen den schon Verstorbenen. Sogleich tritt Rizzetti mit mehrerem Aufwand
gegen Newton hervor; aber auch ihn treibt Desaguliers aus den Schranken, welchem Gauger
als Schildknappe beiläuft. Newtons Persönlichkeit wird geschildert, und eine ethische
Auflösung des Problems versucht: wie ein so außerordentlicher Mann sich in einem solchen
Grade irren, seinen Irrtum bis an sein Ende mit Neigung, Fleiß, Hartnäckigkeit, trotz
aller äußeren und inneren Warnungen, bearbeiten und befestigen und so viel vorzügliche
Menschen mit sich fortreißen können. Die ersten Schüler und Bekenner Newtons werden
genannt. Unter den Ausländern sind s'Gravesande und Musschenbroek bedeutend.
Nun wendet man den Blick zur französischen Akademie der Wissenschaften. In ihren
Verhandlungen wird Mariottes mit Ehren gedacht. De la Hire erkennt die Entstehung des
Blauen vollkommen, des Gelben und Roten weniger. Conradi, ein Deutscher, erkennt den
Ursprung des Blauen ebenfalls. Die Schwingungen des Malebranche fördern die Farbenlehre
nicht, so wenig als die fleißigen Arbeiten Mairans, der auf Newtons Wege das prismatische
Bild mit den Tonintervallen parallelisieren will. Polignac, Gönner und Liebhaber,
beschäftigt sich mit der Sache und tritt der Newtonischen Lehre bei. Literatoren,
Lobredner, Schöngeister, Auszügler und Gemeinmacher, Fontenelle, Voltaire, Algarotti und
andere, geben vor der Menge den Ausschlag für die Newtonische Lehre, wozu die Anglomanie
der Franzosen und übrigen Völker nicht wenig beiträgt.
Indessen gehn die Chemiker und Farbkünstler immer ihren Weg. Sie verwerfen jene
größere Anzahl von Grundfarben und wollen von dem Unterschiede der Grund- und
Hauptfarben nichts wissen. Dufay und Castel beharren auf der einfacheren Ansicht;
letzterer widersetzt sich mit Gewalt der Newtonischen Lehre, wird aber überschrieen und
verschrieen. Der farbige Abdruck von Kupferplatten wird geübt. Le Blond und Gauthier
machen sich hierdurch bekannt. Letzterer, ein heftiger Gegner Newtons, trifft den rechten
Punkt der Kontrovers und führt sie gründlich durch. Gewisse Mängel seines Vortrags, die
Ungunst der Akademie und die öffentliche Meinung widersetzen sich ihm, und seine
Bemühungen bleiben fruchtlos. Nach einem Blicke auf die deutsche große und tätige Welt
wird dasjenige, was in der deutschen gelehrten Welt vorgegangen, aus den physikalischen
Kompendien kürzlich angemerkt, und die Newtonische Theorie erscheint zuletzt als
allgemeine Konfession. Von Zeit zu Zeit regt sich wieder der Menschenverstand. Tobias
Mayer erklärt sich für die drei Grund- und Hauptfarben, nimmt gewisse Pigmente als ihre
Repräsentanten an und berechnet ihre möglichen unterscheidbaren Mischungen. Lambert geht
auf demselben Wege weiter. Außer diesen begegnet uns noch eine freundliche Erscheinung.
Scherffer beobachtet die sogenannten Scheinfarben, sammelt und rezensiert die Bemühungen
seiner Vorgänger. Franklin wird gleichfalls aufmerksam auf diese Farben, die wir unter
die physiologischen zählen.
Die zweite Epoche des achtzehnten Jahrhunderts von Dollond bis auf unsere Zeit hat
einen eigenen Charakter. Sie trennt sich in zwei Hauptmassen. Die erste. ist um die
Entdeckung der Achromasie teils theoretisch, teils praktisch beschäftigt, jene Erfahrung
nämlich, daß man die prismatische Farbenerscheinung aufheben und die Brechung
beibehalten, die Brechung aufheben und die Farbenerscheinung behalten könne. Die
dioptrischen Fernröhre werden gegen das bisherige Vorurteil verbessert, und die
Newtonische Lehre periklitiert in ihrem Innersten. Erst leugnet man die Möglichkeit der
Entdeckung, weil sie der hergebrachten Theorie unmittelbar widerspreche; dann schließt
man sie durch das Wort Zerstreuung an die bisherige Lehre, die auch nur aus Worten
bestand. Priestleys Geschichte der Optik, durch Wiederholung des Alten, durch
Akkommodation des Neuen, trägt sehr viel zur Aufrechterhaltung der Lehre bei. Frisi, ein
geschickter Lobredner, spricht von der Newtonischen Lehre, als wenn sie nicht erschüttert
worden wäre. Klügel, der Übersetzer Priestleys, durch mancherlei Warnung und Hindeutung
aufs Rechte, macht sich bei den Nachkommen Ehre; allein weil er die Sache läßlich nimmt
und seiner Natur, auch wohl den Umständen nach nicht derb auftreten will, so bleiben
seine Überzeugungen für die Gegenwart verloren.
Wenden wir uns zur andern Masse. Die Newtonische Lehre, wie früher die Dialektik,
hatte die Geister unterdrückt. Zu einer Zeit, da man alle frühere Autorität
weggeworfen, hatte sich diese neue Autorität abermals der Schulen bemächtigt. Jetzt aber
ward sie durch Entdeckung der Achromasie erschüttert. Einzelne Menschen fingen an, den
Naturweg einzuschlagen, und es bereitete sich, da jeder aus einseitigem Standpunkte das
Ganze übersehen, sich von Newton losmachen oder wenigstens mit ihm einen Vergleich
eingehen wollte, eine Art von Anarchie, in welcher sich jeder selbst konstituierte, und so
eng oder so weit, als es gehen mochte, mit seinen Bemühungen zu wirken trachtete.
