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BEDEUTENDE FÖRDERNIS DURCH EIN EINZIGES GEISTREICHES WORT
Herr Dr. Heinroth in seiner Anthropologie, einem Werke, zu
dem wir mehrmals zurückkommen werden, spricht von meinem Wesen und Wirken
günstig, ja er bezeichnet meine Verfahrungsart als eine eigentümliche: daß
nämlich mein Denkvermögen gegenständlich tätig sei, womit er aussprechen will:
daß mein Denken sich von den Gegenständen nicht sondere; daß die Elemente der
Gegenstände, die Anschauungen in dasselbe eingehen und von ihm auf das innigste
durchdrungen werden; daß mein Anschauen selbst ein Denken, mein Denken ein
Anschauen sei; welchem Verfahren genannter Freund seinen Beifall nicht versagen
will.
Zu was für Betrachtungen jenes einzige Wort, begleitet von
solcher Billigung, mich angeregt, mögen folgende wenige Blätter aussprechen,
die ich dem teilnehmenden Leser empfehle, wenn er vorher, Seite 389 des
genannten Buches, mit dem Ausführlichern sich bekannt gemacht hat.
In dem gegenwärtigen wie in den früheren Heften (zur
Morphologie) habe ich die Absicht verfolgt: auszusprechen, wie ich die Natur
anschaue, zugleich aber gewissermaßen mich selbst, mein Inneres, meine Art zu
sein, insofern es möglich wäre, zu offenbaren. Hiezu wird besonders ein älterer
Aufsatz: Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt, dienlich
gefunden werden.
Hiebei bekenn' ich, daß mir von jeher die große und so
bedeutend klingende Aufgabe: erkenne dich selbst, immer verdächtig vorkam, als
eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen
verwirren und von der Tätigkeit gegen die Außenwelt zu einer innern falschen
Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern
er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. jeder
neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.
Am allerfördersarnsten aber sind unsere Nebenmenschen,
welche den Vorteil haben, uns mit der Welt aus ihrem Standpunkt zu vergleichen
und daher nähere Kenntnis von uns zu erlangen, als wir selbst gewinnen mögen.
Ich habe daher in reiferen Jahren große Aufmerksamkeit
gehegt, inwiefern andere mich wohl erkennen möchten, damit ich in und an ihnen,
wie an so viel Spiegeln, über mich selbst und über mein Inneres deutlicher
werden könnte.
Widersacher kommen nicht in Betracht, denn mein Dasein ist
ihnen verhaßt, sie verwerfen die Zwecke, nach welchen mein Tun gerichtet ist,
und die Mittel dazu achten sie für ebensoviel falsches Bestreben. Ich weise sie
daher ab und ignoriere sie, denn sie können mich nicht fördern, und das ist's,
worauf im Leben alles ankommt; von Freunden aber lass' ich mich ebenso gern
bedingen als ins Unendliche hinweisen, stets merk' ich auf sie mit reinern
Zutrauen zu wahrhafter Erbauung.
Was nun von meinemgegenständlichendenken gesagtist mag ich
wohl auch ebenmäßig auf eine gegenständliche Dichtung beziehen. Mir drückten
sich gewisse große Motive, Legenden, uraltgeschichtlich Überliefertes so tief
in den Sinn, daß ich sie vierzig bis fünfzig Jahre lebendig und wirksam im
Innern erhielt; mir schien der schönste Besitz, solche werte Bilder oft in der
Einbildungskraft erneut zu sehen, da sie sich denn zwar immer umgestalteten,
doch, ohne sich zu verändern, einer reineren Form, einer entschiednern Darstellung
entgegen reiften. Ich will hievon nur die Braut von Korinth, den Gott und die
Baiadere, den Grafen und die Zwerge, den Sänger und die Kinder, und zuletzt
noch den baldigst mitzuteilenden Paria nennen.
Aus Obigem erklärt sich auch meine Neigung zu Gelegenheitsgedichten,
wozu jedes Besondere irgend eines Zustandes mich unwiderstehlich aufregte. Und
so bemerkt man denn auch an meinen Liedern, daß jedem etwas Eigenes zum Grunde
liegt, daß ein gewisser Kern einer mehr oder weniger bedeutenden Frucht
einwohne; deswegen sie auch mehrere Jahre nicht gesungen wurden, besonders die
von entschiedenem Charakter, weil sie an den Vortragenden die Anforderung
machen, er solle sich aus seinem allgemein gleichgültigen Zustande in eine
besondere, fremde Anschauung und Stimmung versetzen, die Worte deutlich
artikulieren, damit man auch wisse, wovon die Rede sei. Strophen sehnsüchtigen
Inhalts dagegen fanden eher Gnade, und sie sind auch mit andern deutschen
Erzeugnissen ihrer Art in einigen Umlauf gekommen.
