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DER VERSUCH ALS VERMITTLER VON OBJEKT UND SUBJEKT
Sobald der Mensch die Gegenstände um sich her gewahr wird, betrachtet er sie in bezug
auf sich selbst, und mit Recht. Denn es hängt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie ihm
gefallen oder mißfallen, ob sie ihn anziehen oder abstoßen, ob sie ihm nutzen oder
schaden. Diese ganz natürliche Art, die Sachen anzusehen und zu beurteilen, scheint so
leicht zu sein, als sie notwendig ist, und doch ist der Mensch dabei tausend Irrtümern
ausgesetzt, die ihn oft beschämen und ihm das Leben verbittern.
Ein weit schwereres Tagewerk übernehmen diejenigen, deren lebhafter Trieb nach
Kenntnis die Gegenstände der Natur an sich selbst und in ihren Verhältnissen
untereinander zu beobachten strebt: denn sie vermissen bald den Maßstab, der ihnen zu
Hülfe kam, wenn sie als Menschen die Dinge in bezug auf sich betrachteten. Es fehlt ihnen
der Maßstab des Gefallens und Mißfallens, des Anziehens und Abstoßens, des Nutzens und
Schadens; diesem sollen sie ganz entsagen, sie sollen als gleichgültige und gleichsam
göttliche Wesen suchen und untersuchen, was ist, und nicht, was behagt. So soll den
echten Botaniker weder die Schönheit noch die Nutzbarkeit der Pflanzen rühren, er soll
ihre Bildung, ihr Verhältnis zu dem übrigen Pflanzenreiche untersuchen; und wie sie alle
von der Sonne hervorgelockt und beschienen werden, so soll er mit einem gleichen ruhigen
Blicke sie alle ansehen und übersehen und den Maßstab zu dieser Erkenntnis die Data der
Beurteilung nicht aus sich, sondern aus dem Kreise der Dinge nehmen, die er beobachtet.
Sobald wir einen Gegenstand in Beziehung auf sich selbst und in Verhältnis mit andern
betrachten und denselben nicht unmittelbar entweder begehren oder verabscheuen, so werden
wir mit einer ruhigen Aufmerksamkeit uns bald von ihm, seinen Teilen, seinen
Verhältnissen einen ziemlich deutlichen Begriff machen können. je weiter wir diese
Betrachtungen fortsetzen, je mehr wir Gegenstände untereinander verknüpfen, desto mehr
üben wir die Beobachtungsgabe, die in uns ist. Wissen wir in Handlungen diese
Erkenntnisse auf uns zu beziehen, so verdienen wir klug genannt zu werden. Für einen
jeden wohl organisierten Menschen, der entweder von Natur mäßig ist oder durch die
Umstände mäßig eingeschränkt wird, ist die Klugheit keine schwere Sache: denn das
Leben weist uns bei Jedem Schritte zurecht. Allein wenn der Beobachter eben diese scharfe
Urteilskraft zur Prüfung geheimer Naturverhältnisse anwenden, wenn er in einer Welt, in
der er gleichsam allein ist, auf seine eigenen Tritte und Schritte acht geben, sich vor
jeder Übereilung hüten, seinen Zweck stets in Augen haben soll, ohne doch selbst auf dem
Wege irgendeinen nützlichen oder schädlichen Umstand unbemerkt vorbei zu lassen; wenn er
auch da, wo er von niemand so leicht kontrolliert werden kann, sein eigner strengster
Beobachter sein und bei seinen eifrigsten Bemühungen immer gegen sich selbst mißtrauisch
sein soll: so sieht wohl jeder, wie streng diese Forderungen sind und wie wenig man hoffen
kann, sie ganz erfüllt zu sehen, man mag sie nun an andere oder an sich machen. Doch
müssen uns diese Schwierigkeiten, ja man darf wohl sagen diese hypothetische
Unmöglichkeit, nicht abhalten, das möglichste zu tun, und wir werden wenigstens am
weitsten kommen, wenn wir uns die Mittel im allgemeinen zu vergegenwärtigen suchen,
wodurch vorzügliche Menschen die Wissenschaften zu erweitern gewußt haben; wenn wir die
Abwege genau bezeichnen, auf welchen sie sich verirrt und auf welchen ihnen manchmal
Jahrhunderte eine große Anzahl von Schülern folgten, bis spätere Erfahrungen erst
wieder den Beobachter auf den rechten Weg einleiteten.