Westfeld hoffte die Farben durch eine gradative Wärmewirkung auf die Netzhaut zu
erklären. Guyot sprach, bei Gelegenheit eines physikalischen Spielwerks, die
Unhaltbarkeit der Newtonischen Theorie aus. Mauclerc kam auf die Betrachtung, inwiefern
Pigmente einander an Ergiebigkeit balancieren. Marat, der gewahr wurde, daß die
prismatische Erscheinung nur eine Randerscheinung sei, verband die paroptischen Fälle mit
dem Refraktionsfalle. Weil er aber bei dem Newtonischen Resultat blieb und zugab, daß die
Farben aus dem Licht hervorgelockt würden, so hatten seine Bemühungen keine Wirkung. Ein
französischer Ungenannter beschäftigte sich emsig und treulich mit den farbigen
Schatten, gelangte aber nicht zum Wort des Rätsels. Carvalho, ein Malteserritter, wird
gleichfalls zufällig farbige Schatten gewahr und baut auf wenige Erfahrungen eine
wunderliche Theorie auf. Darwin beobachtet die Scheinfarben mit Aufmerksamkeit und Treue;
da er aber alles durch mehr und mindern Reiz abtun und die Phänomene zuletzt, wie
Scherffer, auf die Newtonische Theorie reduzieren will, so kann er nicht zum Ziel
gelangen. Mengs spricht mit zartem Künstlersinn von den harmonischen Farben, welches eben
die nach unserer Lehre physiologisch geforderten sind. Gülich, ein Färbekünstler, sieht
ein, was in seiner Technik durch den chemischen Gegensatz von Acidum und Alkali zu leisten
ist; allein bei dem Mangel an gelehrter und philosophischer Kultur kann er weder den
Widerspruch, in dem er sich mit der Newtonischen Lehre befindet, lösen, noch mit seinen
eigenen theoretischen Ansichten ins reine kommen. Delaval macht auf die dunkle
schattenhafte Natur der Farbe aufmerksam, vermag aber weder durch Versuche noch Methode
noch Vortrag, an denen freilich manches auszusetzen ist, keine Wirkung hervorzubringen.
Hoffmann möchte die malerische Harmonie durch die musikalische deutlich machen und einer
durch die andere aufhelfen. Natürlich gelingt es ihm nicht und bei manchen schönen
Verdiensten ist er wie sein Buch verschollen. Blair erneuert die Zweifel gegen Achromasie,
welche wenigstens nicht durch Verbindung zweier Mittel soll hervorgebracht werden können;
er verlangt mehrere dazu. Seine Versuche an verschiedenen, die Farbe sehr erhöhenden
Flüssigkeiten sind aller Aufmerksamkeit wert; da er aber zu Erläuterungen derselben die
detestable Newtonische Theorie kümmerlich modifiziert anwendet, so wird seine Darstellung
höchst verworren, und seine Bemühungen scheinen keine praktischen Folgen gehabt zu
haben.
Zuletzt nun glaubte der Verfasser des Werks, nachdem er so viel über andere
gesprochen, auch eine Konfession über sich selbst schuldig zu sein; und er gesteht, auf
welchem Wege er in dieses Feld gekommen, wie er erst zu einzelnen Wahrnehmungen und nach
und nach zu einem vollständigem Wissen gelangt, wie er sich das Anschauen der Versuche
selbst zuwege gebracht und gewisse theoretische Überzeugungen darauf gegründet; wie
diese Beschäftigung sich zu seinem übrigen Lebensgange, besonders aber zu seinem Anteil
an bildender Kunst verhalte, wird dadurch begreiflich. Eine Erklärung über das in den
letzten Jahrzehnten für die Farbenlehre Geschehene lehnt er ab, liefert aber zum Ersatz
eine Abhandlung über den von Herscheln wieder angeregten Punkt, die Wirkung farbiger
Beleuchtung betreffend, in welcher Herr Doktor Seebeck zu Jena aus seinem unschätzbaren
Vorrat chromatischer Erfahrungen das Zuverlässigste und Bewährteste zusammengestellt
hat. Sie mag zugleich als ein Beispiel dienen, wie durch Verbindung von Übereindenkenden,
in gleichem Sinne Fortarbeitenden das hie und da Skizzen- und Lückenhafte unseres
Entwurfs ausgeführt und ergänzt werden könne, um die Farbenlehre einer gewünschten
Vollständigkeit und endlichem Abschluß immer näher zu bringen.
Anstatt des letzten supplementaren Teils folgt voritzt eine Entschuldigung, sowie
Zusage, denselben bald möglichst nachzuliefern: wie denn vorläufig das darin zu
Erwartende angedeutet wird.
Übrigens findet man bei jedem Teile ein Inhaltsverzeichnis, und am Ende des letzten,
zu bequemerem Gebrauch eines so komplizierten Ganzen, Namen- und Sachregister.
Gegenwärtige Anzeige kann als Rekapitulation des ganzen Werks sowohl Freunden als
Widersachern zum Leitfaden dienen.
Ein Heft mit sechzehn Kupfertafeln und deren Erklärung ist dem ganzen beigegeben.

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