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DAS SEHEN IN SUBJEKTIVER HINSICHT
VON PURKINJE - 1819
Den löblichen Gebrauch, bedeutende Schriften gleich zum erstenmal in Gegenwart eines
Schreibenden zu lesen und sogleich Auszüge mit Bemerkungen, wie sie im Geiste erregt
wurden, flüchtig zu diktieren, unterließ ich nicht bei obgenanntem Hefte und, brachte
kursorisch diese Angelegenheit bis gegen das Ende.
Meinem ersten Vorhaben, ausführlicher hierüber zu werden, muß ich zwar entsagen; den
weitläufigen Auszug aus einer Schrift, die gegenwärtig in allen Händen ist, leg ich
beiseite und führe vom Text nur an, was Veranlassung zu den nächsten Bemerkungen gab,
indes ich noch gar manche, welche noch bedeutende Nacharbeiten gefordert hätten,
gleichfalls zurücklasse, in Hoffnung, daß das gegenwärtig Mitgeteilte nicht ohne
Wirkung bleiben werde.
Noch ist zu bemerken, daß die Seitenzahl immer eine Stelle des Textes ankündige, in
Klammern aber meine Bemerkungen eingeschlossen sind.
Seite 7. Jeder Sinn kann durch Beobachtung und Experimente sowohl in seinem Eigenleben
als in seiner eigentümlichen Reaktion gegen die Außenwelt aufgefaßt und dargestellt
werden, jeder ist gewissermaßen ein Individuum; daher die Spezifizität, das zugleich
Fremde und Eigene in den Empfindungen.
[Das Anerkennen eines Neben- Mit- und Ineinanderseins und -wirkens verwandter
lebendiger Wesen leitet uns bei jeder Betrachtung des Organismus und erleuchtet den
Stufenweg vom Unvollkommenen zum Vollkommenen.
Die wundersame Erfahrung, daß ein Sinn an die Stelle des andern einrücken und den
entbehrten vertreten könne, wird uns eine naturgemäße Erscheinung, und das innigste
Geflecht der verschiedensten Systeme hört auf, als Labyrinth den Geist zu verwirren.]
Abstraktion und Experimente am eigenen Organismus. Beide sind wichtige Zweige der
physikalischen Kunst überhaupt und fordern eine eigene Richtung der Aufmerksamkeit, eine
eigene und methodische Folge von Abhärtungen, Übungen und Fertigkeiten. Es gibt
Gegenstände der Naturforschung, die nur auf diesem Wege eruiert werden können, von denen
wir außerdem kaum eine Ahnung hätten.
[Wir wünschen dem Verfasser Glück, daß er die Disposition, dieses Geschäft zu
unternehmen und auf den hohen Grad durchzuführen, von der Natur empfangen, und erfreuen
uns an der Versicherung, daß diese anhaltenden und bedenklichen Versuche seinem Organ
keineswegs geschadet und daß er auch im ethischen Sinne sich auf alle Weise diesem
Unternehmen gewachsen erzeigt. «Man muß tüchtig geboren sein, um ohne Kränklichkeit
auf sein Inneres zurück zu gehen.» Gesundes Hineinblicken in sich selbst, ohne sich zu
untergraben; nicht mit Wahn und Fabelei, sondern mit reinem Schauen in die unerforschte
Tiefe sich wagen, ist eine seltene Gabe, aber auch die Resultate solcher Forschung für
Welt und Wissenschaft ein seltenes Glück.
Wir danken dem Verfasser für seine kühne und wichtige Arbeit, eben wie wir das
Verdienst trefflicher Reisenden anerkennen, welche jede Art von Entbehrung und Not
übernehmen, um uns dadurch einer gleichen Mühe und Qual zu überheben. Nicht ein jeder
hat nötig, diese Versuche persönlich zu wiederholen, wie sich der wunderliche Wahn
gerade im Physischen eingeschlichen hat, daß man alles mit eignen Augen sehen müsse,
wobei man nicht bedenkt, daß man die Gegenstände auch mit eignen Vorurteilen sieht.
Nichts aber ist nötiger, als daß man lerne, eigenes Tun und Vollbringen an das
anzuschließen, was andere getan und vollbracht haben. das Produktive mit dem Historischen
zu verbinden.