Daß die Erfahrung, wie in allem, was der Mensch nimmt, so auch in der Naturlehre, von
der ich gegenwärtig vorzüglich spreche, den größten Einfluß habe und haben solle,
wird niemand leugnen, so wenig als man den Seelenkräften, in welchen diese Erfahrungen
aufgefaßt, zusammengenommen, geordnet und ausgebildet werden, ihre hohe und gleichsam
schöpferisch unabhängige Kraft absprechen wird. Allein wie diese Erfahrungen zu machen
und wie sie zu nutzen, wie unsere Kräfte auszubilden und zu brauchen, das kann weder so
allgemein bekannt noch anerkannt sein.
Sobald Menschen von scharfen frischen Sinnen auf Gegenstände aufmerksam gemacht
werden, findet man sie zu Beobachtungen so geneigt als geschickt. Ich habe dieses oft
bemerken können, seitdem ich die Lehre des Lichts und der Farben mit Eifer behandle und,
wie es zu geschehen pflegt, mich auch mit Personen, denen solche Betrachtungen sonst fremd
sind, von dem, was mich soeben sehr interessiert, unterhalte. Sobald ihre Aufmerksamkeit
nur rege war, bemerkten sie Phänomene, die ich teils nicht gekannt, teils übersehen
hatte, und berichtigten dadurch gar oft eine voreilig gefasste Idee, ja gaben mir Anlass,
schnellere Schritte zu tun und aus der Einschränkung herauszutreten, in welcher uns eine
mühsame Untersuchung oft gefangen hält.
Es gilt also auch hier, was bei so vielen andern menschlichen Unternehmungen gilt, dass
nur das Interesse mehrerer auf einen Punkt gerichtet etwas Vorzügliches hervorzubringen
imstande sei. Hier wird es offenbar, dass der Neid, welcher andere so gern von der Ehre
einer Entdeckung ausschließen möchte, dass die unmäßige Begierde, etwas Entdecktes nur
nach seiner Art zu behandeln und auszuarbeiten, dem Forscher selbst das größte Hindernis
sei.
ich habe mich bisher bei der Methode, mit mehreren zu arbeiten, zu wohl befunden, als
daß ich nicht solche fortsetzen sollte. Ich weiß genau, wem ich dieses und jenes auf
meinem Wege schuldig geworden, und es soll mir eine Freude sein, es künftig öffentlich
bekannt zu machen.
Sind uns nun bloß natürliche, aufmerksame Menschen so viel zu nützen imstande, wie
allgemeiner muß der Nutzen sein, wenn unterrichtete Menschen einander in die Hände
arbeiten! Schon ist eine Wissenschaft an und für sich selbst eine so große Masse, daß
sie viele Menschen trägt, wenn sie gleich kein Mensch tragen kann. Es läßt sich
bemerken, daß die Kenntnisse, gleichsam wie ein eingeschlossenes aber lebendiges Wasser,
sich nach und nach zu einem gewissen Niveau erheben, daß die schönsten Entdeckungen
nicht sowohl durch Menschen als durch die Zeit gemacht worden; wie denn eben sehr wichtige
Dinge zu gleicher Zeit von zweien oder wohl gar mehreren geübten Denkern gemacht worden.
Wenn also wir in jenem ersten Fall der Gesellschaft und den Freunden so vieles schuldig
sind, so werden wir in diesem der Welt und dem Jahrhundert noch mehr schuldig, und wir
können in beiden Fällen nicht genug anerkennen, wie nötig Mitteilung, Beihülfe,
Erinnerung und Widerspruch sei, um uns auf dem rechten Wege zu erhalten und vorwärts zu
bringen.