An eben diese Betrachtung schließt sich die vieljährige
Richtung meines Geistes gegen die Französische Revolution unnüttelbar an, und
es erklärt sich die grenzenlose Bemühung, dieses schrecklichste aller
Ereignisse in seinen Ursachen und Folgen dichterisch zu gewaltigen. Schau' ich in
die vielen Jahre zurück, so sch ich klar, wie die Anhänglichkeit an diesen
unübersehlichen Gegenstand so lange Zeit her mein poetisches Vermögen fast
unnützerweise aufgezehrt; und doch hat jener Eindruck so tief bei mir
gewurzelt, daß ich nicht leugnen kann, wie ich noch immer an die Fortsetzung
der Natürlichen Tochter denke, dieses wunderbare Erzeugnis in Gedanken
ausbilde, ohne den Mut, nüch im einzelnen der Ausführung zu widmen.
Wend' ich mich nun zu dem gegenständlichen Denken, das man
mir zugesteht, so find' ich, daß ich eben dasselbe Verfahren auch bei
naturhistorischen Gegenständen zu beobachten genötigt war. Welche Reihe von
Anschauung und Nachdenken verfolgt' ich nicht, bis die Idee der Pflanzenmetamorphose
in mir aufging, wie solches meine Italienische Reise den Freunden vertraute.
Ebenso war es mit dem Begriff, daß der Schädel aus Wirbelknochen
bestehe. Die drei hintersten erkannt' ich bald, aber erst im Jahre 1791, als ich
aus dem Sande des dünenhaften Judenkirchhofs von Venedig einen zerschlagenen
Schöpsenkopf aufhob, gewahrt' ich augenblicklich, daß die Gesichtsknochen
gleichfalls aus Wirbeln abzuleiten seien, indem ich den Übergang vom ersten
Flügelbeine zum Siebbeine und den Muscheln ganz deutlich vor Augen sah; da hatt'
ich denn das Ganze im Allgemeinsten beisammen. So viel möge diesmal das früher
Geleistete aufzuklären hinreichen. Wie aber jener Ausdruck des wohlwollenden,
einsichtigen Mannes mich auch in der Gegenwart fördert, davon noch kurze
vorläufige Worte.
Schon einige Jahre such' ich meine geognostischen Studien zu
revidieren, besonders in der Rücksicht, inwiefern ich sie und die daraus
gewonnene Überzeugung der neuen, sich überall verbreitenden Feuerlehre nur
einigermaßen annähern könnte, welches mir bisher unmöglich fallen wollte. Nun
aber, durch das Wort gegenständlich, ward ich auf einmal aufgeklärt, indem ich
deutlich vor Augen sah, daß alle Gegenstände, die ich seit fünfzig Jahren
betrachtet und untersucht hatte, gerade die Vorstellung und Überzeugung in mit
erregen mußten, von denen ich jetzt nicht ablassen kann. Zwar vermag ich für
kurze Zeit mich auf jenen Standpunkt zu versetzen, aber ich muß doch immer,
wenn es einigermaßen behaglich werden soll, zu meiner alten Denkweise wieder
zurückkehren.
Aufgeregt nun durch eben diese Betrachtungen, fuhr ich fort, mich zu prüfen, und fand, daß mein ganzes Verfahren auf dem Ableiten beruhe;
ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt finde, von dem sich vieles
ableiten läßt, oder vielmehr der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und
mit entgegen trägt, da ich denn im Bemühen und Empfangen vorsichtig und treu zu
Werke gehe. Findet sich in der Erfahrung irgendeine Erscheinung, die ich nicht
abzuleiten weiß, so lass' ich sie als Problem liegen, und ich habe diese Verfahrungsart
in einem langen Leben sehr vorteilhaft gefunden: denn wenn ich auch die
Herkunft und Verknüpfung irgendeines Phänomens lange nicht enträtseln konnte,
sondern es beiseite lassen mußte, so fand sich nach Jahren auf einmal alles
aufgeklärt in dem schönsten Zusammenhange. Ich werde mir daher die Freiheit
nehmen, meine bisherigen Erfahrungen und Bemerkungen und die daraus
entspringende Sinnesweise fernerhin in diesen Blättern geschichtlich darzulegen;
wenigstens ist dabei ein charakteristisches Glaubensbekenntnis zu erzwecken,
Gegnern zur Einsicht, Gleichdenkenden zur Fördernis, der Nachwelt zur Kenntnis,
und, wenn es glückt, zu einiger Ausgleichung.

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