Damit nun gerade dieses Büchlein um so mehr Zutrauen finde, so wollen wir, ohne die
Anmaßung, des Verfassers Arbeiten eigner Prüfung zu unterwerfen, vielmehr das, worin
wir, durch identische und analoge Erfahrungen geleitet, mit ihm völlig übereinstimmen,
auf eine Weise hinzufügen, welche wir dem Zweck am vorteilhaftesten glauben.]
Seite 9. Ich habe einiges hierher Gehörige gefunden, was mir neu scheint oder was
wenigstens von mir mehr als anderswo ins einzelne verfolgt wurde.
Seite 10. Für jetzt beschränke ich mich nur auf den Gesichtssinn.
[Indem ein Naturfreund, der sich um alle Sinne bekümmert, sich auf einen Sinn
beschränkt, wird er sich aufklärender Andeutungen ins Allgemeine nicht enthalten
können, er wird nach mehreren Seiten hinweisen, und das Entferntscheinende zu verknüpfen
suchen. Daß er zuerst aus dem Gesichtssinne herauswirkt und ihn für diesmal zum
Mittelpunkt der übrigen macht, ist mir um so viel erfreulicher, weil es auch gerade
derjenige Sinn ist, durch welchen ich die Außenwelt am vorzüglichsten ergreife.]
Seite 10. Die Licht-Schattenfigur des Auges.
[Hier gleich beim Eintritt begrüßen wir den Verfasser aufs freundlichste, beteuernd
vollkommene Übereinstimmung mit seinen Ansichten, Einklang mit seiner Methode,
Zusammentreffen mit Ziel und Zweck.
Auch wir betrachten Licht und Finsternis als den Grund aller Chroagenesie, sind
überzeugt, daß alles, was innen ist, auch außen sei und daß nur ein Zusammentreffen
beider Wesenheiten als Wahrheit gelten dürfe.]
Seite 11. Ich stelle mich mit geschlossenen Augen in heilen Sonnenschein, das Angesicht
senkrecht gegen die Sonne. Nun fahre ich mit gestreckten, etwas auseinandergehaltenen
Fingern vor den Augen hin und her, daß sie abwechselnd beschattet und beleuchtet werden.
Auf dem sonst bei der bloßen Schließung der Augenlider vorhandenen gleichmäßig
gelbroten Gesichtsfelde erscheint nun eine schöne, regelmäßige Figur, die sich jedoch
anfangs sehr schwer fixieren und näher bestimmen läßt, bis man sich nach und nach in
ihr mehr orientiert.
[Da ich bei vieljähriger Forschung über die innigste Entstehung und über das
ausgebreitete Erscheinen der Farbenwelt meine Augen nicht geschont, so sind mir manche
Phänomene, welche der Verfasser deutlich entwickelt und in Ordnung aufstellt, jedoch nur
zufällig und wankend vorgekommen. Auch gegenwärtig, da ich diesem edlen Sinn nichts
Außerordentliches mehr zumuten darf, finde ich mich keineswegs berufen, dergleichen
Versuche abermals vorzunehmen und durch eigne Erfahrungen zu bestätigen, sondern beruhige
mich gern bei seinem glaubwürdigen zusammenhängenden Vortrag. Da jedoch, wie er selbst
versichert und ich auch überzeugt bin, diese Phänomene als allgemeine Bedingung des
Sehens zu betrachten sind, so wird es an Personen nicht fehlen, die dergleichen entweder
schon gewahr geworden oder in der Folge sie zufällig, vielleicht auch vorsätzlich gewahr
werdend, diese so schön sich ausbildende Lehre immer mehr sicherstellen.
Und so können wir denn auch vorläufig gedenken, daß der rühmlich bekannte
Hofkupferstecher, Herr Schwerdgebürth, gleichfalls ein empfängliches Auge hat,
dergleichen Erscheinungen leicht und öfters gewahr zu werden. Sie setzten ihn sonst in
Furcht, als ob das einem jeden und ihm besonders höchst werte Organ dadurch gefährdet
sei. Nun aber nahm er teil an den beruhigenden Purkinjeschen Erfahrungen, er zeichnete die
Phänomene, wie sie ihm gewöhnlich vorschweben. Ich habe das Blatt zu gelegentlicher
Vergleichung der Purkinieschen Tafel beigesellt.]