Man hat daher in wissenschaftlichen Dingen gerade das Gegenteil von dem zu tun, was der
Künstler rätlich findet: denn er tut wohl, sein Kunstwerk nicht öffentlich sehen zu
lassen, bis es vollendet ist, weil ihm nicht leicht jemand raten noch Beistand leisten
kann; ist es hingegen vollendet, so hat er alsdann den Tadel oder das Lob zu überlegen
und zu beherzigen, solches mit seiner Erfahrung zu vereinigen und sich dadurch zu einem
neuem Werke auszubilden und vorzubereiten. In wissenschaftlichen Dingen hingegen ist es
schon nützlich, jede einzelne Erfahrung, ja Vermutung öffentlich mitzuteilen; und es ist
höchst rätlich, ein wissenschaftliches Gebäude nicht eher aufzuführen, bis der Plan
dazu und die Materialien allgemein bekannt, beurteilt ausgewählt sind.
Wenn wir die Erfahrungen, welche vor uns gemacht worden, die wir selbst oder andere zu
gleicher Zeit mit uns machen, vorsätzlich wiederholen und die Phänomene, die teils
zufällig, teils künstlich entstanden sind, wieder darstellen, so nennen wir dieses einen
Versuch.
Der Wert eines Versuchs besteht vorzüglich darin, daß er, er sei nun einfach oder
zusammengesetzt, unter gewissen Bedingungen mit einem bekannten Apparat und mit
erforderlicher Geschicklichkeit jederzeit wieder hervorgebracht werden könne, so oft sich
die bedingten Umstände vereinigen lassen. Wir bewundern mit Recht den menschlichen
Verstand, wenn wir auch nur obenhin die Kombinationen ansehen, die er zu diesem Endzwecke
gemacht hat, und die Maschinen betrachten, die dazu erfunden worden sind und man darf wohl
sagen täglich erfunden werden.
So schätzbar aber auch ein jeder Versuch einzeln betrachtet sein mag, so erhält er
doch nur seinen Wert durch Vereinigung und Verbindung mit andern. Aber eben zwei Versuche,
die miteinander einige Ähnlichkeit haben, zu vereinigen und zu verbinden, gehört mehr
Strenge und Aufmerksamkeit, als selbst scharfe Beobachter oft von sich gefordert haben. Es
können zwei Phänomene miteinander verwandt sein, aber doch noch lange nicht so nah, als
wir glauben. Zwei Versuche können scheinen auseinander zu folgen, wenn zwischen ihnen
noch eine große Reihe stehen müßte, um sie in eine recht natürliche Verbindung zu
bringen.
Man kann sich daher nicht genug in acht nehmen, aus Versuchen nicht zu geschwind zu
folgern: denn beim Übergang von der Erfahrung zum Urteil, von der Erkenntnis zur
Anwendung ist es, wo dem Menschen gleichsam wie an einem Passe alle seine inneren Feinde
auflauern, Einbildungskraft, Ungeduld, Vorschnelligkeit, Selbstzufriedenheit, Steifheit,
Gedankenform, vorgefaßte Meinung, Bequemlichkeit, Leichtsinn, Veränderlichkeit und wie
die ganze Schar mit ihrem Gefolge heißen mag, alle liegen hier im Hinterhalte und
überwältigen unversehens sowohl den handelnden Weltmann als auch den stillen, vor allen
Leidenschaften gesichert scheinenden Beobachter.
Ich möchte zur Warnung dieser Gefahr, welche größer und näher ist, als man denkt,
hier eine Art von Paradoxon aufstellen, um eine lebhaftere Aufmerksamkeit zu erregen. Ich
wage nämlich zu behaupten: daß ein Versuch, ja mehrere Versuche in Verbindung nichts
beweisen, ja daß nichts gefährlicher sei, als irgendeinen Satz unmittelbar durch
Versuche bestätigen zu wollen, und daß die größten Irrtümer eben dadurch entstanden
sind, daß man die Gefahr und die Unzulänglichkeit dieser Methode nicht eingesehen. Ich
muß mich deutlicher erklären, um nicht in den Verdacht zu geraten, als wollte ich nur
etwas Sonderbares sagen.
