|
|
Anschauende Urteilskraft
Als ich die Kantische Lehre, wo nicht zu durchdringen, doch möglichst
zu nutzen suchte, wollte mir manchmal dünken, der köstliche Mann verfahre
schalkhaft ironisch, in dem er bald das Erkenntnisvermögen aufs engste einzuschränken
bemüht schien, bald über die Grenzen, die er selbst gezogen hatte, mit einem
Seitenwink hinausdeutete. Er mochte freilich bemerkt haben, wie anmaßend und
naseweis der Mensch verfährt, wenn er behaglich, mit wenigen Erfahrungen
ausgerüstet, sogleich unbesonnen abspricht und voreilig etwas festzusetzen,
eine Grille, die ihm durchs Gehirn läuft, den Gegenständen aufzuheben trachtet.
Deswegen beschränkt unser Meister seinen Denkenden auf eine reflektierende
diskursive Urteilskraft, untersagt ihm eine bestimmende ganz und gar. Sodann
aber, nachdem er uns genugsam in die Enge getrieben, ja zur Verzweiflung
gebracht, entschließt er sich zu den liberalsten Äußerungen und überläßt uns,
welchen Gebrauch wir von der Freiheit machen wollen, die er einigermaßen
zugesteht. In diesem Sinne war mir folgende Stelle höchst bedeutend:
«Wir können uns einen Verstand denken, der, weil er nicht wie der
unsrige diskursiv, sondern intuitiv ist, vom synthetisch Allgemeinen, der
Anschauung eines Ganzen als eines solchen, zum Besondern geht, das ist, von dem
Ganzen zu den Teilen: Hierbei ist gar nicht nötig zu beweisen, daß ein solcher
intellectus archetypus möglich sei, sondern nur, daß wir in der Dagegenhaltung
unseres diskursiven, der Bilder bedürftigen Verstandes (intellectus ectypus)
und der Zufälligkeit einer solchen Beschaffenheit auf jene Idee eines intellectus
archetypus geführt werden, diese auch keinen Widerspruch enthalte.»
Zwar scheint der Verfasser hier auf einen göttlichen Verstand zu
deuten, allein wenn wir ja im sittlichen, durch Glauben an Gott, Tugend und
Unsterblichkeit uns in eine obere Region erheben und an das erste Wesen
annähern sollen: so dürft' es wohl im Intellektuellen derselbe Fall sein, daß
wir uns, durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme
an ihren Produktionen würdig machten. Hatte ich doch erst unbewußt und aus
innerem Trieb auf jenes Urbildliche, Typische rastlos gedrungen, war es mir
sogar geglückt, eine naturgemäße Darstellung aufzubauen, so konnte mich nunmehr
nichts weiter verhindern, das Abenteuer der Vernunft, wie es der Alte vom
Königsberge selbst nennt, mutig zu bestehen.

|
|