Seite 37. Nun sei mir erlaubt, die Analogie der dargestellten Phänomene mit anderen
Naturerscheinungen aufzuzeigen. Solange eine Beobachtung im Reiche der Naturkunde isoliert
steht, solange sie nicht in mehrfache Beziehungen zu andern mehr oder weniger wichtigen
Erfahrungen und Anwendungen gekommen ist und durch Einwirken in das übrige System eine
Art Charakter und Rang erworben hat, ist sie immer in Gefahr, längere Zeit ganz
unbeachtet zu bleiben, oder wenn sie sich anfangs durch eine neue Erscheinungsweise
aufgedrungen hat, wieder in Vergessenheit zu geraten. Nur wenn im ununterbrochenen
Entwickelungsgange des Wissens die ihr nächst verwandten Gegenstände mehrfach auf sie
deuten und sie endlich in die ihr gebührende Stelle aufnehmen, erst dann wird sie, in dem
ihr zukommenden Lichte der Wissenschaft stehen, um nie wieder in die Finsternis der
Verborgenheit zurückzukehren.
[Wir sagen dem Verfasser aufrichtigen Dank, daß er diese köstlichen Worte so frei und
treulich ausspricht; ohne Befolgung des Sinnes derselben blüht kein Heil in unserer
Wissenschaft.
Zwei Behandlungsarten dagegen sind zu Hindernis und Verspätung die traurigsten
Werkzeuge: entweder man nähert und verknüpft himmelweit entfernte Dinge in düsterer
Phantasie und witziger Mystik; oder man vereinzelt das Zusammengehörige durch
zersplitternden Unverstand, bemüht sich, nahverwandte Erscheinungen zu sondern, jeder ein
eigen Gesetz unterzulegen, woraus sie zu erklären sein soll.
Fern bleibe von uns dieses falsche Beginnen, halten wir aber um desto mehr zusammen,
weil wir es andern keineswegs untersagen können.]
Seite 38. Die beschriebenen Figuren im Innern des Auges wecken in mir unwiderstehlich
die Erinnerung an die Chladnischen Klangfiguren, und zwar vorzüglich an ihre primäre
Form. Ich unterscheide nämlich bei diesen, ebenso wie ich oben die verschiedenen
Ordnungen der Würfelfelder als primäre, die aus ihrer wechselseitigen Beschränkung
entstehenden Linien als sekundäre Formen unterschied, auch bei den Chladnischen Figuren
primäre und sekundäre Gestaltungen. Die ersteren werden durch die bewegten Stellen des
tönenden Körpers, die andern durch die ruhenden konstituiert. Mit letzteren hat sich
vorzüglich Chladni beschäftigt.
[Wenn wir vorher im Allgemeinen mit dem Verfasser vollkommen übereinstimmten, so
freuen wir uns gar sehr, in besonderer Anwendung gleichfalls mit ihm zusammenzutreffen.
Im dritten Hefte unserer Mitteilungen zur Naturlehre Seite 805 konnten wir, bei
Behandlung der entoptischen Erscheinungen, uns nicht enthalten, sie den Chladnischen
Tonfiguren zu vergleichen. Da wir nun die große Ähnlichkeit beider ausgesprochen, so
geben wir gern zu, daß im Auge ein Analogon vorgehe, und wir drücken uns darüber
folgendermaßen aus: alles, was den Raum füllt, nimmt, insofern es solidesziert, sogleich
eine Gestalt an; diese regelt sich mehr oder weniger und hat gegen die Umgebung gleiche
Bezüge mit andern gleichgestalteten Wesen. Wenn nun die Chladnischen Figuren nach
eingewirkter Bewegung erst schweben, beben, oszillieren und dann sich beruhigen, so zeigt
der entoptische Kubus gleiche Empfindlichkeit gegen die Wirkung des Lichts und die
atmosphärische Gegenwirkung.