Eine jede Erfahrung, die wir machen, ein jeder Versuch, durch den wir sie wiederholen,
ist eigentlich ein isolierter Teil unserer Erkenntnis; durch öftere Wiederholung bringen
wir diese isolierte Kenntnis zur Gewißheit. Es können uns zwei Erfahrungen in demselben
Fache bekannt werden, sie können nahe verwandt sein, aber noch näher verwandt scheinen,
und gewöhnlich sind wir geneigt, sie für näher verwandt zu halten, als sie sind. Es ist
dieses der Natur des Menschen gemäß, die Geschichte des menschlichen Verstandes zeigt
uns tausend Beispiele, und ich habe an mir selbst bemerkt, daß ich diesen Fehler oft
begehe.
Es ist dieser Fehler mit einem andern nahe verwandt, aus dem er auch meistenteils
entspringt. Der Mensch erfreut sich nämlich mehr an der Vorstellung als an der Sache,
oder wir müssen vielmehr sagen: der Mensch erfreut sich nur einer Sache, insofern er sich
dieselbe vorstellt; sie muß in seine Sinnesart passen, und er mag seine Vorstellungsart
noch so hoch über die gemeine heben, noch so sehr reinigen, so bleibt sie doch
gewöhnlich nur ein Versuch, viele Gegenstände in ein gewisses faßliches Verhältnis zu
bringen, das sie, streng genommen, untereinander nicht haben; daher die Neigung zu
Hypothesen, zu Theorien, Terminologien und Systemen, die wir nicht mißbilligen können,
weil sie aus der Organisation unsers Wesens notwendig entspringen.
Wenn von einer Seite eine jede Erfahrung, ein jeder Versuch ihrer Natur nach als
isoliert anzusehen sind und von der andern Seite die Kraft des menschlichen Geistes alles,
was außer ihr ist und was ihr bekannt wird, mit einer ungeheuren Gewalt zu verbinden
strebt: so sieht man die Gefahr leicht ein, welche man läuft, wenn man mit einer
gefaßten Idee eine einzelne Erfahrung verbinden oder irgendein Verhältnis, das nicht
ganz sinnlich ist, das aber die bildende Kraft des Geistes schon ausgesprochen hat, durch
einzelne Versuche beweisen will.
Es entstehen durch eine solche Bemühung meistenteils Theorien und Systeme, die dem
Scharfsinn der Verfasser Ehre machen, die aber, wenn sie mehr als billig ist Beifall
finden, wenn sie sich länger als recht ist erhalten, dem Fortschritte des menschlichen
Geistes, den sie in gewissem Sinne befördern, sogleich wieder hemmend und schädlich
werden.
Man wird bemerken können, daß ein guter Kopf nur desto mehr Kunst anwendet, je
weniger Data vor ihm liegen; dass er, gleichsam seine Herrschaft zu zeigen, selbst aus den
vorliegenden Datis nur wenige Günstlinge herauswählt, die ihm schmeicheln; dass er die
übrigen so zu ordnen versteht, wie sie ihm nicht geradezu widersprechen, und dass er die
feindseligen zuletzt so zu verwickeln, zu umspinnen und beiseite zu bringen weiß, dass
wirklich nunmehr das Ganze nicht mehr einer freiwirkenden Republik, sondern einem
despotischen Hofe ähnlich wird.
Einem Manne, der so viel Verdienst hat, kann es an Verehrern und Schülern nicht
fehlen, die ein solches Gewebe historisch kennen lernen und bewundern und, insofern es
möglich ist, sich die Vorstellungsart ihres Meisters eigen machen. Oft gewinnt eine
solche Lehre dergestalt die Überhand, daß man für frech und verwegen gehalten würde,
wenn man an ihr zu zweifeln sich erkühnte. Nur spätere Jahrhunderte würden sich an ein
solches Heiligtum wagen, den Gegenstand einer Betrachtung dem gemeinen Menschensinne
wieder vindizieren, die Sache etwas leichter nehmen und von dem Stifter einer Sekte das
wiederholen, was ein witziger Kopf von einem großen Naturlehrer sagt. er wäre ein
großer Mann gewesen, wenn er weniger erfunden hätte.
Es möchte aber nicht genug sein, die Gefahr anzuzeigen und vor derselben zu warnen. Es
ist billig, daß man wenigstens seine Meinung eröffne und zu erkennen gebe, wie man
selbst einen solchen Abweg zu vermeiden glaubt, oder ob man gefunden, wie ihn ein anderer
vor uns vermieden habe.