Wagen wir noch einen Schritt und sprechen: das entoptische Glas, welches wir ja auch
als Linse darstellen können, vergleicht sich dem Auge; es ist ein feingetrübtes Wesen,
sensibel für direkten und obliquen Widerschein, und zugleich für die zartesten
Übergänge empfindlich. Die Acht- Figur im Auge deutet auf das Ähnliche; sie zeigt ein
organisches Kreuz, welches hervorzubringen Hell und Dunkel abwechseln müssen. Noch
nähere Verhältnisse werden sich entdecken.]
Seite 43. Überall, wo entgegengesetzte, kontinuierlich wirkende Kräfte einander
beschränken, entsteht im Wechselsiege der einen über die andere Periodismus in der Zeit,
Oszillation im Raume; jener als Vorherrschen der einen Kraft über die andere in
verschiedenen Momenten, diese wegen Überwiegen der einen und Zurücktreten der andern an
verschiedenen Orten, so daß auch bei einer scheinbaren äußeren Ruhe dennoch die
innigste Bewegung in und zwischen den Begrenzungspunkten stattfinden kann.
Seite 92. Die Blendungsbilder.
Es ist ein unabweisbarer Glaube des Naturforschers, daß einer jeden Modifikation des
Subjektiven innerhalb der Sinnensphäre jedesmal eine im Objektiven entspreche. Gewiß
sind die Sinne die feinsten und erregbarsten Messer und Reagenten der ihnen gehörigen
Qualitäten und Verhältnisse der Materie [Hört!], und wir müssen innerhalb des
individuellen Kreises des Organismus ebenso die Gesetze der materiellen Welt erforschen
wie der Physiker äußerlich durch mannigfaltigen Apparat.
Könnte das Subjektive alle Materie so innig oder noch inniger durchdringen, wie es die
Nervenmasse durchdrungen hält, so würden wahrscheinlich unzählbare neue, höchst zarte
Modifikationen derselben zur Erscheinung kommen, von denen man es jetzt kaum wagen
möchte, eine Ahnung zu fassen.
Seite 103. Das Blendungsgebild verhält sich gegen das äußere Licht wie ein trübes
Mittel, was aber in gehöriger Finsternis selbst leuchtend ist.
[Hier, wo die Blendungsbilder zur Sprache kommen, ist wohl billig, dessen zu gedenken,
was ich hierüber in meinem Entwurf der Farbenlehre, und zwar in dessen erster Abteilung
durchaus, besonders aber § 23 und so fort von gesunden Augen, § 121 und so weiter aber
von krankhaften umständlich angezeigt habe.]
Seite 145. Einheit beider Gesichtsfelder. Doppelsehen.
[Aus eigner Erfahrung kann ich folgendes anführen und vorschlagen. Man nehme irgendein
Rohr vor das eine Auge und schaue damit, indem man das andere offen behält, gegen einen
Stern, so wird man ihn nur einfach erblicken. Nun ,wende man das Rohr von dem Stern ab, so
wird derselbe dem freien Auge gleichfalls einfach erscheinen. Nun führe man das Rohr
sachte gegen den Stern zu, und es wird derselbe auch am Rande des Gesichtsfeldes abermals
und also doppelt erscheinen. Wenn man diese Operation vorsichtig macht, so kann man das
doppelte Bild ziemlich weit voneinander bringen und in das Gesichtsfeld des Rohres
auffassen, wobei man in dem Wahne steht, man sehe sie beide wirklich durch das Rohr. Es
dauert aber nicht lange, so ziehen sie gegeneinander und decken sich. Schließt man zur
Zeit, wo man den Stern doppelt durchs Rohr zu sehen glaubt, das äußere Auge, so
verschwindet ganz natürlich die Doppelerscheinung, und nur der eine Stern ist sichtbar.
Da ich von Jugend auf meine Augen sehr leicht in den Zustand des Schielens versetzen
kann, so ergötze ich mich manchmal an folgendem Phänomen. Ich stellte eine Kerze vor
mich hin, und die Augen ins Schielen gewendet, sah ich zwei, welche ich, solange mir
beliebte, auseinander halten konnte. Nun aber nahm ich zwei Kerzen und sah daher, sie
anschreiend, vier. Diese konnte ich jedoch nicht auseinander halten, denn die zwei
mittlern bewegten sich gegeneinander und deckten sich gar bald, so daß ich nunmehr drei
sah, deren Beschauung ich nach Belieben verlängern konnte.]
Seite 149. Ich denke mir die Möglichkeit dieser Erscheinung auf folgende Weise. jedes
Auge kann, solange das Bewußtsein ganz in dessen besondere Begrenztheit versunken ist,
als ein eigenes Individuum genommen werden, welches, in Beziehung auf die Außenwelt, sein
Vornen, Oben und Unten, sein Links und Rechts hat. Dasselbe gilt von dem Tastsinne. Alle
diese Begriffe aber sind relativ und gelten nur in Rücksicht des Subjekts und seines
räumlichen Verhältnisses zum Objekte.
[Das räumliche Verhältnis des Subjekts zum Objekte ist durchaus von der größten
Bedeutung. Hierher gehört das Phänomen, daß eine Erbse zwischen kreuzweis gelegten
Fingern einer Hand doppelt empfunden wird, und fällt diese Erscheinung mit dem Schielen
völlig zusammen. Nun hat jeder Finger sein Rechts und Links, sein Hüben und Drüben,
welches zugleich der ganzen Hand angehört. Wenn also der eine Finger die Kugel an der
linken Seite fühlt, der andere aber an der rechten Seite, so ist es keine Täuschung,
sondern es deutet ganz eigentlich konsequente Bildung des Subjekts zum Objekt an, ohne
welche das erstere letzteres keineswegs fassen, noch mit ihm in Verbindung treten könnte.
Eine unnatürliche Richtung gegen die Außenwelt anderer Art ist auch hier, da
besonders vom subjektiven Sehen die Rede ist, zu bemerken. wenn man auf einer Höhe
stehend bei klarem Himmel einen weiten Gesichtskreis übersieht, so blicke man alsdann
niedergebückt durch die Füße oder lehne sich über irgendeine Erderhöhung hinterwärts
und schaue so, in beiden Fällen gleichsam auf dem Kopf stehend, nach der Gegend, so wird
man sie in der allerhöchsten Farbenpracht erblicken, wie nur auf dem schönsten Bilde des
geübtesten, trefflichsten Malers, übrigens nicht etwa umgekehrt, sondern völlig wie
beim aufrechten Stande, nur glaub' ich mich zu erinnern, etwas in die Breite gezogen.]
Seite 166. Das Nachbild. Imagination. Gedächtnis des Gesichtsinnes.
Seite 167. Das Nachbild ist genau von dem Blendungsbilde zu unterscheiden. Das Nachbild
wird nur durch freie Tätigkeit längere Zeit festgehalten und verschwindet, sobald der
Wille nachläßt, kann aber von demselben wieder hervorgerufen werden;, das Blendungsbild
schwebt unwillkürlich dem Sinne vor, verschwindet und erscheint wieder aus objektiven
Gründen.
Seite 168. Besonders lebhaft ist das Nachbild bei erhöhter Seelentätigkeit, das
Blendungsbild hingegen pflegt bei nervöser Stimmung in asthenischern Zustande länger
nachzuhalten und verschwindet desto schneller, je energischer das Organ vorn Leben
durchströmt wird.
Seite 169. Ich glaube, daß man durch Übung, indem man, nach ergreifender Anschauung
des Gegenstandes, das Nachbild immer länger und inniger festhielte, dasselbe wohl der den
Sinn belangenden Realität des Urbildes nahe bringen könnte, welche Übung als Vorbildung
des Gedächtnisses und der Einbildungskraft nicht unwichtig sein dürfte.
Seite 170: Zunächst diesem ließe sich behaupten, daß Gedächtnis und
Einbildungskraft in den Sinnesorganen selbst tätig sind und daß jeder Sinn sein ihm
eigentümlich zukommendes Gedächtnis und Einbildungskraft besitze, die als einzelne
begrenzte Kräfte der allgemeinen Seelenkraft unterworfen sind.