Ich habe vorhin gesagt, daß ich die unmittelbare Anwendung eines Versuchs zum Beweis
irgendeiner Hypothese für schädlich halte, und habe dadurch zu erkennen gegeben, daß
ich eine mittelbare Anwendung derselben für nützlich ansehe, und da auf diesen Punkt
alles ankommt, so ist es nötig, sich deutlich zu erklären.
In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen
stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als
isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien, es
ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheiten?
Wir haben oben gesehen, daß diejenigen am ersten dem Irrtume unterworfen waren, welche
ein isoliertes Faktum mit ihrer Denk- und Urteilskraft unmittelbar zu verbinden suchten.
Dagegen werden wir finden, daß diejenigen am meisten geleistet haben, welche nicht
ablassen, alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung, eines einzigen
Versuches, nach aller Möglichkeit durchzuforschen und durchzuarbeiten.
Da alles in der Natur, besonders aber die allgemeinern Kräfte und Elemente, in einer
ewigen Wirkung und Gegenwirkung sind, so kann man von einem jeden Phänomene sagen, daß
es mit unzähligen andem in Verbindung stehe, wie wir von einem freischwebenden
leuchtenden Punkte sagen, daß er seine Strahlen nach allen Seiten aussende. Haben wir
also einen solchen Versuch gefaßt, eine solche Erfahrung gemacht, so können wir nicht
sorgfältig genug untersuchen, was unmittelbar an ihn grenzt? was zunächst auf ihn folgt?
Dieses ist's, worauf wir mehr zu sehen haben, als auf das, was sich auf ihn bezieht. Die
Vermannigfaltigung eines jeden einzelnen Versuches ist also die eigentliche Pflicht eines
Naturforschers. Er hat gerade die umgekehrte Pflicht eines Schriftstellers, der
unterhalten will. Dieser wird Langeweile erregen, wenn er nichts zu denken übrig läßt,
jener muß rastlos arbeiten, als wenn er seinen Nachfolgern nichts zu tun übrig lassen
wollte, wenn ihn gleich die Disproportion unseres Verstandes zu der Natur der Dinge zeitig
genug erinnert, daß kein Mensch Fähigkeiten genug habe, in irgendeiner Sache
abzuschließen.
Ich habe in den zwei ersten Stücken meiner optischen Beiträge eine solche Reihe von
Versuchen aufzustellen gesucht, die zunächst aneinander grenzen und sich unmittelbar
berühren, ja, wenn man sie alle genau kennt und übersieht, gleichsam nur einen Versuch
ausmachen, nur eine Erfahrung unter den mannigfaltigsten Ansichten darstellen.
Eine solche Erfahrung, die aus mehreren andern besteht, ist offenbar von einer höhern
Art. Sie stellt die Formel vor, unter welcher unzählige einzelne Rechnungsexempel
ausgedrückt werden. Auf solche Erfahrungen der höhern Art loszuarbeiten, halt ich für
höchste Pflicht des Naturforschers, und dahin weist uns das Exempel der vorzüglichsten
Männer, die in diesem Fache gearbeitet haben.
Diese Bedächtlichkeit, nur das Nächste ans Nächste zu reihen oder vielmehr das
Nächste aus dem Nächsten zu folgern, haben wir von den Mathematikern zu lernen, und
selbst da, wo wir uns keiner Rechnung bedienen, müssen wir immer so zu Werke gehen, als
wenn wir dem strengsten Geometer Rechenschaft zu geben schuldig wären.
Denn eigentlich ist es die mathematische Methode, welche wegen ihrer Bedächtlichkeit
und Reinheit gleich jeden Sprung in der Assertion offenbart, und ihre Beweise sind
eigentlich nur umständliche Ausführungen, daß dasjenige, was in Verbindung vorgebracht
wird, schon in seinen einfachen Teilen und in seiner ganzen Folge da gewesen, in seinem
ganzen Umfange übersehen und unter allen Bedingungen richtig und unumstößlich erfunden
worden. Und so sind ihre Demonstrationen immer mehr Darlegungen, Rekapitulationen, als
Argumente. Da ich diesen Unterschied hier mache, so sei es mir erlaubt, einen Rückblick
zu tun.