[Von der Produktivität solcher innern, vor die Augen gerufenen Bilder bliebe mir
manches zu erzählen. Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schloß und mit
niedergesenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume dachte, so verharrte sie
nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt, sondern sie legte sich auseinander, und
aus ihrem Innern entfalteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünen
Blättern; es waren keine natürlichen Blumen, sondern phantastische, jedoch regelmäßig
wie die Rosetten der Bildhauer. Es war unmöglich, die hervorquellende Schöpfung zu
fixieren, hingegen dauerte sie so lange, als mir beliebte, ermattete nicht und verstärkte
sich nicht. Dasselbe könnt' ich hervorbringen, wenn ich mir den Zierat einer bunt
gemalten Scheibe dachte, welcher denn ebenfalls aus der Mitte gegen die Peripherie sich
immerfort veränderte, völlig wie die in unsern Tagen erst erfundenen Kaleidoskope. Ich
erinnere mich nicht, inwiefern bei dieser regelmäßigen Bewegung eine Zahl zu bemerken
gewesen, vermutlich aber bezog sie sich auf den Acht-Strahl, denn nicht weniger Blätter
hatten die oben gemeldeten Blumen. Mit andern Gegenständen fiel mir nicht ein, den
Versuch zu machen; warum aber diese bereitwillig von selbst hervortraten, mochte darin
liegen, daß die vieljährige Betrachtung der Pflanzenmetamorphose, sowie nachheriges
Studium der gemalten Scheiben, mich mit diesen Gegenständen ganz durchdrungen hatte; und
hier tritt hervor, was Herr Purkinje so bedeutend anregt. Hier ist die Erscheinung des
Nachbildes, Gedächtnis, produktive Einbildungskraft, Begriff und Idee alles auf einmal im
Spiel und manifestiert sich in der eignen Lebendigkeit des Organs mit vollkommener
Freiheit ohne Vorsatz und Leitung.
Hier darf nun unmittelbar die höhere Betrachtung aller bildenden Kunst eintreten; man
sieht deutlicher ein, was es heißen wolle, daß Dichter und alle eigentliche Künstler
geboren sein müssen. Es muß nämlich ihre innere produktive Kraft jene Nachbildet, die
im Organ, in der Erinnerung, in der Einbildungskraft zurückgebliebenen Idole freiwillig
ohne Vorsatz und Wollen lebendig hervortun, sie müssen sich entfalten, wachsen, sich
ausdehnen und zusammenziehn, um aus flüchtigen Schemen wahrhaft gegenständliche Wesen zu
werden. «Wie besonders die Alten mit diesen Idolen begabt gewesen sein müssen, läßt
sich aus Demokrits Lehre von den Idolen schließen. Er kann nur aus der eigenen lebendigen
Erfahrung seiner Phantasie darauf gekommen sein.» Je größer das Talent, je
entschiedener bildet sich gleich anfangs das zu produzierende Bild. Man sehe Zeichnungen
von Raffael und Michelangelo, wo auf der Stelle ein strenger Umriß das, was dargestellt
werden soll, vorn Grunde loslöst und körperlich einfaßt. Dagegen werden spätere,
obgleich treffliche Künstler auf einer Art von Tasten ertappt; es ist öfters, als wenn
sie erst durch leichte, aber gleichgültige Züge aufs Papier ein Element erschaffen
wollen, woraus nachher Kopf und Haar, Gestalt und Gewand und was sonst noch wie aus dem Ei
das Hühnchen sich bilden solle. Von noch spätern Künstlern finden sich wunderbare
Beispiele. Ich besitze eine verdienstvolle Federzeichnung, wo, bei Anbetung der Hirten,
Mutter und Kind, Joseph und die Schäfer, ja Ochs und Esel, doppelt und dreifach
durcheinander spielen. Doch muß man gestehen, daß ein geistreicher Künstler, mit
Geschmack bei dieser Gelegenheit verfahren und den vorschwebenden Traum so gut als
möglich zu fixieren gesucht. Und so wird sich immer die Entschiedenheit des eingebornen
Talents gegen die Velleität eines Dilettanten beweisen, und man sieht daher, wie höchst
recht jene Kunstlehrer haben, welche das Skizzieren verwerfen und den scharfen Federumriß
einer weichlichen Kreidezeichnung vorziehen. Alles kommt darauf an, das Eigenleben des
Auges und der korrepondierenden Finger zu der entschiedensten verbündeten Wirksamkeit
heranzusteigern.]

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