Man sieht den großen Unterschied zwischen einer mathematischen Demonstration, welche
die ersten Elemente durch so viele Verbindungen durchführt, und zwischen dem Beweise, den
ein kluger Redner aus Argumenten führen könnte. Argumente können ganz isolierte
Verhältnisse enthalten und dennoch durch Witz und Einbildungskraft auf einen Punkt
zusammengeführt und der Schein eines Rechts oder Unrechts, eines Wahren oder Falschen
überraschend genug hervorgebracht werden. Ebenso kann man, zugunsten einer Hypothese oder
Theorie, die einzelnen Versuche gleich Argumenten zusammen stellen und einen Beweis
führen, der mehr oder weniger blendet.
Wem es dagegen zu tun ist, mit sich selbst und andern redlich zu Werke zu gehen, der
wird auf das sorgfältigste die einzelnen Versuche durcharbeiten und so die Erfahrungen
der höheren Art auszubilden suchen. Diese lassen sich durch kurze und faßliche Sätze
aussprechen, nebeneinander stellen, und wie sie nach und nach ausgebildet worden, können
sie geordnet und in ein solches Verhältnis gebracht werden, daß sie so gut als
mathematische Sätze entweder einzeln oder zusammengenommen unerschütterlich stehen.
Die Elemente dieser Erfahrungen der höheren Art, welches viele einzelne Versuche sind,
können alsdann von jedem untersucht und geprüft werden, und es ist nicht schwer zu
beurteilen, ob die vielen einzelnen Teile durch einen allgemeinen Satz ausgesprochen
werden können; denn hier findet keine Willkür statt.
Bei der andern Methode aber, wo wir irgend etwas, das wir behaupten, durch isolierte
Versuche gleichsam als durch Argumente beweisen wollen, wird das Urteil öfters nur
erschlichen, wenn es nicht gar in Zweifel stehen bleibt. Hat man aber eine Reihe
Erfahrungen der höheren Art zusammengebracht, so übe sich alsdann der Verstand, die
Einbildungskraft, der Witz an denselben wie sie nur mögen, es wird nicht schädlich, ja
es wird nützlich sein. jene erste Arbeit kann nicht sorgfältig, emsig, streng, ja
pedantisch genug vorgenommen werden; denn sie wird für Welt und Nachwelt unternommen.
Aber diese Materialien müssen in Reihen geordnet und niedergelegt sein, nicht auf eine
hypothetische Weise zusammengestellt, nicht zu einer systematischen Form verwendet. Es
steht alsdann einem jeden frei, sie nach seiner Art zu verbinden und ein Ganzes daraus zu
bilden, das der menschlichen Vorstellungsart überhaupt mehr oder weniger bequem und
angenehm sei. Auf diese Weise wird unterschieden, was zu unterscheiden ist, und man kann
die Sammlung von Erfahrungen viel schneller und reiner vermehren, als wenn man die
späteren Versuche wie Steine, die nach einem geendigten Bau herbeigeschafft werden,
unbenutzt beiseite legen muß.
Die Meinung der vorzüglichsten Männer und ihr Beispiel läßt mich hoffen, daß ich
auf dem rechten Wege sei, und ich wünsche, daß mit dieser Erklärung meine Freunde
zufrieden sein mögen, die mich manchmal fragen. was denn eigentlich bei meinen optischen
Bemühungen meine Absicht sei? Meine Absicht ist. alle Erfahrungen in diesem Fache zu
sammeln, alle Versuche selbst anzustellen und sie durch ihre größte Mannigfaltigkeit
durchzuführen, wodurch sie denn auch leicht nachzumachen und nicht aus dem Gesichtskreise
so vieler Menschen hinausgerückt sind. Sodann die Sätze, in welchen sich die Erfahrungen
von der höheren Gattung aussprechen lassen, aufzustellen und abzuwarten, inwiefern sich
auch diese unter ein höheres Prinzip rangieren. Sollte indes die Einbildungskraft und der
Witz ungeduldig manchmal vorauseilen, so gibt die Verfahrungsart selbst die Richtung des
Punktes an, wohin sie wieder zurückzukehren haben.

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